"Die Welt ist voller unterdrückter Frauen"

Interview | Birgit Tombor
6. April 2012, 10:53
  • Cristernas Botschaft: "Frieden und Respekt vor allem und jedem. Mit mehr von beidem ginge es uns allen auf dieser Welt besser."
    foto: diestandard.at/ursula schersch

    Cristernas Botschaft: "Frieden und Respekt vor allem und jedem. Mit mehr von beidem ginge es uns allen auf dieser Welt besser."

  • "Jede/r kann sich wie eine Tafel bekritzeln lassen. Mir ist es wichtig, 
dass jedes Tattoo seinen eigenen Platz findet. Bereut habe ich kein 
einziges", erzählt Maria Jose Cristerna.
    foto: diestandard.at/ursula schersch

    "Jede/r kann sich wie eine Tafel bekritzeln lassen. Mir ist es wichtig, dass jedes Tattoo seinen eigenen Platz findet. Bereut habe ich kein einziges", erzählt Maria Jose Cristerna.

  • Ihre Transformation in eine Symbolfigur, die sie selbst in die Nähe der 
"Jaguar-Kriegerinnen" rückt, wird so lange weitergehen, wie es ihr 
körperlich möglich ist.
    foto: diestandard.at/ursula schersch

    Ihre Transformation in eine Symbolfigur, die sie selbst in die Nähe der "Jaguar-Kriegerinnen" rückt, wird so lange weitergehen, wie es ihr körperlich möglich ist.

Maria Jose Cristerna ist keine davon: Die Tattoo-Künstlerin sieht sich weder als "Vampir-Frau" noch als Feministin. In Mexiko setzt sie sich gegen häusliche Gewalt ein

Maria Jose Cristerna hat knallrot gefärbte Dreadlocks, die ihr bis zur Kniekehle reichen. Ihre Augen blitzen in grellem Lila, ihre massiven, teils spitz gefeilten Zähne sind wie ihre restliche Erscheinung unübersehbar. Wo sie auch hinkommt: Sie wird bemerkt, gemustert, bewertet, verurteilt, bewundert, idolisiert, als Projektionsfläche benutzt.

Die Mexikanerin aus Guadalajara ist ein Star der Body-Modification-Szene. An und in ihrem Körper vereint sie alle möglichen Bodymods wie Tattoos, Brandings und Implantate. Letztere sitzen in unterschiedlichen Größen als kleine Hörner unter ihrer Schädelhaut. An der Stirn stechen zwei Nägel hervor. Ihr Kinn ziert eine gemusterte Hommage an die Maori, die sich als Resultat von Cuttings herausstellt. Dafür wird die Haut gezielt verletzt, so dass sie vernarbt und das helle Gewebe zurückbleibt. Auch Cristernas übriges tätowiertes Gesicht spricht Bände, von ihren lebendigen Lieben und geliebten Toten.

Maria Jose Cristerna ist derzeit zu Besuch in Wien, wo sie als Stargast der "Wildstyle & Tattoo Messe" auftritt; im Gasometer wird sie sich als Kunstwerk und Tätowiererin präsentieren. dieStandard.at nutzte die Gelegenheit, um an der bunten Fassade Cristernas zu ritzen.

dieStandard.at: Die Medien betiteln Sie als "Vampir-Frau". Ist das ein Stempel, der Ihnen aufgedrückt wurde, oder ein selbst gewähltes Bild?

Cristerna: Der Begriff wurde von einem mexikanischen TV-Sender erfunden. Ich war darüber nicht glücklich. Ich hasste es, um ehrlich zu sein. Eine "Vampirin" ist nur eine Fantasie. Damit macht man es sich leicht, mich einzuordnen, aber das trifft mich nicht. Mittlerweile komme ich damit zurecht. Aber wenn schon, will ich mit einer "Jaguar-Kriegerin" (aztekische Kämpferinnen, Anm.) verglichen werden. Das ist viel näher an meinen Wurzeln.

dieStandard.at: Wofür steht die "Jaguar-Kriegerin" denn?

Cristerna: In Mexiko repräsentiert der Jaguar einen Krieger und Kämpfer. Er geht durchs Feuer und verteidigt sich. Im Gegensatz zum Vampir ist der Jaguar real.

dieStandard.at: Über Ihren Körper erzählen Sie Ihre Geschichte. Warum haben Sie ihn als Medium gewählt und nicht Film, Leinwand oder Buch?

Cristerna: Körperkunst ist Kunst. Ich habe früher auch gemalt, aber für mich ermöglichen Tattoos einen noch persönlicheren künstlerischen Ausdruck. Über meinen Körper sage ich aus, was ich sagen will.

dieStandard.at: Sie müssen aber eine sehr hohe Schmerztoleranzgrenze haben.

Cristerna: Ich habe vier Kinder!

dieStandard.at: Sie sind ausgebildete Juristin. Wie kam es zur Neuorientierung hin zur Body-Modification- und Tattoo-Künstlerin?

Cristerna: Ich habe mich immer schon für Kunst begeistert und mein Interesse in diese Richtung war früh da. Bereits als 13-Jährige habe ich angefangen, FreundInnen, aber auch mich selbst zu piercen. 

dieStandard.at: In Medienberichten über Ihre Person werden Ihre Erfahrungen als Überlebende häuslicher Gewalt als ausschlaggebender Grund für ihre Transformation angegeben. Stimmt das?

Cristerna: Die Transformation hat schon lange vor der Gewalt, die ich erlitten habe, begonnen. Was diese Erfahrungen allerdings bewirkt haben: Ich habe begriffen, dass ich mich selbst finden und alles daransetzen muss, meine eigene Persönlichkeit zu entfalten.

dieStandard.at: Waren sie auch Anlass, Frauen in derselben Situation zu helfen?

Cristerna: Ja, aber nicht in meiner Rolle als sogenannte "Vampir-Frau", sondern als Maria Jose. Für die mexikanische Regierung bin ich in dieser Sache in ganz Mexiko unterwegs, rede mit Frauen, höre mir an, wie es ihnen geht, und berate sie.

dieStandard.at: Gibt es da viel zu tun für Sie?

Cristerna: Ich komme viel herum, und das, was in Mexiko passiert, ereignet sich überall sonst auf der Welt auch. Sie ist voller unterdrückter Frauen. Sie trauen sich nicht, für sich selbst zu kämpfen.

dieStandard.at: Sind Sie feministische Kämpferin?

Cristerna: Nein, keine Hardcore-Feministin. Zwei meiner Kinder sind Jungs, und ich weiß, dass es viele gute Männer gibt. Aber manchmal kommt ihnen der Machismo in den Weg!

dieStandard.at: Die Tattoo-Szene wirkt auch wie eine harte Macho-Szene, in die frau nicht leicht hineinzukommen scheint.

Cristerna: Ja, für mich als Frau war es schwer. Es war ein Männerding. Aber auch aus der Arbeit als Juristin kenne ich das: Die KlientInnen wollten lieber einen Anwalt, und erst, wenn das nicht ging, nahmen sie sich eine Anwältin. Beide Wege waren beschwerlich.

dieStandard.at: Es gehört ziemlich viel Mut dazu, Kunst an sich selber immer vor sich, an sich zu tragen. Man konfrontiert immer und wird immer konfrontiert. Gibt es Menschen, die Ihnen nicht gut begegnen?

Cristerna: Mein Aussehen wird immer Thema sein und die Menschen spalten in die, die es mögen, und die, die es nicht mögen. Viele Menschen sagen mir, dass ich so cool, so großartig aussehe. Ich freue mich besonders, wenn alte Frauen in Mexiko auf mich zukommen, die eigentlich konservativ sind, und sagen, dass sie mich spektakulär finden.

dieStandard.at: Haben Sie jemals einen Eingriff bereut?

Cristerna: Nein.

dieStandard.at: Wird Ihre Transformation jemals abgeschlossen sein?

Cristerna: Manchmal nehme ich mir Auszeiten. Aber solange es möglich ist, mache ich weiter. (Birgit Tombor, dieStandard.at, 5.4.2012)


Link

Wildstyle & Tattoo Messe
Samstag, 7. und Sonntag, 8. April
Planet.tt im Gasometer Wien

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Toleranz gegenüber Bizarrismus

Wenn sich Menschen die Arme oder Beine "ritzen" kommen sie im Regelfall in psychiatrische Behandlung. Ich frage mich, wer oder was diese Frau derart seelisch verletzt hat, dass sie ihren Körper auf so furchtbare und bestialische Weise quält und verunstaltet. Noch bedenklicher finde ich, dass sie dafür auch noch von manchen Seiten Gutheissen und Zuspruch erhält. Selbstverstümmelung ist doch immer noch ein Vergehen gegen die Schöpfung an sich - oder etwa nicht? Wenn diese Frau ehrlich um unterdrückte Frauen weltweit eintreten möchte, sollte sie zu allererst bei sich selbst beginnen und sich fragen, wieso sie sich als Monster gefällt.

Ich finde zynische, vom Hass zerfressene Menschen, denen die Misanthropie ins Gesicht geschrieben steht, wesentlich hässlicher, als diese Frau. Ist vielleicht schwer zu definieren, aber die Ausstrahlung machts.

"Tattoo-Künstlerin"

da fiel mir der alte Loriot_Sketch ein ... Kunstpfeifer ...

Ich würde es anders formulieren ...

... im Spiel des Lebens verfügen Frauen über die zusätzliche Spielkarte "Ich bin ein unterdrücktes Wesen".

Wer es versteht, diese Karte gar trefflich ins Spiel zu bringen, dem öffnet diese Karte womöglich Tür und Tor ...

Ja, super Spielkarte im Vergleich zu "ich weiß gar nicht, was ihr habts".

Jeder wie er will. aber stellt euch die Dame mit 70 oder 75 vor...

Ich finde es nie gut solche Selbstdarsteller auch noch durch Aufmerksamkeit zu unterstützen.

Stell mir das Naseputzen kompliziert vor.

Welche Wette sie wohl verloren hat...?

Medizinischer Super-GAU

Ich hoffe, dass sie nie eine Magnetresonanztomographie brauchen wird.

liebe Standard-Redaktion,

dieses Gesicht geistert nun schon seit einiger Zeit und immer wieder durch die Homepage, für meinen Geschmack könntet Ihr schön langsam wieder aufhören damit. So toll und interessant ist das nun auch wieder nicht.

Danke.

Die wichtigsten fotos werden uns mal wieder vorenthalten :-(

Das Morgengrauen

ich überlege grade, wie es wäre, neber diesem schiefgegangen case-modding Projekt aufzuwachen

wünsche ihnen, das sie aufwachen.

bin nicht sicher

ob das in diesem Fall eine gute Idee ist

Da müsst doch was gehen ......
Top 10 Physically Modified People
http://yagosweb.blogspot.com/2008/03/t... e-top.html

unglaublich nicht?
die beweggruende von der fr. julia gnuse ihre hautkrankheit zu verdecken....sie hat ihre art der stigmatisierung damit total umgedreht.
anstatt abstossung durch ihre erkrankung, die ihre haut "verformt", zu erleben, bekommt sie jetzt eine einladung nach der anderen, wie es ausschaut.

http://en.wikipedia.org/wiki/Julia_Gnuse

Ich versteh' solche Deformationen schon bis zu einem gewissen Grad. Das gibt/gab es ja auch bei Naturvölkern oder in Ägyptern (Nofretete). Manche verdienen sich ihre Brötchen damit, andere versuchen etwas zu verdecken ....
Vielleicht ist es auch nur ein anderer Ansatz auf der Suche nach der Schönheit des Menschen. Ich fürchte mich aber eh schon genug: ob Wallstreet Banker mit ihren Starlets oder die Freaks. Es wird immer kurioser.

da kann ich nur zustimmen.
beim banker, bin ich leider sehr beeinflusst von easton breet allis und seinem american psycho.

bei den bildern musste ich auch an die neuseelaendischen naturvoleker denken.

Schauen Sie sich bei der Google Bildersuche einmal die indischen Sadhus an.

Danke für den Link, die Seite ist großartig.

"Die Welt ist voller unterdrückter Frauen"

Die Heinisch Hosek wird sicher etwas unternehmen!

Also ich respektiere, dass sie Anwältin ist.
Wie sie mit Ihrer Optik allerdings einen Mann finden konnte, der bereit war auch Kinder mit Ihr zu haben, dass weiss nur sie selbst.
Obwohl mir ja Tatoos u. wenn es passt auch Piercings gefallen, hier finde ich es einfach nur noch hässlich.

und was sagen sie zu haeuslicher gewalt?

Häusliche Gewalt ist absolut abzulehnen.
Tätowieren, bis man hässlich genug ist, hilft normalerweise auch nicht.

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