Seitdem in Indien Homosexualität nicht mehr strafbar ist, versuchen ReiseveranstalterInnen, das Land für LGBTIQ-Personen zu attraktivieren
"Widerlich - früher hat man euch in Gaskammern gesteckt", hörte ein lesbisches Paar von einer Passantin, als sie sich vor dem Grazer Kunsthaus küssten. Derartige Beschimpfungen und Attacken gehören für Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle vielfach immer noch zum Alltag. Dass sich vor derartigen verbalen Übergriffen viele zumindest im Urlaub schützen wollen, erklärt vielleicht, warum immer mehr LGBTIQ-Personen ihre Ferien an sogenannten "Gay-Friendly" Destinationen verbringen. Gleichzeitig haben auch die TouristikerInnen erkannt, dass diese UrlauberInnen - meist ohne Kind und Kegel - recht zahlungskräftig sein können.
Klassische Reiseziele für EuropäerInnen sind beispielsweise San Francisco und New York in den USA, Barcelona, Mykonos und einige Städte im nördlichen Europa, Thailand und Hongkong in Asien. Vor rund zwei Jahren setzte Israel mit einer Kampagne auf LGBTIQ-TouristInnen, und auch Indien öffnete sich vor kurzem der Community.
Paragraf 377
Als Thomas Roth zum ersten Mal Indien besuchte, wurde er oft nach seiner Frau und ihren Kindern gefragt. Das war vor 30 Jahren, als Homosexualität in Indien noch strafbar war. Erst 2009 hat das Oberste Gericht Indiens das 150 Jahre geltende Verbot der Homosexualität aufgehoben und den Paragrafen 377 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Eine staatliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Paare besteht in Indien bisher aber nicht.
"Wie die meisten Homosexuellen vor 30 Jahren war auch ich in Indien unsichtbar", sagt Roth, der in San Francisco ein LGBT-Marktforschungsinstitut leitet. Inzwischen gibt es vor allem in den indischen Metropolen LGBTIQ-Paraden und -Partys. "Homosexuelle BesucherInnen können in Indien inzwischen alles haben", erklärt er. Eine Umfrage von Roths Firma in den USA ergab, dass Indien gleich nach Thailand die am zweithäufigsten gewünschte Destination unter Homosexuellen ist.
Umdenken und Öffnen
Das durch den Obersten Gerichtshof Indiens getätigte Urteil impliziert auch ein langsames Umdenken in Indiens Gesellschaft. Vor vier Jahren gab es kein einziges Tourismus-Unternehmen in Indien, das sich auf Homosexuelle spezialisierte. Inzwischen listet die International Gay and Lesbian Travel Association (IGLTA) sieben Gay-Friendly oder ausschließlich LGBTIQ-Reisebüros in Indien.
"Vor fünf Jahren hatte die homosexuelle Community bei Reisen nach Indien noch schlimme Befürchtungen. Inzwischen kann man es als LGBTIQ-Person bedenkenlos bereisen - ohne sich als heterosexuell ausgeben zu müssen", erklärt Sanjay Malhotra, Besitzer des "Indjapink", Indiens erstem Homosexuellen-Reisebüro. Begonnen hat Malhotra mit 20 KlientInnen, inzwischen sind es mehr als 100. Die angebotenen Touren reichen von Flitterwochen-Paketen bis hin zu Safaris oder einem Abendessen im Kerzenlicht. Besonders beliebt sei das Zusammentreffen der TouristInnen mit der lokalen Homosexuellen-Community. Auch Hochzeiten nach traditionellen hinduistischen Riten werden in seinem Büro angeboten und vermittelt.
Homophobie abbauen
Mittlerweile können LGBTIQ-TouristInnen auch ohne ReiseveranstalterIn nach Indien reisen. Als beispielsweise der Ökonom Wu Quing mit seinem Partner Nordindien individuell bereiste, habe er sich nie unwohl gefühlt. "In Indien kommt es relativ häufig vor, dass zwei Jungen Händchen halten", sagt Wu, der in San Francisco lebt, und fügt hinzu, dass sie sich "in Indien als homosexuelles Paar ziemlich sicher fühlten". Vor homophoben Übergriffen nie ganz gefeit, versuchen die ReiseveranstalterInnen dennoch dafür zu sorgen, dass auch das Personal den BesucherInnen gegenüber nicht übergriffig wird. "Ich verstehe es als meine Pflicht, dafür zu sorgen, dass Taxifahrer nichts Anstößiges sagen", sagt Abhinay Goel, Inhaber von "Journey Out" in Neu-Delhi.
Typischerweise reichen die angebotenen Pakete vom Mittelklasse- bis hin zum Luxusurlaub. Der Großteil der Kundschaft kommt aus den USA und Australien. Das Gros der LGBTIQ-ReiseveranstalterInnen versucht vor allem Schwulen gerecht zu werden, obwohl die Marktforschung von Roth ergab, dass es hauptsächlich Lesben aus Nordamerika sind, die es nach Indien zieht. "Wir können uns nicht wirklich als LGBT-Veranstalter bezeichnen, wenn wir nicht etwas für den L-Teil der Community machen", so Goel selbstkritisch. Er plane ein spezielles Paket für lesbische Touristinnen.
Homosexualität als "Krankheit"
Indien liegt aber, gemessen an der homosexuellen BesucherInnenzahl, nach wie vor weit hinter den Destinationen Hongkong und Thailand. Die ReiseveranstalterInnen beklagen, dass es schwierig sei, mit Hongkong oder Thailand zu konkurrieren, wenn die Unterstützung der Regierung ausbleibe. "Sie müssten nur sagen, dass homosexuelle Reisende in Indien willkommen sind", so Goel. "Diese kleine Aussage könnte die Türen wirklich weit öffnen." Dass der indische Gesundheitsminister erst im vor wenigen Monaten Homosexualität als Krankheit bezeichnete, dürfte den Anliegen der ReiseveranstalterInnen nicht wirklich zugutekommen. (eks/Reuters, dieStandard.at, 16.2.2012)