Nacktproteste?!

Kommentar | Beate Hausbichler, Ina Freudenschuß
13. März 2012, 07:00
  • Femen im vollen Körpereinsatz: Der Lohn sind viele Fotos in den Agenturarchiven.
    foto: reuters/denis sinyakov

    Femen im vollen Körpereinsatz: Der Lohn sind viele Fotos in den Agenturarchiven.

  • Bei der Frauentagsaktion von Femen in der Türkei (Istanbul) wurden mehrere Aktivistinnen verhaftet.
    foto: ap

    Bei der Frauentagsaktion von Femen in der Türkei (Istanbul) wurden mehrere Aktivistinnen verhaftet.

Fortschritt für die Frauenbewegung oder Feuer auf verbrannte Erde?

+++Pro: Starke Bilder, auf die wir nicht verzichten können

Die Bilder von den nackten Frauen von Femen bringen Abwechslung in die feministische Protestkultur. Auch wenn die SlutWalks in eine ähnliche Kerbe schlagen, fühlt frau sich in Anbetracht der Bilder von den Femen Protesten doch nochmal anders. Sie gehen in die Magengrube, sie treffen die BetrachterInnen ganz unmittelbar.

Mit dem blanken Busen von jungen, schlanken Frauen samt wallendem blondem Haar dürfte das allerdings wenig zu tun haben. Denn Körper wie diese sehen wir  praktisch überall. Doch was diese sich ansonsten räkelnden oder Hintern und Busen herausstreckenden Körper tun, bricht gänzlich mit den Sehgewohnheiten: Sie schreien laute Parolen gegen Gewalt gegen Frauen etwa, halten Schilder hoch, knien mit nackten Beinen auf dem kalten Asphalt und kämpfen im wahrsten Sinne des Wortes. Und im körperlichsten Sinne des Wortes. Die nackten Frauen werden von PolizistInnen über den Asphalt gezerrt, die Gesichter auf den Asphalt gedrückt, am Rande stehen nicht schockierte PassantInnen, sondern Männer, die sich - hihi - sichtlich darüber freuen, eine nackte Frau live auf der Straße zu sehen.

Gewalt und Häme

Szenen wie diese schockieren, vor allem wenn man sich vor Augen hält, warum es zu dieser Gewalt und zu dieser Häme kommt: Ein paar Frauen demonstrieren für Dinge, die eigentlich Common Sense sind: Demokratie, Gewaltfreiheit und Chancengleichheit, eigentlich nichts Besonderes. Und sie tun das mit einem Auftritt, den wir auch mehr als gewohnt sind: Als Sexobjekte. Die Kombination aber ist neu, und beabsichtigt, das Spiel umzudrehen: Nicht nackte Frauen werden instrumentalisiert, sondern nackte Frauen instrumentalisieren Medien für ihre Zwecke.

Mag sein, dass sich der Nackt-Protest damit der Marktlogik der Medien anpasst, mag sein, dass er gierigere Blicke bedient - er zeigt aber deutlich den katastrophalen Status Quo: Dass einfache politische Forderungen noch immer Polizeigewalt auf den Plan rufen - wie in der Ukraine - und dass in Ländern, die zwar diese Proteste zulassen und sich daher für fortschrittlicher halten, am Straßenrand Männer stehen, die beim Anblick von Brüsten dümmlich grinsen, oder Kameraleute blöde Witze reißen. Hier überschneiden sich Welten, die sich bei anderen feministischen Protesten nicht mal annähernd berühren - und darin liegt eine große Chance. (Beate Hausbichler, dieStandard.at, 13.3.2012)

---Contra: Verbrannte Erde

Es ist kein Geheimnis, dass sich die Medienwelt für nackte Haut - vor allem von Frauen - interessiert. Diese Obsession für die eigenen politischen Zwecke zu nutzen ist legitim, birgt aber doch auch viele Gefahren.

Zum einen ist es so, dass durch Nacktprotest ja hauptsächlich Medienmechanismen zur Schau gestellt werden. Darüber darf und kann man staunen wie über einen brennenden Weihnachtsbaum, aber mit nachhaltiger Bewusstseinsarbeit hat dies nichts zu tun. Es wäre doch einmal interessant zu erforschen, wie viele Menschen, denen die Gruppe Femen ein Begriff ist, auch wissen, wofür oder wogegen sie eigentlich protestieren. Ich fürchte, es sind sehr viele weniger.

Was dann übrig bleibt, leitet gleich zum nächsten Punkt weiter: Frauen nackt zu zeigen, ist Teil einer westlich-globalen Symbolwelt über "Weiblichkeit". Es hat sich tief in unser kulturelles Bewusstsein eingegraben und der Nacktprotest reproduziert diese Logik: Frauen sind primär Körper und verschaffen sich nur über diesen Aufmerksamkeit.

Der Nacktprotest ist, mit Verlaub, eine feministische Sackgasse. Es zeigt sich fortwährend und an neuen Stellen, dass Sexualität und Nacktheit im öffentlichen Raum eben nicht "unversehrt" bleibt. Wie viele Prominente, die weibliche Sexualität vordergründig selbstbewusst zur Schau stellen, leiden in Wirklichkeit an Essstörungen oder anderen psychischen Störungen? Wie viele Medien-RezipientInnen reagieren auf die dominanten Körperrepräsentationen mit einem gestörten Körperbild?

Nacktheit ist für feministisches Engagement in Massenmedien (wohlgemerkt!) verbrannte Erde, ganz einfach weil die Lesarten und damit die Effekte derzeit nicht auseinander gehalten werden können. Anders ausgedrückt: Wenn man die Produktion von "schädlichen Normen" als Problem erkannt hat, können sie von Feministinnen auch nicht schadlos verwendet werden. (Ina Freudenschuß, dieStandard.at, 13.3.2012)

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9 Postings
angezogen hätt ich nie was über diese Gruppe gehört!

Das ich nicht genau weiß warum diese Gruppe aktiv ist liegt aber wohl an den Medien und nicht daran das diese Gruppe zu wenig tut.
Sie machen auf sich aufmerksam und meiner Meinung nach so verzweifelt das sie zu diesen Maßnahmen greifen. Ob es wirkt kann ich nicht sagen, aber so werden sie Weltweit bekannt, das der Grund nicht ankommt ... fragen wir APA ? Pro7? Orf? Puls? oder ATV? Fragen wir den Standard?

das klingt jetzt aber schon etwas arg konstruiert, nach dem motto "ich brauch dringend ein argument, egal ob gut oder schlecht". schade :(

bezüglich:
"Es zeigt sich fortwährend und an neuen Stellen, dass Sexualität und Nacktheit im öffentlichen Raum eben nicht "unversehrt" bleibt. Wie viele Prominente, die weibliche Sexualität vordergründig selbstbewusst zur Schau stellen, leiden in Wirklichkeit an Essstörungen oder anderen psychischen Störungen?"

Ich habe die Berichte über den Besuch von Femen-Aktivistinnen bei den Grünen gesehen. Natürlich waren die beiden jung, schlank und attraktiv und haben auch brav ihre Leibchen ausgezogen, so wie es das Publikum von ihnen erwartet hat.
Da frage ich mich schon, ob nackte Brüste hier provozieren und Aufmerksamkeit schaffen oder ob vor lauter Freude, die das Publikum an nackten Brüsten hat, von einer politischen Botschaft wenig übrig bleibt, zumindest so wenig wie: "Na bitte, dort im Osten gibt es Feministinnen, die jung und fesch sind und sich sogar ausziehen und nicht nur solche säuerlichen Pomeranzen, die man gar nicht nackt sehen möchte, wie bei uns!"

Ich bin verwirrt...

Zum einen gibt es überall diese SlutWalks, mit denen deutlich gemacht werden soll, dass nakte Haut etwas völlig normales zu sein hat, und keinen hinter dem Ofen hervorlocken sollte (oder so ähnlich, das scheint jede Feministin anders zu erklären).

Zum anderen gibts immer öfter diese Oben-ohne-Demos, die funktionieren sollen, weil man mit nakter Haut möglichst viele Leute hinterm Ofen hervorholen kann (oder so).

Heißt das jetzt, die Oben-ohne-Demonstrantinnen haben die SlutWalks nicht verstanden und sind ignorante Antifeministinnen? Sie appelieren ja an genau die Männertriebe, die die Feministen den Männern ja abtrainieren wollen. Andererseits wird ihnen von anderen Feministinnen widerum zugejubelt.

Bin verwirrt. Bitte um Aufklärung.

das mag sie jetzt vielleicht verwirren, aber hier die große neuigkeit: auch im feminismus gibt es verschiedene strömungen mit unterschiedlichen meinungen und argumentationsrichtungen!

sie können sich ja mal einlesen und sich dann ihre persönliche meinung dazu bilden. es gibt nämlich keine anleitung, die sagt: mache, denke und sage XY, dann bist du feministin. (leider wird dies dem feminismus viel zu oft unterstellt!)

und genau diese unterschiede innerhalb des feminismus machen den feministischen diskurs und prozess erst spannend und vor allem möglich!

nacktproteste bringen keinen fortschritt für die frauenbewegung

nacktproteste werden zwar medienwirksam i.d.öffentlichkeit transportiert, wo bleibt die nachhaltigkeit? es gibt i.d. ukraine keine frauenbewegung, an der sich hunderttausende und mehr zum zwecke von protestaktionen organisieren. ob in der werbung, auf dem pornosektor, in den medien allgemein werden uns bilder von nackten, zumeist jungen frauen , offeriert mit dem hinweis, so werden frauen gewünscht,dirigiert .zu glauben, daß sich mit nacktprotesten i.d. ukraine die verhältnisse auf dem sex-sektor ändern, empfinde ich als infantil. die männer, die den sextourismus beherrschen, davon profitieren, frauenhandel fördern und frauen/teile wie eine ware benutzen, werden ihr verhalten nicht überdenken. ich sehe in nacktprotesten keinen fortschritt

"schädlichen Normen"

Frau Freudenschuß vertritt ein Weltbild bei dem es mir die Sprache verschlägt. Die panische Angst vor Nackheit erinnert mehr an einen fanatischen Pfarrer des 19. Jahrhunderts.
Die "schädlichen Normen" sind allerdings der Hit. Ist das so etwas wie 'volksfremdes Gedankengut'? Danke, das kenne ich schon und brauche ich ganz sicher nicht wieder. Da zeigt sich ein radikal antiliberales Denken ala: Alles was MIR nicht passt gehört verboten.

Redaktion dieStandard.at
63
14.3.2012, 16:35
Geehrter Lord,

im Gegenteil: die "schädlichen Normen" sind eher volksimmanentes Gedankengut ...
mfg, freu

Entweder haben sie das Kommentar von Ina Freudenschuß nicht (ganz) gelesen oder nicht verstanden.

Es ist polemisch jemanden so schnell Prüderie, faschistisches oder antiliberales Denken vorzuwerfen. Weder hat sie sich gegen Nacktheit im öffentlichen Raum ausgesprochen, noch ein Verbot gefordert und die "schädlichen Normen" sind erklärt. Also bitte: Unterstellen Sie jemanden nicht etwas, das er oder sie nie gesagt/geschrieben hat.

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