Höhenflüge der "weiblichen Natur"

Kommentar |
  • Nur Frauen können schwanger werden - aber müssen sie deshalb gleich ihre "weibliche Natur" beschwören?
    foto: ap/jens meyer

    Nur Frauen können schwanger werden - aber müssen sie deshalb gleich ihre "weibliche Natur" beschwören?

In der alternativen Geburtshilfe tümmeln sich reaktionäre Vorstellungen von Natur und Weiblichkeit

Erst kürzlich berichteten wir auf diesen Seiten von einer relativ neuen Geburtsmethode, die sich selbst als ganzheitlich begreift: Die HypnoBirthing-Methode liefert zusätzlich zu den Übungen zur Selbsthypnose auch noch eine Geburtsphilosophie frei Haus: der weibliche Körper sei "ein vollkommenes Instrument der Natur", der geistig dazu in die Lage versetzt werden kann, sich so weit zu entspannen und zu öffnen, dass eine Geburt schmerzarm bis schmerzfrei geschehen könne.

Natur als Norm

Im Buch zur Methode wird kritisiert, dass unsere westliche Kultur und Medizin den Geburtsschmerz zu Unrecht als "natürlich" respektive "gottgewollt" darstelle. Autorin Mongan hält dagegen, dass die (von Gott geschaffene) Natur einen so alltäglichen wie natürlichen Vorgang nicht mit Schmerzen belegen würde.

Es ist eine Weltsicht, die das Reine, Schöne und Gute auf unserem Planeten mit Natur verbindet. Und sie sagt weiter: je mehr sich Frauen "ihrer Natur" öffnen, desto mehr könnten sie von der Perfektion der Natur profitieren. Ein Blick über den Tellerrand der westlichen Zivilisation genüge, um zu begreifen wie viel einfacher und schmerzärmer Frauen in "weniger kultivierten Gesellschaften" gebären. Ob sich die Frauen dort wohl so "ursprünglich" begreifen, wie sie von westlichen Autorinnen imaginiert werden?

Natur als Makel

Neben diesem postkolonialistischen Aspekt ergeben sich bei dieser Perspektive noch weitere Probleme aus feministischer Sicht. Bei der Glorifizierung der "weiblichen Natur" wird nämlich nicht mitgedacht, dass Frauen über Jahrtausende gerade wegen ihrer Fähigkeit, Leben hervorzubringen, als "näher zur Natur" klassifiziert und geächtet wurden. Die gesellschaftliche Minderbewertung von Frauen speist sich unter anderem aus der Zuordnung der Frau zur Natur und des Mannes zur Kultur. Bis heute werden etwa Gehaltsunterschiede damit legitimiert, dass Frauen gewisse Dinge eben von Natur aus besser können und ihre Leistung deshalb weniger wert ist.

Weit verbreiteter Ansatz

Das Problem ist, dass nicht nur Frau Mongan so argumentiert, wenn sie Frauen zu einer schmerzfreien Geburt verhelfen will. Die hebammenzentrierte Geburtshilfe als Ganzes ist inzwischen auf das Ideal der natürlichen und sanften Geburt ausgerichtet, in der es gilt medizinische Eingriffe, geburtseinleitende Maßnahmen wie auch die Gabe von Schmerzmitteln so weit wie möglich zu vermeiden.

Diese Positionen haben in einzelnen Fällen ihre Berechtigung. Sie führen als Norm betrachtet aber auch zu absurden Situationen, in denen Frauen dafür gelobt werden, dass sie zwei Tage in den Wehen liegen konnten, oder dass sie eine Geburt ohne Schmerzmittel überstanden. Es ist ein Ansatz, der ohne es bewusst zu wollen, Leidensfähigkeit zur Stärke erhebt und Schwangeren auferlegt, tapfer sein zu müssen, wenn sie mit sich zufrieden sein wollen.

Wo sind die Alternativen?

Frauen brauchen medizinische, inhaltliche und moralische Begleitung während der Schwangerschaft, das ist klar. Vor allem, wenn sie zum ersten Mal ein Kind bekommen. Für Schwangere, die einerseits der Schulmedizin wegen ihres pathologisierenden Zugangs skeptisch gegenüber stehen, aber anderseits auch nicht einsehen, sich einem unreflektierten Natur-Begriff zu unterwerfen, nur weil sie ein Kind bekommen, ist diese schwierig zu bekommen: Es gibt derzeit keine Alternativen!

In diesem Sinn wäre es höchste Zeit für eine geburtshilfliche Strömung, die der fortgeschrittenen politischen Diskussion zu Geschlecht und Natur auch standhalten könnte. Ein Anfang wäre schon einmal damit gemacht, Schwangere nicht mehr in erster Linie als Gattungswesen anzusprechen, sondern als Menschen, die Hilfe brauchen, ihr Kind auf die Welt zu bringen. (dieStandard.at, 14.2.2012)

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