"Demokratien müssen Beschimpfungen aushalten"

19. Juni 2012, 16:04
  • Trotz glühender Hitze: Die Masken im Stile der Pussy Riots durften nicht fehlen.
    vergrößern 600x400
    foto: diestandard.at/hausbichler

    Trotz glühender Hitze: Die Masken im Stile der Pussy Riots durften nicht fehlen.

  •  Judith Schwentner (3. v. li.): "Pussy Riot waren ein Test für die russische Demokratie."
    vergrößern 600x400
    foto: diestandard.at/hausbichler

    Judith Schwentner (3. v. li.): "Pussy Riot waren ein Test für die russische Demokratie."

  • Monika Vana: "Russland muss seinen internationalen Verpflichtungen nachkommen."
    vergrößern 600x400
    foto: diestandard.at/hausbichler

    Monika Vana: "Russland muss seinen internationalen Verpflichtungen nachkommen."

  •  Sergej Netschajew mit Judith Schwentner (li.) und Alev Korun: Alles konnte doch nicht geklärt werden.
    foto: diestandard.at/hausbichler

    Sergej Netschajew mit Judith Schwentner (li.) und Alev Korun: Alles konnte doch nicht geklärt werden.

Bei einer Aktion der Grünen vor der Russischen Botschaft wurde die Freilassung der inhaftieren Künstlerinnen von "Pussy Riot" gefordert

Seit Februar befinden sich Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Alechina und Jekaterina Samuzewitsch in U-Haft. Sie sollen in der Christus-Erlöser-Kathedrale, einer der wichtigsten orthodoxen Kathedralen Moskaus, mit ihrer Band Pussy Riot musikalisch gegen Regierungschef Wladimir Putin demonstriert haben. Im April verlängerte ein Moskauer Gericht die Untersuchungshaft für die drei Musikerinnen, zwei davon haben kleine Kinder, um zwei Monate. Am Mittwoch stand eine weitere Entscheidung über eine neuerliche Verlängerung der U-Haft der drei Frauen an, denen wegen Rowdytum eine Haftstrafe von bis zu sieben Jahren droht. Der Antrag wurde von der Richterin abgelehnt. Die Putin-Kritikerinnen bleiben bis 24. Juli weiterhin in Untersuchungshaft.

Am Dienstag veranstaltete die Grüne Frauensprecherin Judith Schwentner eine Aktion für die inhaftierten Frauen vor der Russischen Botschaft. Im Stile von "Pussy Riot" traten neben Schwentner weitere Grün-Politikerinnen wie Alev Korun, Martina Wurzer, Monika Vana oder Daniela Musiol vor der Botschaft mit gestrickten Masken auf. "Das sind junge Mütter, die ihr Recht auf Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit wahrgenommen haben, ein Recht, das ihnen Russland nicht gewährt", kritisiert Schwentner das Vorgehen der russischen Justiz.

Test für russische Demokratie

Die Frauensprecherin geht davon aus, dass die U-Haft wieder verlängert wird. Schwentner in ihrer Rede: "'Pussy Riot', die in einem ungewohnten Zusammenhang demonstrierten, waren eine Test für die russische Demokratie - Russland hat diesen Test nicht bestanden."

Monika Vana forderte im Namen der europäischen Grünen Russland auf, seinen internationalen Verpflichtungen nachzukommen. Schließlich habe Russland ein Abkommen geschlossen, indem es die allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die europäische Menschrechtskonvention unterschrieben hat.

Im Anschluss an die Aktion übergab Judith Schwentner dem russischen Botschafter Sergej Netschajew einen Brief. In diesem wird die Freilassung der Frauen gefordert, wie auch Rede- und Versammlungsfreiheit. Der Brief verweist außerdem darauf, dass die Protestaktion von "Pussy Riot" eine Form der politischen Meinungsäußerung und der Meinungsfreiheit war - unabhängig davon, ob die Inhaftieren nun bei der Aktion dabei waren oder nicht.

Denn die drei Frauen geben zwar zu, Teil der Band zu sein, jedoch nicht, bei der Aktion in der Kirche dabei gewesen zu sein.

"Die Situation ist geklärt"

Nach dem Termin mit Netschajew wurde Schwentner mit den Worten "die Situation ist geklärt" verabschiedet. Doch dazu fehlt doch noch einiges: "Laut Botschafter ist alles rechtens, die drei Frauen hätten gegen Gesetze verstoßen - außerdem hätten sie die religiösen Gefühle der Menschen verletzt", berichtet Schwentner von ihrer Unterredung. In Hinblick auf die Durchsetzung der Trennung von Kirche und Staat war man sich somit nicht vollends einig. Und auch Schwentners Position, Staaten, in denen Demokratie gelebt wird, müssten es aushalten, beschimpft zu werden, teilte der russische Botschafter "nicht ganz".

Doch Sergej Netschajew respektiere das Ansinnen der Politikerinnen und wolle sie künftig auch über die weiteren Ereignisse rund um "Pussy Riot" auf dem Laufenden halten. (beaha, dieStandard.at, 19.6.2012)

Info

Auf der Webseite "Free Pussy Riot!" gibt es die Möglichkeit, für die Inhaftieren zu spenden.

Nachlese

Pussy Riot: U-Haft für Aktivistinnen bis Juni verlängert

Link zum Video auf ichmachpolitik.at

Kommentar posten
11 Postings
Trotz glühender Hitze: Baby mitgeschleppt.

Frau muß eben Prioritäten setzen, wenn es um dermaßen wichtige Sachen geht.

Spannender Hintergrundartikel darüber, wie in einem weithin atheistischen Land die Kirche so viel Macht gewinnen konnte, dass auch nicht religiöse Menschen die Aktion von Pussy Riot in einem Gebäude, in dem sonst auch Pop-Bands auftreten, als Beleidigung religiöser Gefühle empfinden:
http://de.indymedia.org/2012/06/3... 1155.shtml

Da steckt ein staatlicher plan dahinter.

Wie meinst du das? Ein Regierungsplan zum strategischen Umgang mit der russ.-orthodoxen Kirche und zur Förderung von Religiosität?

einige Links dazu:
http://www.buergerimstaat.de/23_01/russland8.htm
http://www.livenet.de/themen/ge... uetzt.html
http://www.livenet.de/themen/ge... uetzt.html

Zum Glück sind die meisten Russen noch Atheisten, mal sehen ob das Programm der religiösen Massernverblödung bis 2030 früchte getragen haben wird.
Was gibts für das System der Oligarchie besseres als eine noch duldsamere, obrigkeitshörige und sich unterwerfende Bevölkerung, die in Zukunft widerstandslos die Befelhle der mit der Oligarchie und Mafia verbündeten Orthodoxie
befolgt.

Experte im Bundesrat

Bitte SPÖ-Bundesrat Stephan Schennach fragen. Der kennt sich aus mit der Demokratie auf russisch.

Ich teile diese Meinung nicht ganz

Auch in westlichen Demokratien muss ich mit rechtlichen Konsequenzen rechnen, wenn ich urplötzlich und ohne Genehmigung in einer Kathedrale "musikalisch demonstriere". Ausserdem ist es höchst unangebracht, dies in einer Kirche zu tun - nebenbei erwähnt.

Wie "hart" diese rechtlichen Folgen sind ist wiederum ein anderes Thema. Ausserdem sehe ich absolut nicht ein, wieso eine Demokratie Beschimpfungen (!) aushalten soll? Kritik ist eine Sache. Auch harsche Kritik meinetwegen. Beschimpfungen sind aber ein ganz anderes Thema.

Wenn es die Demokratie aushalten soll, dann müsste doch für das einzelne Individuum das selbe gelten, oder? Ist es daher in Ordnung, wenn ich Mitbürger beschimpfend durch die Straßen ziehe? Ausdruck von Freiheit?

im Rahmen einer künstlerischen Protestaktion kann man schon mal schimpfen (Siehe Bernhard, Handke etc.) - im Übrigen ist die Verflechtung von Staat und Kirche in Russland mMn tatsächlich zu kritisieren (wobei ich sowieso gerne alle Kirchen/Religionen/Dogmen äußerst kritisch hinterfrage)

weißrussifizierung von russland

Putin ist in seinem Denken im kalten Krieg steckengeblieben. Siehe auch das absurde Verhalten zu Syrien.

Beim Thema Menschenrechte orientiert er sich am MiniStalin Lukaschenko. Zu obiger Geschichte passt auch die kürzlich erhöhten Strafen bei "ungenehmigten Demonstrationen", die sind jetzt existenzbedrohend für jeden Russen.

Ich halte Putin sehr wohl für lernfähig, dafür brauchts aber jemanden der ihm klar und deutlich sagt was Sache ist - kein Appeasement!

Demokratien müssen Beschimpfungen aushalten

Demokratie? Seit Putin an der Macht ist, kann man nicht mehr von einer Demokratie sprechen!

Kurzes Video mit dem russischem Botschafter

http://ichmachpolitik.at/questions/1659

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.