Nichts verschwiegen, nichts unter den Teppich gekehrt

  • Demonstrantinnen bei einer Veranstaltung zum Equal Pay Day in Berlin, wo sie für Deutschland 23 Prozent Differenz kritisierten. Ob ihnen auch wer sagte, sie wären damit auf dem Holzweg?
    foto: reuters/thomas peter

    Demonstrantinnen bei einer Veranstaltung zum Equal Pay Day in Berlin, wo sie für Deutschland 23 Prozent Differenz kritisierten. Ob ihnen auch wer sagte, sie wären damit auf dem Holzweg?

Der Aufhänger des "Profil"-Artikels, der die "wahre Gehaltsdifferenz" präsentieren wollte, ist und bleibt falsch - Daran ändert auch die x-te Rechtfertigung nichts

Erst per Videobotschaft auf der Webseite des "Profil", dann beim "Club 2" und jetzt nochmals doppelseitig im aktuellen "Profil": Die Journalisten Robert Treichler und Gernot Bauer mussten aufgrund massiver Kritik bereits einige Male zu ihrem Artikel "Löhne: Die Wahrheit über die Ungleichheit" Stellung beziehen. Die neueste Reaktion Treichlers auf Kritik und Leserinnenbriefe im aktuellen "Profil" überrascht nun einerseits ob der doch schon länger zurückliegenden Diskussion und andererseits, weil bei Treichler offenbar noch immer nicht angekommen ist, was so viele an dem vermeintlichen Aufdeckerartikel über die "wahre Lohndifferenz" ärgerte.

Darin liegt auch schon ein zentrales Ärgernis: Der Artikel erzählte uns eben nichts Neues, deckte nichts auf. Das zweite große Problem an dem Artikel: Es wurde Feministinnen und Frauenpolitikerinnen unterstellt, sie hätten das viel geringere Ausmaß der Lohndifferenz unter den Teppich gekehrt - aus strategischen Gründen. Doch auf diese Kritikpunkte, über die sich viele zu Recht ärgerten, geht Treichler - zum wiederholten Male - nicht ein.

Niemand machte ein Geheimnis daraus

Frauenpolitisch Interessierte kennen die differierenden Zahlen bezüglich Lohndifferenz längst. Sie kennen sie, weil weder ArbeitsmarktexpertInnen und PolitikerInnen noch (feministische) JournalistInnen ein Geheimnis daraus machen (dieStandard.at über "Zahlen, Daten, Fakten zur Lohnschere") - doch dies wird im "Profil"-Artikel und in weiteren Stellungnahmen hartnäckig behauptet. Halbwegs Informierte wissen auch, dass unter den differierenden Zahlen weder eine ist, die völlig falsch ist, noch eine, die die einzig gültige ist. Denn es gibt nun einmal nicht eine einzige Berechnungsmethode der Lohnschere, und es gibt auch unterschiedliche Auffassungen darüber, welche Zahlen am aussagekräftigsten sind. Dass Treichler und Bauer die Lohndifferenz von zwölf Prozent als die einzig relevante Zahl einstufen, ist somit ihre persönliche Meinung.

Auch andere sind - wie die beiden - zu Recht der Ansicht, dass es am besten wäre, diese um Teilzeit, unterschiedlich bezahlte Berufssparten oder Berufserfahrung bereinigte Zahl zu verwenden. Andere denken hingegen, der Vergleich der Bruttolöhne, der 25,5 Prozent Differenz ergibt, wäre aussagekräftiger. Denn sie würde über die unterschiedliche Bewertung von "Frauen"- oder "Männerarbeit" etwas aussagen. Daher solle der Faktor Berufssparte auch nicht herausgerechnet werden, schließlich existiere die unterschiedliche Bezahlung je nach Branche auch aufgrund von Diskriminierung.

Und auch jene, die von 38 Prozent Einkommensdifferenz (eine Berechnungsmethode, bei der Teilzeit nicht herausgenommen wird) sprechen, haben alles andere als unrecht, denn: Es liegt in unserer geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung begründet, dass Frauen so viel mehr Teilzeit arbeiten, und nicht an einem ihnen angeborenen Willen, Familienarbeit und Hausarbeit zu leisten.

Zwei zentrale Fehler

Diese unterschiedlichen Zahlen wurden und werden von ArbeitsmarktexpertInnen häufig genannt, "aufzudecken" gab es da also nichts. Dass Treichler und Bauer der Meinung sind, einzig die zwölf Prozent bilden den Grad der Gehaltsdiskriminierung ab, ist in einem Kommentar gut aufgehoben, nicht aber in einem Artikel, der beansprucht die Wahrheit zu verkünden.

Auf die beiden zentralen falschen Aussagen im Artikel, dass die Zahlen verschwiegen worden seien und es nur eine relevante Zahl gebe, wird auch viele Wochen und Diskussionen später nicht eingegangen. (Beate Hausbichler, dieStandard.at, 15.5.2012)

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