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Firmen, so Kristina Schröder, "fürchten kaum etwas mehr als einen Shitstorm".
Berlin - Mit einer Flexi-Quote wollte Bundesfamilienministerin Kristina Schröder Frauen den Weg in Führungspositionen in der Wirtschaft ebnen. Nun räumte die CDU-Politikerin in einem Reuters-Interview ein, dass sie mit ihrer Gesetzesinitiative für diese Wahlperiode gescheitert ist. "Die FDP sagt, sie ist nicht bereit, einen gesetzlichen Weg zu gehen", sagte Schröder. In den nächsten Monaten will die 35-Jährige nun dafür kämpfen, dass ihr Vorhaben wenigstens Eingang in das Wahlprogramm der CDU findet. In ihrer eigenen Partei wollen viele mehr: Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und die Gruppe der Unions-Frauen im Bundestag setzen auf eine gesetzlich vorgegebene Frauenquote zumindest in Aufsichtsräten.
Vor der Bundestagswahl im Herbst 2013 ist damit aus der Bundesregierung kein gesetzlicher Vorstoß mehr zu erwarten, um den Frauenanteil in Unternehmensführungen zu erhöhen. Der Blick richtet sich nun auf den Bundestag: Rein rechnerisch dürfte ein fraktionsübergreifender Antrag für eine Frauenquote eine Mehrheit haben, da sich ihre Befürworterinnen in der Union mit SPD, Grünen und Linkspartei verbünden könnten.
"Keine starre Quote, solange ich Ministerin bin"
Die Chefin der Unions-Frauen, Rita Pawelski, hatte sich im Frühjahr offen gezeigt, "dass es einen fraktionsübergreifenden Gruppenantrag noch in dieser Wahlperiode gibt, um eine Frauenquote von 30 Prozent in den Aufsichtsräten durchzusetzen". Dafür müsste die Abstimmung bei Schwarz-Gelb freigegeben werden. Alles andere käme einem Koalitionsbruch gleich. Und Schröder stünde womöglich vor dem Rücktritt. "Solange ich Ministerin bin, wird es keine starre Quote geben", betonte sie im April.
In Vorstandsetagen sind Frauen mit einem Anteil von drei Prozent die Ausnahme. In Aufsichtsräten der 200 umsatzstärksten deutschen Unternehmen außerhalb des Finanzsektors kamen sie 2011 auf 11,9 Prozent der Mitglieder, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ausgerechnet hat. Der höhere Anteil in den Aufsichtsgremien geht vor allem auf die Mitbestimmung zurück: Die ArbeitnehmerInnenseite schickt weitaus häufiger Frauen in die Aufsichtsräte als die Kapitalseite. In den fünf Jahren von 2006 bis 2011 hat der Frauenanteil in Aufsichtsräten damit um 4,1 Prozentpunkte zugelegt, in Vorständen um 1,8 Punkte.
Verschiedene Studien belegen, dass sich ein höherer Anteil von Frauen in Führungspositionen positiv auf den Erfolg eines Unternehmens auswirken kann. Das Credit Suisse Research Institute kam vor wenigen Tagen zu dem Ergebnis: "In den vergangenen sechs Jahren entwickelte sich der Aktienkurs von Unternehmen mit mindestens einer Frau in der Geschäftsleitung besser als von anderen Firmen." Eine generelle Regel, dass es mit Frauen besser läuft, wollte das Institut der Schweizer Großbank aus der Analyse von fast 2.400 Unternehmen weltweit nicht ableiten: "Es ist aber wahrscheinlich, dass eine ausgewogenere Geschäftsleitung für etwas weniger Volatilität und etwas mehr Ausgeglichenheit über einen Wirtschaftszyklus sorgt."
Von Männern beherrschte Chefetagen in Deutschland profitieren von einem höheren Frauenanteil vor allem dann, wenn ein großer Teil der Belegschaft Frauen sind und wenn das Unternehmen im Endkundengeschäft tätig ist. In diesen Fällen hätten sich Frauen im Aufsichtsrat positiv auf Kennzahlen wie Gesamt- oder Eigenkapitalrendite ausgewirkt, wie das Karlsruher Institut für Technologie gemeinsam mit der Universität Göttingen im Auftrag des Familienministeriums 2011 herausfand.
"... selbst kapieren"
"Die Unternehmen müssen dies auch selbst kapieren", sagte Schröder nun zum Zusammenhang von Frauenanteil und Erfolg. Eine starre gesetzliche Quote über alle Branchen hinweg helfe nicht, Frauen auf allen Ebenen zum Aufstieg zu verhelfen. Die Ministerin hatte deshalb vor eineinhalb Jahren einen Stufenplan vorgeschlagen, um durch eine Selbstverpflichtung der Unternehmen den Frauenanteil in Vorständen und Aufsichtsräten zu erhöhen. Wenn die Unternehmen bis zum damals gewählten Stichtag 30. Juni 2013 den Frauenanteil nicht verdreifacht hätten, sollte eine "gesetzliche Pflicht zur Selbstverpflichtung" greifen, mit der sich Unternehmen eigene Frauenquoten setzen. Werden die selbst gesteckten Ziele verfehlt, sollten Sanktionen greifen.
Die 30 im Börsenbarometer Dax notierten Unternehmen gaben daraufhin im vorigen Herbst eigene Ziele aus, die sehr unterschiedlich ausfielen. Schlusslicht Volkswagen etwa will den Frauenanteil im Jahr 2010 von 4,3 Prozent in der oberen Führungsebene bis 2020 auf elf Prozent erhöhen. Adidas, wo Frauen 26 Prozent der Führungspositionen besetzten, will den Anteil bis 2015 auf 35 Prozent steigern.
Der Autobauer BMW erklärt seinen Frauenanteil von nur 8,8 Prozent an den Führungspositionen in Deutschland auch damit, dass etwa 60 bis 70 Prozent dieser Stellen einen technischen Hintergrund erforderten - den Frauen seltener mitbrächten. Beim Führungsnachwuchs-Programm etwa sei bereits ein Drittel Frauen. "Und selbst bei den Auszubildenden in technischen Berufen haben wir inzwischen 16,8 Prozent Frauen", sagte ein BMW-Sprecher. Ihr Anteil an Führungspositionen sei im ersten Halbjahr 2012 auf 9,7 Prozent gestiegen.
Frauenkarriere-Index und Shitstorm
Forscherinnen geht das alles jedoch nicht weit genug. "Ich halte von der Flexi-Quote nichts", sagte Marion Weckes von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Die selbst gesteckten Ziele der Unternehmen seien teilweise sehr niedrig: "Da kann man nicht von Gleichberechtigung sprechen." Weckes geht davon aus, dass im Herbst EU-Justizkommissarin Viviane Reding eine Vorgabe für eine gesetzliche Frauenquote machen wird. Dies fordert auch die SPD in einem Gesetzesvorschlag vom Frühjahr: 40 Prozent sollen Frauen bis 2015 in Aufsichtsräten und Vorständen ausmachen.
Ministerin Schröder will nun unterhalb der Gesetzesebene ihr Projekt vorantreiben. Bis Ende des Jahres will sie einen Frauenkarriere-Index auf den Weg bringen, der transparent machen soll, wie stark sich Firmen bei der Frauen-Förderung engagieren. Die Ministerin setzt auf öffentlichen Druck, dem sich Firmen stellen müssten, die in Zeiten des Internets "kaum etwas mehr fürchten, als einem Shitstorm ausgesetzt zu sein". Solche Protestwellen etwa über die neuen sozialen Internet-Medien erhöhten den Druck auf die Firmen. In ihrer Flexi-Quote sieht Schröder daher "ein ganz scharfes Schwert". (Reuters, 10.8.2012)
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