Erste "rosa Stolpersteine" in Salzburg

Aufarbeitung der NS-Gräueltaten: Kunstprojekt erinnert nun auch den ersten homosexuellen Opfern

Salzburg - 129 "Stolpersteine" erinnern seit 2007 in der Stadt Salzburg an 129 Opfer des nationalsozialistischen Terrors. Am Donnerstag und Freitag verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig (64) weitere 39, zehn mal zehn Zentimeter kleine Gedenktafeln aus Messing vor dem letzten, freiwillig gewählten Wohnort der Ermordeten. Erstmals werden diesmal auch "Stolpersteine" für Homosexuelle und einen Deserteur der Wehrmacht in die Trottoirs eingesetzt. Salzburg nimmt hier eine österreichweite Vorreiterrolle ein.

Minimale Aufarbeitung von Seiten des "offiziellen Österreich"

Die Patenschaft für diese ersten "rosa" Stolpersteine übernehmen die drei Organisationen HOSI, SoHo und Grüne andersrum aus Salzburg. "Mit der Stolpersteinverlegung treiben wir die Aufarbeitung der NS-Gräueltaten, Homosexuellen gegenüber, ein Stück weit voran", erklärt Josef Lindner, Obmann der HOSI Salzburg. Zum Jubeln ist Lindner jedoch nicht zu Mute: "Bedenkt man die minimale Aufarbeitung des "offiziellen Österreich" homosexuellen NS-Opfern gegenüber, schockiert es nicht weniger, dass wir heute die ersten Stolpersteine Österreichs für sie verlegen können."

Gerichtsakte vernichtet

Das Kunstprojekt "Stolpersteine" holt die bisher Namenlosen aus der Anonymität hervor. Im Jahr 2000 begann Demnig mit der Verlegung solcher Gedenktafeln. Inzwischen ist ihre Zahl auf rund 30.000 in mehr als 500 Orten in Europa gestiegen. Stolpersteine gibt es in Österreich neben Salzburg noch in Mödling, Wels und Wien - zur Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung von Jüdinnen und Juden, Roma und Sinti, politisch Verfolgten, ZwangsarbeiterInnen und Euthanasie-Opfern. Mit den Gedenksteinen für fünf Homosexuelle und einen Deserteur beleuchtet das "Personenkomitee Stolpersteine" diese Woche bei der bisher sechsten Aktion in Salzburg zwei neue Opfergruppen.

Das Recherchieren von ermordeten Homosexuellen war nicht einfach, schilderte der Salzburger Historiker Gert Kerschbaumer. "Gerichtsakte fehlen, sie sind vernichtet worden. Ich habe die Homosexuellen anhand einer Polizeimeldekartei herausgefunden und auch im Landesgericht Salzburg gibt es ein Register, in dem die Verurteilten verzeichnet sind."

38 Personen wegen Homosexualität verurteilt

Homosexuelle wurden vor 1938 aufgrund des Paragrafen 129 Absatz 1b (in Deutschland Paragraf 175) strafrechtlich verfolgt. Während der NS-Zeit seien die Verurteilten in Konzentrationslager (KZ) deportiert worden, erklärte Kerschbaumer. Von 1938 bis 1945 wurden 338 Personen am Landesgericht Salzburg wegen Homosexualität verurteilt. "Davon haben wir jetzt fünf ausgewählt, von denen wir genau wissen, dass sie umgekommen sind. Nicht alle stammten aus Salzburg, sie waren zuletzt aber in der Stadt Salzburg gemeldet." Johann Gorup wurde im Zuchthaus Amberg ermordet, Günther Erlbeck im KZ Flossenbürg, Franz Schinnerl im KZ Dachau, Otto Schneider im KZ Buchenwald und August Strasser im KZ Mauthausen.

Homosexuelle galten nicht als Opfer des Nationalsozialismus - "bisher wurden für sie in Österreich keine Stolpersteine verlegt. Salzburg übernimmt da eine Vorbildfunktion".

Unter den insgesamt 39 Ermordeten, derer im Rahmen des Kunstprojektes gedacht wird, befinden sich Jüdinnen und Juden, "HochverräterInnen", Euthanasieopfer, KPÖ-Mitglieder, ein Widerstandskämpfer und ein Zeuge Jehova. Für 120 Euro übernimmt jeweils ein/e PatIn die Kosten für Tafel und Verlegung. (APA, 20.3.2912)


Podiumsdiskussion

Strafrecht​liche Verfolgung​, Deportation und Ermordung Homosexuel​ler in der NS Zeit

Diskutant_innen: Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Marko Feingold, Historiker Gert Kerschbaumer sowie GRin Ulrike Saghi.

Mittwoch, 21. März 2012, 19.30 Uhr
HOSI Salzburg, Gabelsbergerstrasse 26, 5020 Salzburg

Share if you care
1 Posting
in wels

erschien letzte woche übrigens der zweite teil der reihe "nationalsozialismus in wels", in dem es u.a. um die welser opfer der ns-euthanasie geht...

siehe: http://www.wels.at/wels/page... 91,de.html

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.