Sisi, die Jane Fonda des 19. Jahrhunderts?

Sandra Ernst Kaiser, 13. September 2012, 07:00
  • Die Totenmaske von Kaiserin Elisabeth im "Sisi Museum" in der Wiener Hofburg.
    foto: apa/harald schneider

    Die Totenmaske von Kaiserin Elisabeth im "Sisi Museum" in der Wiener Hofburg.

QWien bietet nun schwule Führungen durch das "Sisi-Museum" an - Keine Empfehlung für (feministische) Lesben

Kaiserin Elisabeth ist tot. Ihre Totenmaske markiert den Beginn der Führung im "Sisi-Museum" in der Wiener Hofburg, und schnell wird klar: Ihre Geschichte endet tragisch. Die mythenumwobene Repräsentantin einer untergehenden Epoche übt nicht nur auf Monarchie-Interessierte Faszination aus. Auch die Homosexuellen-Community verehrt sie. Worin liegt die Anziehung dieser historischen Figur auf Homosexuelle? Welche Bilder und Mythen verknüpfen sie mit Kaiserin Elisabeth?

Fin-de-siècle-Ikone

Es sei die Unnahbare bei Luchino Visconti, die im Leid Vergöttlichte bei Ernst Marischka, die todessehnsüchtige Fin-de-siècle-Ikone im Musical aber auch die durchgeknallte Parodie im schwulen Trash-Musical, die die Szene begeistert, erfährt man bei der Begehung des Museums unter der Führung von QWien. Anlässlich des 175. Geburtstags von Kaiserin Elisabeth kreierte das Zentrum für schwul/lesbische Kultur und Geschichte in Kooperation mit Wien Tourismus eine Führung durch das Zentrum des Monarchie-Disneylands, um eine "neue Zielgruppe anzusprechen".

Diese Gruppe fühlt sich scheinbar mehr von den kulturellen Repräsentationen Sisis angezogen als von ihrem realen Leben. Weder erfährt man bei der Führung etwas über ihr Aufbegehren gegen den Hof und sein Zeremoniell noch über ihre sprachliche Gewandtheit. Auch die Ressentiments, denen Homosexuelle in der Wiener Moderne ausgesetzt waren, werden mit keinem Wort erwähnt. Stattdessen greift QWien in der Führung diverse Anekdoten auf, in denen verkrampft versucht wird, eine Verbindung zwischen Elisabeth und Homosexualität herzustellen. Belege aus ihren Hinterlassenschaften gibt es dafür keine. Ein "homosexuelles Indiz" wurde jedoch gefunden: Ihr Schwager Erzherzog Ludwig Viktor war schwul. Ob dieser Umstand für Elisabeth Thema oder ihr überhaupt bekannt war, ist nicht dokumentiert. Überliefert ist jedoch in einem Gedicht von ihr, dass sie ihn nicht leiden konnte.

"Schwarze Sisi" als "High Camp"

Das ästhetische Lebensprinzip sei die Verbindung der Schwulen-Bewegung zu Kaiserin Elisabeth, so schildert es Andreas Brunner von QWien bei der Führung. Darunter fielen ihr Hang zu dramatischen Bildern, ihre stilistisch überpointierte Art, sich darzustellen, ihre überlieferte Theatralik, Leidenschaftlichkeit und Verspieltheit - kurz, ihre Campness. Im Sisi-Museum tauchen einige solcher Bilder der 1837 in München geborenen Elisabeth auf: Elisabeth im Brautkleid, Elisabeth im Krönungskleid und schließlich die trauernde oder auch die "Schwarze Sisi", wie sie im Museum bezeichnet wird.

Nach dem Selbstmord ihres Sohnes Kronprinz Rudolf 1889 verwandelte sich die Monarchin zum Sinnbild von Trauer. Sie trug schwarze Kleider, schwarze Kopfbedeckung, schwarze Haarnadeln, schwarze Perlen, und ihr blasses Gesicht versteckte sie hinter einem schwarzen Fächer. Für die Schwulenszene verkörpert sie damit eine "High Camp" nach dem Mae-West-Motto "Too much of a good thing can be wonderful".

"Sie wollte so gut sein wie Männer"

Ihre Sehnsucht nach Ruhe und Einsamkeit wurde zum Exzess, gleichzeitig begann eine rastlose Reisetätigkeit, um den Zwängen von Wien und sich selbst zu entkommen. Einmal angekommen, wollte sie auch schon wieder fort. Diese Rastlosigkeit spiegelte sich auch in ihren sportlichen Aktivitäten wider: Reiten, Fechten und Spazieren in Form von Märschen. In der QWien-Führung verweist Brunner auf die Konkurrenz zu Männern, in der sie stets gestanden sei: "Sie wollte so gut sein wie Männer, das konnte sie aber nicht."

"Jane Fonda des 19. Jahrhunderts"

Der "Schönheitswahn", körperliches Training und Elisabeths Sinn für Ästhetik seien Brunner zufolge auch für Schwule zentral. Er stilisiert sie zur "Jane Fonda des 19. Jahrhunderts", doch die Verbindungen Elisabeths zur Schwulenszene wirken, außer dem Camp-Phänomen, aufgesetzt und überzeugen nicht. Ihr Eingreifen in die Politik (auch wenn sie keine Vorkämpferin für Frauenrechte war) und ihr steter Drang nach Wissen und Freiheit in einem eng geschnürten Korsett - diese Aspekte ihrer Persönlichkeit lässt die Führung vermissen; das macht den Museumsbesuch nicht gerade frauenfreundlich und für (feministische) Lesben uninteressant.

Brunner merkt in seinem Resümee über eine "facettenreiche Sisi" zwar kritisch an, dass sie so etwas wie ein Füllhorn sei, "in das man alles einfüllen kann: eine Rabenmutter, eine Essgestörte, eine Neurotikerin, eine geisteskranke Psychotikerin, eine Spitzensportlerin". Dass in das "Füllhorn-Sisi" nun auch eine Reihe schwuler Klischeebilder hineinpassen müssen, scheint in Anbetracht der neuen Zielgruppenerschließung aber nicht so wichtig. (eks, dieStandard.at, 13.9.2012)

Link

QWien

Joo ...

... klingt schon a bissi mühsam ...

Die Frage, wie man den Erlebniswert von Museumsbesuchen für die Zielgruppe "feministische Lesben" maximieren kann, läßt natürlich auch mir keine Ruhe mehr ... ;-)

Apanage der Kaiserin: 100 000 Gulden p.A. (i.e. ~ 1 Mio. Euro) und zwar ausschließlich für Putz, Kleider, Almosen und kleinere Ausgaben. Tafel, Wäsche, Pferde, Unterhalt und Dienerschaft wurden selbstverständlich vom Kaiser bezahlt.
Jährliches Durchschnittsgehalt eines Arbeiters (bei damals generell hoher Arbeitslosigkeit) war max. 200 - 300 Gulden. Frauen nur die Hälfte bei 12 bis 14 Arbeitsstunden täglich. Aber dank der segensreichen Wirkungen des Neoliberalismus ist heute natürlich alles viel gerechter:

http://derstandard.at/132287294... eltweit-zu

"ihr Aufbegehren gegen den Hof und sein Zeremoniell "

.
ihr aufbegehren bestand darin, dass sie ihren job verweigerte, und stattdessen fast ausschließlich (mit einer riesigen entourage) vergnügungsreisen unternahm, die unvorstellbar viel geld verschlangen.

dieses glorifizierte "aufbegehren" war nix anderes als grenzenlose egozentrik gepaart mit reinstem egoismus - auf kosten der arbeitenden bevölkerung (und vermutlich ihrer kinder).

so schaut's aus!

Sagt wer?

"Sagt wer?"

.
sagt was?

Die Führung entsprach nicht den Vorstellungen der Autorin.

Denn die hatte halt ihre eigene vorgefertigte Meinung und fand sie nicht bestätigt.

Na dann, Frau Kaiser, gestalten Sie Ihre Sissi-Führung selbst und arbeiten Sie die Aspekte aus, von denen Sie überzeugt sind, dass sie in Ihr persönliches Füllhorn 'Sissi' hinein passen.

Und bitte, lesen Sie den letzten Satz nochmals durch. Er macht keinen Sinn.

Gebt den Leuten was sie hören wollen.
Interpretationen fand ich schon immer lustig.

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