Verhütung: "Kein Sex ist auch keine Lösung"

77 Prozent der ÖsterreicherInnen haben in den vergangen zwölf Monaten verhütet - ExpertInnen fordern Verhütungsmittel auf Krankenschein und bessere Aufklärung

Erstmals ist in Österreich eine repräsentative Umfrage zum Thema Verhütung durchgeführt worden. Bei den 1.060 befragten Männern und Frauen im Alter zwischen 16 und 49 Jahren zeigte sich, dass 77 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten verhütet haben (73 Prozent der Männer, 81 Prozent der Frauen). Am häufigsten wird in Wien verhütet (83 Prozent), weniger Interesse daran haben die BurgenländerInnen, VorarlbergerInnen und TirolerInnen.

Von den Verhütungsverweigerern gaben 39 Prozent an, dass sie keinen Sex haben und daher keinen Grund für Verhütung sehen. 23 Prozent schützen sich nicht, weil sie unfruchtbar sind, 15 Prozent hegen einen Kinderwunsch und vier Prozent praktizieren gleichgeschlechtlichen Sex. 

Höher Gebildete verhüten häufiger

Jene Gruppe, die angibt, keinen Sex zu haben und deshalb nicht verhütet, sei besonders gefährdet, ungewollt schwanger zu werden, sagt Gesundheitspsychologin Petra Schweiger, die am Donnerstag mit Christian Fiala (Gynmed) und Martin Mayr (Integral) die Ergebnisse präsentierte. "Sexualität ergibt sich meist spontan und führt für diese Männer und Frauen zu einem hohen Risiko", berichtete sie aus ihrer langjährigen Praxis im Frauengesundheitszentrum. Deshalb sei "kein Sex auch keine Lösung", so die Psychologin.

Die Umfrage zeigt weiters, dass ÖsterreicherInnen mit Matura häufiger (83 Prozent) verhüten als Frauen und Männer mit niedrigerer Bildung (74 Prozent). Jene mit einem monatlichen Einkommen über 2.000 Euro verhüten ebenso häufiger (79 Prozent) als Frauen und Männer, deren Haushaltseinkommen darunter liegt. Besonders häufig zu Verhütungsmitteln greifen junge Frauen zwischen 16 und 29 Jahren.

Methoden der Verhütung

Am häufigsten fällt die Wahl auf Kondome (58 Prozent), am zweithäufigsten auf die Antibabypille (54 Prozent). Auf Rang drei liegt mit elf Prozent das sogenannte Aufpassen, gefolgt vom "Tagezählen" und der Hormonspirale mit je neun Prozent. Wichtig ist den ÖsterreicherInnen vor allem die Wirksamkeit der Methode und dass damit weiterhin spontaner Sex möglich ist.

Anders läge jedoch die Verteilung der Verhütungsmethoden, würden die Kosten von der Krankenkasse bezahlt: JedeR zweite Befragte gab an, dann eine andere Methode zu wählen. So würden zwei Drittel der AufpasserInnen eine wirksamere, aber eben auch kostspieligere Methode wählen.

Christian Fiala, medizinischer Leiter des Gynmed-Ambulatoriums in Wien, sieht hier eine große Chance, ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden. Er empfiehlt der Politik, Verhütungsmittel über Krankenschein zugänglich zu machen, wie es in anderen westeuropäischen Ländern bereits Standard ist. Immerhin ergab die Umfrage laut Fiala, dass zwölf Prozent der Männer und neun Prozent der Frauen sich bei einer Kostenübernahme durch die Sozialversicherung sterilisieren lassen würden.

Schwangerschaftsabbruch

Auch der Schwangerschaftsabbruch ist in vielen westeuropäischen Ländern eine Sozialversicherungsleistung. 40 Prozent der befragten Personen wünschen sich eine solche Regelung auch für Österreich. Besonders stark ist der Wunsch danach in der relativ finanzschwachen Altersgruppe der 16- bis 20-Jährigen: JedeR Zweite in dieser Gruppe wünscht sich eine Kostenübernahme. Jede fünfte Frau hat bereits nach einer Verhütungspanne die "Pille danach" genommen. 15 Prozent der 16- bis 49-jährigen Frauen waren schon einmal ungewollt schwanger, rund die Hälfte davon hat sich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden.

Um ungewollte Schwangerschaften zu verhindern, sehen die meisten Befragten bessere Information und Aufklärung für alle Altersgruppen als wichtigste Maßnahme. Ferner sieht jedeR Zweite einen einfacheren Zugang zu Verhütungsmitteln als wichtigen Präventionsbeitrag, lediglich drei Prozent halten weniger Sex für eine gute Strategie zur Vermeidung von Schwangerschaften.

Die seit Ende 2009 rezeptfrei in Apotheken erhältliche Notfallverhütung, die "Pille danach", haben 18 Prozent der befragten Frauen bereits in Anspruch genommen. Ein kleiner Teil davon (fünf Prozent) hat sie auch schon mehrmals eingenommen. Laut Fiala wenden Frauen und Mädchen in Österreich diese Form der Notfallverhütung häufiger an als in Deutschland, wo sie nach wie vor rezeptpflichtig ist.

Grüne fordern Verhütungsmittel auf Krankenschein

In einer ersten Reaktion auf den Verhütungsreport forderten die Grünen Verhütungsmittel auf Krankenschein. "Gesundheitsminister Alois Stöger sollte sich beim Thema an anderen europäischen Ländern ein Beispiel nehmen und endlich nachziehen", erklärte Judith Schwentner, Frauensprecherin der Grünen, in einer Aussendung. Der Zugang zu Verhütungsmitteln dürfe keine soziale Frage sein. Vor allem Jugendliche und einkommensschwache Frauen sollten Verhütungsmittel auf Krankenschein rasch erhalten können.

"Der Sexualunterricht lässt wichtige Fragen oft unbeantwortet. Eine zeitgemäße Sexualaufklärung über Liebe, Sex und Zärtlichkeiten funktioniert nur mit gut ausgebildeten externen SexualpädagogInnen. Wir brauchen eine breite Initiative für mehr Sexualaufklärung, die alle SchülerInnen, aber auch Erwachsene erreicht", so Schwentner. (eks, dieStandard.at, 13.9.2012)

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