Hart, heavy, weiblich

Porträt |
  • Agata Jarosz: "Ich geh' auf
 die Bühne, weil ich Musik machen und singen möchte, und nicht, um mich als Frau zu repräsentieren."
    foto: interia.pl/przystanek woodstock 2011

    Agata Jarosz: "Ich geh' auf die Bühne, weil ich Musik machen und singen möchte, und nicht, um mich als Frau zu repräsentieren."

  • "Man muss viel touren und 
Konzerte spielen, sich ständig 
beweisen, immer präsent sein." Auszeichnungen wie der Austrian Newcomer 
Award oder der Hard & Heavy Amadeus Austrian Music Award, die 
Kontrust schon eingeheimst haben, helfen, im Gespräch zu bleiben.
    foto: subtext.at/christoph thorwartl, apo-tour linz 2012

    "Man muss viel touren und Konzerte spielen, sich ständig beweisen, immer präsent sein." Auszeichnungen wie der Austrian Newcomer Award oder der Hard & Heavy Amadeus Austrian Music Award, die Kontrust schon eingeheimst haben, helfen, im Gespräch zu bleiben.

  •  In den Bands, an den Instrumenten, am Mikro, hinter der Bühne: Es kommen immer mehr Frauen in die harte Musikszene.
    foto: sharq photography/nl-tour 2012

    In den Bands, an den Instrumenten, am Mikro, hinter der Bühne: Es kommen immer mehr Frauen in die harte Musikszene.

"Kontrust"-Leadsängerin Agata Jarosz ist eine der wenigen Frauen, die die Szene aufmischen. "Ausziehen!"-Geschrei ignoriert sie

"Lass uns loslegen!", sagt die Stimme am anderen Ende der Leitung. Energisch und gut gelaunt klingt sie, dabei wäre sie auf vollstes Verständnis gestoßen, hätte das Gegenteil zugetroffen. Schließlich ist Agata Jarosz gerade von ihrer ersten großen Tour zurückgekommen. Gemeinsam mit 22 Männern und zwei Frauen war sie mit ihrer Band "Kontrust" wochenlang im zweistöckigen Nightliner erst in Österreich, der Schweiz und Deutschland, dann in den Niederlanden unterwegs: Jeden Tag eine neue Stadt, ein weiteres Konzert, ein neuer Club, wo auch gleich geduscht wird. Unisex lautet das Motto, denn auf Frauen ist man in der Crossover-, Metal- und Hard Rock-Szene nach wie vor nicht eingestellt: "Rock ist eher eine Männerdomäne", weiß Agata.

Kein Halten

Das hat sich auch bei Österreichs größtem Hard 'n' Heavy-Festival in Nickelsdorf wieder gezeigt, das in der Nacht auf Montag zu Ende gegangen ist. Beim "Nova Rock" standen außer den Sängerinnen von "Evanescence", "Within Tempation" und "Nightwish" keine Frauen auf den großen Bühnen.

Mangel an Role Models hin oder her: Agata hat sich nicht abhalten lassen, es in der Szene zu versuchen. Im Gegenteil: "In dieser Musikrichtung hat es immer schon wenige Bands mit Frauengesang gegeben. Aber die, die es gab, haben mich magisch angezogen." "Garbage" mit der großartigen Sängerin Shirley Manson zum Beispiel, oder die "Guano Apes" mit der Leadsängerin ‪Sandra Nasić. "Dass Frauen soviel Power haben und sie sie auf der Bühne rüberbringen können so wie die Männer eben auch, hat mich immer schon gereizt." Auch Skin von "Skunk Anansie" war eine der Künstlerinnen, die Agata imponiert haben. "Durch ihre unglaubliche Stimme."

"Das war in mir"

Dass sie selbst ebenfalls eine gute Stimme hat, dass sie Musik machen will - das hat sie schon viel früher entdeckt. In Polen, über ihre musikalische Familie, die Onkel, die in ihrer Jugend alle in Bands spielten, am Lagerfeuer mit Gitarre und beim gemeinsamen Singen, über polnische Punkmusik. "Ich wollte das unbedingt. Das war in mir." Also hat sie sich das Gitarre spielen selbst beigebracht, obwohl ihre Mutter anfangs strikt dagegen war. Ausgerechnet ihr verdankt Agata dann ihre erste Banderfahrung: Mama kannte Leute, die nach einer Sängerin suchten. "Das ist lange her, und es war nur ein kurzes Zwischenspiel."

Mit 20 hatte Agata ihre erste eigene Band, eine Coverband, um zwei Jahre später zu "Proxonic" zu stoßen. "Mit dem Projekt war ich länger unterwegs, wir haben einige Gigs gespielt und CDs aufgenommen." Als die Band sich aufgelöst hat, stand Agata alleine da und wusste: "Ich will unbedingt weitermachen!" Eine Anzeige der Crossover-Band "Kontrust" kam ihr 2005 gerade recht: "Die suchten einen Sänger. Und ich dachte mir: Egal. Geh' einfach hin und bewirb' dich, auch wenn du kein Mann bist." Und seitdem ist sie dabei.

 

Total frei

"Es macht wahnsinnigen Spaß, diese Art von Musik und Gesang zu machen, weil ich total aus mir rausgehen kann. Ich fühle mich auf der Bühne dann total frei", schwärmt Agata. "Ich liebe es." Bei dieser Einstellung ist es kein Wunder, dass die Fan-Bases in Österreich, Polen, Deutschland und den Niederlanden über die Jahre ordentlich angewachsen sind, und seit dem internationalen Release des aktuellen Albums "Second Hand Wonderland" (Napalm Records) kommen nun auch verstärkt Interview-Anfragen und CD-Reviews "aus aller Welt", zeigt sich Agata zufrieden.

Trotz aller Qualitäten für die erste Reihe sieht sich die Leadsängerin in einer Band gut aufgehoben. "Mir ist das Bandleben wichtig, dass man gemeinsam auf der Bühne steht, nicht als Einzelkünstlerin. Ich brauche das Gemeinschaftsgefühl."

Sexistische Ausreißer

Schlechte Erfahrungen mit ihren Musikerkollegen, wie Vorbild Skin sie am Frequency Festival 2010 machen musste, als " NOFX"-Sänger Fat Mike sie in seinen Bühnenansagen zum Sextoy degradierte, hat Agata selbst noch nie erlebt. "Das typische 'Ausziehen-Ausziehen!'-Geschrei kommt vereinzelt, aber das ignoriert man." Manchmal stolpert sie auch über Reviews, wo es heißt: "Ich steh' nicht auf Frauen im Metalbereich, aber sie ist OK." Damit kann die Sängerin umgehen, denn sie fühlt sich in der Szene generell akzeptiert: "Anders würd' ich mir's gar nicht gefallen lassen. Da bin ich sehr taff." Für sexistische Ausreißer in der Szene hat sie auch eine Erklärung: "Einige Männer fühlen sich bedroht von starken Powerfrauen und können anscheinend nicht anders, als sich mit niveaulosen Kommentaren selber besser dastehen zu lassen."

Kein Problem

Für solche Typen brechen anstrengende Zeiten an, denn der Zulauf von Frauen wird stärker, bemerkt Agata: "Mittlerweile gibt es immer mehr Frauen auch in anderen Bereichen der Musik, nicht nur in den Bands, an den Instrumenten, am Mikro, sondern auch hinter der Bühne. Auf unserer Tour war zum Beispiel eine Monitortechnikerin dabei." Für das Publikum sei diese sachte Feminisierung gar kein Problem, resümiert sie ihre jüngsten Erfahrungen: "Auf Tour mit den 'Apokalyptischen Reitern' haben wir Hallen ab 500 Leuten gefüllt. Da waren auch viele Metalheads im Publikum. Ich war positiv überrascht, dass die alle ziemlich cool drauf waren."

Warum auch sollten Frauen in der Szene überhaupt ein Problem sein? "Ich find das blöd, wenn man etwas auf's Geschlecht runterbricht. Wenn man sagt: Du bist eine Frau, du kannst nicht singen und keine Rockmusik machen. Oder sonstwas." Wie zum Beispiel IT. In dieser, ebenfalls männerdominierten Branche verdient Agata nämlich ihre Brötchen.

Und auch kein Aufputz

"Für mich geht es darum, was ich kann, und nicht was ich als Frau oder Mann kann. Männer sind nicht automatisch die besseren Sänger, Schlagzeuger oder Bassisten. Es gibt ja Gott sei Dank viele Frauen, die Bass spielen, Schlagzeug, und die das total geil machen", sagt Agata und fügt selbstbewusst an: "Und die dabei auch geil ausschauen." Schließlich gäbe es auch genug gutaussehende Musiker. "Ich geh' auf die Bühne, weil ich Musik machen und singen möchte, und nicht, um mich als Frau zu repräsentieren. Am Ende zählt, ob's geil ist, gut ist - oder nicht." (bto/dieStandard.at, 11.6.2012)

Share if you care