Die Angst gegenüber dem anderen

30. Mai 2012, 07:00
  • Michael hat Angst, wie auch seine Peiniger.
    foto: screenshot homophobia

    Michael hat Angst, wie auch seine Peiniger.

Der Kurzfilm "Homophobia" zeigt eindrücklich, was es abseits von Life-Ball-Glamour noch immer in weiten Teilen Österreichs bedeutet, homosexuell zu sein

Junge Männer beim Bundesheer wecken Assoziationen mit dummen Sprüchen über Schwule und Frauen, Gegröle und viel Bier. Für viele Männer dient diese Zeit der Festigung ihrer männlichen Identität, die sie vor allem in ihrer Heterosexualität zu finden meinen. Doch Begegnungen mit einer Männertruppe auf dem Weg in die Kaserne werfen Fragen darüber auf, ob innerhalb dieser tatsächlich alles so einheitlich ist, wie die gemeinsame moosgrüne Kleidung und der militärische Haarschnitt vermitteln: Was, wenn einer darunter ist, der die Oben-ohne-Plakate von Frauen in den Spinden nicht geil findet? Was, wenn einer keine Lust auf machistische Gesten hat, wozu - wie das Amen im Gebet - noch immer der Angriff auf Männlichkeit durch das Wort "schwul" gehört.

Wie rigide über diese als "männlich" akzeptierten Verhaltensnormen gewacht wird, zeigt der Kurzfilm "Homophobia", der bei einem Assistenzeinsatz zur Grenzüberwachung an der burgenländischen Grenze spielt. Die Überwachung wird auch untereinander fortgesetzt, eine Kontrolle, die kein diktatorischer Staat konsequenter durchziehen könnte: Ein Blick zu viel in der Gemeinschaftsdusche oder ein kleines Zeichen der Schwäche oder Verunsicherung - die Kameraden werden es merken und nicht straflos durchgehen lassen.

Die Kontrolle ist überall

"Homophobia" spielt inmitten dieser einander beobachtenden Kameradschaft, in der auch die Hilfsangebote von Autoritäten innerhalb der Kaserne ausgeschlagen werden. Denn von der Erkenntnis, dass dem schwulen Michael Unrecht geschieht, ist sogar er selbst noch weit entfernt. Genauso wie seine Kameraden hat auch er selbst kein Bild für seine Zukunft als schwuler Mann parat. Am Land, mit einem Bauernhof, den er übernehmen soll. Die Lebensentwürfe oder Rolemodels dazu fehlen gänzlich.

In der bedrückenden Stimmung zwischen Feindseligkeit gegenüber "Andersartigkeit", Ignoranz oder einfach nur Unwissenheit stellt Regisseur und Drehbuchautor Gregor Schmidinger nicht den mit Homophobie so oft verbundenen Hass auf Homosexuelle ins Zentrum, sondern die Phobie. Die Angst vor dem Fremden oder auch vor den eigenen Gefühlen steht für Schmidinger im Vordergrund. Und diese Angst trifft in "Homophobia" praktische alle: den Bösewicht, der zwar gewalttätig auf Homosexualität reagiert, doch gleichzeitig in der körperlichen Gewalt selbst homoerotische Lust erfährt, was nicht zuletzt die Panik in seinem Blick verrät; Michael selbst, wenn er seine Gefühle einfach nicht kategorisieren kann und keinen Platz mehr für sich in seinem Umfeld findet; und den Kollegen, der Zeuge der bodenlosen Verzweiflung Michaels wird.

Es ist die Angst

Diese Umleitung hin zum Aspekt der Angst gelingt dem Film ebenso, wie einen völlig anderen Status quo des gesellschaftlichen Umgangs mit Homosexualität in Erinnerung zu rufen. Angesichts der omnipräsenten Life-Ball-Berichterstattung und der oftmaligen Verortung von Homosexualität in urban-liberalen Kontexten gerät die Situation von Lesben und Schwulen abseits dieser Felder leicht aus dem Blick. Das Bundesheer ist hier nur eines von vielen. Wie viele junge Menschen sich noch immer kein Leben als Homosexuelle vorstellen können, zeigt eine Studie der Universität Salzburg aus dem Jahr 2004. Laut dieser Untersuchung (mehr dazu hier) ist die Suizidversuchsrate von Homosexuellen fast siebenmal höher als bei Heterosexuellen, und beinahe jeder dritte Suizidversuch in Österreich wird von einem gleichgeschlechtlich orientierten Menschen begangen.

Der unter anderem über Crowdfunding finanzierte 23-minütige Film wurde nach seiner Premiere am Internationalen Tag gegen Homophobie, dem 17. Mai, ins Netz gestellt. (beaha, dieStandard.at, 30.5.2012)

Zum Film auf YouTube "Homophobia"

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geisteskrank.

Ein 45 jähriger (!!!!)

Bekannter von mir hat sich seinen Eltern gegenüber bis dato nie geoutet. Ein schreckliches Leben, voller Lügen, Verbiegungen und Mordsstreß. Er meint, sie würden ihn enterben. Was sind DIE für Menschen, wenn man sowas Intolerantes überhaupt noch als Mensch bezeichnen kann.

me too

geht mir genauso

bin über 40 und keiner (schon gar nicht verwandte...) dürfens wissen. Nur ein paar wenige Freunde.

Landleben 2012

als ich beim heer war, war selbstmord mein hauptziel, wurde dann aber nicht mitgenommen zum schiessen...

Da ich

eine gute Handvoll Schwule zu meinem engsten Freundeskreis zähle, zerreißt mir Ihr Posting das Herz!!
Wenn ich an den Wahnsinnserbschaftsstreit denke, der zwischen dem Ehepartner und den Eltern seines verstorbenen Mannes, die bis zum Tod ihres Sohnes nichts von dessen Veranlagung wußten und ihren "Schwiegersohn" aus der, von ihnen vermeintlich an sie (Eltern) fallenden, Wohnung rauswerfen wollten. Zum Glück gab es ein nicht anfechtbares, beim Notar aufgesetztes, Testament in dem der Verstorbene alles seinem Mann vermacht hatte.

dabei würden sie ihn wahrscheinlich gar nicht enterben.
vieleicht würden sie heulen und zähneknirschen, vielleicht würden sie verzweifelt sein und sich selbst (oder dem ehepartner) vorwürfe machen,
oder vielleicht ahnen sie es längst.
aber in 98% der fälle stellt sich nach einem outing relativ schnell der "normalzustand" ein.

wirklich schwierig (und manchmal gefährlich) ist es dort, wo archaisch-religiös-patriarchalische strukturen herrschen, und man sich mit einem outing tatsächlich ins absolute out stellt. das ist in einer kultur, in der familie (neben gott) das allerwichtigste ist, für die betroffenen meist ein schmerzhafter bzw. traumatisierender akt.

naja, so schnell nicht.

Der Vater eines Freundes hat mit dem Junior mal 8 Jahre lang nix mehr zu tun haben wollen. Der mußte dann die Mutter heimlich treffen.

So schauts aus!

"Der Vater eines Freundes hat ..."

.
ein negativbeispiel.
und es gibt hunderttausende andere (gegenteilige) beispiele.

darum habe ich ja auch geschrieben:
"aber in 98% der fälle stellt sich nach einem outing relativ schnell der "normalzustand" ein"
und nicht "in 100%".

"Der Vater eines Freundes hat ...

Ich bitte posten zu dürfen, dass die islamische Position zur Homosexualität

nicht ignoriert werden möge.

eigene erfahrungen:

beim bundesheer in den frühen 80ern war ich nie mit homophobie konfrontiert. ich selbst hatte mich zwar nicht geoutet, aber bei einigen war es "offensichtlich", und die wurden weder blöd angeredet noch gab es sonst übergriffe. im gegenteil stellte sich bei vielen (merkwürdigerweise) sogar sowas wie ein beschützerinstinkt ein.
mein freund hatte sich dann mitte der 90er-jahre sofort bei eintritt ins heer geoutet (sowohl bei vorgesetzten al auch bei den mitsoldaten) und dafür nur lob und anerkennung geerntet. auch ihm gegenüber gab es weder verbale noch physische aggressionen.
das heißt nicht, dass es diese dinge, wie im film gezeigt, nicht gibt, aber man sollte auch nicht verallgemeinern.

na fein, muß ne wunderbare kaserne gewesen sein.

Bei mir wars wirklich absolut Scheisse! Da wurde fast jeder deppat als Schwuchtl angemacht, obwohl natürlich 95% oder mehr keine waren. Aber natürlich triffts nur die, die es eben sind...

War echt brutal (auch mitte der 80iger Jahre), richtiger Alptraum und ich wundere mich heute noch, dass ich das überlebt hab

ein freund eines bekannten (berufssoldat) mußte ende der 90er das bundesheer verlassen, weil die kameraden draufgekommen sind, dass er schwul ist

musste?
oder wollte?
wenn er "musste", hätte das einen riesenskandal gegeben.
also so ganz glaube ich das g'schichtl nicht.

mußte

das waren andere zeiten, das waren die 90er, in der steiermark

lieber freund, die 90er waren keine anderen zeiten. das kommt nur ganz jungen die nichts anderes kennen so vor!

"das waren andere zeiten, das waren die 90er, in der steiermark"

.
geh bitte!

ich war anfang der 80er beim heer. in Salzburg.

also wie gesagt: für mich ein "g'schichtl".

g'schichterl?

schon mal was von "don't ask, don't tell" in amerika gehört? man durfte nicht erzählen, dass man schwul ist, erzählte man es doch, durfte man gefeuert werden. und österreich ist in bezug auf bürgerrechte nicht wirklich progressiver als die USA gewesen

Ein grosses Problem ist es immer wieder ..

.. wenn man das richtige Ziel .. mit den falschen Mitteln verfolgt.

"schon mal was von "don't ask, don't tell" in amerika gehört?"

.
und das hatte man in den 90ern auch in der Steiermark per gesetz eingeführt?

interessant ...

Die 90er waren eine andere Zeit?

und "musste" glaub ich Ihnen irgendwie nicht. Wie wurde das begründet?

Darüber hätte es sicher eine Zeitungsmeldung gegeben! Ich glaube das auch nicht. Denn wenn sowas wirklich möglich wäre, würden viele gleich sagen, sie seien schwul, um sich das Bundesheer zu ersparen. :-)

Sehr toller Film, der in

23 Minuten vieles aussagt. Mir hätte noch gefallen, wenn die Thematik der Oberflächlichkeit und Einsamkeit in der Szene urbaner Zentren mit eingeflochten worden wäre, denn auch die Großstadt ist nicht das vielgepriesene, schwule Paradies - im Übrigen auch nicht der Life-Ball, der wohl mehr als Tummelplatz für all die Bussi-Bussi-Adabeis gilt. Herrn Schmidinger auf alle Fälle Gratulation zu diesem einfühlsamen, realitätsnahen Film. Wirklich gut gemacht!

"Angst gegenüber"

ganz sicher nicht "Angst vor"?

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