Neue Studie

Liberale Gesetze bedeuten weniger Abtreibungen

19. Jänner 2012, 17:36
  • Artikelbild
    foto: ap/matilde campodonico

    Richard Horton: "Verdammung und Kriminalisierung von Abtreibung sind grausame und falsche Strategien."

Restriktive Abtreibungsgesetze senken nicht die Rate von Schwangerschaftsabbrüchen und forcieren unsichere Abtreibungen, sagt eine WHO-Studie

Die Abtreibungsrate sinkt weiter, doch in weitaus geringerem Maße als in den 90ern. Steigend sind hingegen die für Frauen so gefährlichen heimlichen und nicht professionell durchgeführten Abbrüche. Eine neue Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Guttmacher-Instituts über die globale Entwicklung von Abtreibungen wurde am 19. Jänner im Medizinjournal "The Lancet" veröffentlicht und bestätigt, was ExpertInnen seit Jahren monieren: Abtreibungsverbote verhindern Abtreibungen nicht. Stattdessen erhöhen sie die Gefahr von unsicheren Abbrüchen. Ein weiteres wichtiges Ergebnis ist, dass zwar zwischen 1995 und 2003 die Abbruchsrate gesenkt werden konnte, seit 2003 die Zahlen jedoch relativ konstant geblieben sind.

Daten über Häufigkeit und Trends bei Abtreibungen könnten die Frauengesundheit und den Zugang zur Familienplanung verbessern, heißt es in der Erklärung zum Hintergrund der Studie. Bisher lagen nur Zahlen über unsichere und sichere Abbrüche weltweit für den Zeitraum zwischen 1995 und 2003 vor. Um noch mehr Daten über den Zusammenhang zwischen einem legalen Status von Schwangerschaftsabbrüchen und der Abbruchsrate zu bekommen, wurden nun auch Zahlen bis 2008 erhoben.

Was bedeutet "unsicher"?

Unsichere Abtreibungen sind eine der Hauptursachen der Müttersterblichkeit. Unsicher ist eine Abtreibung dann, wenn sie außerhalb von Krankenhäusern und ohne Hilfe von qualifiziertem medizinischem Personal durchgeführt wurde, so die Standarddefinition der WHO, auf die sich auch die StudienautorInnen bezogen. Unter solchen Umständen sind Frauen einer erhöhten Gefahr von Infektionen und lebensbedrohlichen Blutungen ausgesetzt.

In Entwicklungsländern, insbesondere in solchen mit restriktiven Abtreibungsgesetzen, werden von der Studie ungleich mehr Abtreibungen als unsicher klassifiziert. In Afrika sind es 97 Prozent, in Lateinamerika 95 Prozent, in Asien 40 Prozent. In Europa werden hingegen nur neun Prozent der Abbrüche als unsicher eingestuft. "Wir sehen aber auch eine wachsende Zahl von heimlichen und unsicheren Abbrüchen in entwickelten Ländern", sagte Gilda Sedgh, Hauptautorin der Studie und Forscherin am Guttmacher-Institut, gegenüber Reuters. Auch gibt es eine beträchtliche Kluft zwischen West- und Osteuropa: In Westeuropa nahmen 2008 von 1000 Frauen zwölf eine Abtreibung vor, in Osteuropa waren es 43.

Globale Abbruchsraten

Die globale Rate von Schwangerschaftsabbrüchen belief sich zwischen 2003 und 2008 auf 28 bis 29 Abtreibungen pro 1000 Frauen im Alter zwischen 15 und 44 Jahren. Das ist im Vergleich zu 1995 eine beträchtliche Abnahme, damals kamen auf 1000 Frauen 35 Abtreibungen. Zwischen 2003 und 2008 tat sich allerdings nicht mehr viel: Der durchschnittliche Rückgang pro Jahr betrug zwischen 1995 und 2003 2,4 Prozent, zwischen 2003 und 2008 waren es nur noch 0,3 Prozent. Zwischen 2003 und 2008 bleibt es also weitgehend unverändert.

Richard Horton, Herausgeber von "The Lancet", über die Ergebnisse: "Diese Zahlen sind zutiefst beunruhigend. Die Fortschritte, die in den 1990er-Jahren gemacht wurden, gehen wieder zurück."

Besorgniserregend ist auch der Anstieg von unsicheren Abbrüchen. Sie machten 2008 49 Prozent der Abtreibungen aus, 1995 waren es noch 44 Prozent. Gilda Sedgh betonte gegenüber Reuters die aus der Studie klar hervorgegangene Verbindung zwischen unsicheren Abbrüchen und restriktiven Gesetzen. Auch verursachen diese laut Studie keine niedrigere Abbruchrate. Im Gegenteil: In den sogenannten entwickelten Ländern sank der Anteil der Abbrüche von 36 Prozent auf 26 Prozent. In Ländern mit strengen Gesetzen gegen Abtreibung gab es hingegen eine geringe Rückgangsrate.

"Frauen werden immer abtreiben"

Kate Hawkins vom Institute of Development Studies, kommentierte dieses Ergebnis gegenüber der BBC: "Ob legal oder illegal, Frauen werden immer abtreiben." "Lancet"-Herausgeber Horton sieht auch negative Folgen von Sanktionen auf gesellschaftlicher Ebene: "Verdammung, Stigmatisierung und Kriminalisierung von Abtreibung sind grausame und falsche Strategien."

Die StudienautorInnen empfehlen für eine weitere Reduktion von ungewollten Schwangerschaften und unsicheren Abbrüchen altbekannte Rezepte: Investitionen in Familienplanungs-Einrichtungen und sichere Verhütung seien wirkungsvolle Schritte. Abtreibung per se zu verbieten oder zu erschweren ist in reproduktionspolitischer Hinsicht einmal mehr als kontraproduktiv beurteilt worden. (red, dieStandard.at, 19.1.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 40
1 2
pick dame
00
23.1.2012, 21:35

nix gegen WHO-studien, aber diese zusammenhänge kennt man seit hunderten jahren. und studien, untersuchungen und statistische zusammenfassungen mit gleichem ergebnis gibts auch haufenweise, mind. seit jahrzehnten.

BlackAdder
00
23.1.2012, 22:20

Es schadet aber auch nicht das auf höchstoffizieller ebene zu transportieren, oder ?

Gernot Schandl
32
23.1.2012, 09:25
Auf Basis von Schätzungen.

Die verwendeten Zahlen über illegale Abtreibungen basieren allesamt auf Schätzungen - offizielle Statistiken gibt es nicht einmal in allen Ländern, in denen Abtreibungen straffrei sind - Österreich hat keine Statistik dazu!
Erstellt werden diese Schätzungen von Organisationen, die für ein liberales Abtreibungsrecht eintreten. Ihre Überzeugung, es müsse im Schnitt gleich viele illegale Abtreibungen pro tausend Frauen geben, wie es straffreie in vergleichbaren Ländern gibt, ist Basis dieser Schätzungen. Daher sind die Ergebnisse alles Andere als wissenschaftlich, auch die WHO gibt sich hier für politische Ziele her.

BlackAdder
42
23.1.2012, 11:22

Netter versuch, nur werden die schätzungen in AT zumeist von radikalen abtreibungsgegnern erstellt, damit man mit möglichst schön hohe horrozahlen agitieren kann, und das wird sonstwo kaum anders sein.

Ob es nun 1000 mehr oder weniger sind tut auch nichts zur sache.

Mac Smith
03
23.1.2012, 14:05
"nur werden die schätzungen in AT zumeist von radikalen abtreibungsgegnern erstellt"

Nö:
"In ganz Österreich finden jährlich zwischen 30.000 und 40.000 Schwangerschaftsabbrüche statt"
Das Zitat stammt von Christian Fiala, dem Leiter der Salzburger Gynmed-Ambulanz (also wahrscheinlich dem Gegenteil eines radikalen Abtreibungsgegners), und ist hier nachzulesen:
http://diestandard.at/2291089

Welchen Grund hätte Fiala, mit dieser Zahl zu Übertreiben?

BlackAdder
10
23.1.2012, 18:21

Ich möchte auch begründen warum ich diese zahlen für WEITAUS zu hoch gegriffen halte.

In D, wo statistiken geführt werden, gibt es derzeit unter 110.000 abbrüche pro jahr. Also 3-4x so viele wie laut fiala's schätzung in AT, nun hat aber D die zehnfache einwohnerzahl, was also bedeuten würde daß in AT 2,75 - 3,66 mal so viele abbrüche pro 1000 einwohner durchgeführt würden, und das ist schlichtweg unglaubwürdig.

Mac Smith
02
25.1.2012, 10:49
"AT 2,75 - 3,66 mal so viele abbrüche pro 1000 einwohner durchgeführt würden, und das ist schlichtweg unglaubwürdig."

Könnte sein, könnte aber auch nicht:
Fiala hat zweifellos die genauen internen Zahlen seiner eigenen Abtreibungsambulanz und kann entsprechend "hochrechnen"; in Ermangelung einer offiziellen Statistik halte ich seine Zahlen daher für realistisch.
Und solange sie nicht entkräftet sind, frage ich mich eher, warum in Ö soviel abgetrieben wird?
Ist die Sexualaufklärung so viel schlechter als in D?
Sind Verhütungsmittel so viel schwerer zu erhalten?
Warum scheint keine staatliche Stelle an der Klärung interessiert zu sein?
Eine einfache, anonyme Statistik/Erfassung aller Abtreibungen mit den groben Gründen dafür (Verhütung versagt, falsch angewendet, gar nicht verhütet, etc.) würde ja schon weiterhelfen.

BlackAdder
10
25.1.2012, 14:12

Auf welcher basis sollte man hochrechnen können ?

Seriös wäre es gewesen die eigenen zahlen zu präsentieren und keine eigenartig anmutenden schätzungen.

Und nachdem einigkeit über "Könnte sein, könnte aber auch nicht" besteht ist es müßig darüber zu diskutieren warum in AT die zahlen so hoch sind wenn wir nicht wissen OB sie es überhaupt sind.

Wenn man sich erinnert wie vehement die VP gegen den "sexkoffer" gewettert hat und wie sehr konservative kreise jegliche aufklärung verhindern wollen würden mich aber defizite in diesem bereich auch nicht wirklich wundern.

BlackAdder
10
23.1.2012, 14:16

Was meine aussage "zumeist" in keinster weise falsifiziert, oder ?

Wie herr fiala auf diese zahlen kommt, und warum,
diese frage stellen sie doch bitte ihm, ich weiß es
aus naheliegenden gründen nicht, die antwort
wird auch hier viele interessieren, also bitte dann
posten.

chezgarando
11
22.1.2012, 06:14
das beste mittel gegen abtreibung

ist die befleckte unempfängnis

aufklärung!
verhütungsmittel!
gratis!
überall!!!

Viktoria Roth
02
21.1.2012, 12:43
Unterschreiben: http://www.abortionright.eu/index.php

endlich eine Antwort auf die Mobilisierungen der reaktionären Fundis überall.

Black Widdow
00
22.1.2012, 14:49
Thx, schon geschehen :-)

Nelly Casali
00
21.1.2012, 22:06
Merci

für den Link!

rapidla01
181
21.1.2012, 00:08

Also so wie ich den artikel lese ist die überschrift eine platte lüge. Denn nirgends steht das in absoluten zahlen weniger ausgekratzt wird, sondern nur dass es mehr ungesichertes töten des kindes gibt, verdammt, für die erkenntnis gehört schon ein nobelpreis her, und das es weniger zurückgegangen ist. Erstens ist die definition von ländern mit restriktiven tötungsgesetzen extrem schwammig, und zweitens ist es ja wohl kaum zu fassen das in ländern bei denen man zb nur nach vergewaltigung abtreiben darf die tötungsrate hauptsächlich außerhalb der krankenhäuser höher ist und sich die rate auf grund gesellschaftlicher veränderungen nicht großartig ändert. Aber hauptsache man redet sich ein das kinderleben nichts wert sind. Und jetzt trollt.

Lichtfreak
12
23.1.2012, 13:23
das kinderleben nichts wert sind.

Ist doch so bei den pseudoheiligen Abtreibungsgegnern, kaum ist das Kind auf der Welt und vorallem getauft, dann ist es euch sowas von egal!

chezgarando
12
22.1.2012, 06:13
das beste mittel gegen abtreibung

ist eine frühe, genaue aufklärung und verhütung...verhütungsmittel müssen ganz leicht zu bekommen sein

ich glaub aber dass eine frau, die überlegt abzutreiben bei unseren legalen kliniken auch mal die alternativen dargelegt bekommt (z.b. adoption) während eine illegale engelmacherin da sicher nicht lange rumredet

dass sie das wort auskratzen nehmen find ich ja nostalgisch entzückend, weist aber darauf hin dass sie von der sache wohl nicht so viel ahnung haben

Viktoria Roth
04
21.1.2012, 12:44
Wo wird denn ausgekratzt? Sie sind wohl nicht ganz in der Gegenwart!

byron sully
013
20.1.2012, 14:27

ich glaube nicht so sehr, daß liberale abtreibungsgesetze kausal weniger abtreibungen bedingen, sondern eher, daß länder mit liberalen abtreibungsgesetzen tendenziell auch viel in sachen aufklärung und verhütung investieren. und das ist der entscheidende punkt. länder mit rigiden abtreibungsgesetzen halten meist auch jegliche aufklärung und verhütung für böse und des teufels. so gesehen kein wunder, daß es dort mehr abtreibungen gibt.

pick dame
00
23.1.2012, 21:45

nein, abtreibung bei rechtlicher liberalisierung nehmen auch ab, wenn keine begleitmaßnahmen wie aufklärung und zugängliche verhütungsmethoden.
eine große rolle spielt der psychische druck und dass die zeit drängt.
die meisten abtreibungen machen übrigens finanziell gut gestellte frauen im mittleren alter, und die wissen sehr wohl wovon man schwanger wird und haben geld für die pille oä.

Zarathustra
00
23.1.2012, 00:55

Gute Erklärung. Danke.

Die grausame Realität 2012
00
20.1.2012, 22:29

und möglicherweise sind es höhere soziale Standards, die ermutigen, ein Kind haben zu wollen.

http://www.uni-landau.de/kluge/Bei... che_eu.pdf (die Studie stellt zwar auf einen Zusammenhang mit dem Glauben ab, der Ländervergleich lässt aber auf eine Korrelation mit Einkommen und sozialer Sicherheit schließen)

Black Widdow
24
20.1.2012, 14:12
Das sagen die Leute von pro choice doch schon seit Jahrzehnten

aber die Embryonenfetischisten haben noch nie davon gehört.

Simplicius Simplicissimus
00
20.1.2012, 11:47
Die tolerierte Abtreibung ist ...

... die letzte Station der Politik, bevor sie an an ihrer eigenen wie an der gesellschaftlichen Bigotterie scheitert. Sonst würde die grundlegende Problematik behandelt werden und das ist: der Koitus. Gratis-Verhütungsmittel, (Selbst-)Bewusstseinsbildung wären ein Anfang.

yasujiro
02
20.1.2012, 13:20
also schaffen wir den Koitus ab.

Am besten als Gesetz im Verfassungsrang, so wie die Schuldenbremse, und alle Erdbebenopfer begrenzen wir auch auf maximal 10 pro Jahr, und Kosten durch Überschwemmungen auf 1Mio.

Verdammt Coole Schreckschrauwe
00
20.1.2012, 14:58
na, da wüßte ich aber schon was Effizienteres: STOPP DEM SAMENERGUSS!!!

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 40
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.