Frauen dürfen fett, faul und behaart sein

Rezension | Ina Freudenschuss
20. Mai 2012, 18:19
  • Caitlin Moran: "How to be a woman. Wie ich lernte, eine Frau zu sein".Aus dem Englischen von Susanne ReinkerISBN: 978-3-550-08002-9
    cover: ullstein verlag

    Caitlin Moran: "How to be a woman. Wie ich lernte, eine Frau zu sein".
    Aus dem Englischen von Susanne Reinker
    ISBN: 978-3-550-08002-9

  • Die britische Ausgabe ziert Autorin Caitlin Moran am Cover.
    cover: harper perennial

    Die britische Ausgabe ziert Autorin Caitlin Moran am Cover.

Die britische Journalistin hat ein witziges, aufrichtiges und empathisches Buch über die Kunst des "Frauseins" geschrieben

Für alle Frauen, die sich nicht sicher sind, ob sie Feministinnen sind oder nicht, hat Caitlin Moran einen kurzen Selbsttest parat. Er lautet: Erforschen Sie mit der Hand das Innere ihrer Unterhose, und beantworten Sie die folgenden Fragen: a) haben Sie eine Vagina? b) Möchten Sie selbst über Sie bestimmen?

Beide Fragen mit ja beantwortet? Herzlichen Glückwunsch! Sie sind eine Feministin! Formspiele wie diese entlehnt die britische Journalistin Caitlin Moran aus der ihr so vertrauten Frauenmagazin-Welt, um ein paar Dinge klarzustellen für Mädchen und Frauen, die sonst nicht mit Feminismus in Berührung kommen.

Kalkuliert bodenständig

Ihre Message lautet: Höre auf deinen Körper und auf die Erfahrungen, die er macht, und schon wirst du auf den richtigen Weg geführt. Mit diesen im besten Sinn bodenständigen Thesen hat es ihr autobiographisch angehauchtes Sachbuch "How to be a woman" 2011 zum Überraschungserfolg in ihrer britischen Heimat geschafft. Diesen Frühling erscheint es gleichzeitig in mehreren Sprachen und in ihrer Heimat als günstigstes Taschenbuch, das jemals auf dem Markt kam.

Und genau zwischen die Frauenmagazine und Buchstände der Supermärkte will Moran hin, das betont sie in Interviews immer wieder. Sie hat genug vom "akademischen Feminismus" und seinen theoretischen Problemen. Ihr geht es darum, Frauen beim "Frauwerden" beizustehen.

Die 37-Jährige ist in der britischen Medienszene keine Unbekannte. Bereits als Teenager schrieb sie ihren ersten Roman, um "Geld zu verdienen", wie sie später erklärte, und schrieb als Kritikerin für den "Melody Maker". Heute arbeitet die Mutter von zwei Kindern als preisgekrönte Kolumnistin für die Times.

Klassenbewusste Heldin

Dabei hätte ihre Herkunft nach allgemeinen Vorstellungen eigentlich einen anderen beruflichen Werdegang vorhergesagt. Moran wuchs als erstes von acht Kindern in einer weißen Arbeiterklasse-Familie in Mittelengland auf - übergewichtig, arm und ohne FreundInnen. Ihre Bildung holte sie sich aus der öffentlichen Bibliothek, wo sie ab 13 Jahren auch Erwachsenen-Literatur ausborgen durfte. Ihren Alltag schildert sie in "How to be a woman" als eine Abfolge von Selbstbefriedigung, Streiten mit ihren Geschwistern und dem Verschlingen von Literatur, gerne auch pornografischer.

Wie es sich für eine Britin gehört, hat Moran ihre Herkunft aber nicht vergessen, auch wenn sie sich heute längst teure Klamotten leisten kann. So beschreibt sie brüllend komisch im Kapitel "Ich entdecke die Welt der Mode", wie ihre selbst aufgezwungene Suche nach einer teuren Designer-Handtasche bei einer Marc Jabobs Einkaufstasche für 19 Pfund mündet - für die Autorin nur ein weiteres Indiz, dass sie ihre bescheidene Herkunft eben nicht verleugnen kann.

Aufrichtiger Austausch über Erfahrungen

Weiters erfährt frau in dem Buch, wie sie ihre erste Menstruation überlebte, wie schwierig es war, für ihre Brüste einen passenden Namen zu finden und warum sie nach einer kurzen Experimentalphase der Körperenthaarung abschwor. Auch an der traumatischen Geburtserfahrung mit ihrer ersten Tochter lässt sie die LeserInnen teilhaben (deshalb an dieser Stelle eine Warnung an unsere schwangeren Leserinnen: bitte erst nach der Geburt lesen). Moran ist der Ansicht, dass sich Frauen heute zu wenig ehrlich darüber austauschen, wie es ist, eine Frau zu sein. Hier gibt es offenbar einiges nachzuholen.

Der Kampfplatz der heute 37-jährigen ehemaligen Musikjournalistin ist die Alltagskultur, in der sie vergleichbar "fatale Folgen" für das persönliche Wohlgefühl von Frauen ortet. Die Reduktion von Frauen auf enthaarte Körperteile, "Traumkörper" und "IT-Girls" in den Medien würde den Verstand von Frauen besetzen und sie davon abhalten, der Boss im eigenen Leben zu sein. So gesehen versteht sie ihr Buch auch als "Nulltoleranzstrategie" gegen Sexismus, ob in der Arbeitswelt, im gemeinsamen Bett oder in der Klatschpresse.

Zick-Zack-Haltung

Ihre Positionen vertritt sie dabei wortgewaltig und sehr mitreißend, obwohl sie mit ihrem Wunsch, eine einfache und stringente Haltung in allen Fragen des alltäglichen Lebens zu präsentieren, auch gelegentlich schlittert. Warum sind nochmal Strip-Clubs abzulehnen, aber Table-Dance-Kurse für Frauen in Ordnung, einfach weil es Spaß macht? Manchmal begnügt sich Moran eben mit einem einfachen "Ist das alles unlogisch".

Etwas störend ist auch das stete Herumtreten auf dem "unsexy" Image des Feminismus. Haufenweise Witzchen lässt Moran über das vermeintliche Unwort fallen und schreibt es damit ein weiteres Mal fest. Verständlich, dass frau einen Aufmacher für das eigene Buch über Feminismus braucht, aber warum immer dieses fade, "Ich schreibe jetzt das erste sexy Buch über Feminismus"? Darüber sind wir doch inzwischen längst hinaus, meine Damen.

Und dennoch: "How to be a woman" macht hauptsächlich Spaß und liest sich ähnlich leicht wie ein Frauenmagazin auf der Badewiese, allerdings mit derb-sarkastischer Note und ohne schlechtem Gewissen, nebenher eine Tüte Chips verdrückt zu haben. Wenn alle 16-jährigen Mädchen dieses Buch lesen würden, hätte die Schönheitsindustrie vermutlich ein großes Problem. Und Frauen so einige weniger. (dieStandard.at, 20.5.2012)

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Seit den zwanzigern wird in jeder Generation so ein Buch geschrieben

Ich erinnere an Angst vorm Fliegen.

das Buch ist sicher gut geschrieben und hat auch einen gewissen wert für junge Frauen.

Frauen dürfen natürlich alles sein aber es bleibt dabei dass Frauen und Männer einen Marktwert haben und der wird peinhart seit urzeiten gewertet.

Es sei denn wir kehren zur katholischen Ehe und zu arangierten Hochzeiten zurück die sicher auch nicht mehr Unglück schufen als der Selektionsprozess der Biologie.

beinhart

Bein / Gebein / Knochen

???

ich verfolge diestandard kommenatre jetzt schon seit einiger zeit und mir stellt's alle meine haare auf (ja, haare!). welche leute sind dass, die sich so systematisch gegen ein buch wie 'how to be a woman' oder occupy patriarchy, riot grrrl ect. aufregen. in teilweise einem ton (zitiere ""Frauen dürfen fett, faul und behaart sein"
Ja klar - es liegt jedoch nicht am "dürfen". Mit der zitierten Einstellung darf man dann noch was NICHT: sich wundern wenn man attraktiv und begehrt ist wie ein Hundstrümmerl ...") sind dass, die männer/(hoffentlich keine frauen) die aufgeklärt und weltoffen erscheinen? die, die sich im grunde für randgruppen einsetzen? ich befürchte da hat jemand angst vor den cunts! ;)

ich finde positiv, dass ein link zum zeit-magazin-interview gelegt ist, das war mein erster gedanke, ist aber nicht nötig.

klar dürfen

frauen fett, faul und behaart sein ...
... und der ideale mann ist erfolglos, blad, ernährt sich von bier und seine sprtliche durchtrainiertheit besschränkt sich auf fussball im tv ...
passt doch alles perfekt zusammen ...
solange man/frau mit dem gebotenen zufrieden ist, erübrigt sich jede diskussion und "anleitung zum frausein" (de facto ein gedrucktes armutszeugnis für diejenigen, die sowas brauchen) ...
... nur ...
... wer mehr will muss auch selber mehr bieten .... einfach, aber wahr und auch irgendwie logisch ;-)

Wer mehr will, muss mehr bieten

Nur können dies solche Frauen/Männer nicht, weil ihnen das wesentliche fehlt: Verstand, Charakter, Charme, Humor, das Herz am richtigen Fleck.

Da sie all ihre Energie in die Optik stecken. Was machen sie denn, wenn sie +30 sind und diese schön langsam verblasst?

mehr wovon?

ich finde ihre Formulierung "mehr" unpassend, impliziert sie doch dass Menschen mit gutem Charakter und weniger gutem Aussehen "WENIGER" wert wären als "schöne".

War das wirklich ihre Intention?

Wollen wir den WERT eines Menschenlebens daran messen wie oft er/sie sich beim "Beauty-Doc" behandeln lässt?

und wieso sind Menschen die entstellende Narben an prominenten Stellen haben WENIGER WERT als Idioten mit Puppengesicht?

was genau "mehr" ist muss wohl eine SUBJEKTIVE Einschätzung bleiben. Sie dürfen ja mögen was sie wollen (obwohl sie nie wollen können was sie wollen.... sagt Schopenhauer), aber sie DÜRFEN ihren persönlichen Geschmack nicht zur "Norm" erheben. Denn das steht ihnen nicht zu.

"mehr" ist also definitiv das falsche Wort.

von einem ins andere extrem

eine frage - warum wird von leuten wie dir dann immer das ander extrem benutzt um eine meinung abzuwerten?

man muß nicht zu einem schönheitschirurgen um nicht "fett,faul und behaart" zu sein....besonders das faul hat schon mal überhaupt nichts mit schönheit oder nicht zu tun.

desweiteren wird als gegenpol von leuten wie dir immer die "schön = dumm"-analogie benutzt die genauso abzulehnen ist wie das was dir nicht passt.

es gibt hässliche menschen mit hässlichem charakter und schöne menschen mit schönem charakter - es kommt in allen 4 kombinationen vor.

an einfachsten Stilmitteln scheitern die mangelhaft gebildeten Leser...

die Aussage "Frauen dürfen fett, faul und behaart sein" ist eine Negation des Zwanges zu jeder Zeit topgestylt sein zu müssen.

Es ist aber KEINE Aufforderung sich zu jenem Maximum an "negativ bewerteten" Aussehensmerkmalen zu entwickeln.

Dummerweise können wohl die meisten Oberflächen-Anbeter den tieferen Sinn eines solchen Stilmittels nicht erkennen...

dass so viele Poster ihr selbstausgestelltes Armutszeugnis nicht erkennen wollen stimmt mich nachdenklich...

Nicht jeder erreicht Ihren Niveau an Intellektuellität und Tiefsinnigkeit.

Seien Sie nachsichtig mit den mangelhaft gebildeten Lesern, die nicht mit Ach und Krach ein Soziologie- oder Piblizistikstudium derwurschtelt haben und denen der Blick auf große Ganze komplett fehlt.
Es ist Ihr Privileg über den Dingen zu stehen und nicht über die intellektuell Bedürftigen zu urteieln

Ich bitte sie inständig die "verstehenden" Leser nicht auf Studenten zu reduzieren ^^
Man kann auch ohne Studium intellektuell und tiefsinnig sein.
(Oder war es jetzt ein Fehler mich als nicht-Akademiker zu outen?)

zu jeder Zeit topgestylt sein zu müssen.

kommt von den Modemachern, die Frauen zu 70 % in diese Rolle drängen, sowie auch von jenen Männern, die meinen, Frauen ohne Schminke sind hässlich!

warum frauen sich ausgerechnet von schwulen vorschreiben lassen,

wie sie auszusehen hätten, versteh ich sowieso nicht

wenns um die sexuelle attraktion geht, müßten sie sich dann nicht an den heteros orientieren?

da habens schon recht

aber seltsam ist es ja doch, daß man frauen in immer noch irgendwelchen büchern sagen muß, daß sie auch gern sie selber sein dürfen und sich nicht nach klischees richten müssen - und sie tuns doch immer wieder

irgendwas funktioniert da wohl nicht...

Frauen müssen für Frauen solche Bücher schreiben,

denn für manche Männer muss man das genaue Gegenteil sein, wie die Autorin schreibt, sein. Insofern, wer sollte es sonst schreiben?

Wie haben Frauen bis vor 30 Jahren bis zum Neanderthaler gelebt? Wo Haare noch natürlich waren. Auch Eva + Adam hatten Haare.

Diesen Schönheitwahn haben Männer entwickelt, wonach sich 70 % der Frauen richten, weil sie glauben IN zu sein und so mehr Anerkennung von den Männern zu erhalten. Insofern ist es nur eine Anregung für jene Frauen, wieder sich auf sich selbst zu besinnen! Vermutlich wird allerdings dieses Buch von jenen Frauen nie gelesen werden.

stimmt...

aber kann man dafür einfach "die Anderen" verantwortlich machen?

warum tun wir Dinge von denen wir wissen dass sie nicht "gut" sind?

wäre "Richtigkeit" ein Maßstab, so dürfte doch wohl auch niemand rauchen oder Alkohol konsumieren...

und doch muss man den Menschen erklären dass Rauchen Krebs provoziert und Alkohol schädlich ist... und trotzdem werden diese Drogen konsumiert...

vielleicht ist es auch nur der Beweis für die Selbstbestimmung und Mündigkeit dass man sich auch bei vollem Bewusstsein ins Verderben stürzen kann wenn man/frau will...

gegen die Wahl des Subjekts kann/will ich keinen Einspruch erheben.

Wichtig ist mMn vor Allem dass es KEINEN (auch keinen sanften) ZWANG gibt der Menschen dazu bringt solch "Dummes" zu tun.

so ist es - man kann nicht einfach "die anderen" verantwortlich machen

deshalb mein ich ja, daß das problem auch bei den frauen liegt und nicht nur am pöhsen patriarchat, den männern oder der gesellschaft

ich hab ja nix gegen bücher wie das vorgestellte, nur bringen die offenbar nix - außer tantiemen für die autorInnen, die dasselbe wiederkäuen wie unzählige zuvor auch schon

ich hab auch keine lösung parat, außer halt in meinem persönlichen umfeld gegen die barbieisierung anzureden

Oo

Ich würde sagen das darf jeder mensch für sich entscheiden aber halte das nicht für erstrebenswert so zu werden egal welches geschlecht man ist :P

Morticia Addams hat ein Buch geschrieben?

also so wie Garfield :-))

Natürlich dürfen Frauen fett, faul und behaart sein. Aber sich dann nicht wundern, wenn es nix wird mit dem Märchenprinzen auf dem weißen Ross, der sie in das Zauberschloss entführt, von dem sie seit dem fünften Lebensjahr träumen.

Wenn ein Mann nur eine Märchenprinzessin haben möchte, sollte er sie in einem Märchenbuch suchen, denn dort sind diese zu Hause!

Ich weiß schon dass die Autorin das überspitzt ausdrückt, aber ich glaube, gepflegt ist keine utopische Anforderung an den/die Partner/in und auch nicht sonderlich oberflächlich. Ich dusche und rasiere mich ja auch, und wechsle die Unterwäsche ein, zwei Mal im Monat.

wer braucht schon einen märchenprinzen mit weissem ross, ehrlich. lieber einen normalen, bodenständigen (vielleicht etwas schrägen) typen als einen prinz charming ;)

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