Sie wankt, aber sie fällt nicht

  • (K)eine flexible Frau als "Gewinnerin der Krise": Mit ihrem Film rückt Tatjana Turanskyj die "Verdrehung der 
Verhältnisse" ein Stückchen Richtung Realität.
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    (K)eine flexible Frau als "Gewinnerin der Krise": Mit ihrem Film rückt Tatjana Turanskyj die "Verdrehung der Verhältnisse" ein Stückchen Richtung Realität.

Tatjana Turanskyjs Film "Eine flexible Frau" kritisiert die Synonymisierung von Frausein und Flexibilität. Dabei findet sie klare Worte gegen einen "Surrogat-Feminismus"

"Ich habe nichts, wovon ich sagen möchte, es sei mein eigen. Mein Geschäft auf Erden ist aus. Ich bin voll Willens an die Arbeit gegangen, habe geblutet darüber, und die Welt um keinen Pfenning reicher gemacht. Ruhmlos und einsam kehr' ich zurück und wandre durch mein Vaterland, das, wie ein Totengarten, weit umher liegt, und mich erwartet vielleicht das Messer des Jägers."

Anfang ist Ende ist Anfang

Die deutsche Filmemacherin Tatjana Turanskyj lässt die Schauspielerin Dorothea Moritz am Ende ihres Films "Eine flexible Frau" Hölderlin rezitieren. Worte, die in ihrer Trostlosigkeit gebrochen werden durch die Szene, in der sie fallen. Tröstend wirken sie, vorgetragen von einer weisen Alten, gerichtet an die Hauptprotagonistin Greta (Mira Partecke), die sich beim Wirten noch ein "Herrenfrühstück" ordert. Damit sie ihren Rausch mehr spürt. Die beiden Frauen stoßen aufeinander, stoßen miteinander an, beginnen zu reden. Nach einem gemeinsamen Stück Wegs winkt die Alte Greta zum Abschied, in der anderen Hand ein aufgeklapptes Buch. Greta selbst findet sich am Schluss allein auf einem abgedroschenen Feldstück, wie zu Anfang des Films. Sie wankt, sie wankt wild. Sie fällt aber nicht.

Arbeit als Identitätsstifterin

Turanskyj lässt sie nicht fallen. "Es geht weiter", sagt sie zur Situation ihrer Hauptfigur. Auch wenn Greta gekündigt wurde. Auch wenn sie kein Geld hat. Auch wenn ihr Sohn sie Loser nennt und sie nicht sehen will. Dabei könnte Greta einfach sagen: Ich kann jetzt einfach nicht mehr. "Darüber denkt Greta gar nicht nach. Das ist das Einzige, das Greta nicht hinterfragt: Dass sie in dieser Leistungsmühle, die sie ja eigentlich kritisiert in ihrer Widerspenstigkeit, mitten drin steckt", schildert die Filmemacherin im Gespräch mit dieStandard.at. Damit umreißt Turanskyj ein Metathema ihres Films: "Die Identitätsstiftung von Arbeit und die Leistungsbereitschaft."

"Gewinnerinnen der Krise", eine Perversion

Schon der Titel "Eine flexible Frau" ist eine Ansage und Anlehnung am Richard Sennetts Buch "Der flexible Mensch", erklärt Turanskyj: "Darin beschreibt er die Konsequenzen der Anpassungsleistung an den explosiven Kapitalismus auf das Indiviuum. Er formuliert einen tollen Satz: 'Der Mensch in der flexibilisierten Gesellschaft ist ein Gefangener der Gegenwart.' Er hat keine Vergangenheit, und auch keine Zukunft, denn er kann sie nicht planen. Er weiß nicht, wie es nächste Woche aussieht, nächsten Monat, nächstes Jahr. Dieses Bild wollte ich auf die Situation der Frauen beziehen, die ja nochmal eine besondere ist. Weiblichkeit und Flexibilität wurde eine Zeit lang quasi biologistisch verknüpft. Frauen wurden als die 'Gewinnerinnen der Krise' bezeichnet. Das empfand ich als solche Perversion und Verdrehung der Verhältnisse, dass ich abbilden wollte, was das eigentlich heißt: Keine festen Arbeitsverträge, 400 Euro-Jobs, letztlich Altersarmut. Die geforderte Flexibilität dient nur dazu, den Kapitalismus aufrecht zu erhalten - immer weiter, immer weiter, immer weiter."

Antagonistin Stadt und Zuverdienerinnen-Welt

Immer weiter heißt für Greta: Anknüpfungsversuche an die Arbeitswelt, in der sie früher Architektin war. "Für mich war es wichtig, dass ich eine Frau zeige, die aus einem eher männlich konnotierten Beruf kommt", sagt die Filmemacherin. Auch um den "Kreislauf des Wahnsinns, des Prekariats" aus einem typisch weiblichen Berufsfeld herauszuheben. Wie alle Freien wurde Greta von ihrem letzten Arbeitgeber gekündigt. Seitdem driftet sie durch Berlin, an die Periphärie der Stadt, die die Regisseurin als große Antagonistin inszeniert. Die Stadt, die gentrifiziert und zur Ausschlußmaschine wird, die Greta aus der "heilen Mutti-Welt", der Zuverdienerinnen-Welt, ausspuckt. "Ich bin Architektin. Ich muss arbeiten. Ich muss Geld verdienen. Ich habe keinen reichen Typen. Diese Muttis hier, diese heile Muttiwelt, diese Zuverdienerinnen-Gesellschaft!", wirft Greta einer Freundin und Proponentin der Mutti-Welt an den Kopf.

"Sie müssen sich ändern"

Neben den Muttis treten Callcenteragents ins neue Leben von Greta, als sie selber eine wird. Sie verkörpern den Prototyp der "flexiblen Frau": Jung, dynamisch, erfolgreich, kreativ, und klar, flexibel. Greta erweist sich als keine von ihnen, auch nicht nach Jobcoachings durch eine weitere Vertreterin, die ihr erklärt: "Sie müssen das Leben positiv betrachten. Sie müssen lernen, konstruktiv mit ihren Erlebnissen umzugehen. Wenn Sie sich nicht für Ihr Leben interessieren, wen soll es denn sonst interessieren. Sie müssen in ein Team passen. Sie müssen Ihre Einstellung ändern, sonst kann ich Ihnen nicht helfen." Helfen kann ihr auch nicht ihre trinkfeste Kioskbekanntschaft, die sich später als ihre betreuuende Beamtin am Arbeitsamt herausstellt.

Blind für die Realität

Eine der wenigen Männerfiguren im Film ist ein Blogger, der in die echte Welt hinausgeht und als Stadtführer seiner Gefolgschaft Feminismus-Lektionen erteilt: "Wer sagt, dass Frauen gleichberechtigt sind, ist offensichtlich blind für die Realität. Die Privatisierung und Feminisierung der Haus- und Sorgearbeit für Kinder und Bedürftige und die selbstverständliche Mitversorgung der Ehemänner durch ihre Frauen bei gleichzeitiger gesellschaftlicher Unterbewertung dieser Tätigkeit bilden die Quelle für ihr spezifisches Armutsrisiko. Das Traurige ist, dass die ganze feministische Revolution des 20. Jahrhunderts an dieser Tatsache nichts geändert hat." Und auch Greta hört zu, abseits. In der nächsten Szene singt sie: "Schwesterlein, Schwesterlein, wann gehen wir nach Haus?"

Surrogat-Feminismus

Turanskyj formuliert in starken, oft entgegen der tristen Verfasstheit der Strukturen, in welchen Greta "beschädigt" wird - wie es im Film heißt -, durch Humor getragene Bilder eine klare Gegenposition zu den gängigen "Chick Flicks" und dem, was sie aussagen: "Dass wir keinen Feminismus brauchen, weil wir alle wahnsinnig emanzipiert und total gleichberechtigt sind. Das ist konservative Emanzipation, ein Surrogat-Feminismus, der innerhalb des Status Quo einen Fortschritt attestiert, der gar nicht vorhanden ist", hält die Filmemacherin fest. "Es gibt gleichzeitig einen strukturellen Sexismus, gegen den wir ankämpfen müssen. Und der hat auch was mit dem Kapitalismus zu tun. So zu tun, als habe sich die Gesellschaft so verändert, als wäre die Geschlechterasymmetrie, die sich an finanziellen, ökonomischen Momenten und Lebensqualität festmachen lässt, nicht existent, stimmt einfach nicht."

Relikt aus der Vergangenheit

Momente aus feministischen Filmen der 1970er drängen vors innere Auge. Turanskyj verwehrt sich nicht dagegen. Dass sie bewusst einen Querverweis zu Helke Sanders "Redupers" über Gretas ständige Begleiterin, eine Umhängetasche mit Aufdruck "Jil Sander", setzt, trifft aber nicht zu: "Das bezieht sich klar auf die Modemacherin. Ich bin durchaus modeaffin, interessiere mich dafür, was Mode bedeutet, und ich schäme mich nicht dafür. Greta trägt die Tasche wie ein Relikt aus ihrer Vergangenheit. Jil Sander steht für mich für die 1980er, in denen der Turbokapitalismus angefangen hat. Durch Margaret Thatcher. Die 'Frau an der Spitze', die die Möglichkeit des Aufstiegs für Frauen symbolisierte." Das treffe auch auf Jil Sander zu, die Mode für die "Businessfrau" machte, sagt Turanskyj. "Aber wenn du kein Business hast, dann brauchst du auch Jil Sander nicht mehr." (Birgit Tombor, dieStandard.at, 10.5.2012)

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