Kein Faible für den Straßenpanzer

SUVs stehen im Ruf, typische "Frauenautos" zu sein. Die Statistik zeigt jedoch eine andere Realität. Aber sind Frauen deswegen "grüner" unterwegs?

Sie sind groß, breit, hoch und schwer. An die zwei Tonnen bringen die unterschiedlichsten Modelle der Sport Utility Vehicles, kurz SUVs, auf die Waage, und in ihren Tanks ist viel Platz für Sprit. Unverhältnismäßig viel, verglichen mit Personenkraftfahrzeugen, die bisher das Straßenbild prägten. Mitte des letzten Jahrzehnts hat sich das merklich verändert: Immer mehr der als elegante Geländefahrzeuge für die Stadt gepriesenen SUVs kurven durch Wiens Straßen und parken für zwei. Und immer mehr Menschen ärgert das, nicht zuletzt die Grünen, die die "Spritfresser" - selbst ultra-sparsame SUV-Modelle benötigen immer noch rund 5 Liter pro 100 Kilometer - und "Försterautos" bereits 2008 aus dem Stadtverkehr verbannen wollten.

"Frauenautos"

Daraus ist nichts geworden. Im Gegenteil verkaufen sich die durchdesignten, teuren Wuchtbrummen weiterhin prächtig: Über 30.000 SUVs und Geländewagen sind allein in Österreich letztes Jahr an Frau und Mann gebracht worden. Dass vor allem erstere die Hauptabnehmerin sei, wird gemeinhin behauptet: Es seien die Frauen, die sich damit ihre innere nebst Fahrsicherheit erkaufen, und hoch zu Ross bzw. Sitz und PS-stark ihrer Wege fahren. In den Medien reüssieren die mehr oder weniger voluminösen Straßenpanzer als Baby- und Kinderkutschen, in Foren werden psychologische Hintergründe debattiert und Videobeweise für die persönliche Einschätzung, dass SUVs "Frauenautos" sind, vorgelegt. Auch von HändlerInnenseite wird das kaum bestritten.

Je teurer die Fahrzeuge, desto weniger Käuferinnen

Vom Verkehrsclub Österreich VCÖ allerdings schon: "Männer haben 2011 drei Mal so viele SUVs gekauft als Frauen", betont Christian Gratzer in Hinblick auf die aktuelle VCÖ-Auswertung der letztjährigen Neuzulassungs- und Verkaufszahlen. Die Hälfte aller von Frauen neu angeschafften Autos sind Kleinwagen, am zweitbeliebtesten ist die Mittelklasse und nur 10,9 Prozent entfallen auf die Kategorie "SUVs und Geländewagen". Weiters auffällig, wenn auch nicht überraschend, ist die Tatsache, dass mit steigendem Preis die Käuferinnen immer weniger werden: 576 (0,8 Prozent) Fahrzeuge der Oberklasse, 396 (0,5 Prozent) Sportwagen und 21 (0,02 Prozent) Modelle der Luxusklasse haben sich Frauen 2011 geleistet.

Der VCÖ schließt in seinem Untersuchungsresümee: Männer kaufen mehr und größere Autos und Frauen sind klimafreundlicher mobil als Männer, weil sie deutlich weniger Sprit verbrauchen. VCÖ-Experte Markus Gansterer formuliert es deutlich: "Angesichts der steigenden Spritpreise zahlt es sich für Männer aus, sich beim Mobilitätsverhalten ein Beispiel an den Frauen zu nehmen."

"Grünere" Frauen?

Frauen erledigen 80 Prozent ihrer täglichen Wege zu Fuß, heißt es in der VCÖ-Untersuchung weiter. Hier gibt es aber kaum einen Unterschied zu Männern, die auf 79 Prozent kommen. Auch bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel liegen Frauen mit 31 zu 26 Prozent dezent vorne. Bei FahrradfahrerInnen findet sich überhaupt Geschlechterparität von 26 zu 26 Prozent. Nur beim Auto klafft die Schere: Täglich nutzen es 47 Prozent der Frauen, aber 68 Prozent der Männer.

Tatsächlich würden sich Frauen in Studien zum "Modal Split" - Aufschlüsselung nach Verkehrsmittelwahl -  kontinuierlich als die "grüneren" VerkehrsteilnehmerInnen erweisen, bestätigt Landschafts- und Verkehrsplanerin Bente Knoll. "Die Gründe dafür sind vielschichtig." Ausschlaggebend sei nicht unbedingt ein ausgeprägteres Umweltbewusstsein bei Frauen, sondern finanzielle Aspekte und Frauen zugewiesene soziale Zuständigkeiten, weiß sie aus langjähriger Forschungsarbeit zu Mobilität aus Geschlechterperspektive für Unternehmen, Universitäten und Organisationen. Eine Schlüsselfrage dabei: "Wer verfügt über wieviel Geld?"

Symbolische Ebene

Frauen entschieden sich häufig für die "günstigere, wendigere" Pkw-Ausführung, nach dem Motto: "Frau braucht nur das 'typische Zweitauto'", so Knoll. Das aber sei weniger ökonomisch als symbolisch bedingt und liege in gesellschaftlichen Zuschreibungen begründet. Denn: "Frauen erledigen den Hauptteil des Bring- und Holverkehrs im Rahmen der (unbezahlten, unterbewerteten, Anm.) Versorgungs-, Haus- und Familienarbeit."

Weil aber die aktuelle Verkehrsplanung und -politik auf Mobilität mittels eigenem Pkw ausgerichtet ist, dürfe der weibliche Anteil am Autoverkehr - unerheblich, ob mit oder ohne SUV - nicht marginalisiert werden. "Die Umweltverantwortung geht dann zurück, wenn das eigene Kind, die eigene Familie vor geht", meint Knoll. Hier greife eine Form von Sicherheitsdenken, die "grüne" Überlegungen verdränge - und selbst Risiko produziere, ergänzt die Expertin mit Blick auf den Bring- und Holverkehr vor Schulen. 

Drinnen und draußen: Nicht auf der sicheren Seite

Das angesprochene mütterliche Sicherheitsdenken bzw. subjektive Sicherheitsempfinden findet allerdings gerade in SUVs - trotz "Panzer"-Optik - keine kongenialen Partner: Sicherheitstest haben gezeigt, dass die Vehikel bei seitlichen Auffahrunfällen schlechter abschnitten als vergleichbare Pkw. Und für übrige VerkehrsteilnehmerInnen sind sie im Unfallgeschehen sowieso gefährlicher: Wo ein Pkw unterhalb des Oberkörpers auftrifft, erwischt es selbigen beim SUV. Ein kleiner Trost dabei: Die sogenannten "Kuhfänger", die als Frontschutzbügel auf älteren SUV-Modellen montiert waren, wurden bereits 2006 EU-weit verboten. (Birgit Tombor, dieStandard.at, 1.4.2012)


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KnollSzalai - Technisches Büro für Landschaftsplanung und Unternehmensberatung

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