Pirschelbär? Nein, Pierre-Gilbert!

Blog | 20. Jänner 2012 07:00
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    Foto: apa/herbert pfarrhofer

    "Chantal-Mütter" oder "Jakob-Mütter"?! Blogs wie Chantalismus verschärfen soziale Vorurteile.

Der Kevinismus hat ausgedient: Der neue Sport der SpießbürgerInnen heißt "Chantalismus"

Beim Herumklicken, was die anderen feministischen Mamas wie zum Beispiel Franziskript in ihrer Pausenzeit so treiben, bin ich auf den neuen Blog Chantalismus gestoßen. Die BetreiberInnen schließen damit wohl an eine Debatte an, die vor nicht allzu langer Zeit unter dem Stichwort "Kevinismus" durch deutschsprachige Medien geisterte. Dass dieser immer noch lebt, dokumentieren die zahlreichen Schnappschüsse von Kinderaufklebern an deutschen Heckscheiben sowie Geburtsannoncen, die überzeugte Anti-Chantals auf der Seite posten.

Beim Durchklicken der zahlreichen Einsendungen, die seit Beginn dieses Jahres den Blog erreicht haben, kann tatsächlich der Eindruck entstehen, dass im deutschsprachigen Raum englisch, französisch oder italienisch angelehnte Namen bald dominieren werden: Vornamen wie Ashley, Antonella, Angelina oder auch Madline, Maili und Schakira sind für deutschsprachige Eltern keine Seltenheit mehr.

Auch die Doppelnamen erfreuen sich offenbar größter Beliebtheit: Amy-Jean Shahira, Connor-Enrique, Jermaine-Joel oder auch Pierre-Gilbert, das selbst das so benannte Kind nur als "Pirschelbär" aussprechen konnte.

Letzteres finde ich auch lustig, weil es ein süßer Versprecher ist. Was an dem Blog aber überhaupt nicht lustig ist, ist der klassistische, abwertende Ton, in dem die vielen belustigten bis empörten Anti-Chantals ihre Namensbeobachtungen kundtun. So weist etwa der Schnappschuss einer Heckscheibe, auf der zu lesen ist: "Die Vornamen eurer dicken Kinder interessieren niemanden", besonders viele Favoriten-Markierungen auf.

Im Sinne der Fairness würde ich es außerdem begrüßen, wenn diejenigen, die sich über die an Pop- und Medienstars angelehnte Namenswahl lustig machen und mit ihnen alle möglichen sozialen Vorurteile verbinden, im Gegenzug ihre wohlüberlegte Namenswahl und ihren BMI-Wert offenbaren würden.

Leider sind die Anti-Chantals wohl nicht für so viel Selbstironie zu haben. Und leider wird es in absehbarer Zeit wohl auch keine vergleichbaren Blogs geben, die sich über die ach so seriösen Namen der (Achtung: Vorurteil!) BildungsbürgerInnen dieser Welt lustig machen.

Das Bedürfnis oder vielleicht sogar die Notwendigkeit, sich von anderen Eltern sozial und kulturell abzugrenzen, ist bei den vielseits gebashten Chantal-Eltern offenbar nicht so ausgeprägt, wie bei ihren GegnerInnen. (dieMama, dieStandard.at, 20.1.2012)

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derPolizist
12.02.2012 21:42
Ganz frisch...

"Lennard Sky kam am ... zur Welt. Bruder Henry Ocean und Gabriele und Oliver Povsek freuen sich sehr."

(Die Namen standen so in der Zeitung, ich gebe hier also nichts geheimes Preis)

Knieriem
23.01.2012 09:42

Ganz lieb dieses Mitleid mit den Tschantalles, Tschakwelines, Kevins, etc.
Jedenfalls ist es halt einfach so, daß der Name des Kindes viel über seine soziale Herkunft aussagt. Auch bei einer Anna, einem Elias liegt man meist nicht falsch - LehrerIn?, GrünwählerIn?
Vielleicht sollten sich Eltern wieder mehr Gedanken darüber machen, was der Name ihres Kindes bedeutet?

4simo
 
23.01.2012 16:32

pech ist nur, dass man irgendeinen namen wählen muss, weil in irgendeiner gruppe/sozialen schicht ist man dann automatisch, und wenn nicht, dann ist man in der randgruppe.
und das nur wegen einem aus not gewählten namen.

Neuer Nick neues Glück
22.01.2012 17:43

Schöner Artikel zum Thema:
http://www.gfds.de/index.php?id=74

Es schlägt 13!
22.01.2012 17:17
Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose

Das ist berühmte Zitat eines Lehrers der im Zuge einer Studie zu solchen Namen "Phänomenen" befragt wurde.

Es zeigt:
kinder mit solchen namen werden oft benachteiligt im schulischen Bereich etc.
Und die Eltern solcher Kinder kommen meistens aus sozialen und intellektuellen Unterschichten und wollen damit etwas kompensieren.

Ich würde mein Kind nie im Leben so nennen, denn ich persönlich finde es 1) furchtbar wie das klingt, b) kann sich das kind schon mal drauf einstellen in der schule mit so einem namen aufgezogen zu werden.

Ich halte nicht viel davon

anders and
 
22.01.2012 20:24

Ich kenne nur das Zitat "Lehrer ist kein Beruf, sondern eine Diagnose." - passt auch schön für Ihre Erzählung.

LinksSchreiber
22.01.2012 11:19
Sehr witzig, dieses Artikelchen. Doch: Wer ist Chantal? Chantal mouffe?

Das wäre 1.) keine Feministin, sondern ein kritisch denkfähiges und radikal-politisch ausgerichtetes Subjekt, 2.), wenn 1.) korrekt, gibt es tatsächlich schlimmere Referenzen im Sinne des nominalistischen Assoziationismus.

Es ist eindeutig besser, wenn die Mütter eines weiblichen Kindes dieser Philosophin eingedacht sind, als wenn sie gender-gemainstreamten Karriere-Fetischistinnen (KokottInnen der monetaristischen Gewalt, HurInnen der globalisierten Ökonmie der individuellen Gier und des Privat-Profits) verkörpern.

LinksSchreiber
23.01.2012 00:55
Ich habe nicht verstanden, dass es tatsächlich nur um die Namen (den Klang) selbst geht. Das ist doch banal.

Neuer Nick neues Glück
22.01.2012 17:10

WTF?

Spucks
21.01.2012 20:37

Es geht ja nicht darum wie schön (oder auch nicht) die Namen sind, sondern darum, dass gewisse Namen in Ö (besonders in Wien und Umgebung) nur von bestimmten Leuten vergeben werden, und dass die Kinder somit mit dem Namen einen Stempel aufgedrückt bekommen - nicht weil Kevin oder Justin häßliche Namen sind, sondern weil eben klar ist, dass sie aus einem ungebildeten Elternhaus kommen und dementsprechend aufwachsen.

Nevim
21.01.2012 23:58

Aber wenn all diese Leute morgen anfangen, ihre Kinder Alexander und Marie zu nennen, dann sind das halt in ein paar Jahren die Namen, die mit diesem Stempel verbunden werden.

Freigeistin1
27.01.2012 11:54

Naja, aber diese "gewissen Schichten" würden ihre Kinder eben niemals mit normalen, traditionellen (in ihren Augen langweiligen, unauffälligen) Namen wie Alexander, Florian, Jakob, Maria, Anna, ... geben ...
Es lässt sich daher sehr wohl sagen, dass Prolos eben Prolonamen vergeben - ganz einfach.

baroli
27.01.2012 13:04

Und Nazis Nazinamen, wie die Rosenkranzingers.

Eris
 
22.01.2012 15:17
Nein.

Vor 100 Jahren hießen in Österreich alle gleich, vom Kaiser bis zum Lohndiener, von der Erzherzogin bis zum Dienstmädel: Karl, Josef, Franz, Marie, Theresia, Anna. Schichtenspezifische Namen gibt es noch nicht so lang. Die Kinder der Adeligen heißen heute noch Karl, Josef, Franz, Marie, Theresia und Anna, nur die Unterschicht hat diese Melrose-Place-Neurose.

Nevim
23.01.2012 19:08

Das ist ein interessanter Punkt. Darüber muss ich noch nachdenken.

Ich meine aber mich zu erinnern, dass zumindest im englischsprachigen Raum einigen Namen bereits die soziale Leiter hinunter gewandert sind. (Ashley zum Beispiel)

anders and
 
22.01.2012 20:41

Paul Georg Habsburg-Lothringens Kinder:
Sophia, Ildikó und Karl-Konstantin

Karl Habsburgs Kinder:
Eleonore, Ferdinand Zvonimir, Gloria

Walburga Habsburg Douglas Sohn:
Mauritz Otto Wenzel

Gabriela von Habsburgs Kinder:
Severin, Lioba, Alena

Ich kann Ihre These über die Adelsnamen auch auf Grund anderer Beispiele nicht bestätigen. Natürlich gibt es auch beim Adel tradtionelle Namen - aber die gibt es in jeder Schicht.

Ohne Gurt im Ionensturm
25.01.2012 17:27

Alles klassische Namen aus den ehemaligen Kronländern.

anders and
 
25.01.2012 20:22

Lioba? Mauritz? Eleonore?
Ihr Ernst?

Knieriem
23.01.2012 09:45

Wenn Sie diese Namen nicht als adelstauglich erkennen können, dann sollten Sie nachlesen.

anders and
 
23.01.2012 12:58

"so hießen früher die Dienstmädchen und Lohndiener" trifft wohl nicht auf alle angeführten Namen zu, oder?

Tethys
23.01.2012 15:31

In Zeiten der Monarchie gab es keinen Unterschied bei den Vornamen (generell war die Auswahl der Vornamen sehr beschränkt, wandern Sie mal über den Zentralfriedhof und zählen Sie die verschiedenen Vornamen):

Kaisers hießen Franz, Karl, Rudolph, Elisabeth, ...

Volk hießt Franz, Karl, Rudolph, Elisabeth,...

anders and
 
27.01.2012 13:00

Der Unterschied lag in der Zahl der Vornamen - ein "Rudolf" hat nicht gereicht, es musste ein "Rudolf Franz Karl Joseph" sein. Damit unterschied sich der Adel vom Pöbel.

Eine zeit- regions- und schichtspezifische Namensauswahl hat es immer gegeben, wobei die Bürger den Hof nachahmten.

Karoline und Amalie sind im Laufe des 19. Jahrhunderts als Adelsnamen ausgestorben,
Josephine und Hermine kamen für Adelige nicht in Frage.

Aus großer Entfernung schaut manches halt einförmiger und undifferenzierter aus als es tatsächlich ist.

Spucks
22.01.2012 12:14

Wenn NUR diese Leute sie so nennen würden, dann ja. Ist ja aber nicht so, denn diese Namen sind seit Jahrzehnten in so ziemlich allen Schichten vorhanden, während die "typischen Proletennamen" ja erst von einer gewissen Schicht importiert wurden.

Lilith Boessse
 
22.01.2012 12:10
sie sagen es!

danke!!

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