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Eva Lachkovics hält persönlichen Einsatz zur Durchsetzung von Nachhaltigkeit für wichtig: "Wenn ich nicht bereit bin, auf etwas zu verzichten, wird es mein Nachbar auch nicht sein."
Papier ist geduldig, vor allem im Bereich der internationalen Entwicklungspolitik. Vor gut 20 Jahren taten sich mehr als 1.500 Frauen- und Umweltaktivistinnen zusammen, um beim ersten UN-Weltgipfel in Rio die Stimmen der Frauen hörbar zu machen. Im Juni findet am selben Ort die Nachfolgekonferenz "Rio +20" statt. Laut Eva Lachkovics, Vorstandsmitglied des WIDE-Netzwerks in Österreich, sind die Forderungen der "Women's Action Agenda" nach wie vor aktuell und werden zunehmend auch im Mainstream der Entwicklungspolitik aufgegriffen. Ein Gespräch über verpatzte Chancen und neue Gefahren in der Entwicklungspoltik.
dieStandard.at: Vor 20 Jahren traf sich die internationale Gemeinschaft schon einmal in Rio. Von vielen wird diese Konferenz als Meilenstein betrachtet. Teilen Sie diese Einschätzung als WIDE-Aktivistin?
Lachkovics: Die Konferenz war sicher ganz wichtig, um das Thema nachhaltige Entwicklung überhaupt auf die Agenda der internationalen Politik zu bringen. Nur leider hat sich in der Zwischenzeit nicht allzu viel getan.
Ganz wichtig war die Konvention über die biologische Vielfalt (Biodiversitäts-Konvention, Anm.). Das ist ein großes frauenpolitisches Thema, weil in traditionellen und indigenen Gesellschaften die Frauen das Saatgut in der Hand haben und weiterentwickeln und somit die biologische Vielfalt weiterentwickeln. Die Konvention forderte den Zugang zu biologischen Ressourcen für alle und den Erhalt ihrer Vielfalt, sowohl auf dem Feld als auch in sogenannten Genbanken. In der Konvention sind aber leider keine Sanktionen bei Verstößen festgehalten, und seither ging auch schon wieder ganz viel biologische Vielfalt verloren.
dieStandard.at: Ein Herzstück der Rio-Konferenz war die verabschiedete "Agenda 21". Sie gilt bis heute als Leitpapier für nachhaltige Entwicklung. Aktivistinnen entwarfen im Vorfeld und parallel dazu die "Women's Action Agenda". Warum?
Lachkovics: Unsere Hauptkritik war und ist bis heute, dass die Agenda 21 die freie Marktwirtschaft und das Wachstumsgebot nicht in Frage stellt. Man geht in dem Papier davon aus, dass "Entwicklung" nur durch Wirtschaftswachstum erreicht werden kann. Das stellen wir in Frage. Man kann nicht permanent wachsen und gleichzeitig nachhaltig wirtschaften - also mit Rücksicht auf die zukünftigen Generationen. Dass das nicht zusammengeht, hat sich in den letzten 20 Jahren gezeigt, wo die biologischen Vielfalt weiter abgenommen hat.
In der "Women‘s Action Agenda 21" fanden sich auch ganz konkrete Forderungen wie zum Beispiel die sofortige Kürzung der Militärausgaben um 50 Prozent und die Verwendung der Gelder für nachhaltige Entwicklung. Wir haben auch mehr Jobs im Sozialbereich gefordert, etwas, das heute als Care-Ökonomie ein großes Thema ist.
dieStandard.at: Spielt die "Women's Action Agenda" bei den aktuellen Verhandlungen noch eine Rolle?
Lachkovics: Als Dokument eigentlich nicht, aber in Bezug auf die Forderungen sehr wohl. Die Kritik am Wachstumsprinzip findet sich im aktuellen Zero Draft Document der Konferenz wieder nicht. Immer noch wird Entwicklung ausschließlich am Wirtschaftswachstum gemessen. Es gibt keine Kriterien, wie man ein "gutes Leben" für alle beurteilen kann.
dieStandard.at: In der "Women's Action Agenda" ist von der Erhaltung der "sustained livelihood", also der dauerhaften Lebensgrundlagen die Rede.
Lachkovics: Bei diesem Konzept geht es darum, eine gewisse Lebensqualität für alle zu erreichen bei gleichzeitiger Schonung der Ressourcen, damit diese auch noch für die kommenden Generationen erhalten bleiben: Aktuell leben wir im Norden ja auf Kosten der kommenden Generationen und der armen Länder im Süden. Das kann man eindeutig am ökologischen Fußabdruck messen. Die EU verbraucht dreimal so viele Ressourcen im Jahr wie ihr zusteht.
dieStandard.at: Dieses Argument greifen die Schwellenländer auf, wenn sie sagen, dass sie nicht für den Schaden bezahlen wollen, den die Industrieländer verursacht haben. Wie ließe sich diese Pattsituation auf internationaler Ebene aufbrechen?
Lachkovics: Auf jeden Fall bringt es nichts, CO2-Zertifikate zu kaufen. Was wir in erster Linie brauchen, ist ein Technologietransfer in diese Schwellenländer. Gerade Länder wie China und Indien wollen mehr Energie und Ressourcen verbrauchen - das ist ja auch verständlich, wenn sie sehen, wie gut es uns geht.
Es muss einen Transfer von den reichen zu den armen Ländern geben, vor allem in Bezug auf Umwelttechnologie, damit die ihre Entwicklung ressourcenschonend vorantreiben können. Wichtig ist aber auch, dass die USA und Europa ihren Energieverbrauch reduzieren, ebenso wie der Schuldenerlass für Länder des Südens.
In der "Women's Agenda" wurde ein Zusammenhang zwischen Energiekonsum, Umweltkontamination und Frauen hergestellt. Frauen sind in traditionellen, ruralen Gesellschaften ja in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft vorwiegend aktiv, sie beschaffen die Nahrung für die Familie. Sie sind damit auch viel unmittelbarer betroffen von Umweltschäden und dem Verlust an Biodiversität. Frauen stellen zu etwa 70 Prozent die Armen und Hungernden dieser Welt. Maßnahmen gegen Hunger und Umweltschäden würden Frauen also viel weiter bringen.
dieStandard.at: Wie reagieren die Frauenentwicklungsgruppen auf die neuen Ansätze gegen den Klimawandel, etwa Geo-Engineering?
Lachkovics: Letzteres zeigt, dass immer wieder versucht wird, technologische Lösungen für Probleme zu finden, ohne die Betroffenen mit einzubeziehen und ohne die ungerechte Ressourcenverteilung ändern zu wollen. Die Geo-Engineering-Technologien sind abzulehnen, weil keinerlei Informationen über Langzeitauswirkungen vorhanden sind, weil niemand weiß, wie sie sich insgesamt auf die Umwelt auswirken, weil sie wieder viel Energie verbrauchen würden und weil sie in keiner Weise die Ursachen der Umwelt- und Klimakrise in Angriff nehmen. Nachhaltig sind sie sicher nicht.
Zudem werden diese Technologien enorme Gelder verschlingen, die für wirklich nachhaltige Maßnahmen, für die Ermächtigung von Frauen, für Armuts- und Hungerbekämpfung, für eine gerechte Ressourcenverteilung und für die Senkung des Energieverbrauchs fehlen.
dieStandard.at: Lehnen Sie das Konzept der Green Economy grundsätzlich ab?
Lachkovics: Man könnte es natürlich positiv besetzen, aber auch bei dieser Idee ist das Problem, dass das Wirtschaftswachstum nicht in Frage gestellt wird. Es bräuchte etwa dringend ein Verbot von Spekulationen auf Nahrung, Wasser und Boden. Für uns ist zentral, dass die Basis der green economy die Menschenrechte sein müssen und nicht das Wirtschaftswachstum.
Unsere Überzeugung ist, dass Frauen eine andere Qualität in die Politik bringen würden. Das Umweltmodell der Frauen ist kooperativ im Gegensatz zum kompetitiven Modell der Männer. Das ist genau der Punkt: In der freien Marktwirtschaft geht es immer um Wettkampf und das führt zu extremer Ausbeutung auf der einen Seite und extremem Luxus auf der anderen Seite. Da muss es einfach einen Ausgleich geben.
Wenn im Zuge des Klimawandels die Temperaturen über zwei Grad steigen, wird es ganz viele Umweltflüchtlinge geben. Was machen wir dann? Lassen wir die alle im Meer ertrinken? Derzeit wird das einfach alles verdrängt.
dieStandard.at: Gleichzeitig gibt es aber den Trend zu nachhaltiger Lebensweise hier im Norden und das Bedürfnis der Menschen, etwas zu tun. Angesichts des Stillstands auf internationaler Ebene - sollten wir statt unserer eigenen Lebensweise nicht eher die Regierungen in die Pflicht nehmen?
Lachkovics: Es muss beides passieren. Wenn ich nicht bereit bin, auf etwas zu verzichten, wird es mein Nachbar auch nicht sein. Es müsste das Bewusstsein geschaffen werden, dass wir unseren Ressourcenkonsum einschränken müssen. Das bedeutet nicht unbedingt einen Verlust an Lebensqualität. Außerdem ist eine umweltsensible Lebensweise derzeit noch eher ein Randphänomen, denn die Mehrheit tut es nicht und sieht auch nicht ein, dass sie auf irgendetwas verzichten soll. (Ina Freudenschuß, dieStandard.at, 19.4.2012)
Zur Person
Eva Lachkovics hat Biochemie in Wien studiert. Sie war von 1996 bis Oktober 2008 grüne Bezirksrätin im Bezirk Wien-Landstraße und von 2008 bis 2010 Abgeordnete zum Wiener Landtag. Seit 1999 ist sie Mitglied des Netzwerks Women in Development Europe (WIDE).
Hintergrund
Die "Women's Action Agenda 21" wurde im Vorfeld des ersten UN-Erdgipfels 1992 in Rio von mehr als 1.500 Frauen aus allen Teilen der Erde zusammengestellt. Verhandelt wurde das Dokument beim Women's World Congress für a Healthy Planet im November 1991.
Links
Die "Women's Action Agenda" im Wortlaut auf der Seite des International Institute for Sustainable Development
Weiterlesen auf dieStandard.at
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Es wird sich auch weiterhin nichts tun, wenn nicht die Grundlage unseres Wirtschaftens nachhaltig gestaltet wird: unser Geldsystem ist denkbar unnachhaltig.
http://www.banken-in-die-schranken.at
Der Juchtenkäfer trägt zur biologischen Vielfalt bei. Es könnte ja sein, dass sein Genmaterial sehr wichtig werden könnte.
Ohne jetzt die Sachlage zu kennen, vermute ich, dass de Juchtenkäfer auch dann überlebt, wenn der Bahnhof gebaut wird. Zumeist sond Tiere anpassungsfähiger als man in erster Näherung annimmt.
ist die nachhaltige Entwicklung auch möglich, zum Beispiel im Energiesektor, wo sehr viel Geld verprasst wird (um die 25 % vom Haushaltseinkommen): Wasser, Wind und Sonne sind nämlich gratis, Kohle, Erdöl und Erdgas nicht.
Der Übergang dorthin kostet; danach aber ist die Energieversorgung günstiger und nachhaltig.
aber wer soll eine dezentrale lokale und autonome Energieversorgung durch Wind und Sonne vorfinanzieren? Der Staat wird es nicht tun, dieser wird gerade abgetragen (siehe Deutschland und das Rückfahren der Solarpolitik). Die Energiekonzerne stemmen derweil fleißig Megakraftwerke in Wüste und Meer, damit wir danach ein Reinheitserlebnis beim Strom haben. Weil in Wüste und Meer gibts ja nix zum schützen. Oder etwa doch?
Viele dezentrale Elektrizitätsgewinnungseinrichtungen, die sehr oft nicht in ausreichender Nähe zu größeren Verbrauchern angeordnet sein müssen (Wind- Wasserkraft, Gehzeitenkraftwerke), erfordern entsprechend leistungsstarke Leitungsnetze und, insbesondere Solar- und Windenergie, deren Anfall nicht vorplanbar ist, auch Speichereinheiten. Letzter können durch Pumwasserkraftwerke, Anlagen zur ERzeugung von brennbaren Gasen gebildet sein. Ohne Großtechnologie geht auch bei der dezentralen Stromerzeugung nicht. Gerade gegen diese, insbesondere leistungsstarke Leitungssystem regt sich aber heftiger Widerstand.
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