"Aufwachen und Mund aufmachen"

7. März 2012, 17:43
  • Die grüne Frauensprecherin Judith Schwentner vermisst Frauen in TV-Diskussionen. ORF-Talkerin Ingrid Thurnher auch - wenn sie nur kämen.
    foto: heribert corn

    Die grüne Frauensprecherin Judith Schwentner vermisst Frauen in TV-Diskussionen. ORF-Talkerin Ingrid Thurnher auch - wenn sie nur kämen.

Frauen seien bei Fernsehdiskussionen oft zu still, sagt ORF-Talkerin Ingrid Thurnher - Die grüne Frauensprecherin Judith Schwentner erwartet sich strategisches Bemühen

Standard: Heute, am Weltfrauentag, moderieren im ORF ausschließlich Frauen. Wichtiges Signal oder inhaltsleere Show?

Judith Schwentner: Ein schönes Zeichen. Allerdings wissen wir bereits, dass es viele kompetente ORF-Moderatorinnen gibt. Mir ist wichtiger, dass das Symbol weiterführt in Diskussionen, in denen sich öffentliche Meinung bildet.

Ingrid Thurnher: Es ist ein Zeichen, mit dem wir zeigen, dass Frauen da sind, und wir unser Programm problemlos 24 Stunden füllen könnten.

Standard: Bei Diskussionen nicht. Wieso?

Thurnher: Wir können die Wirklichkeit nur abbilden, aber nicht verändern. Das ist auch nicht die Aufgabe von Medien. In den hundert Topunternehmen haben wir eine Frauenquote von fünf Prozent. Da muss ich sagen, dass wir mit 28 Prozent bei Im Zentrum ordentlich aufgestellt sind.

Schwentner: Aber ganz so ist es nicht. Ich will gerne glauben, dass es manchmal mühsamer ist, aber grundsätzlich gibt es die Frauen, auch in Österreich. Das zeigen die Diskussionsformate ohnehin: Je später der Abend, umso eher rücken Frauen ins Bild.

Thurnher: Vor dem letzten "Club 2" sagte uns eine Richterin, sie käme wahnsinnig gerne, aber sie sei Alleinerzieherin, das Kind habe Windpocken, sie wisse nicht, wie sie das bewältigen solle. So ein Argument haben wir übrigens von Männern noch nie gehört. Bei "Im Zentrum" über den WKR-Ball haben uns sage und schreibe 22 Frauen abgesagt.

Schwentner: Es ist ein strategisches Bemühen, das ich mir vom ORF erwarten würde.

Thurnher: Ich habe manchmal das Gefühl, wir verwenden die meiste Zeit der Vorbereitung damit, Frauen zu suchen.

Schwentner: Und wie ist es mit Männern?

Thurnher: Überhaupt kein Problem.

Schwentner: Es gäbe die Möglichkeit, eine Liste anzulegen mit Frauen, die kommen ...

Thurnher: Wir haben eine Datenbank mit mehr als 2500 Leuten.

Standard: Diskutieren Frauen im Fernsehen anders?

Thurnher: Politiker stehen immer im Wettbewerb um Redeanteil, egal ob Frauen oder Männer.

Schwentner: Der Redeanteil von Politikerinnen ist trotzdem nur bei 23,5 Prozent. Wie kann das sein?

Thurnher: Politikerinnen in der ersten Reihe stehen Männern um nichts nach. Umgekehrt gibt es Frauen, die wie die armen Hascherln immer wieder zur Tränke geführt werden müssen, damit sie etwas sagen. Sehr überspitzt, aber es gibt einige, bei denen man sich denkt: Sag endlich was. Einfach aufwachen und Mund aufmachen! Es fehlt vielen Frauen an Selbstbewusstsein.

Schwentner: Aber als Moderatorin können Sie genau das steuern.

Thurnher: Das mache ich ja auch.

Standard: Beim "Runden Tisch" ist die Quote eher mies?

Thurnher: Am Runden Tisch sitzen häufig die Klubobleute, und da gibt es nur eine Frau.

Schwentner: Aber wenn es das eine Mal nicht geht, sollte beim nächsten Mal besonderer Wert auf den Frauenanteil gelegt werden. Das gilt speziell für das Bürgerforum. Dazu gab es am 8. März vor einem Jahr eine Frauensendung - für mich eine Alibiveranstaltung.

Thurnher: Aber Sie sagen, wir müssen diese Frauenthemen setzen, und dann machen wir am Frauentag ein Bürgerforum, und es ist eine Alibiaktion - dann können wir es ja nicht richtig machen.

Schwentner: Wenn es bei dem einen bleibt, dann ja. Es heißt ja auch Bürgerforum und nicht Bürgerinnenforum.

Thurnher: Autsch. Also bei dieser gegenderten Wortwahl haben wir sicher Nachholbedarf. Ich persönlich glaube allerdings nicht, dass es irgendetwas an der Präsenz von Frauen in Chefetagen verändert, wenn man " Chefinnen" sagt.

Schwentner: Doch, die Summe macht''s aus.

Standard: Wird über diskutierende Frauen härter geurteilt als über Männer?

Schwentner: Eine Frau, die auftritt wie ein Mann, gilt sofort als " aggressiv". Ich weiß das aus eigener Erfahrung mit aggressiven Mails.

Thurnher: Ich kann Ihnen sagen, als Moderatorin kenne ich das auch.

Standard: Wie schafft man eine höhere Frauenquote bei Gästen?

Schwentner: Ich glaube, dass harte Themen nicht so interessant sind für Frauen, wenn nur Männer darüber diskutieren.

Thurnher: Für Kindererziehung sind Frauen zuständig, bei Finanzthemen Männer? Das will ich überhaupt nicht.

Schwentner: Es gibt Themen, die Frauen ungleich mehr betreffen. Teilzeit, vorzeitige Anhebung des Pensionsalters, Papamonat - wo gibt's diese Diskussion im ORF?

Thurnher: Wird schon kommen.

Schwentner: Gut, ich freu mich drauf.

(Das Gespräch moderierte Doris Priesching, DER STANDARD, Printausgabe 8.3.2012)

Judith Schwentner ist Grüne-Sprecherin für Frauen und Entwicklungspolitik sowie Abgeordnete.

Ingrid Thurnher moderiert ORF- Diskussionen zu aktuellen Themen und sonntags "Im Zentrum".

"Thurnher: Wird schon kommen."

Das hat sie doch nicht wirklich so gesagt?

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