Bitte nicht angreifen

Die US-amerikanische Benimm-Päpstin "Emily Post" hat neue Benimmregeln gegenüber werdenden Müttern herausgebracht

Frauen, die schwanger sind, "strahlen". Das ist nichts Radioaktives, sondern das Glücksempfinden aufgrund des bevorstehenden Nachwuchses, heißt es. Damit das Strahlen nicht durch Übelkeit oder andere Probleme erlischt, empfiehlt sich im Umgang mit modernen werdenden Müttern auch heutzutage Anstand und Sitte, empfiehlt zumindest die auferstandene Emily Post. Die ist für US-AmerikanerInnen, was den Deutschen Knigge. In den früheren Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts hat sie sich in das gesellschaftliche Verhalten Übersee derart eingeschrieben, dass ihr Name noch heute synonym für Benimm steht.   

Ihre NachfahrInnen beratschlagen in einschlägigen Sachlagen - wie Tisch- und Geschäftsettikette oder Hochzeitsarrangements - munter weiter, seitdem sie im Herbst letzten Jahres eine siebenjährige Anstandspause mit der 18. Ausgabe des "Emily Post's Etiquette"-Nachschlagewerks beendet haben. Auf Tipps für Schwangere sowie deren Umfeld haben die Post-UrurenkelInnen zwecks "Strahlen"-Konservierung nicht vergessen.

Schweigen ist Gold

Es wäre klug, schreibt die Sprecherin des 1946 von der Etikette-Päpstin gegründeten "Emily Post Institute" Anna Post, die freudige Nachricht einer Schwangerschaft erst im ersten Trisemester bekannt zu geben. Manche Frauen würden dazu den Rahmen einer Familienfeier nutzen. Gehört mensch zu den ErstadressatInnen, empfehle sich die Nachfrage, ob die Neuigkeit denn weitergetragen werden darf. Seit "Facebook" sei die Sache aber kniffliger: Um zu vermeiden, dass überschwenglich-unbedachte Glückwünsche auf der Wall gepostet werden, sollte mensch diese Möglichkeit besser ausschalten. Und: "Falls Sie meinen, jemand sei schwanger, etwa wegen ihres extra Strahlens oder weil sie ein Glas Wein ablehnt, zeigen Sie Respekt, indem Sie ihr zugestehen, es Ihnen selbst zu sagen, wenn sie so weit ist. Wenn sie die Neuigkeit dann preisgibt, ist es in Ordnung, von Ihrer früheren Vermutung zu erzählen."

Sie darf Nein sagen

Mehr Gustostücke "moderner Etikette" finden sich im Abriss zum Verhalten, wenn ein Babybauch ins Spiel kommt: "Bitte nie ungefragt streicheln", lautet das Fazit, das für alle, ob schwanger oder nicht, gelte. Für die Babybauch-Trägerin hieße das: Wenn sie nicht will, dass an ihr herumgegrabbelt wird, darf sie das auch sagen. Das sei nicht unhöflich, auch nicht in Begleitung einer zurückweichenden Bewegung wie dem Schritt zurück.

Ebenfalls für wert befunden, in der Ausgabe aufgeschrieben zu werden: Das "Missgeschick", einer Frau zu gratulieren, die gar nicht schwanger ist. "Seien Sie sich ganz sicher, dass eine Frau schwanger ist, bevor Sie Schlüsse ziehen und fragen, wann es so weit ist. Wenn sie sagt, 'Ich bin nicht schwanger', gibt es keinen würdevolleren Ausweg als zu sagen 'Ich bitte um Entschuldigung' und dann das Thema zu wechseln."

Wer schäbig ist

Überhaupt scheint das eine gangbare Post-Strategie bei als heikel und unpassend, vor allem in Gegenwart von Frauen, definierten Situationen zu sein. Ein solches Benimm-Korsett, gemacht aus "Bitte nicht angreifen" und "Bitte nicht ansprechen", verweist alle Beteiligten jedweden Geschlechts auf ihre Plätze, engt aber besonders Frauen als zerbrechlichere Gemüter auf Schablonen aus dem 19. Jahrhundert ein. Überholte Sittlichkeits- und Überheblichkeitsvorstellungen einer "besseren" Gesellschafts- respektive LeserInnenschicht, die ihre Freude an der Neuausgabe hat, werden ebenfalls offensichtlich: "Nur die schäbigsten Leute bieten einer Schwangeren keinen Sitzplatz (in öffentlichen Verkehrsmitteln, Anm.) an." "Moderne Etikette" scheint ein Paradoxon zu sein. (red, dieStandard.at, 28.3.2012)

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24 Postings

Ungefragtes Antatschen (egal wen) ist auch eine Form von Gewalt. Jeder Mensch hat das absolute Recht seine Grenzen selbst zu bestimmen. Manchen Menschen suchen die körperliche Nähe auch zu losen Freunden und Freundinnen mittels Umarmungen usw. Manchen Menschen fühlen sich bei ungefragtem Schulterkopfen schon unwohl. Die individuelle Grenze eines jeden Menschen ist zu respektieren. Ein kurzes Nachfragen (egal bei welcher Berührung) ist weder komisch nich zerstört es eine etwaige romantische Stimmung.

Bitte nicht angreifen

ist für mich eine absolute Grundlage des Zusammenlebens. Das ist doch eine absolute Zumutung, wenn man ungefragt angetatscht wird. Das gilt für Bäuche von Schwangeren genauso wie für Kinderköpfe, Frauenbrüste und Männerhintern.

selbstbestimmter

klingt im Fall des unerwünschten Antatschens aber sicher ein " ich mag das nicht" oder "ich will das nicht" - ist für diesen Emily-Post-Verein womöglich eine glatte Dreistigkeit, ist aber eine Ich-Botschaft und daher klarer als ein (flehender) Satz wie "bitte nicht angreifen", in dem nur Verben und keine Subjekte vorkommen

"Es wäre klug [...] die freudige Nachricht einer Schwangerschaft erst im ersten Trisemester bekannt zu geben"

1. Trisemester? Heißt das nicht Trimester?
2. Na vorher wird mans schlecht bekannt geben können, denn vor dem ersten Trimester (oder ersten Monat oder ersten Tag oder ...) existiert die Schwangerschaft noch nicht.

So logisch und fuer beide Geschlechter gueltig uns gewisse Empfehlungen vorkommen: manche Leute brauchens noch einmal extra und schriftlich, weil sie einfach den EQ eines Trampeltiers aufweisen.

Und aus eigener Erfahrung kann ich berichten: gelebte Emanzipation und verstaerkte hormonbedingte Sensibilitaet in der Schwangerschaft schliessen einander nicht aus.

ich finde diese benimmregeln überhaupt nicht "unmodern", sondern sehr sinnvoll. soll man schwangeren frauen nicht mehr den platz im öffi anbieten? das kann mit gleichberechtigung hoffentlich nicht gemeint sein. ich finde es auch unhöflich, wenn männer frauen die tür vor der türe zuknallen. rücksicht auf andere sollte moderner werden, und nicht, wie hier im artikel, als vermeintlich zerbrechlichkeit gedeutet werden.

Was hat es mit Gleichberechtigung einer Frau einen Platz in der öffis zu verwähren??

Es ist einfach nur höflich, dass auch Frauen einer Schwangeren Platz machen, genauso wie jeder Mensch natürlich auch einem älteren Mann den Platz anbieten sollte. Oder Kindern, die ja nicht so einen festen Halt haben.

Nein, der böse Feminismus ist nicht gegen prinzipielle Höflichkeit und Rücksichtnahme.

ich finde es auch unhöflich, wenn männer frauen die tür vor der türe zuknallen

'
Auch ich finde es unhöflich, wenn männer frauen die tür vor der türe zuknallen.

Ich finde es übrigens auch unhöflich, wenn Männer Frauen die Tür vor der NASE zuknallen.

Ganz genauso unhöflich finde ich es allerdings auch, wenn Frauen Männern die Tür vor der Nase zuknallen - und auch vor der Türe!

ja ja, hab es schon gesehen.
aber mir gehts nicht um haarspaltereien, sondern darum, dass rücksichtnahme hier als anti-feministisch etikettiert wird. mich ärgert das zunehmend, dass man grobheiten gegen frauen als fortschritt erachtet! ich lebe in einem land, in dem frauen gute posten haben UND männer ihnen ganz selbstverständlich in den mantel helfen. echte männer schaffen das!

Rücksicht als Selbstverständlichkeit

einer Schwangeren - oder einem alten Mann, Kindern, ... - in den Öffis einen Platz anzubieten, ist eine Selbstverständlichkeit (und sollte daher nicht in einem Buch erklärt werden müssen)

dass Menschen anderen prinzipiell keine Türen vor der Nase zuschlagen sollen, auch.

darauf, dass mir ein Mann in den Mantel hilft, lege ich aber sicher keinen Wert - und ein "echter" Mann schon gar nicht, denn von "echten" Männern halte ich nämlich überhaupt nix

"Moderne Etikette" scheint ein Paradoxon zu sein.

Da hat der Feminismus mal auf einem Gebiet Erfolg gehabt, und es ist wieder nicht recht?
*Ratlosigkeit*

Am Besten ignorieren und auf keinen Fall ungefragt Hilfe bei irgendwas anbieten!

Starke und selbstbestimmte Frauen schaffen das alles auch alleine.

es ist mir massiv auf die nerven gegangen,

dass mir alle möglichen leute, auch wildfremde, völlig unverhofft auf den bauch gegriffen haben. ich will auch jetzt, nach der schwangerschaft nicht, dass das jemand macht bzw. meine kinder angrabscht, was ja scheinbar die konsequente fortsetzung ist; was deren wangen und füsse von fremden abgetatscht werden, ist sagenhaft. und ja, ich war froh, wenn mir jemand seinen sitzplatz angeboten hat. ich war eben nicht immer so fit und das war oft sehr nett. und ich war auch froh, dass ich den zeitpunkt der verkündigung selbst wählen durfte. bin ich jetzt im falschen jahrhundert? auch egal!

"Bitte nicht angreifen" und "Bitte nicht ansprechen" als rotes Tuch?

und das auf einer Seite die sich dem Feminismus verschrieben hat?

Wer die Ironie bemerkt ... ;-)

Betrachtet diestandard.at Schwangere als Freiwild?

Oder hab ich da irgendwas falsch verstanden? Schlimm genug, daß es immer wieder betont werden muß:

- Alle Menschen dürfen erwarten, mit Taktgefühl behandelt zu werden.
- Grapschen ist nie zulässig, egal, ob es sich um ein Kind, einen Penis, eine Brust oder den Bauch einer Schwangeren handelt.
- Selbstverständlich dürfen alle Menschen "Nein" sagen, wenn erforderlich, warum sollte das für Schwangere anders sein?
- Die Sitzplätze in den Öffis sind nun einmal vorrangig für die "Älteren und Schwächeren" vorgesehen, und wer nicht potentiell unerwartet angekotzt oder zum Landeplatz einer Kollabierenden werden will, tut gut daran, Schwangeren den eigenen Platz anzubieten.

Haben Schwangere denn keine Frauenrechte?

.

unter kinderlosen besteht ein hartnaeckiges ressentiment gegenueber schwangeren frauen, das ist doch klar

konsequenterweise müsste man nun aber auch Sie fragen, ob Frauen denn keine Menschen sind?

- begrapschen muss sich NIEMAND lassen?
- private/intime Informationen zu "tratschen" gehört sich für und über NIEMANDEN?
- älteren, gebrechlichen und/oder kranken Menschen beider Geschlechter sollte man Rücksichtsvoll entgegentreten?

wieso müsste man Frauen anders behandeln als Männer?

Sie sollten das Vorposting nochmal aufmerksam lesen....

Männer sind nicht schwanger

haben sie obigen post gelesen? der sagt exakt das selbe aus wie ihrer...

Danke. Das hätte man nicht besser sagen können.

Schonmal dauernd von kaum Bekannten auf den Bauch gegrapscht worden?

Oder mitbekommen müssen, wie eine Freundin mühsam versuchte Haltung zu bewahren, als sie von einer Hebamme "mit Blick dafür" in einer gemischten Runde gefragt wurde ob sie schwanger sei - nachdem sie gerade vor zwei Wochen eine Fehlgeburt in der Mitte der Schwangerschaft hatte?
Zerbrechliche Weiber des 19. Jahrhunderts sind wir, dass wir uns ein solches "Benimm-Korsett" wünschen...

ich würd gern den bauch gestreichelt bekommen, wenn er mir rund absteht

finde es nämlich gemein, dass nur schwangere stolz ihren bauch vor sich hertragen dürfen. auch dicke haben ein recht darauf, auf ihren stattlichen bauch angesprochen zu werden und ihn liebevoll gestreichelt zu bekommen. :)

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