"Gut gemeinte Ratschläge können hart wirken"

Interview | Ina Freudenschuß, 29. Juli 2012, 18:00
  • Barbara Schildberger: "Die Frauen kommen jetzt zu einem neuen Bewusstsein und sagen, ich kann 
auf meine Bedürfnisse und die meines Kindes selbst hören."
    foto: privat

    Barbara Schildberger: "Die Frauen kommen jetzt zu einem neuen Bewusstsein und sagen, ich kann auf meine Bedürfnisse und die meines Kindes selbst hören."

  • Werbung fürs Stillen: Die neuseeländische Schauspielerin Lucy Lawless posierte für die "Weltstillwoche" in Neuseeland 2002 mit ihrem damals dreimonatigen Sohn.
    foto: apa

    Werbung fürs Stillen: Die neuseeländische Schauspielerin Lucy Lawless posierte für die "Weltstillwoche" in Neuseeland 2002 mit ihrem damals dreimonatigen Sohn.

Wenn Frauen nicht stillen wollen oder können, ernten sie böse Blicke - Die Hebammen-Ausbildnerin Barbara Schildberger über die Beziehung von Schwangeren und Hebammen

"Wer sein Kind liebt, stillt es". Annahmen wie diese prägen seit fast drei Jahrzehnten die Diskussion um die richtige Säuglingsernährung. Der durch WHO-Richtlinien, Stillgruppen, MedizinerInnen und nicht zuletzt Hebammen angefeuerte Diskurs steht neuerdings allerdings wieder unter Kritik - "Stilldruck" lautet der Vorwurf, der in den letzten Monaten vermehrt in deutschsprachigen Medien von Frauen formuliert wurde. Barbara Schildberger, Hebamme und Soziologin, bildet Frauen zum Beruf der Hebamme aus. Von ihr wollte dieStandard.at wissen, warum die Mutter-Hebammen-Beziehung manchmal schiefläuft und was getan werden kann, um den Stilldruck zu entschärfen.

dieStandard.at: Sie bilden Hebammen an der FH Linz aus. Was muss eine Frau mitbringen, um eine gute Hebamme zu werden?

Schildberger: Uns ist wichtig, dass die Frauen ein hohes Maß an Wertschätzung gegenüber dem Leben mitbringen, ebenso Empathie, Verantwortungsbewusstsein und natürlich Reflexionsfähigkeit, also die Fähigkeit, das eigene Handeln immer wieder zu hinterfragen und wenn notwendig auch entsprechend anpassen zu können.

dieStandard.at: Die Anforderungen an die Geburtsbegleitung sind heute stark gestiegen. Frauen entscheiden gerne selbst, wie sie die Geburt angehen wollen. Wie kommt man als Geburtsbegleiterin damit klar?

Schildberger: Den Umstand, dass Frauen ihre Bedürfnisse artikulieren und auch selbstbestimmt im Geburtsprozess agieren wollen, begrüßen wir Hebammen total. Wir sehen uns als Begleiterinnen in einem grundlegend physiologischen Prozess, bei dem wir nur bei Bedarf unterstützend eingreifen. In der Realität ist es leider nicht immer so umsetzbar, weil eine Geburt von vielen Personen und Umständen (Familie, Ärzte, medizinische Institutionen, soziale Trends) beeinflusst wird.

dieStandard.at: Die "Wunsch-Sectio" ist ein Reizthema. Kann eine Hebamme diese gutheißen?

Schildberger: Von Berufs wegen kann ich den Umstand nicht gutheißen, dass Frauen oftmals mangelhaft aufgeklärt bzw. falsch informiert werden, was die entstehenden Konsequenzen betrifft. Sehr oft werden Frauen in der Entscheidungsfindung manipuliert.

dieStandard.at: Von wem?

Schildberger: Von der Medizin, aber auch von den Medien, die meist sehr einseitig über Kaiserschnitte berichten. Das heißt, die Nachteile von Kaiserschnitten werden zu wenig thematisiert. Es fehlt, dass Frauen wirklich über die Vor- und Nachteile aufgeklärt werden.

dieStandard.at: Und wenn die Frau korrekt aufgeklärt wurde?

Schildberger: Es ist für mich schwer nachvollziehbar, dass man sich dann freiwillig, ohne Indikation für diese Operation entscheidet. Fortschritte in der Chirurgie und Anästhesie lassen operative Eingriffe heutzutage sehr harmlos erscheinen.

dieStandard.at: In jüngster Zeit haben sich Frauen in der Öffentlichkeit ihren Frust über den Stilldruck von der Seele geschrieben, etwa in der "Zeit" oder auch im STANDARD. In diesen Berichten werden Hebammen als strenge Instanzen beschrieben, die Frauen gegen alle Widerstände zum Durchhalten beim Stillen bewegen wollen.

Schildberger: Wenn sich Frauen beim Stillen zu sehr unter Druck gesetzt fühlen, müssen wir Hebammen diese Tatsache sehr ernst nehmen. Die erste Zeit nach der Geburt ist besonders für die Mutter eine hochsensible Phase, und die Aufgabe der Hebamme ist hier, auf die Bedürfnisse der Mutter besonders einfühlsam zu reagieren. Somit können auch gut gemeinte Ratschläge hart sein und kontraproduktiv wirken.

dieStandard.at: Haben Sie Situationen wie die beschriebenen schon selbst erlebt?

Schildberger: Rückblickend hoffe ich nicht, dass ich als strenge Instanz wahrgenommen wurde. Meine klare Prämisse lautet: Die Würde der Frau und ihre Entscheidung ist über meine eigenen Erwartung zu stellen.

dieStandard.at: Sind sich Hebammen ihrer Macht in dieser Situation vielleicht nicht immer bewusst?

Schildberger: Ich glaube, dass die Hebammen gut gemeinte Ratschläge geben wollen, dass sie überzeugen wollen. Dabei kann es schon mal vorkommen, dass sie vielleicht zu wenig beachten, wie hochsensibel Frauen in dieser Phase sind. Oft ist es aber auch so, dass Frauen von anderer Seite, zum Beispiel durch die Familie, unter Druck gesetzt werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Stillkultur in Mitteleuropa verloren gegangen ist; dass es zumindest eine Generation von Frauen gibt, die nicht gestillt und die Fertignahrung als Goldstandard erlebt haben. Es gibt also manchmal auch wenig Unterstützung von der Großmutter-Seite her. Mütter sitzen dann zwischen den Stühlen, was das Beste für das Neugeborene wäre.

dieStandard.at: Elisabeth Badinter hat mit ihrem Buch "Der Konflikt" von 2010 die Diskussion über das Stillen im deutschsprachigen Raum erst wieder in Gang gesetzt. Jüngst gab es auch eine Meldung, dass UNICEF Schweiz nach Beschwerden von Müttern ihr Label "Stillfreundliches Krankenhaus" lockern wird. Ist der Stilldruck im letzten Jahrzehnt zu groß geworden?

Schildberger: Eben weil die Stillkultur bei uns verloren gegangen ist, hat man das, was früher als normal galt, mit starren Richtlinien und Regeln wieder eingeführt. Aber wie so oft bei solchen Prozessen schlägt das Pendel dann gerne zu weit in die andere Richtung aus. Es muss sich also wieder auf ein gesundes Maß regulieren. Die Frauen kommen jetzt zu einem neuen Bewusstsein und sagen, ich kann auf meine Bedürfnisse und die meines Kindes selbst hören. Und das ist auch gut so.

dieStandard.at: Der ganze Komplex Elternschaft ist inzwischen ideologisch stark aufgeladen. Selbstbestimmtes Handeln kann schwierig werden, wenn so viele Überzeugungen auf die Mütter einprasseln.

Schildberger: Da gebe ich ihnen recht, allein schon bei der Ernährung des Säuglings wird beinahe zweimal im Jahr die Lehrmeinung revidiert und neu geschrieben. Es ist heute unheimlich schwierig, dem Säugling optimale Versorgung zukommen zu lassen. Umso mehr wollen wir Hebammen bei den Frauen das intuitive Vertrauen wieder wecken und stützen. Aber das ist natürlich sehr schwierig, weil bedingt durch die modernen Familienstrukturen viel an traditionellem Wissen, wie man mit Kindern umgeht, verloren gegangen ist. Die Frauen haben oft gar keine andere Wahl, als sich auf Internet-Foren und Ratgeber zu verlassen. In diesem Informationsdschungel das Richtige für sich auszuwählen ist nicht einfach. Die Unterstützung gehört bestimmt ausgebaut, sowohl in der Schwangerschaft als auch im Wochenbett.

dieStandard.at: Was müsste aus Sicht der Hebammenausbildung passieren, um den Stilldruck zu mindern?

Schildberger: Neben den fachlich-methodischen Kompetenzen zur Stillbegleitung sind uns die sozial-kommunikativen Aspekte ein großes Anliegen. Dazu gehört, dass man sich Zeit für Gespräche nimmt und dass manchmal ein emotionaler Zuspruch viel mehr bewirkt als eine Belehrung über die Stilltechnik oder die gesundheitlichen Vorzüge des Stillens. Das heißt auch, der Frau das Gefühl zu geben, dass ihre Entscheidungen im Moment die richtigen sind - immer unter der Voraussetzung, dass sie gut aufgeklärt ist.

dieStandard.at: Wie sieht es mit der Aufklärung bei den Frauen über die medizinischen Fakten aus, die sehr oft beim Stillen ins Feld gerufen werden? Oftmals bringen Frauen das Nichtstillen kausal mit diversen Krankheiten in Verbindung, was so natürlich nicht stimmt.

Schildberger: Also bei den Vorzügen des Stillens ist die Datenlage schon relativ gesichert. Hier wird in den nächsten Jahren auch keine Änderung der Erkenntnis zu erwarten sein. Das Stillen hat viele Vorzüge, ist aber kein Garant dafür, dass mein Kind zum Beispiel keine Allergien entwickelt. Wir wissen nur, dass wir dem Kind so einen sehr guten Start geben können. Wie sich das Kind weiterentwickelt, ist natürlich von ganz vielen anderen Faktoren abhängig, und das verstehe ich auch als Entlastung für Frauen, die sich gegen das Stillen entschieden haben.

dieStandard.at: Gehört die alte Hebammenweisheit "Jede Frau kann stillen" heute auch noch in den Lehrplan der Hebammenausbildung?

Schildberger: Nein, nicht jede Frau kann stillen, und das war auch schon immer so. Früher gab es dafür das Ammenwesen, welches das Überleben der Kinder gesichert hat. Insofern lehren wir das auch nicht in der Ausbildung. (Ina Freudenschuß, dieStandard.at, 29.7.2012)

Barbara Schildberger ist Hebamme und Soziologin. Sie hat als Hebamme viele Jahre in der Geburtsvorbereitung, Geburtsbegleitung und Wochenbettfürsorge gearbeitet. Seit 2010 leitet sie den Studiengang des FH-Bachelor-Studiengangs Hebamme an der FH Gesundheitsberufe Oberösterreich in Linz.

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Bei all den Ratschlägen und Kommentaren, da kommt es mir so vor, als würde es sowieso bei Kindern nur Gut oder Böse geben, aber keinen Mittelweg. Hoffentlich wird mir das in jener Situation mal egal sein.

Genau DAS sollte es sein. EGAL! Lassen Sie sich nicht durch Ratschläge verwirren, sondern tun Sie einfach das, was IHNEN gut tut.

Wenn Sie zufrieden sind, ist es das Kind auch.

Ich glaube in Europa sind wir besser dran, weil es normal ist, dass Kinder bis zum 6, 7 oder 8 Jahr gestillt werden.

In der USA sind schon Eltern-Magazine verboten und beschlagnahmt worden, weil eine stillende Mutter am Cover war. Das ist dort leider teilweise schon Pornographie. Oder gar in der Öffentlichkeit stillen! Das finde ich falsch und da wird viel mehr zerstört.

http://abcnews.go.com/Health/st... 439&page=1

Ich kann nur hoffen, dass Sie sich verschrieben haben.

Ich finde es reicht, dass hierzulande bis zum 6., 7. und 8. MONAT gestillt wird.

Neinnein, Jahre stimmt schon. Das wäre halt das Normale, tun aber eh bei uns auch nicht viele.

Was ist daran normal? Das arme Kind soll bitte normales Essen bekommen in dem Alter! Das kann man doch nicht nur von Muttermilch (die dann schon ohne Nährstoffe ist) ernähren?
Oder stellt die MuMilch dann nur einen "Snack" dar? Was soll das denn dann bringen?

(~.^)

Da möchte ich nochmals auf den Link von ABC News verweisen und hier noch ein Video mit einer Mutter nachreichen:
https://www.youtube.com/watch?v=fxv6R9fUO74

kenne zweierlei:
a.) konnte nicht stillen. auf nachfrage bei den Hebammen wurde sie, nach der Geburt eh kaputt und überfordert genug, fertig gemacht, dass man das eh selber weiß. Sie wusste es nicht und war wirklich am ende. gestillt wurde der arme Knopf nie. danke hebammenbösewichte.

b.) stillt ihre Kinder 2 und 3 Jahre.

jeder wie er mag. aber wenn man nicht "kann" muss man im Krankenhaus auf Hilfe hoffen können.

hebammen: bitte a bissl mitdenken.

das foto sieht mir eher nach lucy 'flawless' aus ;)

(ok ok, für meinen kommentar nehme ich mir selbst eine zitrone ...)

Sie ist eben so, die Lucy (F)Lawless.

das stillproblem ist ein spitalsproblem.

bei einer ambulanten entbindung (mutter geht unmittelbar nach der geburt nach hause) haben ca. 1% der frauen probleme mit dem stillen. beim standardprozedere mit 3 tagen krankenhaus haben ca. 25% der frauen probleme mit dem stillen. keine ahnung, warum das niemandem zu denken gibt?

gerade in den ersten lebenswochen ist das stillen - wenn es funktioniert - nicht nur die gesündeste, sondern auch die einfachste ernährung für das neugeborene. es soll doch bitte niemand behaupten, dass es angenehmer und bequemer ist, mehrmals nächtens fläschchen zuzubereiten anstatt das kind einfach anzulegen. in diesem sinn ist mit dem stillen nicht nur dem kind, sondern sehr wohl auch der mutter gedient!

Man muss nächstens nicht aufstehen um Flascherl zu machen. Das kann man schon vor dem Schlafengehen vorbereiten bzw. wenn man nach Rhythmus füttert kurz vor "Essenszeit" im Flaschenwärmer auf die richtige Temp. bringen/oder ein paar Sek. in der Mikrowelle. Und mehr als 1-2x füttern pro Nacht ist bei regelmäßigen füttern sowieso sehr selten.

Also am angenehmsten und bequemsten fuer die Mutter

ist, wenn der Vater mehrmals aufsteht; und der tut sich halt schon schwer mit dem Stillen.

ich finde zwischen nicht wollen und nicht können ist ein grosser unterschied

dies sollte nicht so fahrlässig in einem aufwaschen formuliert werden

hebammen sind sowieso die bösesten weiber wo gibt

...was sagte schon der opa...

...auch ratschläge sind schläge...

Bild: Werbung fürs Stillen: Die neuseeländische Schauspielerin Lucy Lawless posierte für die "Weltstillwoche" in Neuseeland 2002 mit ihrem damals dreimonatigen Sohn.

Xena :-))

PS: Solche Bilder sind doch sonst immer mit Zitronen begleitet ;-)

Wieso sollte das eine Zitrone einbringen?

Ist doch gut!

Eine Frau hat sicher auch andere hoch emotionelle Momente im Leben als das Stillen!

Degradierung auf die Milchspenderin!

Natürlich gibts auch andere hochemptionale Momente. Nichts desto trotz fand auch ich das stillen immer als schön. "degradiert" wurde ich von niemandem bzw. hätt ich mich auch nicht lassen. wir (die Kinder und ich) haben die zeit genossen.
Wenn eine Frau nicht stillen möchte ist das auch ok. Das muss sich jeder selbst ausmachen.

hier gehts aber in erster linie um die bedürnisse des kindes

stillen ist weit mehr als nur ernährung.

Wichtiger sind die Bedürfnisse der Mutter. Denn wenn's der Mutter nicht gut geht, geht's dem Kind erst recht schlecht.

Das ist doch wohl klar!

Es ist heute unheimlich schwierig, dem Säugling optimale Versorgung zukommen zu lassen.

Hä? Wo ist die Gute denn tätig? Äthiopien? Oder doch in einer entwickelten Industrienation? Wieso ist es schwierig, in Österreich einem Säugling optimal zu versorgen? Und zwar so, wie es die Frau entscheidet?
Fragen über Fragen...

Es ist eher in die Richtung gemeint, dass niemand sagen ob das was heute als "optimale Versorgung" gilt nicht in 6 Monaten wieder anders ist.
Die herschende Meinung was das beste für ein Kind ist verändert sich laufend.
Also bezüglich schlafen(wann, wie oft, fix oder variabel, hell oder dunkel, alleine oder mit Eltern...), essen(wann, wie oft, wie an Kindernahrung gewöhnen, welche Speisen, Kindernahrung oder selber machen, wieviel variieren, warm oder kalt,...)
Beschäftigung mit dem Kind, wie reagieren wenn weint, und und und.
Und diese Expertenmeinungen ändern sich zyklisch. Wenn man da nicht aufpasst, ist beim 2. Kind alles anders als beim ersten.

Also bezüglich schlafen(wann, wie oft, fix oder variabel, hell oder dunkel, alleine oder mit Eltern...), essen(wann, wie oft, wie an Kindernahrung gewöhnen, welche Speisen, Kindernahrung oder selber machen, wieviel variieren, warm oder kalt,...) Bes

Wie wär´s mit etwas gesunden Menschenverstand? Und warum um Himmelswillen wird eine Frau, sobald sie ein Kind hat, behandelt als ob sie ein deppertes unmündiges Wesen ist, die für alles und jedes eine "Expertenmeinung" einholen muss?

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