"Jetzt treten auch die Eliten nach unten"

Interview |
  • Kathrin Hartmann: "Man vergleicht Armut noch immer mit Bildern, die wir aus den 80ern kennen."
    foto: diestandard.at/hausbichler

    Kathrin Hartmann: "Man vergleicht Armut noch immer mit Bildern, die wir aus den 80ern kennen."

  • Kathrin Hartmann: "Wir müssen leider draußen bleiben -  Die neue Armut in der Konsumgesellschaft". Karl Blessing Verlag, März 2012, ISBN: 3-89667-457-9, 416 Seiten, 19,50 Euro.
    foto: blessing verlag

    Kathrin Hartmann: "Wir müssen leider draußen bleiben - Die neue Armut in der Konsumgesellschaft". Karl Blessing Verlag, März 2012, ISBN: 3-89667-457-9, 416 Seiten, 19,50 Euro.

  • Kathrin Hartmann arbeitete bis 2009 für die Zeitschrift "Neon". Ihr erstes Buch   "Ende der Märchenstunde. Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt" erschien 2009, darin beschreibt sie das Lebensgefühl der Lohas und fragt, wie aus einer konsumkritischen Protestbewegung eine Stilgemeinschaft werden konnte.
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    Kathrin Hartmann arbeitete bis 2009 für die Zeitschrift "Neon". Ihr erstes Buch "Ende der Märchenstunde. Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt" erschien 2009, darin beschreibt sie das Lebensgefühl der Lohas und fragt, wie aus einer konsumkritischen Protestbewegung eine Stilgemeinschaft werden konnte.

In ihrem Buch "Wir müssen leider draußen bleiben" kritisiert Kathrin Hartmann Sozialprojekte und die zunehmende Abwertung von Arbeitslosen und Armen

Die Tafeln verbreiten sich seit Jahren weltweit mit großem Erfolg und werden von allen Seiten gelobt. Die Idee der Tafeln (oder "Food Banks") ist, Bedürftige mit überschüssigen oder aussortierten Lebensmitteln zu versorgen, die von Handelsketten gespendet werden. Allein in Deutschland gibt es mehr als 880 Tafeln, bei einigen davon hat die Autorin Kathrin Hartmann recherchiert und herausgefunden: Wo solche Sozialprojekte sind, muss noch lange keine Menschlichkeit und schon gar keine Gerechtigkeit herrschen - eher im Gegenteil. So auch in Bangladesch, wo sich Hartmann ein weiteres weltweit anerkanntes Sozialprojekt genauer ansah: die Mikrokredite.

In ihrem neuen Buch "Wir müssen leider draußen bleiben" beschreibt sie den Ausschluss von Menschen aus der Konsumgesellschaft, die zunehmende Verachtung dieser Ausgeschlossenen und wie Sozialprojekte herrschende Strukturen festigen. Beate Hausbichler traf die Autorin zum Gespräch über herblassende Ehrenamtlichkeit, die Währung Dankbarkeit und den Grund, warum inzwischen auch die Bildungselite nach unten tritt.

dieStandard.at: Sie beschreiben in Ihrem Buch die wachsende Abwertung von Unterprivilegierten. Welche Entwicklungen sind dafür verantwortlich?

Hartmann: Sozialabbau funktioniert nur, wenn man Menschen selbst die Schuld an ihrer Armut gibt oder sie als Sozialschmarotzer diffamiert - diese Abwertung ist durchaus beabsichtigt. Es gibt ein Interesse daran, das Gegensatzpaar Leistungsgerechtigkeit und Sozialschmarotzertum aufrechtzuerhalten, obwohl natürlich beides ein Mythos ist. Viele Studien belegen, dass es das Sozialschmarotzertum nicht gibt, und wir wissen auch, dass Vermögende ihren Reichtum nicht durch Leistung bekommen haben.

Zudem fühlt sich die Mittelschicht vom Abstieg bedroht. Derzeit finden wir aber eine Situation vor, in der nicht nur der Boulevard nach unten tritt, sondern zunehmend auch das bildungsbürgerliche Milieu - auch aus Abstiegsangst.

dieStandard.at: Sie erwähnen in Ihrem Buch einen Artikel von Peter Sloterdijk, der 2009 ein umverteilendes Steuersystem als "kalte Hilfe" bezeichnete, Freiwilligkeit würde hingegen dem Geben wieder mehr Würde verleihen. Ein angesehener Intellektueller, der für den Abbau des Sozialstaates in die Bresche springt: Wie konnte das passieren? Abstiegsangst auch bei der Bildungselite?

Hartmann: Im Grunde war dieses Statement von Sloterdijk in der "FAZ" einfach ein feiner formulierter Boulevard. Die Studie "Gruppenspezifische Menschenfeindlichkeit" hat gezeigt, dass die Abwertung von Armen auch zunehmend in der Oberschicht zu finden ist - obwohl Sloterdijk wohl eher zur gehobenen Mittelschicht, zum Bildungsbürgertum gehört.

Heute fühlen sich selbst die Eliten um ihren gerechten Anteil betrogen. Das liegt möglicherweise daran, dass es immer mehr Krisenherde gibt, der Kampf um die Fleischtöpfe verstärkt sich, und diejenigen, die an den Töpfen schon dran sind, verteidigen ihre Privilegien. Der Ton ist rauer geworden, als die Frage aufkam, wer die Kosten der Finanzkrise übernimmt.

dieStandard.at: Die "freiwilligen Gaben" sind auch der Kern Ihrer Kritik an den Tafeln: Die Staaten würden zunehmend die Aufgabe, Verteilungsgerechtigkeit zu schaffen, an diese Organisationen auslagern. Sie zeigen in Ihrem Buch aber auch, dass die Tafeln für viele nicht mehr entbehrlich sind. Wir brauchen sie, aber sie sind eigentlich falsch? 

Hartmann: Es stimmt, dass die Tafeln für viele lebensnotwendig geworden sind, doch sie sind ja bei weitem nicht in der Lage, alle zu versorgen, die es bräuchten. Dass im reichen Deutschland Menschen darauf angewiesen sind, sich für weggeworfene Lebensmittel anzustellen, dass Hungerarmut in Deutschland existiert - das hätte die Politik längst zum Handeln bringen müssen. Studien zeigen, dass zum Beispiel Langzeitarbeitslose nicht an jedem Tag des Monats drei Mahlzeiten zu sich nehmen oder Hungerperioden haben, um den Strom zahlen zu können.

Die Tafeln sind für die Politik ein angenehmer Stellvertreter, da kann man dann auch schön das Ehrenamt loben und sich aus der Affäre ziehen, weil die Armen ja versorgt werden. Doch die Tafeln werden nicht allein von Ehrenamtlichen betrieben, sie werden von Unternehmen und Konzernen unterstützt. Durch die Tafeln verschaffen sie sich ein gutes Image und lenken von der Verschwendung durch die produzierten Überschüsse ab.

Ein zentrales Problem an den Tafeln ist auch, dass Freiwilligkeit nie einen Ersatz für einklagbare Rechte bietet. Bei der Tafel gibt es keine Ansprüche, sondern Almosen.

dieStandard.at: Warum werden eigentlich derart große Überschüsse produziert?

Hartmann: Es gibt nur ein paar Handelsketten, die den Markt dominieren und die um die Spitze konkurrieren. Da geht es eigentlich nur um Nuancen: Sei es, dass schon jeder Salat mit nur einem welken Blatt aussortiert wird oder dass Waren angeboten werden, die letztendlich niemand kauft, zum Beispiel Erdbeeren im Winter: Viele wollen das gar nicht, doch die Ketten bieten sie weiter an, mit dem Argument: Falls sie doch jemand will, könnte ja der oder die zur Konkurrenz gehen. Auch das Brotregal muss bis zum Ladenschluss randvoll sein - es geht also um den Kampf um Kunden und Margen.

dieStandard.at: Auch die privaten Ehrenamtlichen kommen in Ihrem Buch nicht sehr gut weg. Sie haben sie bei den Tafeln mitunter schnell sehr unfreundlich erlebt, wenn sich die Menschen dort nicht so verhalten, wie das von einem Bedürftigen erwartet wird. Brauchen wir ein breiteres Bild von Armut?

Hartmann: Man vergleicht Armut noch immer mit Bildern, die wir aus den 80ern kennen: Kinder mit aufgeblähten Bäuchen - das hält man noch immer für die "echte" Armut, die es ja bei uns nicht gebe. Wir haben aber "relative Armut", viele verstehen darunter "Ist ja nicht so schlimm". Doch das bedeutet "arm im Vergleich zum Rest der Gesellschaft, in der der Arme lebt". "Absolute Armut", also dass man etwa kein Dach über dem Kopf hat, gibt es in Europa auch.

Durch diese ganze Sozialschmarotzer-Propaganda kommt die Idee auf, dass diese Menschen Betrüger sein könnten - da heißt es dann misstrauisch: "Die haben doch immer das neueste Handy." Bei einer Tafel ist mir auch zu Ohren gekommen, dass "die halt einfach weniger rauchen sollten". Da hatte ich schon den Gedanken: Oh Gott, hoffentlich werde ich nie so arm, dass ich hier stehen muss.

Natürlich arbeiten bei den Tafeln sehr viele nette Menschen, doch es ist ein riesiger Unterschied, auf welcher Seite des Tisches man steht. Und die Währung, die bei der Tafel gültig ist, ist Dankbarkeit. Das ist wie eine moralische Schuld, die man in Wirklichkeit nie einlösen kann, weil die Vorstellung herrscht, dass Armut mit einem richtigen oder falschen Verhalten zusammenhängt.

dieStandard.at: Sie schreiben, Armut bedeute politischen Ausschluss. Wie könnten die vielen von relativer Armut Betroffenen eine stärkere politische Stimme bekommen?

Hartmann: Hartz-IV-EmpfängerInnen sind jeden Tag damit beschäftigt, diesen Amtsirrsinn mitzumachen. Es ist Wahnsinn, wie viel Energie und Arbeitskraft einfach sinnlos verpufft. Und sie bekommen auch noch vermittelt: Du bist nichts wert, du bist uns eine Last. Da entsteht natürlich das Gefühl, dass man sowieso nicht gehört wird.

Im Grunde muss es damit anfangen, dass die Mittelschicht versteht, dass wir alle in einem Boot sitzen. Und dass die eigentliche Bedrohung darin besteht, dass wir die Solidarität aufgeben und nach unten treten. Mehr Gerechtigkeit, etwa mehr Steuern für Reiche, könnte den Druck von der Mittelschicht nehmen - dann wäre auch die Bereitschaft größer, über neue Alternativen nachzudenken. In Deutschland und auch in Österreich wünschen sich 80 bis 90 Prozent eine gerechtere Wirtschaftsordnung - daher glaube ich, dass Veränderung möglich ist.

dieStandard.at: Noch zu einem anderen großen Sozialprojekt, das Sie ebenfalls kritisieren: Sie waren in Bangladesch und haben sich dort die Situation von Mikrokreditnehmerinnen angesehen.

Hartmann: Diese Kredite bedeuten auch nichts anderes als Schulden. In Bangladesch habe ich gesehen, dass sich die Frauen durch diese Kredite nicht aus der Armut befreien konnten, sie sind mehrfach verschuldet, bei mehreren Mikrokreditinstituten. Ihr Leben ist nur mehr darauf ausgerichtet, das Geld zurückzuzahlen. Schaffen sie es nicht, werden ihnen Kühe oder Ziegen weggenommen. Zum Teil wird ihnen sogar das Haus abgebaut, während sie auf dem Feld sind, oder sie müssen ihr Land verkaufen, was für kleine Bauern eine Katastrophe ist, weil sie die Grundlage verlieren, für sich selbst sorgen zu können.

Die Kredite dienen auch nicht der Ermächtigung der Frauen. In den meisten Fällen nehmen die Männer das Geld - Frauen können oft nicht lesen und schreiben und wissen nicht, was sie da unterschreiben. Auch hier profitieren - wie immer - Banken und westliche Investoren. Viele landen letztlich in den Slums der Städte, wo sie auch erwünscht sind, weil sie für fast kein Geld die dreckigste Arbeit verrichten.

dieStandard.at: In einem älteren Buch von Ihnen, "Ende der Märchenstunde", legen Sie sich mit KonsumentInnen an, die nur bio und "fair" kaufen. In Ihrem aktuellen Buch nun mit dem Ehrenamt der Tafeln und den Mikrokrediten. Warum kritisieren Sie Leute oder Projekte, die es doch gut meinen?

Hartmann: Ich bin immer sehr skeptisch, wenn etwas so einhellig für gut befunden wird. Das sind oft einfache pragmatische Lösungen, das finde ich verdächtig. Wenn zum Beispiel, wie im Falle der Mikrokredite, die Deutsche Bank das toll findet und die Kirche auch - dann ist das ja eigentlich komisch. Oder warum sehen sich die LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability, Anm.), die früher die konsumkritischen Ökos ausgelacht haben, nun als die Retter der Welt - nur weil sie einkaufen? Warum sind sich die Wirtschaft und die Politik so einig, dass die Tafeln gut sind?

Diese drei Dinge - die LOHAS, die Tafeln und die Mikrokredite - haben gemeinsam, dass es nur ums Ökonomische geht und dass die Wirtschaftselite davon profitiert. Es geht bei all diesen Dingen nicht darum, Strukturen der Armut in Frage zu stellen, sondern darum, einfach so weiterzumachen wie bisher - aber mit gutem Gewissen. (Beate Hausbichler, dieStandard.at, 17.6.2012)

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