Afrikanische Dörfer mitten in der Schweiz

11. April 2012, 17:48
  • Franziska Brägger betreibt seit 2008 gemeinsam mit ihrer Schwester Martina die Plattform für Tandem-Familien. Ausschlaggebend für ihr ehrenamtliches Engagement waren die vielen Anregungen im Bekanntenkreis.
    foto: brägger

    Franziska Brägger betreibt seit 2008 gemeinsam mit ihrer Schwester Martina die Plattform für Tandem-Familien. Ausschlaggebend für ihr ehrenamtliches Engagement waren die vielen Anregungen im Bekanntenkreis.

Tandem-Familien imitieren alte Nachbarschaftsstrukturen und zeigen Wege aus der Individualisierungsfalle

Wie Kinderbetreuung organisieren gehört auch in der Schweiz zu den brennendsten Fragen von Eltern junger Kinder. In dem bergigen Nachbarland kommt noch hinzu, dass öffentliche Kinderbetreuung viel kostet und die Frage, ob Kleinkinder öffentlich betreut werden sollen, immer noch politisch umkämpft ist.

So zahlt man in einer Großstadt wie Zürich durchschnittlich 2.500 Franken (2.081 Euro) für einen Ganztagskrippenplatz, im ländlichen Bereich sind es um die 2.000. Die Wartelisten für geförderte Plätze sind lang und durch Einkommensgrenzen praktisch für Alleinerziehende oder Working Poor reserviert. In der Schweiz, wo das mittlere Einkommen bei rund 5.800 Franken brutto liegt, stellen diese Kosten eine große Belastung dar.

Eigeninitiative der Eltern

Weil sich an dieser schlechten Versorgungssituation auf längere Zeit nichts ändern wird, haben die Schwestern Martina und Franziska Brägger ein Projekt gestartet, das auf die Eigeninitiative der Eltern setzt und gleichzeitig ein altes Betreuungsmodell wieder aufleben lässt: die Tandem-Familie.
Auf ihrer Webseite www.tandemfamilie.ch können sich Eltern registrieren und nach gleichgesinnten Familien in ihrer Umgebung suchen, die ebenfalls Bedarf nach kostenloser Kinderbetreuung haben. Das Konzept sieht vor, dass sich die Familien auf individuelle Betreuungszeiten einigen, in denen die Kinder der Tandemfamilie kostenlos mitbetreut werden.

Tauschsystem

Die persönlichen Bedürfnisse der Suchenden stehen dabei an oberster Stelle. Bräggers ist es allerdings wichtig, dass es bei einem Tausch von Dienstleistungen bleiben muss. "Die Betreuung ist kostenlos, aber nicht umsonst", so Franziska Brägger gegenüber dieStandard.at. 

Die Initiatorin erläutert den Hintergrund: "Tandem-Familien gibt es schon sehr lange. Nur wurden sie vor 30, 40 Jahren nicht so genannt. Auch unsere Generation ist ja noch fast selbstverständlich zwischen den Nachbarhäusern hin und her gerannt." Durch die zunehmende Mobilität heutiger Eltern seien diese alten Nachbarschaftsstrukturen vor allem im städtischen Bereich nicht mehr vorhanden.

Die Plattform fördert die Eigeninitiative bei betroffenen Eltern, solche Interessensgemeinschaften wieder neu zu gründen. Dass sich dabei potentiell Fremde eine so gewissenhafte Aufgabe wie Kinderbetreuung teilen, sieht Brägger nicht unbedingt als Problem. "Natürlich kann nicht jede Familie mit jeder. Wichtig ist, dass über die zentralen Wertevorstellungen in den Familien Einigkeit besteht, dann kann es auch funktionieren." Darunter versteht sie etwa den Umgang mit Fernsehen oder die Frage der Ernährung.

Freundschaft nicht nötig

Tandem-Familien müssten keinesfalls engste FreundInnen werden. "Wir raten nicht dazu, dann auch noch gemeinsam auf Urlaub zu fahren", so Brägger. Eine gewisse Grundsympathie zwischen den Familien sei aber für das Gelingen des Projektes durchaus förderlich.
Im deutschsprachigen Raum stehen sie mit ihrer Initiative fast allein da. Außer in Deutschland, wo die Plattform www.sitter-team.de in deutschen Städten einen ähnlichen Service anbietet, gibt es bis jetzt keine Anbieter.

Ein Grund dafür könnte sein, dass Tandem-Familien derzeit nicht wirklich im gesellschaftlichen Trend stehen. "Wir werden in unserem Lebensstil ja immer individualistischer. Das betrifft auch die Erziehung." Ein Tandem-Konzept könne aber nur funktionieren, wenn die Parteien einige familiäre Bereiche etwas gelassener angehen.

Das Tandem-Modell ist also einerseits retro, weil es an ältere, im urbanen Raum kaum noch vorhandene Solidar-Gemeinschaften anschließt, andererseits weist es mit seinem selbstverwalteten Fürsorgekonzept über die Grenzen und Normen der bürgerlichen Kleinfamilie hinaus. Wie es heißt es so schön in dem viel zitierten afrikanischen Sprichwort? Um ein Kind groß zu ziehen, braucht es ein ganzes Dorf. In der Schweiz tut es vorläufig auch eine Tandem-Familie. (freu, dieStandard.at, 11.4.2012)

das gibts doch sicher überall

Ich kenn z.B. in Wien 3 alleinerziehnde Frauen, die alle 3 Tage pro Woche ganztags arbeiten. So hat immer mindestens 1 der 3 frei und kümmert sich um die 3 Kinder.

afrikanische dörfer?

wieso afrikanische dörfer? soll das bedeuten, dass sich nur in afrika die nachbarn gegenseitig bei der kinderbetreuung helfen?

und wie soll dieses system einen ganztagskrippenplatz ersetzen?

vor allem wenn,wie im artikel geschrieben, das ganze auf gegenseitiger basis beruhen sollte und beide familien zu gleichen teilen betreuen?

die meisten werden doch das problem tagsüber haben und da deshalb weil man arbeitet - und da sind die arbeitszeiten bei den meisten menschen ziemlich ähnlich. d.h. beide familien bräuchten die tandemfamilie zur selben zeit.

das system kann also nur als ergänzung zu anderen betreuungen in spezialfällen sinnvoll sein wenn man z.b. aus irgendeinem grund mal am abend zeit braucht.

hm vermutlich...

aber da ich z.Bsp.: nur teilzeit arbeite und mein mann viel von zu hause aus, könnte ich mir schon vorstellen, wenn ich (oder mein mann) ohnehin auf das eigene kind aufpasse auch noch ein zweites oder drittes zu betreuen. und wenn es einer anderen familie ähnlich geht, kann man sich da schon zusammen tun...klingt sympatisch und vor allem äußerst unbürokratisch. :)

natürlich klingt es sympathisch

aber wenn man den kindergarten ersetzen möchte damit (ganztagsbetreuung mind. 8 uhr - 16 uhr) dann stellt sich die frage wie das gehen sollte, wenn beide familien arbeiten....
das ist einfach unmöglich.

und wenn nur eine arbeitet dann ist die betreuung nicht zu gleichen teilen aufgeteilt.

deshalb ist es eben nur für außergewöhnliche gründe einsetzbar

Was hat die Überschrift mit dem Artikel zu tun?

Interessant finde ich, dass genau solche soziale Strukturen die letzten Jahrzehnte als hinterwäldlerisch verspottet wurden ohne über Konsequenzen nachzudenken.

Kultur ist doch aus Notwendigkeit entstanden.

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