Kampagne gegen Mythenbildung: "Wir glauben Dir"

19. März 2012, 19:21

"Freiwild"-Stempel und niedrige Verurteilungsraten halten Frauen von der Anzeige sexueller Gewalt ab - In Großbritannien startet eine Kampagne gegen Mythenbildung

"Wenn das Mädchen, dem du einen Drink spendierst ... nicht die Beine breit macht, denk an diese Statistik: 85 Prozent der Vergewaltigungen werden nicht gemeldet. [...] Die Chancen stehen recht gut." ("If the girl you've taken for a drink... won't 'spread for your head', think about this mathematical statistic: 85% of rape cases go unreported. [...] That seems to be fairly good odds.") Ein gut gemeinter Ratschlag, geschrieben vom einzigen weiblichen Redaktionsmitglied des britischen Webportals für echte PräfeministInnen "UniLad". Das steht ganz im Dienste der "Lad"-Kultur, die in den 1990ern als Reaktion auf die Zweite Frauenbewegung aufgekommen ist und längst auch die Uni-Campusse der Insel erreicht hat. Die "Lads" respektive die weiblichen "Ladettes" grenzen sich von einer intellektualisierten BügerInnenschicht durch extra viel politische Unkorrektheit ab, wobei die Reduzierung von Frauen auf Sexobjekte eingeübt und kultiviert wird.

Ansichten wie diese bezüglich sexueller Gewalt als Kavaliersdelikt oder männliches Recht auf das Sexobjekt Frau spiegeln wider, was die britische Statistik über Verurteilungsraten in Fällen angezeigter Vergewaltigungen belegen: Nur 5,9 Prozent der vermutlichen Täter kommen nicht ungeschoren davon.

Mit Verständnis nicht zu rechnen

Die britische Elternwebseite "Mumsnet" ist letzte Woche mit eigenen Zahlen zum Thema an die Öffentlichkeit gegangen. Sie hat über 1.600 Frauen, Userinnen der Seite, befragt: Eine von zehn gab an, vergewaltigt worden zu sein; jede Vierte in dieser Gruppe gab vier oder mehr Tatvorfälle an. 35 Prozent haben sexuelle Übergriffe erlebt. Zwei Drittel kannten die Täter. 83 Prozent gingen nicht zur Polizei, 29 Prozent haben es niemanden, auch nicht Nahestehenden, erzählt. 68 Prozent meinten, sie würden aufgrund der niedrigen Verurteilungsraten mit einer Anzeige zögern, und 53 Prozent, weil es peinlich und beschämend wäre. 70 Prozent denken, dass die Medien mit Vergewaltigungsopfern verständnislos umgehen, 53 Prozent legen das auf das Rechtssystem um, und 55 Prozent meinen, dass die Gesellschaft im Allgemeinen kein Verständnis habe.

"Wir glauben Dir"

Für die Betreiberinnen von "Mumsnet" waren die Ergebnisse dieser nicht representativen Umfrage Anlass genug, eine Kampagne zu lancieren, die in den Nachwehen des diesjährigen Frauentages in die selbe Kerbe wie die letztes Jahr entstandene Slutwalk-Protestbewegung schlägt: Vergewaltigungsmythen brechen und klarstellen, dass es bei sexueller Gewalt nur einen Schuldigen gibt, den Täter nämlich. Sie soll Opfern bzw. Überlebenden sexueller Gewalt öffentlich Rückhalt demonstrieren, indem sie schon im Titel sagt: "Wir glauben Dir" ("We believe you"). Diese Aussage, gerade weil sie simpel ist, konkretisiert niederschwellig, warum Betroffenen so oft keine Gerechtigkeit, ob von Seiten der Justiz oder der öffentlichen Meinung, widerfährt: Das Opfer steht unter Verdacht, mitschuldig zu sein und muss sich seine Glaubwürdigkeit erst verdienen.

Verdiente Unterstützung

So macht es sich die "Rape Awareness"-Kampagne zur Aufgabe, die gängigen Vorurteile gegenüber Betroffenen und Tathergängen mit Fakten zu wiederlegen: Dass die wenigsten Betroffenen von Fremden in dunklen Straßenecken überfallen werden, sondern von Bekannten; dass das Aussehen und die Aufmachung von Frauen - Schlüsselwort "sexy" - kein Auslöser für Vergewaltigungen sind; dass es keine Vergewaltigung sein kann, wenn die Frau keine offensichtlichen Wunden davongetragen hat.

"We believe you" kooperiert auch mit zwei britischen Gewaltschutzeinrichtungen, der landesweit agierenden Koalition zur Beendigung von Gewalt an Frauen, und "RapeCrisis", einer seit 1973 operierenden Helpline für Betroffene. Die Öffentlichkeit, sind sich die Einrichtungen einig, müsse endlich für das Thema sensibilisiert werden, und betroffene Frauen, fasst es Mumsnet-Mitgründerin Justine Roberts zusammen, sollten nicht länger schweigen müssen aus Angst vor Unverständnis: Gerade in der Situation würden sie Unterstützung am meisten brauchen - und verdienen sowieso. (red, dieStandard.at, 19.3.2012)

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13 Postings
"85% of rape cases go unreported. [...] That seems to be fairly good odds."

Bitter, aber da könnte etwas dran sein.
Natürlich sind nur die Täter an ihren Taten schuld, jede nicht angezeigte Vergewaltigung und nicht zuletzt das fortwährende Propagieren dieser Zahlen macht es ihnen jedoch leichter.

Eigentlich sind es hier 2 Themen.
-Die Glaubwürdigkeit einer Anschuldigung
-Die "Mitschuld" des Opfers
Zweites ist völlig klar, (und ich gehe völlig damit konform), ein Opfer trifft keine Mitschuld. Evtl. gibt es Dinge (nicht Kleidung) die das Risiko Opfer zu werden, beeinflussen, aber auch daraus leitet sich keine Mitschuld ab.
Für ersteres wüßte ich keine Lösung.

"So macht es sich die "Rape Awareness"-Kampagne zur Aufgabe, die gängigen Vorurteile gegenüber Betroffenen und Tathergängen mit Fakten zu wiederlegen"

mal abgesehen vom "e" zuviel:

bei denen, die von solchen aktionen wohl erreicht werden, sind diese vorurteile schon längst nicht mehr gängig

??????

Dass es nur einen schuldigen gibt, den Täter ist wohl klar.

Das wirkliche Problem, ist das sehr viele Frauen, aus welchen Gründen auch immer, eine Vergewaltigung nicht umgehend anzeigen. 5 Wochen später ist es zu spät, da kommt es fast automatisch zum Freispruch mangels Beweisen. Solange sich da nichts ändert werden diese Delikte nicht abnehmen.

"Vergewaltigungsmythen brechen und klarstellen, dass es bei sexueller Gewalt nur einen Schuldigen gibt, den Täter nämlich"

Ach, der Täter (warum wird hier eigentlich nicht gegendert?) ist schuld? Und wer ist der Täter? Soll auch Frauen geben, die eine Vergewaltigung erfinden um - warum auch immer - den Ruf des vermeintlichen Täters zu zerstören. Dass sich tatsächlich stattgefundene Vergewaltigungen oft nicht bewiesen lassen ist tatächlich ein Problem, ein "in dubio contra reo" aber sicher nicht die Lösung.

gewalt über die sexualität ist weitgehend von männern ausgeführt. in dem sinn gibt es (fast) nur täter.

Eine bewusste falschmeldung einer nicht passierten vergewaltigung ist eine straftat, und bringt sicher viel leid für die betroffenen. dazu kommtdie frage, was als gegen den willen der frauals erzwungenen sex gelten darf/muss. und die ideen, die wir gesellschaftlich weitergeben richten sich klar gegen die selbstbestimmung der frau.
ein gerichtsverfahren ist da nicht hilfreich, weil aussage gegen aussage und unschuldvermutung als wesentl grundpfeiler. der erste schritt muss daher sein, dass eine gesellschaftliche auseinadnersetzung und ein bruch mit den mythen und ideen inittiert werden muß.
- die warhnehmung der (un)freiwilligkeit
- respekt des neins
- glaubwürdigkeit ist wenn dann auf beiden seiten zu hinterfragen
- wider die mythologien

*sing* Ganz unten, ganz hinten, am Oasch... befindet sich diese unterstützens- & wissenswerte Meldung, sehr schade!

(& dann auch noch einen Tag ohne Kommentare - warum eigtl? *ernstgemeinteFrage*)

(& dann auch noch einen Tag ohne Kommentare - warum eigtl? *ernstgemeinteFrage*)
Sehe grad, der Artikel erschien 19. 3., Montag 19h21.
4 1/2 Stunden kein Kommentar (zwar auch interessant), dann begann Dienstag, und hier ist es üblich, daß der Dienstag generell kommentarfrei (ohne Forum) ist.

Das mit Di ist mir entgangen, danke für den Hinweis! :o)

Aber nur um 14 Minuten!

Öhm, ich meinte, daß das IMMER, jeden Di so ist... ;o)

Jedenfalls waren Sie an diesem Mittwoch, 14 Minuten nach dessen Beginn, der Erste...
Zuvor vergeblich versucht? Ja, ist immer Dienstag so. Dienstag-Artikel sind dann am Mittwoch halt auch ganz unten oder hinten, und weniger kommentiert. Wobei es hier ja doch erstaunlich ist, daß auch Montag, wo der Artikel ja noch vorne gewesen sein muß, niemand dazu kommentierte.

Wenig Kommentare, weil es eben wie beschrieben ja kein Verbrechen ist. Wieso sollen wir uns den aufregen wo es nichts gibt zum aufregen!?
Ich finde den Artikel sehr gut.
Man muss sich ja nur banale Werbung anschauen. Hier suggeriert die Werbung Frau= Sexy bzw. Sexobjekt.
Ich sage immer wieder KEINE WERBUNG anschauen.
Und jeden Modetrend nachrrennen ist auch sinnlos.
Meist dient die Mode nicht einmal den einfachen Bedürfnissen wie Schutz vor kälte.
Ich könnte noch so viele Dinge aufzählen.
Wir können es aber nur selber ändern.

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