Wir steigern das Brutto-Inlandsprodukt

Kommentar | Sandra Ernst Kaiser
26. Juni 2012, 07:00

Die Frauenministerin präsentierte einen Plan zur Frauenförderung - Oder waren damit doch Unternehmer gemeint?

"Wenn früh am Morgen die Werk-Sirene dröhnt und die Stechuhr beim Stechen lustvoll stöhnt", sangen in den 1980ern "Geier Sturzflug". "Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt", denn die Frauenministerin hat einen Plan für Unternehmen entwickelt, um deren (potenzielle) Mitarbeiterinnen zu fördern. Oder sind es doch die Unternehmen, die gefördert werden sollen? Auf jeden Fall gibt es jetzt wieder einen Plan, nämlich das "Instrument moderner Personal- und Organisationsentwicklung". Im Vorwort der neuesten Broschüre heißt es, dass die Betriebe "auf diese gut ausgebildeten und engagierten Mitarbeiterinnen nicht verzichten können".

Zwischen Andreas Treichl (Erste Group) und Christian Kern (ÖBB) sitzend verriet Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) vor kurzem im Rahmen einer Pressekonferenz ihre Beweggründe: Es sei nachgewiesen, dass mit Frauen positive betriebswirtschaftliche Ergebnisse erzielt würden. Dem aber nicht genug: Werde der Frauenförderplan eingehalten, profitiere auch die Volkswirtschaft. Immerhin: 30 Prozent mehr Brutto-Inlandsprodukt durch Frauenhand, haben ExpertInnen errechnet. Laut Broschüre haben Frauen zudem eine hohe Loyalität und Motivation, weniger Fehlzeiten und höhere Flexibilität. All das und noch viel mehr wird den Unternehmen versprochen.

Was kostet die Frau?

Diese Zuschreibungen sollen also die wirtschaftliche Stagnation überwinden und allgemeinen Aufschwung fördern, am besten noch bürokratische Verkrustungen beseitigen, ganz im Sinne des marktförmigen Austauschs, und schließlich zu Erfolg und Zufriedenheit verhelfen. Dabei ist die Argumentation von Heinisch-Hosek realpolitisch noch nachvollziehbar: Unternehmer, also vorwiegend Männer, mit Strategien ansprechen, für die sie empfänglich sind. Gewinne, lautet das Zauberwort. Doch muss die Frauenministerin das Argument "Gewinn" ins Feld führen, um Geschlechtergerechtigkeit zu erzielen? Ist das Abwerfen von Gewinnen jener Wert, an dem Frauen künftig gemessen werden?

Dabei steht außer Frage, dass Frauen in Führungspositionen, in Aufsichtsräte und die gläserne Decke durchbrechen wollen. Frauen bringen den Unternehmern allerdings schon genug Gewinne, nämlich auf den unteren Ebenen. Dort kosten sie bekanntlich bei ganzjähriger Vollbeschäftigung im Durchschnitt um 24,3 Prozent weniger als Männer - dabei wird diese Rechnung noch ohne jene Frauen gemacht, die gratis Pflegearbeit leisten. Und gerade diese Unterbewertung und Unterbezahlung von Frauenarbeit spielt die entscheidende Rolle bei der Aufrechterhaltung des wirtschaftlichen Wachstumsprozesses.

Die größte Zahl

Den Unternehmern nun die angebliche Flexibilität, höhere Mobilität und weniger Fehlzeiten der Frauen zu versprechen, um Gewinne einzufahren und das BIP zu erhöhen, ist an Zynismus schon fast nicht mehr zu überbieten - auch weil Heinisch-Hosek damit an die Plattitüden der Marktradikalen erinnert. Diese werden nämlich auch nicht müde zu betonen, dass das größte Glück die größte Zahl garantiert und alle gut daran tun, sich in allen Lebenslagen dem Wettbewerb zu stellen.

In dieser Logik scheint die neue "Funktion" der Frauen, Gewinne einzufahren, relativ klar. Die Profiteure sind dann aber jene, denen Unternehmen gehören oder die in den Hierarchien oben sitzen - und in den seltensten Fällen sind das Frauen. Kein Blatt vor den Mund hat sich im Übrigen Treichl genommen, der neben einer nickenden Frauenministerin auf den Punkt brachte, worum es geht: "Es ist keine Frage der Frauen, sondern eine der Produktivität, eine Frage der gesamten Wirtschaft." Also, liebe Frauen, "jetzt wird wieder in die Hände gespuckt", steigert das Brutto-Inlandsprodukt! (Sandra Ernst Kaiser, dieStandard.at, 26.6.2012)

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6 Postings
tut mir leid

aber wenn man schon alles in Zahlen umrechnet würde ich sagen dass Frauen dem Unternehmen mehr kosten als Männer und nicht weniger ... bzw. das Risiko dass es dem Unternehmen mehr kostet ist größer.

Da braucht die Frau nur schwanger zu werden ...

"Doch muss die Frauenministerin das Argument "Gewinn" ins Feld führen, um Geschlechtergerechtigkeit zu erzielen?"

Natürlich muß sie das.
Mit "Geschlechtergerechtigkeit" und damit ruhigerem Gewissen kann ich weder meine MitarbeiterInnen, noch meine Lieferanten, noch meine Steuern/Abgaben/Beiträge bezahlen.
Ich bin auch leider keine Frau, die sich in entsprechenden Födertöpfen bedienen kann.

Kleiner Tipp am Rande:
Es gibt auch weibliche Unternehmer, und auch die wollen/müssen Gewinn machen, um ihren Laden am Laufen zu halten.
Das hat nichts mit männlicher Gier zu tun, wie der Text durch die Blume andeutet.

Ich stimme Ihnen zu 100% zu. Selbstverständlich wird JEDER Mitarbeiter, egal ob männlich oder weiblich, als Teil eines (hoffentlich) gewinnbringenden Unternehmen auch daran "bewertet", wie sehr er zur Erfolgssteigerung, sprich Gewinnmaximierung beiträgt. Schließlich besteht unsere Wirtschaft nur zu einem sehr geringen Teil aus Sozialvereinen; Und selbst diese müssen wirtschaftlich arbeiten, um nicht unterzugehen.

Und das Argument der geringeren Fehlzeiten, so es denn wahr ist, finde ich persönlich ein Wichtiges. In den Köpfen der meisten Arbeitgeber ist noch immer das Bild der Frau vorhanden, welche z.B. bei jedem kleinen Wehwehchen der Sprösslinge gleich wochenlang in Pflegeurlaub geht.

Die Zitrone finde ich übertrieben.

Fehlzeiten

Die "üblichen Verdächtigen" verteilen sich in meinem Betrieb etwa gleichmäßig auf die Geschlechter.

Helge? ach ne, doch nicht.....Tschüss

Nicht die erste "Idee" der Frau Minister welche Kopfbewegungen auslöst (aber kein Nicken).

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