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Nur Frauen können schwanger werden - aber müssen sie deshalb gleich ihre "weibliche Natur" beschwören?
Erst kürzlich berichteten wir auf diesen Seiten von einer relativ neuen Geburtsmethode, die sich selbst als ganzheitlich begreift: Die HypnoBirthing-Methode liefert zusätzlich zu den Übungen zur Selbsthypnose auch noch eine Geburtsphilosophie frei Haus: der weibliche Körper sei "ein vollkommenes Instrument der Natur", der geistig dazu in die Lage versetzt werden kann, sich so weit zu entspannen und zu öffnen, dass eine Geburt schmerzarm bis schmerzfrei geschehen könne.
Natur als Norm
Im Buch zur Methode wird kritisiert, dass unsere westliche Kultur und Medizin den Geburtsschmerz zu Unrecht als "natürlich" respektive "gottgewollt" darstelle. Autorin Mongan hält dagegen, dass die (von Gott geschaffene) Natur einen so alltäglichen wie natürlichen Vorgang nicht mit Schmerzen belegen würde.
Es ist eine Weltsicht, die das Reine, Schöne und Gute auf unserem Planeten mit Natur verbindet. Und sie sagt weiter: je mehr sich Frauen "ihrer Natur" öffnen, desto mehr könnten sie von der Perfektion der Natur profitieren. Ein Blick über den Tellerrand der westlichen Zivilisation genüge, um zu begreifen wie viel einfacher und schmerzärmer Frauen in "weniger kultivierten Gesellschaften" gebären. Ob sich die Frauen dort wohl so "ursprünglich" begreifen, wie sie von westlichen Autorinnen imaginiert werden?
Natur als Makel
Neben diesem postkolonialistischen Aspekt ergeben sich bei dieser Perspektive noch weitere Probleme aus feministischer Sicht. Bei der Glorifizierung der "weiblichen Natur" wird nämlich nicht mitgedacht, dass Frauen über Jahrtausende gerade wegen ihrer Fähigkeit, Leben hervorzubringen, als "näher zur Natur" klassifiziert und geächtet wurden. Die gesellschaftliche Minderbewertung von Frauen speist sich unter anderem aus der Zuordnung der Frau zur Natur und des Mannes zur Kultur. Bis heute werden etwa Gehaltsunterschiede damit legitimiert, dass Frauen gewisse Dinge eben von Natur aus besser können und ihre Leistung deshalb weniger wert ist.
Weit verbreiteter Ansatz
Das Problem ist, dass nicht nur Frau Mongan so argumentiert, wenn sie Frauen zu einer schmerzfreien Geburt verhelfen will. Die hebammenzentrierte Geburtshilfe als Ganzes ist inzwischen auf das Ideal der natürlichen und sanften Geburt ausgerichtet, in der es gilt medizinische Eingriffe, geburtseinleitende Maßnahmen wie auch die Gabe von Schmerzmitteln so weit wie möglich zu vermeiden.
Diese Positionen haben in einzelnen Fällen ihre Berechtigung. Sie führen als Norm betrachtet aber auch zu absurden Situationen, in denen Frauen dafür gelobt werden, dass sie zwei Tage in den Wehen liegen konnten, oder dass sie eine Geburt ohne Schmerzmittel überstanden. Es ist ein Ansatz, der ohne es bewusst zu wollen, Leidensfähigkeit zur Stärke erhebt und Schwangeren auferlegt, tapfer sein zu müssen, wenn sie mit sich zufrieden sein wollen.
Wo sind die Alternativen?
Frauen brauchen medizinische, inhaltliche und moralische Begleitung während der Schwangerschaft, das ist klar. Vor allem, wenn sie zum ersten Mal ein Kind bekommen. Für Schwangere, die einerseits der Schulmedizin wegen ihres pathologisierenden Zugangs skeptisch gegenüber stehen, aber anderseits auch nicht einsehen, sich einem unreflektierten Natur-Begriff zu unterwerfen, nur weil sie ein Kind bekommen, ist diese schwierig zu bekommen: Es gibt derzeit keine Alternativen!
In diesem Sinn wäre es höchste Zeit für eine geburtshilfliche Strömung, die der fortgeschrittenen politischen Diskussion zu Geschlecht und Natur auch standhalten könnte. Ein Anfang wäre schon einmal damit gemacht, Schwangere nicht mehr in erster Linie als Gattungswesen anzusprechen, sondern als Menschen, die Hilfe brauchen, ihr Kind auf die Welt zu bringen. (dieStandard.at, 14.2.2012)
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Werte Frau Freudenschuss, dann empfehle ich die Lektüre von "Gebären ohne Aberglauben" von Alfred Rockenschaub.
Das ist sogar ein pöser männlicher Gynäkologe, der sich aber selbst als Feministen bezeichnet (hat entscheidend die Legalisierung der Fristenlösung in Ö unterstützt) und dem alternativen Psychologismus und Naturalismus auch nichts abgewinnen kann.
Der kann Ihnen schön erklären, wie medizinisch korrekte und sozial kompetente Geburtsbegleitung ablaufen sollte und wieso man das zwar häufig bei Hebammen auch nicht kriegt, aber wieso die medizinischen Risiken der klinischen Geburts"hilfe" weitaus gefährlicher sind.
Frohe Lektüre, dann gibt es hoffentlich auch wieder eine Buchbesprechung dazu.
Meine Antwort ist zu lang für das Kommentarfeld. Sie ist hier zu lesen:
http://www.rund-und-gluecklich.de/blog/reak... chkeit.php
Lesenswert. Männer sind genauso natürlich, auch wenn das vorhersagbare Auftreten einer Erektion in allen unmöglichen Lebenslagen was Mechanistisches an sich hat :D
Mir ist mal Folgendes aufgefallen:
Wir Menschen können nichts, NICHTS machen und erfinden und rausfinden, was NICHT Natur wäre. Alles, was unsere Phantasie hergibt, sogar die seltsamsten Verhaltensweisen und das komischste Aussehen seltsamster Science Fiction-Wesen hat ein Äquivalent auf unserer Erde, das wissen die Autoren oft nicht mal.
Auch Dinge aus Blech machen gehört zu unserem Phänotyp und orientiert sich - mehr und mehr bewusst - an Mechanik und Verhalten von Lebewesen. Ich könnte 3842 Beispiele nennen, aber das Feld ist zu klein und das wäre tl;dr.
anstelle einer verquasten "ganzheitlichkeit" begrüße, welche das "natürliche" idealisiert (daß früher die frauen reihenweise bei der geburt oder im kindbett starben, war "natürlich" - hygiene und medizinisches können sind es nicht, sondern kulturleistungen) - so sehr befremdet es mich, daß auch dieser sehr gute artikel dann wieder den schlenker hin zu einer politisch-verkrampften, ober in gewissen feministischen kreisen offenbar politisch korrekten zumindest unterschwelligen schuldzuordnung an die männlichkeit macht:
weiter siehe teil 2
Das mit dem im Kindbett sterben...da war doch was mit Ignaz Semmelweis, in der Klinik, wo er tätig war, hat man Leichen und dann lebende Schwangere/Gebärende untersucht und als er gemeint hat, es würd gegen den Tod helfen, sich a bissl die Finger dazwischen zu waschen, habens ihn doof angeschaut...
aber diese neuheit hat er auch nicht von irgendwelchen naturheilerinnen gehabt. hygiene ist, wenn man so will, "unnatürlich", weil eine kulturleistung
am "kindbettfieber" infiziert haben sich übrigens auch viele frauen, die nie einen arzt, geschweige denn einen auch als pathologe tätigen, gesehen haben
"Die gesellschaftliche Minderbewertung von Frauen speist sich unter anderem aus der Zuordnung der Frau zur Natur und des Mannes zur Kultur. Bis heute werden etwa Gehaltsunterschiede damit legitimiert, dass Frauen gewisse Dinge eben von Natur aus besser können und ihre Leistung deshalb weniger wert ist"
ist das denn wirklich so?
ich finde es schade, daß ein an sich sehr guter artikel sich wieder entwertet durch diesen offenbar pflichtbewußten einwurf, daß eben irgendwie doch wieder die mänenr schuld oder zumindest anzuklagen wären. ein solches imho krampfhaftes verständnis von feminismus erweist dem anliegen der gleichberechtigung keinen guten dienst
Ich bin aber nicht der Meinung, dass Schmerzen sein müssen, sondern nur anzeigen, wenn was falsch rennt. Ich habe ca. 70-80 Stunden Wehen studiert, und die waren, solange sie physiologisch korrekt waren, schmerzlos. Nur falsche Wehen, also nicht der göttlichen Natur des Weibes entsprechend, waren schmerzhaft.
Und natürlich gibt es Alternativen. In der Praxis gibt es sehr viel mehr als die beliebten Reizthemen. Man kann sich die ganzen Glaubensrichtungen anhören, aber es wird doch wohl kaum eine Frau so selbstzerstörerisch sein, nur weil jemand die Natur so betont und sie das reaktionär findet, deswegen gleich was Unnatürliches zu machen.
Ich glaube eher, Frauen wie Sie, Frau Freudenschuss, fühlen sich von den Meinungen anderer ganz unemanzipiert gleich unterdrückt. Mir war das immer wurscht. Das war immer meine Sache.
Und Hilfe braucht eine Frau, die ein Kind bekommt, nicht. Beim ersten Mal hat sie vielleicht ein bissl Lampenfieber, aber sobald sie weiß, wie es geht und dass sie es kann, ist Hilfe eher schädlich als nützlich.
Ich bin auch so eine reaktionäre Gebärmutter und stelle fest, Sie haben da komplett was mistverstanden.
"Sie führen als Norm betrachtet aber auch zu absurden Situationen, in denen Frauen dafür gelobt werden, dass sie zwei Tage in den Wehen liegen konnten, oder dass sie eine Geburt ohne Schmerzmittel überstanden. Es ist ein Ansatz, der ohne es bewusst zu wollen, Leidensfähigkeit zur Stärke erhebt und Schwangeren auferlegt, tapfer sein zu müssen, wenn sie mit sich zufrieden sein wollen."
Das verstehen viele so, wird aber niemals so gesagt. Ich weiß nicht, woher das kommt, aber das Leiden wird sicher niemals als positiv angesehen, ganz im Gegenteil. Zwei Tage Wehen kann es geben, aber zwei Tage Leiden darf nicht sein, auch in der Natur nicht.
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