Schau, kein neuer Tag fängt an!

Gastkommentar
  • Im Musical "Cats" werden genderbezogene, ethnische und soziale Unterschiede perpetuiert.
    foto: reuters/heinz-peter bader

    Im Musical "Cats" werden genderbezogene, ethnische und soziale Unterschiede perpetuiert.

Julia Hofmann ist auf eine altbackene Story mit sexistischen und rassistischen Stereotypen gestoßen

Nach einer 20-jährigen Durststrecke gastiert das Kultmusical "Cats" derzeit wieder in Wien. Das in den 1980er Jahren von Peter Weck nach Wien geholte Stück von Andrew Lloyd Webber galt damals quasi als revolutionär. Über zwei Millionen ZuschauerInnen - "vom Kind bis zur Großmutter" - waren entzückt von dieser neuen Musikgattung und seiner peppigen Inszenierung.

Blickt man jedoch auf den Inhalt und nicht auf den Stil von Cats, zeigt sich schnell, dass es ganz und gar nicht als emanzipatorisch oder "revolutionär" bezeichnet werden kann. Das von dem konservativen britischen Lyriker T.S. Eliott geschriebene Stück ist gespickt voll von sexistischen, ethnifizierenden und klassistischen Anspielungen.

So finden sich in den oberen Rängen der Katzenhierarchie neben dem weisen Kater Alt-Deuteronimus nur männliche Katzen, wie der Beschützer der Katzen Munkustrap oder der machoide Rum-Tum-Tugger, dem kein weibliches Katzenherz entgeht. Den Katzendamen kommt in Cats die Rolle der unscheinbaren Anbeterinnen männlicher Katzenhelden oder der ordnungsliebenden Hauskatzen zu. So ist es die einzige Aufgabe der ansonsten so faulen Katze Jenny Fleckenreich Mäusen und Kakerlaken Manieren beizubringen.

Nur eine weibliche Katze sticht in dem Stück heraus: Grizabella. Die ehemals schöne und berühmte Glamour-Katzendame hat sich an ihrem Erfolg ihre kleinen Pfötchen verbrannt und fristet nun als obdachlose und vereinsamte Katze ihr Katzenleben dahin. Am Ende des Stückes wird die verarmte Katze - dem Katzenhimmel sei Dank - doch noch von dem weisen Kater Alt-Deuronimus gerettet.

Neben diesen offensichtlichen Sexismen ist Cats auch nicht frei von Klassizismen: Grizabellas Elend wird als selbstverschuldet dargestellt und kontrastiert mit dem erfolgreichen Dandy-Kater Bustopher Jones, der fett und reich, wie er ist, jede Katzendame haben kann.

Der bedenkliche Inhalt des Musicals wird von der Inszenierung weiter unterstützt. So wälzen sich Katzendamen das ganze Stück hindurch lasziv am Boden oder fallen in Ohnmacht, wenn der heiße Kater Rum-Tum-Tugger in ihre Nähe kommt. Den IntendantInnen des Stücks war es auch nicht zu schade, mit rassistisch anmutenden Stereotypen zu spielen: So werden die gefürchteten Piratenkater, gegen die der Kater Growltiger kämpfen muss, als eine Horde kleiner asiatischer Katzen mit Schlitzaugen und Chinesenhüten dargestellt. Versuche der emanzipatorischen Wendung des Stückes finden sich in der derzeit in Wien gastierenden Aufführung keine. Dazu bleibt mit den Worten Grizabellas nur eines zu sagen: "Schau, (kein) neuer Tag fängt an..." (dieStandard.at, 28.02.2012)

Zur Person:

Julia Hofmann arbeitet als Soziologin am Institut für Soziologie (Universität Wien).

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Das darf doch nicht wahr sein. Wie verzopft kann man sein?

Cats?
Cats.
Cats!
CATS!!

http://www.youtube.com/watch?v=Hhx382_NAYw

das sind auch solche sexisten!!!

"für kätzinnen gabs sekt. für katzer kätzinnen ins bett"

Vorschlag für ein Musical:

Eine Gruppe von Katzen wird von deutschen Doggen bedroht.
Die Kater sind nicht mutig genug, der Gefahr alleine entgegen zu treten.
Eine transsexuelle Katzenkönig führt daher die geschlechtsneutrale Wehrpflicht für alle Katzen ein.
Die weiblichen Katzen schreiten voran und stecken die Kater mit ihrem Mut an.
Am Ende sind die deutschen Doggen so beeindruckt, dass sie sich von einem afrikanischen Wissenschaftler zu Hund-Katzen-Mischwesen umoperieren lassen.

Prima la musica, dopo le parole

Das war die Antwort von Antonio Salieri auf eine zu seiner Zeit höchst umstrittene Frage. Hätte die humorlose Dame Saleris Antwort akzeptiert, hätte sie niemals diesen lächerlichen Text verbrochen.

Webber selbst hat sich an den Rat des Antonio nicht gehalten. Denn die Entstehungsgeschichte des Musicals berichtet von einer Vertonung von Gedichten. Erst sind die Worte gewesen, dann ist die Musik gekommen. Warum Frau Hofmann - die ja außerhalb des Musikbereichs arbeitet - sich ausgerechnet bei der Verfassung eines Zeitungsartikels, der für gewöhnlich ohne Begleitmusik auskommt, an den Rat des Komponisten halten sollte, erschließt sich mir nicht.

wie bitte kommt man auf die idee,

so was wie ein musical wolle "emanzipatorisch oder "revolutionär"" sein?

da könnt man ja glich fordern, operetten müßten zum klassenkampf aufrufen oder hansi hinterseer für das adoptionsrecht auch für transsexuelle streiten...

Dem möchte ich doch widersprechen

Ich erinnere u.a. an das Musical "West Side Story", in dem es um Jugendkriminalität und bandenübergreifende Liebe geht. Vorbild "Romeo und Julia". Dann fällt mir "My Fair Lady" ein, in dem es um sozialen Aufstieg durch Bildung und Emanzipation geht. Vorbild "Pygmalion". Beides sind deutlich ältere Musicals als Cats, und dennoch deutlich moderner als dieses.

Also die Kunstform "Musical" schließt Niveau nicht unbedingt aus. Aber ich gebe zu, dass es in diesem Fach auch sehr viel Schmarren gibt.

Im Übrigen ist es ein uraltes besonders deutsches Vorurteil (als Folge des Deutschen Idealismus), dass U-Kultur nur seicht sein könne und E-Kultur notgedrungen fad sein müsse.

die "west side story" ist aber auch aus einer anderen zeit

was heute als "musical" gilt und verramscht wird, hat damit leider wenig bis nichts zu tun

und insbesondere bei lloyd-webber ist halt auch nur lloyd-webber drin

und zwischen "pygmalion" und "my fair lady" gibts auch einen wesentlichen unterschied, aber das wissen sie vermutlich auch selber

Frau Hofmann, ich möchte Ihnen als Trost sagen: Cats ist so grottenschlecht gemacht, dass davon keine ernste Gefahr ausgeht. Etwas anderes wäre es, wenn es raffiniert und ausgeklügelt wäre. Aber nö: das drischt einfach drauflos. Da geht man hin (wenn man schon hingeht) und erwartet sich Thomas Brezina auf Radio Arabella.

ich werde ab dem heutigen tage meine leichten muskelfaserrisse nach dem sport nur mehr als muskelkatze (früher muskelkater) titulieren.
hoffe das ist so ok.

"Im Musical "Cats" werden genderbezogene, ethnische und soziale Unterschiede perpetuiert"

.
ach Du sch***!

T.S. Eliot ist 1888 geboren!

womöglich findet fra/man auch noch heraus, dass in manchen geschichten von Karl May, Wilhelm Busch, Erich Kästner, Arthur Conan Doyle, Charles Dickens, Honoré de Balzac oder Lorenzo da Ponte
genderbezogene, ethnische oder soziale unterschiede perpetuiert wurden?

Das Musical selbst kommt aber 1980, da war die Welt was das Frauenbild betrifft schon ein bisschen weiter, würde man meinen. Man kann ja außerdem im Rahmen der Inszenierung auswählen, welche Aspekte man wieviel betont und wie sehr man ein Stück modernisiert. Und man kann sich auch aussuchen, ob man etwas überhaupt aufführt oder nicht.

Es ist schon klar, dass jedes Werk aus einer bestimmten Zeit und einem bestimmten Hintergrund kommt, aber man muss diesen Hintergrund nicht unbedingt mitnehmen.

Man würde ja heutzutage auch zum Beispiel in einer Lesung die antisemitischen Passagen bei Wilhelm Busch nicht einfach so ungschaut übernehmen.

wieso

weiter ?

Nun, es ist natürlich Ansichtssache, aber ich finde schon, dass viele gesellschaftliche Neuerungen zwischen 1888 und 1980 (Frauenwahlrecht, Zugang von Frauen zu Universitäten etc.) ein Fortschritt waren.

Na, aber wenn man dann solche Artikel liest, könnten einem glatt Zweifel kommen...

beim Wahlrecht

hab ich so meine Zweifel

nicht auf marc twain vergessen-in seinem büchern wird sogar das n-wort verwendet...

Nicht mehr lange. Da ist inzwischen schon eine Ausgabe in Arbeit, wo es durch "Sklave" ersetzt wird. Aber scheinbar ist es kein Problem die Geschichte zu verfälschen, nur damit sie aus heutiger Sicht politisch korrekt ist.

Und Binnen-I haben May, Busch, Kästner auch nicht verwendet, Wahnsinn eigentlich.

Schnell umschreiben, Frau Hofmann!

Oh, ich merke es: hier wird mit Blick durch die Katzenbrille gepostet. Die Antwort auf Hoffmanns Kritik ist natürlich Quatsch: Denn bereits in den 80ern - und das war ja nicht gerade das Mittelalter - war die Story schon öd und kindisch. Die Musik ist im Gegensatz dazu kitschig und einfallslos. Webber bürgt für konstante Qualtität.

Das ganze Zeug hat den gleichen Mief wie Barbiepferdchen mit wasserstoffblonden Mähnen, rosafarbene Plüschherzen, Zigeunerinnen über dem Sofa und Zierpölster, auf denen treuherzig tränende Hundeaugen gestickt sind.

Aber gegen dieses übermächtige Mittelmaß kann man nicht anstinken. Daher muss das Musical "Cots" über den grünen Klee gelobt werden, weil sonst bleibt ja nur mehr die Dodekaphonie übrig, oder?

Und ich dachte, nur der HC-man sieht immer und überall Feinde, Feinde, Feinde und böse Männer, die ihm irgendwas rauben wollen. ..

Eigentlich hatte ich erwartet,unter dem Text die Worte "Haha, war nur Spaß" o.Ä. zu finden. Leider nein,ernst gemeint.Und ich muss sagen,es ärgert mich.Ich bin in der für zukünftige Arbeitgeber "gefährlichen" Altersgruppe knapp unter Dreißig (also Karenz nicht ausgeschlossen), versuche,mich auf dem Arbeitsmarkt durchzusetzen, überlege,wie ich meine zukünftige Familie finanzieren werde, ob und wie und wo ich einen Betreuungsplatz für potentielle Kinder her bekomme,wie ich meine Karrierechancen trotz Kindern aufrecht erhalten kann,und DAS SIND DANN DIE THEMEN DIE HIER BEHANDELT WERDEN?Kein Wunder werden Frauen bei wichtigen Themen nicht ernst genommen, wenn es solche wie Frau H. gibt,die ein 30 Jahre altes Musical sehen und Sexismus schreien!

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