FrauenMediaTurm Köln

Schwarzers Lebensprojekt vor dem Aus

Bericht | Sandra Ernst Kaiser, 8. Februar 2012, 07:00
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    foto: apa/marijan murat

    Wenn Alice Schwarzer was zu sagen hat, sind die Medien nicht weit. Hier ist sie als Kommentatorin des Jörg-Kachelmann-Prozesses im Mai 2011 zu sehen.

Dem Frauen-Archiv wurden Subventionen rigoros gestrichen - Die feministische Journalistin ortet einen "Racheakt"

Das bunte Faschingstreiben in Köln wird in diesem Jahr für die Frauen im mittelalterlichen "FrauenMediaTurm" (FMT) am Rheinufer vermutlich nicht besonders ausgelassen ausfallen. Das dort seit 1994 ansässige "Feministische Archiv und Dokumentationszentrum" steht vor dem Aus. Landesmittel von insgesamt 210.000 Euro sollen auf 70.000 Euro gekürzt werden. Am Dienstag erfuhren die Frauen rund um Alice Schwarzer, die das Archiv seit Anfang der 1980er Jahre aufbaute, via Lokalpresse, dass nun auch die Stadt Köln den finanziellen Hahn zudrehen will. Zu den Kürzungen der Landesregierung komme hinzu, dass die Stadt die Erlassung der Pacht für den historischen Turm in der Höhe von 16.146 Euro pro Jahr sowie die Förderung des Archivs in der Höhe von 50.000 Euro nicht einlösen werde, so Alice Schwarzer gegenüber dieStandard.at.

Status quo

Das Archiv habe mit einer kostendeckenden Subvention von Seiten des Landes in der Höhe von 210.000 Euro pro Jahr haushalten müssen, schreibt Alice Schwarzer in ihrem Blog. Damit konnten dreieinhalb Stellen, die Archiv- und Betriebskosten bezahlt werden. Vom damaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU) wurde diese Finanzierung 2008 für die nächsten zehn Jahre, also bis 2017, gesichert. Im März letzten Jahres erfuhren die Frauen des FMT, dass die NRW-Frauenministerin ihren Anteil von 70.000 Euro rückwirkend zum 1. Jänner 2011 gestrichen hatte. Im Dezember 2011 ließen die Ministerinnen für Wissenschaft und Kultur mitteilen, dass sie ihren Anteil von je 70.000 Euro für 2012 auf die Hälfte kürzen werden. Was dem gemeinnützigen Verein nun also bleibt, ist eine Summe von 70.000 Euro pro Jahr. Laut Schwarzer könnten damit lediglich die Betriebskosten des "Turms für Frauen allein" bezahlt werden.

Das "Feministische Archiv und Dokumentationszentrum" ist eines von insgesamt 38 dieser Art in Deutschland. Mit dem Bestand von 15.000 Büchern, 26.000 Zeitschriften, 33.000 Aufsätzen, 600 Presseordnern und dazu Plakaten, Filmen, Fotos und einer Chronik der Frauenbewegung ist es auch das größte in der BRD - zudem ist im FMT die "Emma"-Redaktion als eigenständiger Verlag untergebracht.

Racheakt der Grünen?

Die zuständigen PolitikerInnen erklärten, dass das Geld umgeschichtet werden soll - Frauenhäuser bräuchten das Geld dringender und Schwarzer habe aufgrund ihrer Prominenz bessere Chancen, Geld anzuwerben, als Frauenhäuser. Schwarzer kontert, dass die "Dokumentation und Erforschung der Ursachen häuslicher Gewalt genauso wichtig ist wie konkrete Hilfe". Zudem meint die deutsche Paradefeministin, dass hier verschiedene Fraueneinrichtungen gegeneinander ausgespielt würden. Kolportiert wird, dass ein Gros des Geldes an das Frauenkulturbüro in Krefeld verschoben würde. Schwarzer vermutet hinter den Kürzungen zudem einen Racheakt und eine Neuauflage eines alten Konflikts mit den Grünen.

Gegenüber dieStandard.at gibt Schwarzer zu bedenken, dass es auffalle, dass in "Deutschland nicht nur im Falle des FMT die Konservativen offener reagieren als die Sozialdemokraten und die Grünen". Im Land Hessen etwa habe die schwarz-gelbe Regierung die Förderung des in Kassel ansässigen Archivs zur Geschichte der Frauenbewegung nicht gesenkt, sondern erhöht. Welche Schlüsse kann frau daraus ziehen? "Auf jeden Fall schon mal den, dass es nicht geht, dass ein Frauenprojekt wie ein Archiv abhängig ist von parteipolitischer Vasallentreue seiner Betreiberinnen zu den jeweiligen Machthabern", so Schwarzer.

"Es ist ja kein Geheimnis, dass 1994 die Grünen und die ihnen verbundenen Kräfte partout in den Turm wollten. Die Grünen haben damals eine wirklich sehr schmutzige Kampagne losgetreten. Ich habe nicht damit gerechnet, dass eine grüne Ministerin, die aus Köln kommt, 18 Jahre später eine Neuauflage macht", wurde Schwarzer Ende Jänner bei Ö1 zitiert. Für sie ist es daher offensichtlich, dass die Landesemanzipationsministerin Barbara Steffens nicht davon abzubringen sei, den Rotstift beim "einzigartigen Archiv des Feminismus" anzusetzen. "Sie haben seither das Archiv mit allen Mitteln bekämpft - nicht immer mit fairen", schreibt Schwarzer in ihrem Blog. Die Grünen dementieren.

Unbeantwortete Briefe

Dass hinter den Kürzungen andere Frauen stehen, macht die Sache nicht gerade angenehmer für Schwarzer. Von der Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) sei sie enttäuscht, weil diese seit März 2011 auf insgesamt sechs, "von Mal zu Mal dringlicher werdende Briefe es nicht für nötig gehalten hat" zu antworten. Kulturministerin Ute Schäfer und Wissenschaftsministerin Svenja Schulze - beide von der SPD - halbierten in Einklang mit Kraft ebenso ihre Zuschüsse.

Was nun?

Kurzfristig, so Schwarzer gegenüber dieStandard.at, sei die Existenz des FMT durch private Spenden gesichert, wenn auch personell stark reduziert. Mittelfristig müsse sich der Vorstand erneut um private Förderer bemühen. Langfristig jedoch wünscht sich Schwarzer "eine institutionelle Verankerung des Archivs, so wie Ariadne in Österreich". Schwarzer gibt sich wie immer kämpferisch und betont, dass "der FMT weitermachen wird. Der Pachtvertrag für den ausgebauten Turm läuft bis 2063. Bis mindestens dahin wird der Turm Sitz des Archivs sein. Und ich hoffe, darüber hinaus." (dieStandard.at, 8.2.2012)

Links

FrauenMediaTurm

Blog von Alice Schwarzer

Emma - Das politische Magazin von Frauen

Ö1

Hinweis: In Österreich wird frau seit 1992 in Sachen feministische Geschichte und Frauenforschung in der Nationalbibliothek bei Ariadne fündig. Ebenso bietet Stichwort einen gut sortierten und großen Bestand an frauenspezifischer Literatur.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 47
1 2
legal eagle
 
00
15.2.2012, 11:21

kein mitleid. schwarzer ist selber oft genug mit recht eisernen stiefeln über andere [interessen] hinwegmarschiert.

p-hammer
10
13.2.2012, 16:35
Und sie verrennt sich weiter....

Auch wenn Schwarzer mit der Motivation der Subventionsstreichung vermutlich nicht (gänzlich) unrecht hat:
Aber den Alleinvertretungsanspruch für Feminismus, den sie vertritt, kann sie niemandem mehr einreden - insbesondere nicht seit ihren Ausritten in den letzten Jahren, wo sie (teilweise) mit rechtsaußen politisch im Gleichschritt marschierte.

Und angesichts ihrer ausgezeichneten Beziehungen zu Springer (siehe Abbildung) könnte sie sich ja dort einmal um Geld umsehen.

Im Übrigen würd ich schon sagen, dass Frauenhäuser - wenn's finanziell eng wird - wichtiger sind, als (öffentlich unzugängliche) private Dokumentationszentren.

denke
01
13.2.2012, 09:07

Wann wird das Geld zurückgezahlt?

Amy4
21
10.2.2012, 21:27
was ist der politik die frauenfrage/forschung/dokumentationszentrum wert?

da sieht frau mal wieder, wie wichtig der politik die frauenfrage ist. das archiv zeigt die "geschichte der frauenbewegung" - dort befindet sich viel wissenswertes, informationes, was allen über das internet zugänglich sind. schließlich sollte es um die inhalte gehen und nicht um persönliche animositäten zwischen der politik und einer feministin.
wenn ich bedenke, daß dem rolling-stones- museums-besitzer in lüchow, der jetzt aufgrund seiner peinlichen urinale-aktion ins gespräch gekommen ist, von der stadt 100.000 euro zugeschustert bekommt, dreht sich mir der magen um.

http://www.frauenmediaturm.de/bestand/

F.O.S.i. ("unnötig"=>Begründung!)
01
10.2.2012, 22:15

Das "Feministische Archiv und Dokumentationszentrum" ist eines von insgesamt 38 dieser Art in Deutschland. 38. Sie haben das gelesen oder? 38. Ist Kunst nichts Förderungswertes? Der Typ bekam 100.000 einmalig, das archiv bis jetzt 210.000 jährlich.

F.O.S.i. ("unnötig"=>Begründung!)
33

seit wann forscht ein archiv? sollten das nicht die unis tun, dort gibts doch genug gender dies gender das.

Pygar
 
224

Daran kann man sehen, wie viel Patriarchat wir alle noch erdulden müssen. Und wie wichtig es ist weiter zu kämpfen!

Der lachende Mann
12
10.2.2012, 14:24

Kämpen ist wichtig! Wird eigentlich auch archiviert, wieviele Soldatinnen per Wehrpflicht eingezogen wurden? Sie wissen da sicher näheres.

Captain Smoker
29

Das Patriarchat der Frauen in der Politik die Schwarzer ihr Privatunternehmen nicht mehr finanzieren wollen? Oder welches Patriarchat genau?

cat.
00

sie verwechseln patriarchat mit 'männern'.

Captain Smoker
00

Nein.

cat.
11

wenn sie mit ihrer ironischen antwort meinen, es könne nicht das patriarchat sein, da hier von frauen vollzogen, verwechseln sie es insofern, als da sie der meinung zu sein scheinen, frauen würden/könnten das patriarchat nicht stützen, weil sie ja frauen seien, und patriarchat bedeutet ja 'herrschaft der männer'.
feministin ist man demnach wohl auch anhand des geschlechts und nicht der politischen einstellung oder handlungen.
naja, wenn sie's so einfach haben möchten...dann kopieren sie das altfeministische dogma mann=unterdrücker, frau=unterdrückte, gegen das sie aber eigentlich argumentieren wollten.

ridentem dicere verum
00
10.2.2012, 12:21
und die möglichkeit,

frauen könnten sich der untwerfung unter fr. schwarzers willen verweigern, ohne vom patriarchat dazu genötigt zu werden oder diesem willfährig zu sein -

diese möglichkeit schließen sie aus?

Captain Smoker
10

Wären es andere Personen, dann hätte Frau Schwarzer gleich rumgeschrieen die "konservativen Männer" wollen die Gleichberechtigung stoppen und so ein wirres Zeug das man regelmässig von ihr hört. So kann sie nur schmollen weil man ihr diese mehr als überhöhten Förderungen nicht mehr gibt.

hans wurst
 
819
gut so!

Frau Schwarzer soll sich ihr Hobby selbst finanzieren. Andere, wesentlich entspanntere Frauen kriegen auch nicht Steuergeld hinten rein geschoben.

Neuer Nick neues Glück
218

Ariadne ist öffentlich zugänglich, das Schwarzer-Archiv nicht.
Eigentlich sollten die Subventionen komplett gestrichen werden.

frauenzimmer
15

ich vermisse die sonstige souveränität der dame. klingt alles ein bisserl zickig! warum lässt sie die öffentlichkeit nicht zu einem öffentlich geförderten projekt? nicht einsehbar!

susi strolcher
18
den unterschied

zwischen "alice schwarzer ist eine verdiente feministin" und " alice schwarzer ist der feminismus" hat sie nie richtig verstanden.

Karl, Herr
00
Das haben Sie mit einem Satz

sehr gut auf den Punkt gebracht. Schade eigentlich, weil sie damit ihre unbestreitbaren Verdienste selbst beschädigt.

Sven Dirks
012
Öffentliche Förderung für Privatprojekt

Laut einem Artikel in der TAZ ist das Museum öffentlich so gut wie nicht zugänglich. Der Zutritt wird, mit erheblichen Vorlaufzeiten, nach Gutsfrauenart geregelt.

Solange das so ist gibt es m.E. auch keinen Grund dieses (an sich durchaus erhaltenswerte!) Projekt mit Steuergeldern zu fördern.

Dass die EMMA dort ein Redaktionsbüro und Frau Schwarzer eine Wohnung unterhalten, gibt der Sache einen zusätzlichen unguten Anstrich!

Dennoch wird das Hauptmotiv der Kürzung wohl die Rache der Grünen dafür sein, dass Frau Schwarzer ihnen den Turm in 1a Rheinlage weiland vor der Nase weg geschnappt hat.

speakers corner
010
Das was hier mit keinem Wort erwähnt wurde stand letzte Woche im Spiegel:

Der Hauptgrund warum das Geld zusammengestrichen wurde, ist das Schwarzer die Bibliothek nicht öffentlich zugänglich machen wollte.
Wer der Öffentlichkeit nichts zur Verfügung stellt, darf halt auch nicht erwarten etwas von ihr zu bekommen.

Susanne_B
00

Das stand so nciht im Spiegel. Dort wurde zwar behauptet, dass Archiv sei nicht öffentlich zugänglich. Dort wurden auch Vorwürfe von Besucherinnen laut, sie hätten kein Diktiergerät verwenden dürfen. Dass das der Grund für die Subventionskürzung wäre, hat der Spiegel aber nicht behauptet.

Wolfgang Ullram
413
naja

lebt die im elfenbeinturm?
alle öffentlichen mittel werden zurückgestutzt.
auch in de, auch in köln

mit welcher annahme denkt fr. schwarzer, dass es
weniger geld für
erziehung
gesundheitssystem
öff. verkehr
rentner
usw,. geben soll, aber grade die "fraueneinrichtung" genau dieselben mittel in der selben höhe weitergezahlt kriegen soll?

warum sieht sie sich nicht nach sponsoren um,

wieso muss die allgemeinheit "IHR LEBENSWERK" finanzieren, wenn sie selber nichts dafür tut?

Captain Smoker
211
300.000

Habe ich das richtig gelesen? Insgesamt hat(hätte) Frau Schwarzer fast 300.000 Euro erhalten?

Wenn man bedenkt was man mit dem Geld für sinnvolle Dinge machen könnte von denen auch wirklich viele Frauen etwas haben.

Susanne_B
11

Beispielsweise 3 Arbeitsplätze sichern? Sie tun ja geradezu so, als hätte Fr. Schwarzer das Geld in KLeidung, Schuhe und Friseur investiert...

Kommentar posten
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