In der Fake-Zeitung "Über:morgen" toben sich Medienaktivistinnen mit Lust an der Selbstbehauptungs- und Schmäh-Freiheit aus
Wenn auf der Titelseite über das Vollbartverbot in Belgien berichtet wird und ein rauschebärtiger Franz Josef dazu die Lippen schürzt, PC Striche von den Freien Österreicherinnen uns gewinnend und "rasiert für die Heimat" entgegen lächelt, Halbnackedei Harry seine Freilandeier anpreist und Männerminister Heimlich-Hoffnung das Erfolgsmodell "Mama-Monat" abfeiert: Dann ist längst klar, dass wir es mit einer speziellen Zeitung zu tun haben.
Einer, die Lust an der Verwitzelung von Fakten hat, die so manche/n nicht mehr interessieren, weil sie - wenn überhaupt - sermonartig von den immer selben ProtagonistInnen mit den immer selben Argumentationssträngen transportiert werden. Die Macherinnen von "Über:morgen" langweilt das zumindest. Sie haben Lust an der politischen Äußerung und Neupositionierung von Feminismen und daher kurz entschlossen ihr eigenes Sprachrohr auf die Beine gestellt. Ganz ohne moralisch-didaktisch-pädagogischen Zeigefinger, dafür mit entlarvendem Spaß an der Sache.
Ohne faktische Realitäten müssen die LeserInnen aber auch bei "Über:morgen" (vormals, in der Erstausgabe, noch mit Punkt statt Doppelpunkt) nicht auskommen, denn "alle Artikel basieren auf realen Zahlen, Daten und Fakten aktueller österreichischer Medienberichte", erklären die Redaktionsfrauen, die allesamt über die Plattform 20.000 Frauen aktiv sind: "In den Artikeln wurden zumeist lediglich die Geschlechter vertauscht, in einigen die Symbole verändert und sämtliche Namen der betroffenen AkteurInnen entfremdet."
Die Drahtzieherinnen hinter der Zeitung wollen sich namentlich nicht outen, weil sie in österreichischen Medienunternehmen arbeiten, und gerade denen pinkeln sie mit ihrer gedruckten Persiflage ans Bein, wenn sie die boulevardeske Informationsaufbereitung - auch in so genannten Qualitätsmedien - überspitzen. Redaktionsfrau Ulrike Weish hat damit kein Problem. Vor mehr als zwanzig Jahren kam sie von der Medienbranche in die Wissenschaft und hat nichts zu befürchten, wenn sie offen mit dieStandard.at über die Spielwiese "Über:morgen" spricht.
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dieStandard.at: Was hat euch dazu veranlasst, mit "Über:morgen" eine "Fake-Zeitung", wie ihr sie nennt, zu lancieren?
Ulli Weish: Wir sind einige Medienaktivistinnen, die früher in der Branche gearbeitet haben bzw. immer noch arbeiten. Im Zuge der Großdemo anlässlich 100 Jahre Frauenkampftag 2011 haben wir versucht, professionelle Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Nachdem
wir inhaltlich ernste Aspekte im Rahmen der "20.000
Frauen"-Berichterstattung nicht unterbringen konnten, hatten wir das Gefühl, wir arbeiten in den Mistkübel oder ins Klo hinein. Es hat nur ein paar Leute interessiert, die sich eh schon dafür interessieren. Im Rahmen der so genannten Qualitätsmedien gab es Zero Berichterstattung. In dem Moment, wo feministische Themen
innerhalb gemischter Redaktionen vorgeschlagen werden, gerät die
Redaktionskonferenz schlagartig ins Schnarchen oder gähnt oder
belehrt, wie fad das ist, oder erklärt, dass es dazu auch
ein paar Positionen von Männerrechtlern braucht. Uns ist es darum gegangen, die Themen Arbeit, Bezahlung, Repräsentation, Globalisierung, Gewalt grundsätzlich anzureissen. Aber weil das nicht ankam, dachten wir uns, so, jetzt machen wir's mal ganz anders.
Uns hängen die Debatten, zum Beispiel ums Kopftuch, zum Hals raus, so wie sie geführt werden. Warum muss es ununterbrochen um den Kampfort des weiblichen Körpers gehen und die Herren bleiben außen vor? Reden wir Mal bitt' schön über die "Bartkultur" und dann können wir gern wieder über den weiblichen Körper reden. Das war unser patziger Zugang. Und wir haben gemerkt: Sobald wir die Burkadebatte gegen die Bartstory ausgetauscht haben, ging es uns wunderbar.
dieStandard.at: Ihr schaltet auch Werbung. Zum Beispiel wirbt ein mit nacktem Oberkörper posender Mann für Freilandeier.
Weish: Harrys Freilandeier - das würde ich am liebsten als Pickerl ausdrucken und
sexistische Werbung überkleben, wenn wieder einmal eine Muschi, ein
Popsch oder ein Busen hervorsticht. Ich glaube überhaupt, dass die
Zeitung mit zusätzlichen Aktionismen durchaus was am Hut hätte. Hätten wir ein bisschen Kapital, würden wir anders drucken, wir würden ein
fetzigeres Layout machen, wir würden damit gerne auch Straßenaktionismus
betreiben. Die Idee war mal, das mit großer Auflage zu kopieren und in
diverse Gratisständer hineinzulegen oder auch als Kolporteurinnen
herumzugehen und zu verkaufen. Das
könnte sich alles entwickeln, aber Achtung: Angesagter Aktionismus geht
immer in die Hose.
dieStandard.at: In euren Artikeln arbeitet ihr mit Geschlechterumdrehung und durchgehend weiblicher Sprachform. Wie sieht das konkret aus?
Weish: Wir borgen uns aus den Artikeln, die
wir mainstreamig getrommelt hören, vorwiegend aus dem dominanten Boulevardsegment in Österreich, die Schlagzeilen, die Phrasen, die
bekannten Argumentationsstränge aus und vertauschen jeweils nur die
AkteurInnen geschlechtsspezifisch. Alfons Mensdorff-Pouilly wird zu Adele Insdorf-Bouillon oder Silvio Berlusconi zu Silvia
Balkoni. Durch diese Art der symbolischen Umdrehung wird die paradoxe Lage heute
noch einmal gespiegelt. Sie bewirkt in ganz bestimmten Kontexten
lächerliche Zusammenhänge. Und damit gibt es keinen
didaktisch-moralisch-pädagogischen Zeigefinger, sondern die
Möglichkeit, zu erkennen, das heutige Geschlechterstrukturen rhetorische Modernismen sind, die in Wirklichkeit der oide Schas
von vor tausend Jahren sind.
Feministinnen wie wir haben keine Lust an
der Geschlechterumdrehung. Das war keine Zielvorgabe. Niemand von uns will die prügelnden Frauen
im Schützengraben und dafür die friedlichen, geknechteten, entrechteten
Männer. Uns geht's um die Veränderung der
Verhältnisse, nicht um Reaktanz und Gewaltumdrehung.
Wir gehen auch nicht davon aus, dass es
jetzt einfach 200 Jahre lang ein generisches Femininum braucht, damit
die Welt sich ändert. Uns geht's um exaktere, genauere Sprache. Um
Reflexion der gewohnten Sprache. Wenn wir das nicht einmal in Berufen
verlangen können, wo Menschen arbeiten, die KulturproduzentInnen sind, von wem denn dann? Von den
VolksschülerInnen?
dieStandard.at: Da nehmt ihr also die MedienarbeiterInnen in die Pflicht. Richtet sich die Kritik an bestimmte Produkte?
Weish: Wir wollen uns nicht unbedingt an denen reiben, von denen wir nichts anderes erwarten. Vor lauter Kritik an der "Kronen Zeitung" schauen sich viele die
Qualitätszeitungen gar nicht mehr an. Das stört mich persönlich,
weil die Dichandisierung ist kein Phänomen einer Zeitung, sondern leider
geradezu ein habitueller Zugang in diesem Lande. Was
wir zum Kotzen finden, ist die Art von Buberlpartie beim "Falter" und die
Art von Malestream beim "profil". Uns geht auch "Format" und "News" wahnsinnig
auf die Nerven. Es könnte durchaus sein, dass uns auch der "Standard"
interessiert. Die Chefredaktion sagt ununterbrochen, dass geschlechterspezifische oder exakte Sprachweise zu viel Platz
braucht und den Lesefluss stört - Phrasen, die,
wenn man sie im Detail auseinandernimmt, auch große Wahrnehmungsfehler
beinhalten. Wenn man liest "Arbeiter streiken", und dann kommt man
drauf, es sind 99,9 Prozent Frauen, die gerade in der Textilindustrie in
Bangladesch streiken, dann macht das ein anderes Bild.
Es ist einer Qualitätsdebatte völlig abträglich, entweder zu glauben,
es geht um die Phraseologie der großen Is, die geistlos,
seelenlos überall reingestopft werden oder eben um das generische Maskulinum, das
angeblich alles abdeckt. Wenn die Debatte auf so einer Primitivebene
läuft, dann
weiß man, wie armselig der Diskurs in diesem Lande ist. Dass es schwarz
und weiß gibt, aber dass an der Medienproduktion keine Menschen
beteiligt sind, die Sprachkreativität haben, die sprachexakt arbeiten
wollen, die mit bestimmten Symboliken arbeiten. Wenn das alles
blunzwurscht ist, dann weigere ich mich zu sagen, dass es Qualitätsmedien in diesem Land gibt.
Vollmundig gesagt: Wir haben große Lust auf ein paar nette Redaktions-Sit Ins und an einem peinlichen Wirbel.
dieStandard.at: Peinlich ist "Über:morgen" nicht, aber witzig. Warum dieser Zugang?
Weish: Feministinnen werden immer wieder auf einen klischeehaften Kontext
verkleinert, indem man nicht glaubt, dass sie witzig sind. Ich weiß,
dass wir sehr lustig sind, und ich weiß auch, dass es schwierig ist,
sich Themen ständig auf einer ernsthaften Ebene nähern zu müssen. Ab dem Moment der Verwitzelung ist es sonnenklar, warum die Rechten
mit dem Sprüche klopfen so gut beinand' sind: Weil man nicht ernsthaft
Politik machen muss. Die lockeren Blödsprüche, das, was wir als
Populismus in Kritik haben, erzeugt tatsächlich im Tun Lust. Das ist
eine ganz interessante Erfahrung für uns. Von uns stammt ja auch: "Das Patriarchat ist
schon fad, Frauen in den Aufsichtsrat". Zu erklären, dass es unzumutbar ist, wenn nach so langer Zeit
Emanzipation und Frauenkampf nur vier Prozent Frauen in den
Aufsichtsräten sitzen, ist uns von der inhaltlichen Ebene schon so
eine Fadesse, dass wir gerne nur mehr mit
Sprüchen und blöden Artikeln antworten wollen.
dieStandard.at: Wie kommt das bei der LeserInnenschaft an?
Weish: Die Erstausgabe haben wir auf die Internetseite von "20.000 Frauen" gestellt und bei der
Enquete der Frauenministerin präsentiert: Mit dem Männerminister Heimlich-Hoffnung. Die Frauenministerin hat nicht
schallend gelacht, aber ihre Mitarbeiterinnen. Sie hatte ein süßsaures Lächeln drauf. Es ging uns dabei um die Persiflierung, dass eine
angeblich mächtige Person einfach auch unglaublich
ohnmächtig ist aufgrund ihrer ganz geringen personellen, ökonomischen
und organisationsspezifischen Kompetenzen.
dieStandard.at: Wie soll es mit "Über:morgen" weitergehen?
Weish: Wir haben nicht vor, die Zeitungen am laufenden Band zu produzieren,
aber wir wollen den Jahreszyklus eines
Boulevardblattes durchmachen. Wir arbeiten jetzt an einer Winternummer, wir werden eine im Frühling und eine Sommerausgabe
machen, wo wir dann leider noch viel mehr Werbung reinnehmen werden
müssen. Uns geht es total um Werbung. Wir werden da tolle Anzeigen
drinnen haben und auch einige tolle Sommerlochstories. Vielleicht über
den Stier Karl.
Die Ausgaben sollen nicht nur bestimmte Szenen erreichen und in keinster Weise ein Ausdruck einer
Institutionalisierung sein. Sobald "Arbeit" ins Spiel gebracht wird, wird's eine zache
G'schicht. Jede/r hat das Gefühl: Um Gottes Willen, was muss ich
noch alles a-a-a-rbeiten! Genau das soll's nicht sein. Es soll
herausgenommen werden aus dieser permanenten Arbeitsdefinition. Es ist
die Selbstermächtigung, es ist politische Lust, es ist ein politisches
Bedürfnis, es ist eine Freude im Sinne der Werte von 1848,
Meinungsfreiheit, Behauptungsfreiheit, Schmähfreiheit zu entwickeln. Das ist eine Trashgeschichte von Frauen fürs
Klo geschrieben. Vielleicht ist
es auch deshalb so kurzweilig, weil wir damit gar nichts Großartiges
vorhaben.
dieStandard.at: Eine Klolektüre für jede/n also?
Weish: Wir wollen unsere Kritik in ganz verschiedene Szenen
bringen, und die Zeitung kann auch die erreichen, die nicht unbedingt
zwanzig Frauenberichte gelesen haben oder Judith Butler kennen. Sondern
eben auch die Leute, die mit Lebenserfahrung und wacher Beobachtung ohne
Akademismus auskommen, um zu sehen, wie backlashig sich unsere
Frauenbilder und differenzierte Debatten verengt haben. Es ist ein freies Produkt, jede Person kann's in die Kanäle schleudern,
wo immer sie möchte.
dieStandard.at: Was kommt neben dem Stier Karl in der nächsten Ausgabe noch auf die LeserInnen zu?
Weish: Die Niko Pelinka-Geschichte werden wir ganz sicher
verwerten. Die ist sehr interessant und zum Teil völlig verlogen, weil
durch diesen Diskurs etwas erzeugt wird. Wenn der für alle Gültigkeit
haben sollte, freu' ich mich. Wenn's darum geht, dem ORF Rotfunk zu
unterstellen, krieg' ich einen schallenden Lachkrampf und frage mich, wo
denn die Umfärbungen der letzten Jahre thematisiert wurden und wo wir die
großen Berichte zu den Korruptionen haben, die die Herren
in ihrer schwarz-blauen Zeit personalpolitisch hinterlassen haben.
Wir werden uns auch einen lustigen Namen für die Frau Rudas einfallen
lassen. Denn es braucht nicht nur die Kritik an den Söhnen, die Kritik
an den Töchtern tut uns glaub ich auch nicht weh.
dieStandard.at: Das ist eine Ansage.
Weish: Wir wollen kein "entweder, oder" sondern
ein "sowohl als auch". Wir wollen den Gewaltbegriff nicht radikal zwischen den
Geschlechtern umschichten, sondern über Gewalt in
unserer Gesellschaft diskutieren. Da bin ich sehr dafür, dass wir über
Gewalt unter Frauen sprechen. Was spielt sich denn ab in lesbischen Gewaltbeziehungen, zwischen Müttern und Töchtern oder
zwischen Chefinnen und Untergebenen? Ich weigere mich, das Gewaltthema
ausschließlich auf die Männer zu projizieren. Das heißt doch, dass wir
unsere eigenen Gewaltkomplexe nicht ernstnehmen wollen, und das halte
ich für sehr, sehr schlimm. Wir sind nicht die armen Unterdrückten, wir
sind die Ermächtigten zu handeln, uns selbst zu verändern und den Mund
aufzumachen. Wer sich unterwirft, hat auch eine Entscheidung getroffen. (bto, dieStandard.at, 26.1.2012)
Medienpetition
Die "Über:morgen"-Redaktionsfrauen fordern in einer Medienpetition
1. Schluss mit dem allgegenwärtigen Werbesexismus und eine Kennzeichnung von Fotobearbeitung, -manipulation bei Körperdarstellungen.
2. Her mit der geschlechtergerechten Sprache in den verschiedensten Mediensparten.
3. Mehr (Vor)Bilder von starken, selbst bestimmten und verschiedenen Frauen in der Öffentlichkeit - nicht nur Fokussierung auf reich & schön versus (Unterschicht-)Opfer & namenlos;
4. und einer geschlechtersensiblen Repräsentation von Frauen in den Medien, andernfalls Streichung der einschlägigen Fördermittel wie Presse- oder Publizistikförderung.
5. Eine Neubewertung des Nachrichtenwertes muss her: Frauenpolitische Themen müssen auch abseits von wirtschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Zusammen-hängen als dringlich erachtet werden.
6. Transparente Karriere- und Aufstiegsmöglichkeiten für Journalistinnen innerhalb bestehender Medienbetriebe und einen deutlichen Anstieg von Frauen in Führungsfunktionen (Chefredaktion, Herausgeberkreis) von Medienunternehmen statt üblicher Netzwerkstrategien beim Wirten, beim Jagen und beim Sporteln;
7. für eine deutlich emanzipatorische Medienpolitik & eine Förderung kritischer feministischer Berichterstattung
Links
Erstausgabe Über:morgen
Plattform 20.000 Frauen