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Mikael (links) und Lisa in "Tomboy". Donnerstagabend im Wiener Top-Kino zu sehen.
Als "Tomboy" im vergangenen Sommer als Preview der Viennale seine Österreich-Premiere im Open-Air-Kino am Augartenspitz feierte, wurde im Anschluss viel diskutiert - über das Verhalten von Kindern in der Gruppe, über Geschlechteridentitäten, über die Herausforderungen einer Regisseurin und ihres Teams bei der Arbeit mit dem Thema Trans-Identitäten.
Die französische Regisseurin Celine Sciamma nähert sich dem gesamten Komplex sensibel und mit Humor an und begleitet die kleine Laure einfühlsam und leichtfüßig durch einen Sommer, in dem sie sich in der neuen Nachbarschaft als Mikael ausgibt. Laures Spiel geht so weit, dass ihre Identität zu einer doppelten wird.
Laure ist zehn Jahre alt und mit ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester erst kürzlich ins neue Wohnviertel gezogen. Wenn die Kinder aus der Nachbarschaft draußen spielen, bleibt Laure allein, denn sie kennt hier noch keinen. Eines Tages trifft sie Lisa, ein Mädchen ihres Alters.
Freiheit von kurzer Dauer
Diese hält Laure für einen Buben - und Laure lässt sie in dem Glauben. Laure wird zu Mikael, und plötzlich kann sie auch mit den anderen Fußball spielen und am Baggersee herumtoben. Mit der Zeit kommen sich Laure und Lisa näher, was den zu Beginn so einfachen Identitätswechsel dann doch komplizierter gestaltet. Laure genießt ihre Freiheit als Mikael - und weiß dennoch ständig darum, dass diese nicht von langer Dauer sein wird.
Zoe Heran spielt ihre Rolle nüchtern und unaufgeregt, und Regisseurin Celina Sciamma merkt man ihre Vorbilder - von Desplechin bis Gus Van Sant - deutlich an, ohne dass es aufgesetzt wirken würde. Ihr ist ein kurzweiliger, hinreißender Film gelungen, der wie nebenbei Fragen aufwirft und die sozialkritischen, politischen Themen im kleinen Kreis behandelt.
"Kinder haben alle Sinne offen"
In einem Arte-Interview erklärt Sciamma, dass sie im Film keine psychologischen Hintergründe verfolgte. Sie wollte lediglich eine Geschichte erzählen. "Man überlegt sich nicht, was der Person im Film jetzt passiert und warum es passiert, man erlebt es einfach mit," so Sciamma.
Dabei wollte sie keinem Genre gerecht werden, sondern schlicht eine Periode aus der Kindheit zeigen. "Die Kindheit ist eine Zeit voller Sinnlichkeit. Kinder haben alle Sinne offen. Ein Kind fühlt sich frei, rennt, springt, ist neugierig, entdeckt neue Dinge, nimmt alles in sich auf und ist eins mit seinem Körper".
Ausverhandelte Geschlechterordnung
Die Geschichte eines jungen Mädchens, das sich für einen Jungen ausgibt, schwirrte der Regisseurin dabei schon lange im Kopf herum. "Ich hatte den Eindruck, damit Neuland zu betreten, zumal es nicht gerade häufig geschieht, dass Identitätsprobleme während der Kindheit im Kino thematisiert werden. Es scheint fast, als wäre die sexuelle Orientierung von Kindern mit einem Tabu behaftet," schildert sie ihre Motive in einem Gespräch.
Bei der Berlinale 2011 eröffnete der vielfach prämierte Film die "Panorama"-Sektion, und auch bei der Viennale im Herbst war "Tomboy" zu sehen. Der sozialkritische Film, der Möglichkeiten innerhalb einer dualistischen Geschlechter- und Gesellschaftsordnung auslotet, ist ab Freitag in den Kinos zu sehen. (APA, red, dieStandard.at 3.5.2012)
Info:
"Tomboy": Drama (F 2011) - 84 min, OmU, Untertitel: Deutsch, Regie: Celine Sciamma, Produzent: Benedicte Couvreur, DarstellerInnen: Zoe Heran, Malonn Levana, Jeanne Disson
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