Mädchen-Keller an Hauptbühne

  • Sarah Hostettler in Elfriede Jelineks FaustIn and out.
    foto: toni suter/t+t fotografie

    Sarah Hostettler in Elfriede Jelineks FaustIn and out.

Nichts Hysterisch-Monströses, schlicht alltägliche Struktur: Uraufführung von Jelineks "FaustIn and out" verzahnt mit Goethes "Faust 1-3"

Nur die halbe Wahrheit kann man sehen: In zwei ungleiche Lager wird das Publikum in Zürich geteilt. Während sich auf der großen Bühne des Schauspielhauses zwei Faust-Darsteller (Edgar Selge und Frank Seppeler) mit Goethes Gelehrtentragödie abmühen, ist ein kleiner exklusiver Kreis von Zuschauern in den Keller, in das mit Dämmschutz tapezierte Musikzimmer gebeten worden, um zwischen drei Frauen, den Akteurinnen von Jelineks Sekundärdrama, Platz zu nehmen.

Sicherlich, über einen kleinen Monitor hat man auch im Keller ein verschwommenes tonloses Bild von dem, was auf der Hauptbühne gerade vorzufallen scheint, und auch dort hinauf sollen Jelinek-Passagen aus dem Keller zugeschaltet werden, doch erst wenn nach eineinhalb Stunden Edgar Selge als Faust halbnackt mit einer Axt in den Keller stürmt, wenn er die Zuschauer dort bittet, bereitgelegte Trenchcoats anzuziehen, sie in diesem Kostüm auf die Bühne geleitet und ihnen dann Sitzplätze für die "Gretchentragödie" zuweist, werden Goethes und Jelineks Stück miteinander verzahnt.

Nach Abraumhalde (zu Lessings Nathan der Weise) hat Elfriede Jelinek mit FaustIn and out ihr zweites "Sekundärdrama" verfasst und dabei verfügt, dass es nie solo, sondern immer nur als Begleitung zum Hauptstück gegeben werden dürfe: "Das Stück will sowohl gehört als auch übergangen werden. Keine Neu- und Uminterpretation, sondern ein "Hineinquetschen in Leerstellen" sei ihr Ziel, natürlich aus der Keller-Perspektive der Frauen. Denn der "Allerhalter, Allumfasser" Faust und Mephisto werden mit Vater-Figuren wie Josef F. und Priklopil kurzgeschlossen, die für ihre "Töchter", ihre Gretchen, unterirdische lebenslängliche Keller zur Hinrichtung konstruiert haben. Vom männlichen Goethe'schen Personal ist in Dusan David Parízeks Inszenierung nur Faust übriggeblieben, wenn auch auf zwei Schauspieler verteilt, Mephisto fehlt ebenso - er ist von vornherein Fausts "zweite Seele".

Auch die Bühne (Kamila Polívková) bleibt bis auf vier Pfosten völlig leer. Mit Perücken und Bärten wechselt man die Rollen. Das derbe Hanswurst- und Puppenspiel, dem Goethe seine Anregung ja verdankte, ist somit gar nicht so fern, vor allem wenn so lustvoll wie von Selge und Seppeler die Knittelverse ausagiert werden. Im Keller jedoch entfesseln FaustIn (Franziska Walser), GretIn (Sarah Hostettler) GeistIn (Miriam Maertens) faszinierend die komödiantische Theatralik von Jelineks Assoziationsketten und Zitat-Verwurstungen. Schon der kabarettistisch mäandernde Eingangsmonolog über therapiesüchtige Frauen beim Arzt zeigt die weibliche Kehrseite der mephistophelischen Ratschläge. Tief und untergründig ist jedoch die witzelnde böse Komik Jelineks vor allem deshalb, weil die drastische Ausmalung des Falls Josef F. nirgendwo ins Hysterisch-Monströse umschlägt: Gretchens Verließ ist alltägliche Struktur. (Bernhard Doppler aus Zürich, DER STANDARD, 10./11.3.2012)

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