Das Vorurteil bleibt auch nach dem Abnehmen

Gewichtsgeschichte spielt bei Wahrnehmung durch andere größere Rolle als tatsächliches Gewicht - StudienautorInnen urgieren: "Dickendiskriminierung auf gesellschaftlicher Ebene entgegenwirken"

Übergewichtige Frauen können dem schmerzhaften Stigma Fettleibigkeit nicht entrinnen, selbst, wenn sie abgenommen haben, besagt eine neue Studie. Eine Gemeinschaftsstudie der Universität von Hawaii in Mānoa, der Universität von Manchester und der australischen Monash Universität untersuchte, ob Dicken-Vorurteile weiter bestehen, selbst wenn die betroffenen Frauen deutlich an Gewicht verloren haben und nun dünn sind.

Forschungsdesign

Die ForscherInnen untersuchten junge Männer und Frauen bezüglich ihrer Einstellungen gegenüber dicken Frauen. Dabei wurden den ProbandInnen sogenannte "Vignetten" (kurze Beschreibungstexte) über Frauen vorgelegt, die entweder stark an Gewicht verloren (32 Kilogramm) oder konstant ihr Gewicht gehalten hatten. Sie waren aktuell entweder dickleibig oder dünn. Anschließend wurden die Teilnehmenden über ihre Einstellung zu der gerade beschriebenen Frau befragt, z.B. wie attraktiv sie die beschriebene Frau fänden und was ihnen grundsätzlich an dickleibigen Menschen nicht gefalle.

Die im Journal "Obesity" veröffentlichte Studie fand heraus, dass die TeilnehmerInnen eine größere Voreingenommenheit gegenüber fettleibigen Menschen äußerten, nachdem sie von Frauen gelesen hatten, die Gewicht verloren hatten, als nach der Lektüre über Frauen mit gleichbleibenden Gewicht - egal, ob die Frau als dünn oder dickleibig beschrieben wurde.

Vergangenes Gewicht zählt

"Wir waren überrascht, dass dünne Frauen offenbar unterschiedlich gesehen wurden, je nach ihrer Gewichtsgeschichte", so Studienleiterin Janet Latner von der Universität von Hawaii in Mānoa. "Diejenigen, die in der Vergangenheit dickleibig waren, wurden als weniger attraktiv eingestuft als jene, die schon immer dünn waren, obwohl sie genau die gleiche Größe und das gleiche Gewicht hatten".

Darüber hinaus fanden die ForscherInnen heraus, dass negative Einstellungen bei den ProbandInnen gegenüber Dickleibigen steigen, wenn ihnen fälschlicherweise gesagt wird, dass das Körpergewicht leicht kontrolliert werden kann.

Gewicht weniger kontrollierbar als angenommen

Co-Autor Kerry O'Brien von der Monash-Universität in Melbourne erklärte: "Die Ansicht, die derzeit in der Gesellschaft am weitesten verbreitet ist, lautet, dass Gewicht stark kontrollierbar sei. Doch die am meisten abgesicherte These in der Adipositas-Forschung besagt, dass die Physiologie, die Gene und das Essensumfeld eines Menschen die ausschlaggebenden Faktoren für sein Gewicht und seine Möglichkeiten, abzunehmen, sind."

"Das Gewicht erscheint heute ziemlich unkontrollierbar, unabhängig von dem Willen, dem Wissen und der Hingabe eines Menschen. Viele Menschen kämpfen vergeblich um einen Gewichtsverlust, um dem schmerzlichen sozialen Stigma zu entrinnen."

Die Ergebnisse würden zeigen, dass die Vorurteile gegenüber Individuen, die jemals übergewichtig waren, bestehen bleiben, selbst wenn sie viel Gewicht verloren haben. Das Fettleibigkeitsstigma sei so machtvoll und anhaltend, dass es selbst die Fettleibigkeit überdauern würde.

Gesellschaftlich entgegenwirken

Latner betonte abschließend: "Diätratschläge, wie wir sie aus dem TV kennen, könnten das Fettleibigkeitsstigma sogar noch verschärfen. Zu glauben, dass fettleibige Menschen leicht Gewicht verlieren könnten, scheint Menschen darin zu bestärken, adipöse Menschen zu beschuldigen und nicht zu mögen. Angesichts der vielen Menschen, die von diesen Vorurteilen negativ betroffen sind, muss der Dickendiskriminierung auf gesellschaftlicher Ebene entgegengewirkt werden." (red, dieStandard.at, 31.5.2012)

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