Ideologie braucht keine Religion

Kommentar | Beate Hausbichler
7. August 2012, 07:00
  • Nicht nur Religionen nehmen sich unserer Körper an.
    foto: apa/bea kallos

    Nicht nur Religionen nehmen sich unserer Körper an.

Die Beschneidungsdebatte sollte auch Anlass sein, über die vielen säkularen Zugriffe auf den Körper nachzudenken

Seit 4.000 Jahren gibt es im Judentum die Praxis der Beschneidung von Buben. Eine lange Tradition. Dass diese Praxis so alt ist, spricht allerdings für Markus C. Schulte von Drach nicht für die Beschneidung. Es sollte vielmehr Argument dafür sein, diese Praxis gründlich zu überdenken. Wer wolle schon in einer Gesellschaft leben, die sich am Leben von vor 4.000 Jahren orientiert.

Beschneiden aus Gründen der Traditionen - dieses von vielen ReligionsvertreterInnen benützte Argument ist tatsächlich ein schwaches. Aber auch jene, die den eigenen Standpunkt als kulturell geprägt aus den Augen verlieren und gleichzeitig religiös motivierte Körperpraktiken als barbarisch diffamieren, machen es sich zu einfach.

Eine andere Autorität als Gott

Denn selbstverständlich argumentieren auch die GegnerInnen der Beschneidung von männlichen Babys entlang einer Tradition - einer Tradition, in der die Schulmedizin im Speziellen und Wissenschaft im Allgemeinen höchste Autorität genießen. Diese Autorität wird akzeptiert, obwohl wir wissen, dass das wissenschaftliche Erkenntnisinteresse oftmals ökonomischen Interessen geschuldet ist, dass die Evidenz mancher Ergebnisse zu wünschen übrig lässt und dass ebendiese von den Medien sehr gern vereinfacht bis schlichtweg falsch wiedergegeben werden.

So finden beispielsweise Studien über Übergewicht mit Titeln wie "Dicke unterschätzen die Gefahren des Übergewichts" in die Medien Eingang, obwohl dieser Zusammenhang in der beschriebenen Studie gar nicht untersucht wurde. Dazu kommen Bilder von überquellenden Bäuchen und auf Couchen liegenden Menschen, die unsere Vorstellung von einem akzeptierten Körper in Form bringen. Und dass die Arbeit an einem gesunden respektive schönen Körper nie aufhört, daran erinnert uns stetig eine riesige Lebensmittel- und Gesundheitsindustrie, die damit enorme Gewinne einfährt. Sei es mit Vorsorgeuntersuchungen, Blutdruckmedikamenten, cholesterinsenkenden Nahrungsmitteln, Diätjoghurt oder Sportstudiomitgliedschaften.

Für viele hat dies alles negative Auswirkungen auf ihr psychisches und physisches Wohlbefinden, denn entziehen kann sich ob der Omnipräsenz der vielen und oft widersprüchlichen Empfehlungen zum optimalen Körper praktisch keineR.

Autonomer Umgang?

Von einem autonomen Umgang mit dem Körper sind säkulare Körperpraktiken also weit entfernt. Und es ist nichts anderes als eine kulturelle Tradition, die das Vertrauen in den allgemeinen Gesundheitsdiskurs begründet. Tatsächlich stehen wir aber der Beziehung zu unserem Körper in sehr vielen Fällen mehr blind als aufgeklärt gegenüber. 

Für Ideologie braucht es keine Religion, das sollte in der Debatte über Beschneidung nicht übersehen werden. Was im Übrigen auch ein Blick in die USA bestätigt, wo die hohe Anzahl an beschnittenen Männern mit Hygiene begründet wird - also ganz im Sinne einer westlich geprägten aufklärerischen Argumentationslinie. Ein Argumentationsstrang ("Gesundheit") kann also in unterschiedliche Ansichten münden, und jede Seite kann dabei für ihre jeweilige Position Fakten vorlegen.

Gemeinsame Baustelle

Weder das Pochen auf eine Tradition aus Gründen der Tradition noch Belehrungen aus einer vermeintlich traditionsfreien Kultur bringen uns weiter. Vielmehr sollte das gemeinsame Problem, das AtheistInnen wie Gläubige haben, in den Blick genommen werden: der Zugriff auf unsere Körper.

Dass die Praktiken der Beschneidung durch Religionen ein massiver Zugriff auf den Körper sind - davon haben wir in den letzten Wochen viel gehört. Doch auch die Wissenschaft verschafft sich Zugang zu unseren Körpern. Natürlich im Sinne einer Verbesserung von Lebensqualität - doch ein wissenschaftsorientierter Zugang zur Frage, was das Beste für Mensch und Körper ist, schützt deshalb noch lange nicht vor Interpretation und Missbrauch.

Das soll uns in keine Relativismus-Sackgasse führen. Doch es muss mehr Bewusstsein dafür geben, dass der Zugriff auf den Körper auch durch einen säkularen Staat und einen gesellschaftlichen Konsens darüber, wie Körper, Sexualität oder Gesundheit beschaffen sein müssen, existiert. Es wäre also höchste Zeit, den Fokus zu erweitern und die Gegenüberstellung "Tradition" versus "Faktenwissen" zu hinterfragen. Denn die Baustelle "selbstbestimmter Umgang mit dem Körper" ist groß, und sie ist eine gemeinsame. (Beate Hausbichler, dieStandard.at, 7.8.2012)

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24 Postings
Wird hier echt die von der Natur ausgegebenen Notwendigkeit zu tranieren um fit zu bleiben, als gesellschaftlicher Zwang mit diesen Brauch verglichen?

Kapier ich nicht.

Die Beschneidung ist eine Vergewaltigung von Schutzbefohlenen. Unsere Region für Juden als unbewohnbar zu erklären, wenn die Gesetzte nicht zu ihren Gunsten geändert werden (die Politik ist da sehr dienstbeflissen) zeigt einmal mehr den Anspruch der Orthodoxen Einfluss zu nehmen und ist als Erpressungsversuch zu werten. Zudem befeuert das die Feministinnen, Beschneidung bei Mädchen: Pfui Deibel, bei Knaben : i.O. Die Auswirkungen sind nicht gleich aber ähnlich, ein Teil der Sensibilität geht unwiederbringlich verloren.

"Wer wolle schon in einer Gesellschaft leben, die sich am Leben von vor 4.000 Jahren orientiert"

na, die religiösen

seltsame frage!

"Dass die Praktiken der Beschneidung durch Religionen ein massiver Zugriff auf den Körper sind - davon haben wir in den letzten Wochen viel gehört"

seltsamerweise aber kaum von den betroffenen - die empfindens wohl nicht als derart "massiv"

und das ärgert mich an der ganzen debatte: daß hier wieder mal die einen über die anderen reden anstatt mit ihnen und ihnen vorschreiben wollen, was sie denn zu wollen hätten

liebe beschneidungsgegner, kehrt doch einfach vor eurer eigenen tür. da liegt bestimmt auch genug dreck

Tierschutz über Kinderschutz

Das Schächten von Tieren ist trotz religiöser Tradition verboten worden. Warum erinnert sich niemand daran, dass das Wohl des Tieres Vorrang vor religiösen Überlieferungen hat? Beim Kind ist man da weniger zimperlich. Der wahre Grund ist nicht die Tradition sondern die Furcht der Religionsvertreter jeglicher Couleur, ihr Club könnte Mitglieder verlieren, wenn der Mensch erst einmal selbständig zu denken gelernt hat. Dazu gehört selbstverständlich auch die Taufe im Säuglingsalter, die allerdings unblutig ist. Selbst Jesus ließ sich erst im Erwachsenenalter taufen!

"Doch auch die Wissenschaft verschafft sich Zugang zu unseren Körpern. "

wo, bei was und zu welchem Alter?

der Autor erklärt keinen einzigen Zugriff auf den Körper durch den Staat!

Impfungen können ja nicht gemeint sein, denn dadurch lassen sich nämlich sehr wohl wissenschaftlich nachweisen, dass man massenhafte Erkrankungen verhindert. Es mag schon sein, dass es Nebenwirkungen usw. hat. Aber was wiegt mehr: die allgemeine Gesundheit bzw. das Leben vs. Tod oder jegliches Eingreifen durch Menschen zu verbieten, so wie das manche Religionen fordern, weil Gott es nicht wollen würde, dass der Mensch medizinisch eingreift.

Der Staat selbst lässt den Kinderkörper unversehrt!!! Der Autor schreibt sehr oberflächlich.

"Impfungen können ja nicht gemeint sein, denn dadurch lassen sich nämlich sehr wohl wissenschaftlich nachweisen, dass man massenhafte Erkrankungen verhindert. Es mag schon sein, dass es Nebenwirkungen usw. hat"

dasselbe läßt sich auch über die circumcision sagen

klar hat sie "nebenwirkungen" (die von nicht wenigen aber sogar als vorteil empfunden werden), und statistisch erwiesen ist die positive funktion hinsichtlich hpv wohl auch

nein

auch hinsichtlich hpv gibt es keinen statistischen nachweise einer positiven "funktion" der beschneidung, genausowenig, wie bei aids (obwohl grad in tanzania, sambia das große vorhautsäbeln angesagt ist)

Aufruf zur Solidaritätsbeschneidung zugunsten der gefährdeten

Muslime und Juden!
Die Religionsfreiheit muss gelebt werden!

Peinlich

Wirklich einfach nur peinlich, wie hier die Wissenschaft diffamiert wird, nur weil einem die Ergebnisse nicht ins Weltbild passen und sie von der Industrie ausgenutzt werden. Dass starkes Übergewicht gesundheitlich schlecht ist, ist schlicht ein Faktum. Welche Schlüsse daraus zu ziehen sind, sei jedem selbst überlassen, aber deshalb gleich die Wissenschaft als gesamtes zu diffamieren ist letztklassig.

Letztklassig ist allerdings auch, wie man Trittbrettfahrer beim Beschneidungsthema spielt, um mit diesen billigen Argumenten die eigene Agenda in den Vordergrund zu spielen...

"Das soll uns in keine Relativismus-Sackgasse führen."

Warum relativieren Sie dann erst neun Absätze lang, Frau Hausbichler?

und warum erscheint dieser artikel in der rubrik "DIEstandard"?

hat doch mit frauen oder frauenrechten garnichts zu tun

"hat doch mit frauen oder frauenrechten garnichts zu tun"

Indirekt schon: der Kampf für "Frauenrechte" ist für dieRedaktion leider gleichbedeutend mit dem Kampf gegen "Männerrechte".

Gestern war er auch noch im normalen Standard

dann wurde er verschoben, und es verschwanden ca. 60 Posts (viele davon kritisch) und kommentieren war nicht mehr möglich weil Forumfreier Tag im dieStandard. Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

der Artikel ist nicht verschwunden und auch nicht die posts

findet man unter Meinung/Kommentare

http://derstandard.at/134374410... e-Religion

Dem Kommentar fehlt es an Fachwissen

- Die Beschneidung im Judentum ist keineswegs 4000 Jahre alt, sondern stammt allen modernen Erkenntnissen nach aus dem babylonischen Exil, 600 v Chr. Diese Tradition ist "nur" 2600 Jahre alt. Jahrtausende lang konnten Juden also mit Vorhaut Juden sein.
- Die Beschneidung in den USA (und auch in Westeuropa) hatte ursprünglich gar nichts mit Hygiene zu tun, sondern wurde von christlich-konservativen Christen forciert. Grund: Im 19. Jahrhundert dachte man die Vorhaut würde Buben dazu verführen an sich herumzuspielen und damit zu einer der moralisch und medizinisch schlimmsten Sachen führen - Masturbation. Folgen: Haare auf den Händen, Rückgratsschwund, moralischer Zerfall und was einem so noch alles eingefallen ist.

-

fehlendes fachwissen

mag durchaus sein, kann u will ich nicht beurteilen.
doch mir ist aufgefallen: angesichts d beschneidungsdebatte bedenken wir - ach so aufgeklärten u fortschrittlichen "christlichen" menschen nicht, dass wir zwar beschneidung als religiösen unfug d körperverletzung bekämpfen (wobei offensichtlich hauptsächlich wegen u gegen den islam), andererseits "wir" uns immer öfters aus falsch verstandenem schönheitideal unters messer legen o ins solarium o mit giftigen (absolut schädlichen) kosmetikas schädigen = körperlich verletzen.
wenn es darum geht busen zu vergrößern, fett abzusaugen, augenlider u falten zu straffen etc höre ich keinen aufschrei bzgl. körperverletzung. doch dahinter stehen halt andere "religionen".

Schönheits-OPs ab 2013 verboten.

http://www.ots.at/presseaus... -jaehrigen

"Mit der neuen Gesetzesvorlage sollen in Zukunft ästhetische Eingriffe
ohne medizinische Indikationen an unter 16-Jährigen ausnahmslos
verboten werden. Für 16- bis 18-Jährige soll der Zugang zu
Operationen erschwert werde"

Solarium ist erst als Erwachsener erlaubt

das wurde erst vor kurzem durch das Gesetz eingeschränkt.

Warum wird hier dann so argumentiert dass Beschneidungsgegnerinnen Schönheitoperationen gut heißen?

Der Schönheitswahn sollte genau so zumindest vor Minderjährigen halt machen.

Beides ist schlecht, Schönheitswahn und Beschneidung von Minderjährigen ohne medizinischen Zweck. Beides ein Eingriff der nicht nötig ist und nur zu Leid führt.

Als kleines Beispiel: Früher wurden prophylaktisch bei vielen die Mandeln entfernt. Nur weil das jedoch oft gemacht wurde will diese Tradition auch kein Mensch aufrecht erhalten.

Nur wenige Schönheitsoperationen werden ohne Zustimmung des Betroffenen oder an Kleinkindern durchgeführt.

Wenn ein Erwachsener sich aus freien Stücken entscheidet, lieber ohne Vorhaut weiter zu leben, hat wohl niemand etwas dagegen.

Mit derselben Begründung (Sexualmoral)

wurden übrigens zur selben Zeit Frauen und Mädchen mit noch schlimmeren konfrontiert: Ihnen wurde ohne Wissen und Einwilligung Klitoris und/oder Uterus entfernt, damals durchaus eine sehr lebensgefährliche Sache. Das führte aber dann wenigstens für einen öffentlichen Aufschrei und dem Entzug der Lizenz für die betreffenden Ärzte (wenn auch wahrscheinlich nur weil sie für den Eingriff Frauen nackt sehen mussten)

Aber mit Hygiene hatte die Beschneidung nichts zu tun. Das war nur die vorgeschobene Begründung, die man im 20. Jahrhundert benutzte, um die Beschneidung beizubehalten, die Sexualsache war ja widerlegt worden, zog also nicht mehr. Und was mal 100-150 Jahre gemacht wird, ist ja schon eine Tradition, und die sind heilig.

klitoris und uterus

also dass frauen/mädchen die klitoris entfernt wurde ist leider tatsache und wird in vielen ländern immer noch praktiziert. sie soll(t)en ja keine lust empfinden!
aber uterusentfernung?
das wär mir neu, ist doch in ALLEN religionen und wertvorstellungen die mutterschaft das höchste menschliche. ohne uterus ist das aber wohl ein kleines kunststück.

also decius ... woher hast du solche informationen? bzw. warum versorgst du uns mit solchen unwahr(scheinlic)h(k)eiten?

und in Afrika wird das von religiösen Moslems durchgeführt die Beschneidung der Frauen/Mädchen

es hat also auch dort einen religiösen Hintergrund, und nicht nur einen rituellen.

unfug

nicht nur muslime praktizieren die fgm

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