Vom Acker in den Kindergarten

Interview | Sandra Ernst Kaiser, 15. Juli 2012, 18:00
  • "Es gibt keinen beschäftigungswirksameren Einsatz von öffentlichen Mittel als in Form von sozialen Dienstleistungen," meint Sybille Pirklbauer. 
    foto: liesi specht

    "Es gibt keinen beschäftigungswirksameren Einsatz von öffentlichen Mittel als in Form von sozialen Dienstleistungen," meint Sybille Pirklbauer. 

Eine Umverteilung bei den EU-Fördergeldern würde Frauen entlasten, erklärt Sybille Pirklbauer - Das Budget dafür wird bereits ausverhandelt

Während die europäischen Staats- und RegierungschefInnen von einem Euro-Krisengipfel zum nächsten fahren, wird mit sehr viel geringerer Begleitmusik bereits das EU-Budget 2014-2020 ausverhandelt. Wie die konkrete Mittelverteilung von 2014 bis 2020 aussehen wird, entscheidet sich über den Sommer und wird im Herbst beschlossen. Die Strukturförderungen im Rahmen dieses Budgets sind deshalb wichtig, weil sie den rechtlichen und politischen Rahmen vorgeben, der auf nationaler Ebene durch die konkreten Programme umgesetzt wird.

Ein Beispiel dafür bietet ein Blick auf die laufende Budgetperiode: Der Regionalfonds und der Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung verfügen, im Vergleich zum Sozialfonds, über beträchtliche Mittel. Die Mittel der beiden hoch dotierten Fonds wurden in Österreich bislang fast ausschließlich für die Förderung von Unternehmen und der Landwirtschaft verwendet.

Die Arbeiterkammer (AK) fordert, dass die EU dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung trägt und Mittel aus der landwirtschaftlichen Förderung in den Sozialfonds umschichtet. Zudem sollen aus dem Strukturfonds Mittel für soziale Dienstleistungen zur Verfügung gestellt werden. Das ist rechtlich möglich, aber kein Muss, erklärt Sybille Pirklbauer, Mitarbeiterin der AK-Abteilung für Frauen und Familie, im Interview mit dieStandard.at. Die Politikwissenschaftlerin meint, dass die europäische Förderungsstruktur einer Reform bedarf und dadurch Frauen von ihren Betreuungspflichten entlasten könnte.

dieStandard.at: Die Arbeiterkammer fordert im Rahmen der EU-Budgetverteilung 2014-2020 eine Verlagerung vom landwirtschaftlichen Förderungsfonds hin zum EU-Sozialfonds. In Anbetracht der wirtschaftspolitischen Entwicklungen innerhalb Europas: Wie realistisch schätzen Sie diese Umverteilung ein?

Pirklbauer: Grundsätzlich steht Europa vor einer enormen Arbeitslosigkeit. Das ist eines der drängendsten Probleme, die wir derzeit haben. Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und für mehr Beschäftigung zu sorgen muss das Anliegen der Arbeiterkammer sein. Dass der Sozialfonds, der innerhalb Europas für Beschäftigungspolitik fungiert, im Zuge des neuen Budgets eine starke Rolle bekommen muss, ist daher klar.

Zudem haben wir in Europa eine sinkende Beschäftigungszahl innerhalb der Landwirtschaft zu verzeichnen. In den vergangenen zehn Jahren ist der Anteil der LandwirtInnen um 25 Prozent gesunken. Immer weniger Menschen bestreiten also ihr Fortkommen mit landwirtschaftlichen Einnahmen, und damit steigt natürlich die Pro-Kopf-Förderung. Aus unserer Sicht lässt sich das nur sehr schwer argumentieren.

dieStandard.at: Auf der anderen Seite ist die Nachfrage nach sozialen Dienstleistungen, etwa Pflege und Kinderbetreuung, gestiegen.

Pirklbauer: Ja, der Bedarf an sozialen Dienstleistungen nimmt in allen Bevölkerungsgruppen zu. Pflege oder Kinderbetreuung ist nicht nur für ArbeitnehmerInnen relevant, sondern natürlich auch für Selbstständige - ob sie in der Landwirtschaft oder in anderen Branchen tätig sind: Alle möchten, dass ihre Kinder gut betreut oder kranke Menschen gut versorgt sind. Besonders für den ländlichen Raum ist der Ausbau sozialer Dienstleistungen extrem wichtig.

dieStandard.at: Wie kommt es dann zu dieser Förderungsdiskrepanz?

Pirklbauer: Historisch betrachtet war die Landwirtschaft die erste große budgetäre Zuständigkeit der EU. Daraus ist auch die Bedeutung der Landwirtschaftsförderung gewachsen. Andere Bereiche sind erst später hinzugekommen. Man kann also von einer Tradition sprechen. Aber wie es so ist mit Traditionen: Man muss sich diese anschauen und fragen, ob sie den heutigen Anforderungen noch entsprechen oder ob es Veränderungen braucht.

Es geht nicht darum, die Landwirtschaftsförderung abzuschaffen - davon spricht keiner -, aber die Verteilung und die Schwerpunktsetzung auf die Landwirtschaftsförderung müssen einer kritischen Beleuchtung und einer Veränderung unterzogen werden.

dieStandard.at: Welche zentralen Elemente sollen im EU-Budget Ihrer Ansicht nach besonders berücksichtigt werden?

Pirklbauer: Die ganz große Überschrift ist Beschäftigung. Die Zielsetzung von Europa 2020 ist eine europaweite Beschäftigungsquote von 75 Prozent bis zum Jahr 2020. Das wird nur gehen, wenn auch Frauen mit eingeschlossen werden. Soziale Dienstleistungen haben dabei einen Mehrfach-Benefit: Pflege, Bildung, Kinderbetreuung schaffen extrem viele Arbeitsplätze. Es gibt keinen beschäftigungswirksameren Einsatz von öffentlichen Mittel als in Form von sozialen Dienstleistungen. Es würde außerdem Frauen mit Betreuungspflichten ermöglichen, am Arbeitsmarkt überhaupt erst aktiv zu werden, was sie mit Betreuungspflicht ja nicht sind.

In Österreich wie auch in den südlichen Ländern Europas ist dieser Beschäftigungszweig noch bei weitem nicht so ausgebaut, wie sich viele Eltern das wünschen würden. Zudem mangelt es an Bildungsangeboten für Jugendliche und Menschen mit migrantischem Hintergrund. Zentral ist auch die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum. Und das sind ja alles Dinge, die kein Hobby sind, das man sich leistet, sondern das sind Dinge, die wirklich gebraucht und nachgefragt werden.

dieStandard.at: Um das zu finanzieren, fordern Sie also zusätzliche Gelder aus dem Regionalfonds?

Pirklbauer: Grundsätzlich hätten wir sehr gerne Mittel sowohl aus dem Regionalfonds als auch aus dem Fonds für ländliche Entwicklung für den Ausbau sozialer Dienstleistungen zur Verfügung. Die Verordnungsentwürfe sind aber noch nicht beschlossen und grundsätzlich sehen sie auch vor, Gelder für soziale Dienstleistungen einzusetzen. Die Frage ist, ob man es auch tut. Man kann, aber man muss nicht. Wir sind der Meinung, dass man diese Möglichkeit unbedingt nutzen muss, weil es auch den Interessen der Wirtschaft zugutekommt.

dieStandard.at: Insgesamt erweckt ihr Plan den Eindruck, als würde die AK mit ihren Forderungen die EU an ihre eigens kreierten Instrumente wie Gender-Mainstreaming und Gender-Budgeting erinnern.

Pirklbauer: Dass sowohl im Regionalfonds als auch im Fonds für ländliche Entwicklung darauf kaum Bezug genommen wird, sehen wir auch kritisch. Wir sehen die sozialen Dienstleistungen aber nicht als Produkt einer Gender-Mainstreaming-Strategie, sondern finden es aus wirtschafts- und beschäftigungspolitischer Überlegung extrem sinnvoll. Aber es gibt bezüglich Gender-Mainstreaming und -Budgeting einen Mangel. Wir sehen das problematisch, dass nicht alle Maßnahmen im Strukturfonds auf ihre Gender-Wirkung hin analysiert werden. Im Vergleich zu den letzten Budgetperioden hat es Rückschritte in der Verankerung der Gender-Dimension gegeben.

dieStandard.at: In den Strategiepapieren der EU, etwa im Lissabon-Vertrag oder auch im Europa-2020-Papier, ist die Rede davon, die Bevölkerung stärker in Entscheidungen einzubinden. Ideen oder Vorschläge dafür gibt es aber keine. Ist das leere EU-Rhetorik?

Pirklbauer: Auf der Ebene der Strukturfonds gibt es ein konkretes Element, wo diese Beteiligung vorgesehen ist: Fünf Prozent der Mittel von jedem EU-Programm müssen für Maßnahmen eingesetzt werden, die von der lokalen Bevölkerung entwickelt werden. Ein Bottom-up-Prinzip, das in der österreichischen Förderlandschaft nichts Vergleichbares findet. Das ist eine Form der Entscheidungseinbindung, die nicht unspannend ist, aber in einem sehr eingeschränkten Segment. Klar ist, dass die Entscheidungskultur innerhalb der EU sehr komplex ist. Ich glaube schon, dass deutlich zu sehen ist, dass da etwas passieren muss. (Sandra Ernst Kaiser, dieStandard.at, 15.7.2012)

Sybille Pirklbauer ist Politikwissenschaftlerin in der Abteilung Frauen und Familien der Arbeiterkammer.

Kommentar posten
19 Postings
Unsinn³

"Grundsätzlich steht Europa vor einer enormen Arbeitslosigkeit." ... "In den vergangenen zehn Jahren ist der Anteil der LandwirtInnen um 25 Prozent gesunken."
Also weil es einer Gruppe eh schon finanziell schlecht geht und diese Menschen auf den Arbeitsmarkt drängen, schwächt man sie gleich noch mehr um noch mehr Arbeitslose zu erzeugen? Sehr logisch.

Und wenn ich was von "Förderung pro Kopf"-Rechnungen höre, dann reicht es mir schon ganz. Warum kommt man denn auf solche Zahlen? Nur weil Adelige, Großgrundbesitzer und Konzerne den Großteil dieser Förderungen erhalten, das hat aber meist nur am Rand mit LW zu tun. Da sollte mal gespart werden. Aber nachdem das auch die Großspender von Rot und Schwarz sind, schaut man halt weg.

(auch Land)"Wirtschaft" hat ihr Recht NUR dort, wo ...

... Versorgung ohne Warteschlangen funktionieren soll (und kein Nachdenken erforderlich sondern nur Erfahrungs- und RoutineArbeit nötig ist)
-- d.h. zb sicher nicht rund um GenTechnik --
-- oder im Neusprech rund um Synthetische Biologie --
und
nachdem seit fast 20 Jahren ungehemmt SozialRAUB betrieben wird, ist die AK Idee der Umschichtung gar net amal so bled
aber
nur, wenn zugleich die AgrarFörderungen zb um 3% pro Hektar gekürzt werden (d.h. ab 33 Hektar ist Schluss), weil sonst keine dezentrale Stabilität sondern nur Mensdorff-Pouilly & Liechtenstein & Co bezahlt wird.

Und sehr richtig: bisher entstand nur ANDERE Herrschaft (statt weniger Untam), also bei nächster Wahl drauf achten, dass BGE statt Slogans dabei ist

("BGE" als Google Suchwort oder Yahoo Suchwort oder was-immer-für-eine-Suchseite-Suchwort verwenden,
und
ja, es gibt inzwischen ernstzunehmende Parteien, die das Bedingungslose GrundEinkommen nicht nur pro forma in ihrem Programm haben,
weil
-- trotzdem wir doch alle so viel Geld damit verdienen --
die Welt nicht ewig kaputt"gewirtschaftet" werden kann: "wir" verbrauchen inzwischen in 1 Jahr, was die Erde erst in 1 1/2 Jahren regenerieren kann; bald werden es sogar 200% sein)

nur: wenn das alles nur dazu führt, dass Sozialismus und Sozialdemokratie
-- wie bisher Bauernbund, Fischler, Hahn & Co --
immer neue Wege erschliessen, für immer noch mehr ihrer Gruppenherrschaft herumzulizitieren, nützt auch das Umschichten nichts.

Typische AK Phantasien aus dem Elfenbeinturm:

Wirtschaft (=Klassenfeind) -> brauch ma net

Landwirtschaft (=Klassenfeind) -> is unnötig wie ein Kropf

Was wir brauchen sind noch viel mehr Milliarden Euro für Gender Mainstreaming, Gender Budgeting, Frauenförderungsprogramme, usw.!

Was wir auch brauchen sind viele Tausende neue Staatsangestellte im Gesundheits- und Sozialbereich, weil die können wir dann als brave Parteiabhängige bis zur Pension auf Staatskosten durchfüttern. Wer wird die wohl nach dem Ende der Förderperiode weiterbezahlen? Macht nix, wir haben ja eh viel Geld in der Staatskasse. Und wenn nicht, mach ma halt neue Schulden oder holen es uns über neue Steuern von der Bevölkerung!

richtig, besser schieben wir milliarden in die 3% Bauern rein und die armen Banken

Der Landwirtschaftshaushalt macht weniger als 3% des gesamten Haushalts der EU-Staaten aus, also weniger als eigentlich der Bevölkerungsanteil wäre...Man vergisst nur allzu leicht, dass die Agrarpolitik der einzige wirklich vergemeinschaftlichte Bereich ist.

Den Bauern könnte die Förderung eigentlich egal sein. Bauernförderung=Konsumentenförderung.

Wenns keine Förderungen an die Bauern mehr gibt, werden eben die Preise steigen. Das zahlen dann alle, auch der sogenannte "Kleine Mann". Der Große übrigens auch.
Mit dem billige Pappi ist es dann aber vorbei...

Die Bauern verhungern (im sprichwörtlichen Sinn). Bei denen kommt überhaupt kein Geld an. Die Betriebe, die Landwirtschaftsförderungen bekommen, haben mit Landwirtschaft an sich überhaupt nichts zu tun!

wenn die wirtschafts- und landwirtschaftsförderung

wenigstens bei denen ankommen würden, die sie brauchen (kleinere bauern und wirtschaftstreibende, die das geld auch wieder produktiv reinvestieren und so im wirtschaftskreislauf halten), könnt ich ihnen ja wenigstens teilweise recht geben

dort kommen die förderungen aber nicht an, sondern bei meinls und am övp konto

sie haben mich verstanden

Ist leider so. Von der Summe des Agrarhaushalts der EU kommen nur wenige xx% (weiß es nicht genau) tatsächlich bei den Betrieben an. Den Rest frisst die Bürokratie und die 100.000en Arbeitsplätze dahinter.

Also auf deutsch werden die kinder sobald wie möglich in irgend eine betreuungsstätte gesteckt?

Wird den kleinen sicher gut tun...

Klar Kinder sind den roten Karrierefrauinnen ja nur ein Klotz am Bein. Je früher eine Mutter wieder Vollzeit arbeitet umso besser ist sie. Und die Kinder freuen sich auch wenn sie mit 6 Monaten in den Kindergarten kommen.
Vollde**en echt...Ich hoffe solche Leute haben niemals das Sagen

Arm sind Sie.

ja, Bildungseinrichtungen tun den Kleinen wirklich gut

ihr deutsch ist verbesserungswürdig

wo steht was von "irgendeine"?

es soll doch geld für anständige kinderbetreuung locker gemacht werden

Auch wenn es ausgewählte betriebe sind halte ich es für schlecht die kleinen sofort abzuliefern.

und ja sie haben recht, war nicht richtig geschrieben, bitte um verzeihung, wie kann ich nur...

war ja wohl klar ...

dass sich jetzt "Genderheinis" auch auf diesen Topf stürzen ;)

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.