Konjunktur der Höhlenmenschen

Birgit Tombor, 6. Mai 2012, 18:00
  • Das deutsche Leitmedium arbeitet sich an biologistischem Geschlechterwissen ab.
    foto: matthias cremer

    Das deutsche Leitmedium arbeitet sich an biologistischem Geschlechterwissen ab.

  • Die vorgeschützten Argumente bedienen keine "Zurück zum Herd"-Agenda, sondern neoliberale, neokapitalistische Diskurse, sagt die Schweizer Autorin Lou-Salomé Heer.
    foto: cover lou-salomé heer, das wahre geschlecht, chronos

    Die vorgeschützten Argumente bedienen keine "Zurück zum Herd"-Agenda, sondern neoliberale, neokapitalistische Diskurse, sagt die Schweizer Autorin Lou-Salomé Heer.

Das "wahre Geschlecht" sorgt im "Spiegel" seit Jahrzehnten für Titelgeschichten. Anlass für Lou-Salomé Heer, die dominanten Erklärungsmuster zu untersuchen

Was macht die Frau zur Frau, was den Mann zu selbigem? Was ist die "Natur" der Geschlechter? Fragen zur Beschaffenheit des "wahren Geschlechts" werden von Sozial- wie Naturwissenschaften zu beantworten versucht und mittlerweile auch intensiv in den Medien verhandelt. Wer in dieser als Wissenskampf inszenierten Debatte mit ExpertInnenwissen zu Wort kommen darf und wie sich der Diskurs im Laufe der Zeit verändert hat, beschäftigt die Schweizer Autorin Lou-Salomé Heer. Sie zerpflückt in ihrer detailreichen Analyse die massenmediale Welle aus vornehmlich biologistischen Argumenten, die uns mit Erklärungen zu Geschlechterunterschieden überrollen, und zwar anhand des deutschen Leitmediums "Der Spiegel".

dieStandard.at: Sie schreiben in "Das wahre Geschlecht", dass am Beginn Ihrer Forschung Empörung und Wut standen. Worüber?

Heer: Es gab immer wieder einen Anlass: Vereinfachende biologistische Erklärungen für die Geschlechterverhältnisse sind in den Massenmedien allgegenwärtig; seien dies zum Beispiel die bekannten Paarratgeber, die ich hier ungern erwähne, seien dies Zeitschriftenbeiträge oder auch unterschiedliche Fernsehformate, die unablässig die gleichen Geschichten von jagenden Höhlenmännern und sammelnden Höhlenfrauen wiederholen und damit gegenwärtige Geschlechterverhältnisse erklären und Geschlechterstereotypen bedienen.

Natürlich kann argumentiert werden, dass diese Geschichten oftmals der Unterhaltung dienen und nicht weiter ernst zu nehmen seien. Aber erstens teile ich diese Ansicht nicht, denn sie dienen eben nicht "nur" der Unterhaltung, und zweitens: Was ist daran eigentlich so spaßig?

dieStandard.at: Geschlechterstereotypen werden nicht nur im "Spiegel" durchgekaut. Warum haben Sie gerade das deutsche Magazin herangezogen?

Heer: Natürlich hätte sich dabei eine Untersuchung von explizit populärwissenschaftlich ausgerichteten Medien angeboten. Aber ich fand interessant, dass mit biologistischem Geschlechterwissen "Spiegel"-Titelgeschichten gemacht werden. Titelbilder sollen ja Aufmerksamkeit generieren und LeserInnen gewinnen und verweisen so auf die redaktionelle Gewichtung von bestimmten Themen.

Außerdem ist der "Spiegel" ein deutschsprachiges Leitmedium. Gerade viele JournalistInnen nutzen das Magazin zur Eigenorientierung, und dies hat auch Auswirkungen darauf, welche Schwerpunkte andere deutschsprachige Medien setzen. Und der "Spiegel" ist eines der auflagenstärksten Printmedien in Deutschland. Als Quellenkorpus bietet er sich zudem an, weil der "Spiegel" seit über 60 Jahren in seiner ihm typischen Aufmachung erscheint.

dieStandard.at: Werden die biologistischen Erklärungsversuche im "Spiegel" denn antifeministisch verwendet? 

Heer: Ich kann nur für die von mir untersuchten Titelgeschichten sprechen, und dort wird deutlich, dass biologistische Argumente nicht eingesetzt werden, um Frauen an den Herd zurückzubeordern, im Gegenteil. Es gibt hier grob gesagt zwei Argumentationsstrategien, in denen Biologie und Wirtschaft miteinander verknüpft werden: Eine betont, dass Frauen keineswegs die braven Heimchen am Herd sind, sondern es ebenso gut mit dem Konkurrenzkampf in der Arbeitswelt aufnehmen können. Dies verknüpft und begründet mit der soziobiologischen Aussage, dass Frauen nicht einfach passive Empfängerinnen männlicher Spermien sind, sondern sehr wohl über aktive und geschickte Fortpflanzungsstrategien verfügen.

Die andere Strategie funktioniert folgendermaßen: Frauen verfügen über bestimmte evolutionsbedingte Fähigkeiten wie Einfühlungsvermögen, Kooperations- und Organisationsgeschick sowie Bewusstsein für Nachhaltigkeit, und diese Fähigkeiten werden als in Führungspositionen zunehmend gefragt dargestellt.

Bestimmte Forderungen der Frauenbewegung werden hier also durchaus aufgegriffen und lassen sich nicht so einfach als antifeministisch abkanzeln, gerade wenn man sich bewusst ist, dass es sehr vielfältige Formen von Feminismen gibt.

dieStandard.at: Schließen Sie daraus, dass in der Biologie verortete Argumente einem profeministischen Diskurs auch zuträglich sein können?

Heer: Die Kulturwissenschaftlerin Angela McRobbie weist darauf hin, dass feministische Politik nicht einfach zum Ziel haben kann, Frauen in eine bestehende soziale Ordnung zu integrieren, sondern auf einer Veränderung dieser Ordnung bestehen müsse. Dem möchte ich absolut zustimmen, und gerade in der Anrufung von Frauen als aktiven und flexiblen Leistungssubjekten, als kompetenten Managerinnen ihrer selbst, die mit widersprüchlichen und vielfältigen Anforderungen souverän umzugehen wissen und irgendwie alles unter einen Hut bringen, sehe ich unter den gegebenen Umständen keine widerständige Kraft.

Letztlich bin ich der Ansicht, dass diese Argumentationen neoliberale, neokapitalistische Diskurse unterfüttern und sich gleichzeitig auch aus ihnen speisen, denn grob gesagt wird folgendes Bild bedient: Der Geschlechtskörper ist kein eindeutiges Schicksal, sondern eine Ressource, ein Potenzial, das es mit dem Versprechen auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit bestmöglich auszuschöpfen gilt. Und bestmöglich heißt gewinnbringend auf wirtschaftlicher Ebene.

dieStandard.at: Eine Ihrer Forschungsfragen sucht Antwort auf Folgendes: Haben die Natur- die Sozialwissenschaften als Erkenntnis- und Legitimationsquelle abgelöst? Haben sie?

Heer: In der medialen Inszenierung des "Spiegel" haben die Sozialwissenschaften in den 1990er-Jahren an Sichtbarkeit und Autorität verloren, und "die Biologie" oder "die Naturwissenschaften" sind der dominierende Bezugsrahmen. Damit werden Titelgeschichten gemacht, und biologisch argumentierende ExpertInnen erhalten eine große Plattform. Interessant ist, dass diese ExpertInnen oftmals auch AutorInnen von Sachbüchern und geschickte PopularisatorInnen sind bzw. sich und ihre Thesen gut zu inszenieren wissen. Überhaupt ist eine starke Anbindung an einen originär englischsprachigen populärwissenschaftlichen Büchermarkt feststellbar.

dieStandard.at: Woran hapert es bei der medialen Vermittlung queer-feministischer Theorie?

Heer: Für mich zeichnen sich queer-feministisches Wissen und queer-feministische Theorie dadurch aus, dass sie sich vereinfachenden und vorherrschenden Deutungsmustern von Mann/Frau, Natur/Kultur und eindimensionalen Erklärungen verweigern. Herkömmliche Grundannahmen werden in Frage gestellt, vermeintliche Selbstverständlichkeiten lassen sich nicht mehr bequem hinnehmen.

Die Geschlechterforscherin und Soziologin Nina Degele spricht deshalb zum Beispiel von einer "Verunsicherungswissenschaft". Damit lassen sich bestimmte massenmediale Logiken eben nur schlecht bedienen, und wenn man sich dieser Logik oder diesem Diskurs nicht unterwirft, ist man auch nicht Teil davon. Aber das ist nur eine mögliche Erklärung.

dieStandard.at: Stehen Natur- und Sozialwissenschaften sich denn unvereinbar gegenüber?

Heer: Selbstverständlich stehen sie sich nicht unvereinbar gegenüber, das zeigen gerade feministische NaturwissenschaftlerInnen, die sich nicht einfach einer Disziplin zuordnen lassen. Aber die Inszenierung eines Wissenskampfes "nature" gegen "nurture" bedient gewisse mediale Eigenlogiken wie Emotionalisierung und Skandalisierung. (Birgit Tombor, dieStandard.at, 7.5.2012)


Lou-Salomé Heer hat in Zürich und Basel Geschichte, Geschlechterforschung und Europäische Volksliteratur studiert. Die Publikation "Das wahre Geschlecht" ist eine überarbeitete und erweiterte Fassung ihrer Lizentiatsarbeit (Diplomarbeit).


Lou-Salomé Heer
Das wahre Geschlecht. Der populärwissenschaftliche Geschlechterdiskurs im "Spiegel" (1947-2010)
Chronos Verlag 2012
176 Seiten mit 12 Abbildungen, 26 Euro

Link

Chronos Verlag

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als jahrelanger und hochzufriedener spiegel abonent,

möcht ich auch irgendwie stellung beziehen. natürlich hab ich nicht mehr alle artikel, die sich dem thema widmeten im kopf aber ich habe nicht das gefühl, dass der spiegel hier in eine richtung polemisiert. dazu fallen mir einfach zuviele größere und kleinere artikel in beide richtungen ein. ich fände es interessant zu wissen welche artikel genau untersucht wurden und über welchen zeitraum. tendenziell, scheint mir, werden die artikel über weibliche führungskräfte eher aus feministischer perspektive behandelt als jene stories in der wissenschaftsrubrik. ausschlaggebend ist mmn meist die kritik- bzw. resonanzfähigkeit eines themas.

interessanter artikel

selten so einen inhaltslosen, selbstwidersprüchlichen artikel gelesen, ich kann beim besten willen keine substanz darin finden, ausser, dass einfach alles, alles, alles schlecht ist...

gewissen damen ist es einfach nicht rechtzumachen, selbst wenn die biologie ihnen gutes zuspricht, passt es nicht, wie man aus dem artikel erfährt. aber vielleicht habe ich ja nur vergessen, dass geschlecht ja gar kein biologisches faktum, sondern bloss ein soziales konstrukt ist...widerlich, diese biologie :-)

drbld.blogspot.com

Ist "quer" auch schon genderisiert? Quer = männlich, queer = weiblich?

Find ich irgendwie seltsam......

zuerst wird, meiner Meinung nach völlig legitim, Kritik an biologistischen Argumente angeführt um dann bei der nächsten Frage mit "Frauen verfügen über bestimmte evolutionsbedingte........." selbst absolut biologistisch zu argumentieren.

Im Koran steht, Sure 4, daß Allah die Männer mit Vorzügen ausgestattet hat und daher diese für die Frauen verantwortlich sind.

Steht im Koran auch etwas über das Versagen der Männer?

Außerdem: Wieso versagen Männer? Sprechen Sie von sich?

Nein, nichts.
Ist doch eine Männer-Religion !

Das Wahre Geschlecht ?

Was soll das jetzt?
Die Mainstreammedien versuchen also unser Geschlecht irgendwie zu normalisieren. Geht es noch dümmer.
Also ich rate, keine Medien mehr zu konsumieren.
Das verblödet und ist mit lauter HALBWAHRHEITEN gespickt.

"Die Mainstreammedien versuchen also unser Geschlecht irgendwie zu normalisieren"

sie meinen "normieren"

normal ist die individuelle vielfalt

Die handvoll Medien benutzt man zum Posten.

Ein verständliches Posting

Du hinkst der neuen Zeit hinterher.
Versuch wirtschaftlich zu denken. Dieses neue Bewusstsein existiert. Wer's wirtschaftlich verschläft, sich den Bedürfnissen dieser Subs anzupassen, verliert über kurz oder lang.
Du musst nicht Gutfreund mit dem "Problem" werden. Es genügt schon, wenn du es zur Kenntnis nimmst und dir überlegst "Was kann ich tun, um sie als Kund_innenschaft zu gewinnen?"

Versuch wirtschaftlich zu denken.

das hat auch wieder ein ende, jeder unsinn geht mal vorbei

Ich lese hier in diesem Interview nirgends, WAS an den verschiedenen biologischen Erklärungen falsch sein sollte. Ich war neugierig. Der Titel hat mir schon große Einsichten versprochen. Die Kapazunderin wollte für uns die "dominanten Erklärungsmuster untersuchen". Aber dann nichts? Oder sollte das der Leser automatisch wissen? Es wird nur rumgeredet, viel aufgeplusterte Terminologie verwendet. Sehr beeindruckend. Aber wissenschaftliche Kritik sieht anders aus. Wenn das Interview ein Appetizer für ihr Buch ist, dann war das eine Fehlinvestition. Rein kapitalistisch ausgedrückt.

"WAS an den verschiedenen biologischen Erklärungen falsch sein sollte"

ist doch offensichtlich

wir sind in erster linie kulturwesen und unterliegen einer ganz anderen sozialen prägung als die jäger und sammler des paläolithikums

und die erde ist eine scheibe, oder?

Naja, das ist in erster Linie eine Entscheidung jedes Einzelnen. Dank unserer biologischen Ausstattung sind wir Kulturwesen. Aber worin die jeweilige Kultur besteht, variiert sehr. Mittlerweile vereinzelt sich das.

Kann es sein, dass Sie unter "falsch" etwas anderes verstehen als ich? Meinen Sie "falsch" iSv nicht den Tatsachen entsprechend oder "falsch" iSv unerwünscht? Ich meine ersteres. Das nur einmal am Rande. Überhaupt wird bereits im Interview die ganze Sache über alle Maßen oberflächlich dahergeschwurbelt. Seriosität sieht anders aus. Jedenfalls nicht so: Bio-Wissenschaft wäh, Sozialwissenschaft supidupi. Und genau in diesem Stil wird hier dahergeredet. Das törnt mich ja voll für das Buch an!

"Aber worin die jeweilige Kultur besteht, variiert sehr"

eben

nicht aber die biologische ausstattung, also ist die biologische normiertheit in diesen bereichen widerlegt

ist "falsch", weil nicht den tatsachen entsprechend

So einfach ist das nicht

Sehen Sie, die Sache ist viel schwieriger. Eigentlich sollte es bereits zum Common Sense gehören, dass Angeborenes und Anerzogenes keine disjunkten Begriffe sind, sondern einander bedingen. Das eine fängt nicht dort an, wo das andere aufhört. Das eine ist nicht das Gegenteil des anderen. Sondern beides verschränkt sich auf komplexe Weise. Das zumindest ist das Ergebnis einer seriösen naturwissenschaftlichen Betrachtung.

das ist ein interview. lesen sie das buch...

Ich warte, bis es verfilmt wird.

Lieber warten bis es Amazon abverkauft oder die öffentlichen Bibliotheken es zum Verleih haben.

Mein Senf

a) Ja, es gibt biologische Unterschiede
b) Nein, so wichtig sind sie auch nicht
c) Und so, wie in der Kultur dargestellt und leider auch in Popularmedien besprochen werden, sind sie in Extremformen und nicht die durchschnittliche und wandelbare Realität.
Tschuldigung, aber auch nicht jede Blume sieht gleich aus.

Wie manche Leute mit der medialen und künstlerischen Darstellung von Geschlecht umgehen, das wäre, als würde ich eine Hentaifigur mit Körper und Gesicht einer 12jährigen und Körbchengröße Z für die erwartbare Realität halten.

"wichtig" ist eine höchst subjektive Bewertung.

Der Unterschied, ob man Kinder gebären kann oder zeugen, ist nicht wichtig? Der Unterschied ob man Säuglinge stillen kann oder nicht, ist nicht wichtig? Dass Frauen unter einem gewissen Körperfettanteil Menstruationsstörungen haben, ist niemals wichtig? Ein geringerer, durchschnittlicher Muskelanteil, eine durschnittlich geringere Knochendichte und Körper größe ist also niemals wichtig?

Auch im Durchschnitt sind so manche statistischen Unterschiede enorm.

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