Lana Del Rey heißt der neue Superstar, und alle fragen sich: "Ist die echt?" Müssen vor allem Musikerinnen eine Authentizitätsprüfung durchlaufen?
Eine Mähne Marke Jessica Rabbit, lange falsche Nägel, aufgeklebte Wimpern, fetter Lidstrich und ein Teint, gegen den die Frauen von Stepford blass aussehen. Dazu noch über den Bauchnabel geknotete T-Shirts und billig aussehender Goldschmuck - Lana Del Rey gibt die Lolita aus dem Trailer-Park. Noch bevor die meisten auch nur einen Ton der US-amerikanischen Sängerin gehört hatten, geisterten schon zahlreiche Berichte über die 25-Jährige durch die Medien, und seit einigen Wochen lässt kaum ein/eine MusikjournalistIn Lana Del Rey unbeachtet. Der Hype bahnte sich schon im Juni letzten Jahres an, als der Clip "Video Games" auf YouTube aus heiterem Himmel über zehn Millionen Clicks erreichte, und findet nun mit der Veröffentlichung ihres Albums "Born to Die" am 27. Jänner seinen vorläufigen Höhepunkt. Mittlerweile gilt sie als "größtes Versprechen der Popmusik" ("Süddeutsche"), und das Musikmagazin "Spex" hob Lana Del Rey gleich aufs Cover der aktuellen Ausgabe.
Doch so unterschiedlich die Beurteilungen der musikalischen Qualität
in den Medien ausfallen, so einig sind sich alle Berichte darüber, dass
die "Echtheit" von Lana Del Rey besonders wichtig sei. "Wer zieht die
Fäden?", fragt etwa die "Spex", während die "taz" schon klarer zu sehen
meint und in Del Rey ein Produkt einer Plattenfirma samt ihrer
"gezielten Infiltration sozialer Netzwerke" vermutet. Doch nicht nur
ihre Selbstbestimmtheit steht zur Disposition, auch ihre Texte werden
auf authentische Erlebnisse der Sängerin hin abgeklopft. Und nicht
zuletzt beschäftigt - vom "Rolling Stone" bis zum Frauenmagazin "Woman" -
auch die Echtheit ihrer voluminösen Lippen.
"Alles echt?" ist keine neue Frage
Nicht zum ersten Mal wird an einen weiblichen Star der Maßstab
"Authentizität" herangetragen. Es gibt Stars wie Beth Ditto, die dafür
in den Himmel gelobt werden, ganz und gar ihren Stil und eigenen Kopf zu
haben. Die Mehrheit der weiblichen Stars werden aber als Marionetten
der Musikindustrie belächelt, die sich von der Musik bis hin zum Make-up
überwachen lassen.
"Die Frage nach der Echtheit von MusikerInnen
ist so alt wie die Rockmusik oder die Popkultur", meint die Soziologin
Rosa Reitsamer (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien) über
die alte, neue Debatte um Lana Del Rey. Auch betreffe sie weder ein
bestimmtes Genre noch ausschließlich Frauen. Jedoch nicht auf die
gleiche Weise. Reitsamer sieht beim Konzept der Authentizität einen
Prozess der Vergeschlechtlichung wirken: "Ein Blick in Musikmagazine
zeigt, dass es für Männer und Frauen unterschiedliche Kriterien für
Authentizität gibt und diese auch unterschiedlich verkörpert werden
muss. Das zeigt sich bei Lana Del Rey sehr deutlich", so Reitsamer.
Somit spiele die Frage nach der Echtheit auch bei Männern - etwa in
Bezug auf die Produktion ihrer Musik - eine Rolle. Die Darstellung von
authentischer Geschlechtszugehörigkeit werde aber immer nur an
Sängerinnen abgehandelt.
Vina Yun, Redakteurin des feministischen
Magazins "an.schläge", verwundert, dass gerade bei Popmusik die Frage
der Echtheit so schnell zur Hand ist, "als ob es im Pop jemals um
Realness gegangen wäre". Weniger überrascht sie, dass die Frage nach
Authentizität neuerlich eine weibliche Protagonistin trifft: "Frauen
werden von vornherein weniger als autarke kulturelle Produzentinnen
wahrgenommen. Weibliche Acts werden oft als bloßes Medium betrachtet,
das das Werk eines dahinter stehenden Produzenten-'Genies' lediglich
umsetzt."
Superstar Madonna - eine beliebte Referenz zum Thema
Selbstermächtigung im Pop - schaffte es hingegen, einerseits nicht auf
eine authentische Identität festgelegt zu werden und dennoch als
alleinige Herrscherin über ihre Arbeit zu gelten. Auch Lady Gaga wird
trotz all ihrer Künstlichkeit als eigenständige Künstlerin rezipiert.
Doch anders als bei Lana Del Rey ist klar: Das ist Inszenierung pur.
Reitsamer: "Madonna hat gezeigt, wie man unterschiedliche Identitäten
entwerfen kann, sie hat Weiblichkeit einer permanenten Rekonstruktion
und Remodellierung unterzogen - was Lady Gaga noch weiter auf die Spitze
treibt." Sie hätten der Weiblichkeit ihre natürliche Essenz genommen.
Unklarheit unerwünscht
Bei
Del Rey scheint bis dato aber noch ungeklärt, ob sie mehr unter
"natürlicher Weiblichkeit" oder doch eher unter einem beabsichtigt
künstlich wirkenden Eklektizismus zu verbuchen ist. Ein Blick auf den
medialen Diskurs um die Sängerin zeigt, dass diese Unklarheit wenig
Wohlwollen hervorruft. "Elfe und Schlampe", betitelte etwa die "taz"
ihren Artikel über Del Rey, um sie letztlich als "eine strategisch
geschickte Konstruktion" zu identifizieren. Als Trailer-Park-Queen wolle
die Industrie sie "identifikationstauglicher" machen - Strategien, von
denen sie in Interviews nichts wissen wolle: "Hier muss sie
gewissermaßen die Authentizitätskarte ausspielen", heißt es in der
Online-Ausgabe der "taz".
Für die "Süddeutsche" ist sie weniger
Underdog-Schönheit, sondern schlichtweg "erzkonservative
Männerphantasie". Hier wie dort darf es für die Musikerin aber nicht
mehr als eine Schublade geben. Etwas origineller versucht es der Autor
der "Spex", der Del Rey ein Spiel mit Authentizität zutraut. Sie singe
wie ein Mann, der eine Frau spielt, heißt es dort, und: Die Musikerin
würde die Geschlechter-Stereotypen derart ausstellen, dass es eher um
eine Parodie von Weiblichkeit gehe, eine queere Inszenierung quasi. Eine
Interpretation, die sich laut Rosa Reitsamer auch einer gewissen
Queer-Hipness verdankt: "Der Interviewer wird etwas von ihrer
Selbstdarstellung und Selbstinszenierung irritiert gewesen sein. Und da
der queere Diskurs offenbar jetzt auch bei der 'Spex' angekommen ist,
zieht man einfach den Schluss, dass das doch jetzt queer sein muss."
Strategien des Musikjournalismus
Was
ist wirklich dran an der Neuen? Abgesehen von dieser Fragestellung
können sich dank Del Rey MusikjournalistInnen noch eines weiteren Kniffs
bedienen: Sie wird unentwegt mit anderen Stars verglichen. Ist sie eine
Amy Winehouse, Nancy Sinatra oder doch eine Lana Turner? "Das ist eine
ganz typische Strategie des Musikjournalismus: Musikerinnen werden
fortwährend mit anderen Musikerinnen verglichen, um ihnen so wieder eine
untergeordnete Rolle zu geben", kritisiert Reitsamer.
Auch Vina
Yun sieht in der Rezeption von Musikerinnen wenig Selbstreflexion über
die unterschiedliche Einschätzung von Musikern und Musikerinnen. "Nicht
selten knüpft die Diskussion um 'Echtheit' an die Tendenz vor allem
männlicher Musikkritiker an, die Bedeutung von kulturellen Produkten
allein auf eine 'authentische Autorenschaft' zurückzuführen." Immer
wieder werde darauf gepocht, nur die Musik an sich beurteilen zu wollen.
"Als ob männliche Musikstars nicht ebenso 'hergestellt' und über
bestimmte Bilder und Storys vermarktet werden würden."
Und was sagt
der Star Lana Del Rey selbst zu der leidenschaftlichen Spekulation rund
um ihre Echtheit, der sie zwar ästhetisch Raum lässt, nicht aber im
Interview. Denn auf die Andeutung des "Spex"-Journalisten, sie sei doch wohl
eine Kunstfigur, antwortet sie nur: "It is me!" (Beate Hausbichler, dieStandard.at, 2.2.2012)
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Leider geht es mir Bei Lana Del Rey so, das ich ihre Songs auf Anhieb zwar immer recht gefällig finde, sie aber bei mehrfachen Hören kontunuierlich verlieren, wie ich nach dem Download von "Video Games" feststellen musste.
Tolle Stimme, gute Musik, gut aussehende Frau!
Und die lächerliche und überflüssige Frage der Authentizität ist Blödsinn!
Oder ist frischoperierte "neue" Tom Jones in seiner Künstlichkeit authentisch?
überflüssige debatten. die essenz – nämlich die musik als solche – ist durchschnittlich und austauschbar. folglich wird schon 2013 kein hahn mehr nach ihr krähen, ob authentisch oder nicht.
... das hier über Authentizität diskutiert wird, wenn der Sound so dermaßen beliebig ist? Ist die Verpackung aufregender als der Inhalt, erübrigt sich für mich jede Diskussion.
Oder ist mir komplett entgangen worum es hier eigentlich geht?
nur live vermitteln, denke ich. Daher sind für mich Diskussionen über Musikvideos eher unnötig, gerade weil diese nichts über Inhalt und Ausdruck der Künstlerin selbst aussagen (können).
(wie ich finde) sind kaum zu ertragen. alle vorurteile, sexistische kategorisierungen und unterteilungsversuche, die der artikel kritisiert, spiegeln sich darin wieder.
ich persönlich verstehe die aufregung um die künstlerin del ray ja sowieso überhaupt nicht. eine weitere künstlerin im pop, die sich eben auf irgendeine art und weise (das liegt am kleinen, aber feinen detail, dass es sich um KUNST handelt) inszeniert. das machen auch indie-bands und männliche popkünstler. was solls? und wenn es keine inszenierung ist und trotzdem gut ankommt: wunderbar.
in meinen augen verlässt sie sich nicht auf sexistische programmierungen und ist deshalb keinen funken der aufregung wert.
und ich denke die einzige dies bislang im mainstream geschafft hat sich vor dieser einordnung in stereotypen zu wehren, ist tatsächlich madonna.
was diese del rey angeht,so muss man sagen,dass musikalisch nicht sehr viel dahinter ist.hab mir das album angehört und bis auf 2-3 nummern ist es ziemlich belanglos.
dass sich die musikpresse so auf die dame stürzt und versucht allerlei rauszusagen,zeigt meiner meinung nur wie stark am ende die musikindustrie bereits ist,dass es reicht ein paar aufgespritze lippen,einen pseudo-60er-look und mittelmässige mucke zu machen um schon derartige aufmerksamkeit zu bekommen.in den 90ern wäre die gute heillos untergegangen,heute reicht schon eine gute plattenfirma und ein halbwegs eigenständiges konzept.
... Lana del Rey so vielleicht wirklich nicht passiert. Aber was sagt das aus? Dass sie Aufmerksamkeit erregt, verwundert euch aber nicht wirklich? Sie fällt schon ein wenig heraus mit Sound und Look. Hat sie gut gemacht, wie ich finde. Sich selbst zu Kreieren gehört im Pop ohnehin dazu. Und auch wenns nicht den eigenen Geschmack trifft: VIDEO GAME, BLUE JEANS und BORN TO DIE sind ja nun wirklich nichts Gewöhnliches. Hat schon was ...
mir ist es wirklich ein rätsel warum die dame so ein enormes mediales echo verursacht. das ist ja alles ziemlich fad von der (mukke und inszenierung) und es nicht mal so mies, dass man sie dafür hassen kann.
schon mal ein interview mit der gelesen? die hat nichts zu sagen und ist dabei auch nicht witzig, charmant, originell oder irgendwas was es interessant machen könnte
Musikerinnen werden fortwährend mit anderen Musikerinnen verglichen, um ihnen so wieder eine untergeordnete Rolle zu geben", kritisiert Reitsamer.
mei. du bist so arm.
brian may wurde nie mit keith richards verglichen. pete doherty nie mit pete townsend. jamie cullum nie mit frank sinatra. interpol nie mit joy division. lou reed nie mit david bowie. puff daddy nie mit snoop dogg. kurt cobain nie mit jim morrison. etc. etc. etc.
um die eigenen schwachen ideen zu promoten, kann man das alles ignorieren.
dass diese reaktion, in der nur dargelegt wird, dass jemand den artikel nicht wirklich verstanden hat oder nicht verstehen will, auch noch soviel zustimmung erfährt, macht schon sinn an dieser stelle.
fragen zu stellen habe ich mir im pop bizz aufgehört als ich als teenager ernüchtert feststellen musste, dass so gut wie jeder Pop Künstler einen Produzenten =)
die Dame hat eine gute Stimme und ist definitiv eine Bereicherung zum Pop der zur Zeit die Radiosender beherrscht.
aber ohne post production fällt der ganze Glitzer ab (lana del rey unplugged auf youtube)
Und schreibt jetzt nicht ich hätte es halt nicht lesen sollen.
Finde nämlich Lana del Rey gut, mag ihre Musik und (nicht zu vergessen!!) ihre Videos!
Der Punkt ist nicht die Authentizität, sondern die souveräne Umsetzung der Inszenierung: Die Diskussion besteht, weil sie sich in ihrer Rolle nicht wohl zu fühlen scheint, extrem unsicher ist. Nicht nur in Interviews, sondern sogar in den Videos.
Das ist das Spannende: Ist die Inszenierung schlecht, weil sie aus der Rolle fällt, also eh authentisch ist, dann sind wir beim Thema Lippen- = Egoboost oder ist die Inszenierung beabsichtigt, dann bleibt die Frage: WTF?
Bei Madonna und Lady Gaga stellt sich niemand die Frage, weil die überzeugend sind...
...wohl ein Testfall für die Musikindustrie: wie kann man heute den "Konsumenten" noch dazu bewegen, Musik zu kaufen?
Man nehme ein ehrgeiziges, wohlhabendes Mädl - die dem Daddy seit dem 9. Lebensjahr in den Ohren liegt: "Papa, wenn ich groß bin möchte ich reich(er) und schön und berühmt werden"...
Nennen wir dieses Mädel "Lizzy" (Grant?) - nach den ersten zaghaften Versuchen wurde der jungen Dame wohl "Talent" attestiert - und ein durchaus nettes Äußeres....so wie vielen anderen auch und könnte es zu kleinerem Bekanntheitsgrad schaffen;
...allen Beteiligten ist das zu wenig: der reiche Daddy bezahlt Schönheitsoperationen, Marketingstrategen und professionelle Berater - die alle daran arbeiten, aus der netten "Lizzy" die Diva "Lana Del Rey" zu erzeugen..Internetexperten programmieren 10 Mio. "klicks" auf youtube - ein Plattenlabel springt auf.....
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