"Always young and sexy"

Interview |
  • Die Künstlerin Maria Hanl über ihre Kunst: "Für mich ist sie eine Form permanenter Weiterbildung, eine Art Selbststudium."
    foto: maria hanl

    Die Künstlerin Maria Hanl über ihre Kunst: "Für mich ist sie eine Form permanenter Weiterbildung, eine Art Selbststudium."

  • Aus der aktuellen Ausstellung "wünschen, woran wir glauben" in der Passage in Wien.
    foto: maria hanl

    Aus der aktuellen Ausstellung "wünschen, woran wir glauben" in der Passage in Wien.

  • 'build a concrete house for me, please' aus Betonplatten.
    foto: maria hanl

    'build a concrete house for me, please' aus Betonplatten.

  •  Mit Siebdruck angebrachte Texte aus gängigen Sexspams bilden die Texte auf den Stoffen, die Maria Hanl in ihrer Arbeit "Sexcollection" zu Kleidern, Röcken und Blusen verarbeitet hat. Wie in einem Supermarkt hängen die Objekte auf der Stange und thematisieren auf diese Weise den (weiblichen) Körper als Konsumware. (Installationsansicht vom Museumszentrum Mistelbach, 2009)
    foto: maria hanl

     Mit Siebdruck angebrachte Texte aus gängigen Sexspams bilden die Texte auf den Stoffen, die Maria Hanl in ihrer Arbeit "Sexcollection" zu Kleidern, Röcken und Blusen verarbeitet hat. Wie in einem Supermarkt hängen die Objekte auf der Stange und thematisieren auf diese Weise den (weiblichen) Körper als Konsumware. (Installationsansicht vom Museumszentrum Mistelbach, 2009)

  • Die Beschäftigung mit der "An/Forderung aus dem eigenen ICH ein Projekt und aus dem Projekt ein Unternehmen zu machen" ist Ausgangspunkt der Arbeit "always young and sexy".
    foto: maria hanl

    Die Beschäftigung mit der "An/Forderung aus dem eigenen ICH ein Projekt und aus dem Projekt ein Unternehmen zu machen" ist Ausgangspunkt der Arbeit "always young and sexy".

  • "always young and sexy"
    foto: maria hanl

    "always young and sexy"

Die Reflexion über Mikro- und Makro-Systeme steht im Fokus der Künstlerin Maria Hanl, deren Werke aktuell in der Künstlerhaus Passage zu sehen sind

Es könnte ironisch gemeint sein. Oder falsche Bescheidenheit ausdrücken. Wenn Maria Hanl sagt: "Meine Arbeit handelt vom normalen Leben", dann klingt das (zu) trivial. Diese Aussage beschreibt jedoch das Werk der Künstlerin tatsächlich punktgenau, indem sie den Bedingungen des Alltags auf den Grund geht und Fragen aufwirft, die uns alle betreffen. In ihren Arbeiten geht es vorrangig darum, welche Rollen der Mensch - als Subjekt und Objekt, Frau und Mann - in verschiedenen Systemen einnimmt.

Derzeit ist Maria Hanl mit ihrer Ausstellung in der Künstlerhaus Passage vertreten. Im Interview mit Dagmar Buchta berichtet sie über ihr (aktuelles) Werk, gesellschaftliche Zwänge und Handlungsmuster und was es heißt, im Kunstbetrieb als Frau wahrgenommen zu werden.

dieStandard.at: In Ihren bisherigen Arbeiten beschäftigten Sie sich mit dem kapitalistischen System, in dem nicht nur der Konsum von Waren propagiert, sondern auch der Mensch selbst zur Ware degradiert wird. Worum geht es in der aktuellen Ausstellung?

Maria Hanl: 'wünschen woran wir nicht glauben' thematisiert die Stabilität von Systemen. Normalerweise gehen wir davon aus, dass ein System stabil ist und auch nach einer äußeren Beeinflussung in seinen Ursprungszustand zurückkehrt. Das vermittelt eine gewisse Sicherheit, die das menschliche Bedürfnis nach Ruhe und Ordnung befriedigt. Die Frage ist aber: Was passiert, wenn ein anscheinend stabiles System mehr und mehr instabil wird oder sogar einstürzt?

dieStandard.at: Mit welchen Techniken setzten Sie das um?

Hanl: Ich entwickelte mehrere Modelle, zum Beispiel die Installation 'stabilize me'. Das ist eine räumliche Anordnung von ineinander verkeilten Holzstäben, die in Beziehung zum Raum und meiner Körpergröße stehen. Hier wird sichtbar, dass ein gut gestütztes System zwar nicht so leicht zum Einsturz kommt, jedoch schon durch geringe Einflussnahme von außen verändert werden kann. Im Video 'stability' zeige ich eine nicht näher definierte räumliche Situation, an deren Wand das geschriebene Wort 'stability' langsam abbröckelt, bis nur mehr ein Fragment übrig bleibt. Eine andere Annäherung an das Thema ist 'build a concret house for me, please'. Dabei handelt es sich um die Aufforderung an die BesucherInnen aus 26 Betonplatten ein Haus zu bauen. Der Plan dafür ist vorgegeben, er orientiert sich an einem Kartenhaus, wodurch der feste, schwere Beton eine neue Lesart erhält. Diese Arbeiten sind äußerlich sehr formal, haben aber dennoch einen menschlichen Fokus.

dieStandard.at: Der wäre?

Hanl: Bei 'build a concrete house form me, please' war klar, dass das Haus nur ein einziges Mal gebaut werden kann, da die Betonplatten zerbrechen, sobald es in sich zusammenstürzt. Diese Spannung - hält es - hält es nicht? - war bei der Eröffnung für alle sichtbar und erlebbar. Auch für mich war das sehr spannend, denn ich habe die Kontrolle aus der Hand gegeben. Letztendlich wusste ich nicht, wie die Installation nach dem Eröffnungsabend aussehen wird. Oder bei dem Video 'das erlernen statische instabilität durch dynamik zu stabilisieren', das die Balance zwischen Sicherheit, Statik, Offenheit und Beweglichkeit behandelt. Ich habe dafür den Ablauf der ersten Schritte meiner jüngsten Tochter auf zweihundert Blätter gemalt und zu einem Trickfilm montiert.

dieStandard.at: Bleiben wir beim Begriff Dynamik: In früheren Arbeiten wie 'alles ware', 'lost in paradise' und 'always young and sexy' thematisieren Sie die 'Welt als einen einzigen Shoppingcenter', in der der Mensch, obwohl Mitgestalter auch Opfer ist, indem auch sein Körper - speziell der weibliche - kommerzialisiert wird. Gibt es Möglichkeiten, der Konsumwelt zu entfliehen?

Hanl: Ich glaube nicht, dass man entkommen kann. Es gibt keine Alternative, denn auch die Öko-Bio-Schiene ist mittlerweile ein Markt. Alles wird zum Produkt. Aber mir geht es gar nicht ums Entfliehen oder Verweigern, sondern ums Reflektieren, wie es funktioniert.

dieStandard.at: Im Zyklus 'Aus der Schusslinie' setzen Sie sich mit möglichen Handlungsmustern von Frauen als Antwort auf gesellschaftliche Zwänge auseinander. Bedeutet für Sie Flucht Handlungsverweigerung?

Hanl: Nein, Flüchten ist eine Möglichkeit von vielen.

dieStandard.at: Heißt das, sich wehren so wie in Ihrer Arbeit 'frauen mit revolver' wäre auch eine Möglichkeit des Handelns?

Hanl: Bei der Revolver-Serie ging es darum: Wie fühlt sich das Halten eines Revolvers für die jeweilige Frau an, die ich porträtierte. Dabei ging es um Fragen zur eigenen Position zwischen Stabilität und Labilität. Wie weit artikuliere ich meinen Unmut über äußere Zwänge wirklich? Die Porträtierten drücken durch ihre Mimik diesen inneren Konflikt aus.

dieStandard.at: Somit stünde die Serie 'hände hoch' für Resignation?

Hanl: Nicht unbedingt, eher für Handlungsunfähigkeit.

dieStandard.at: Glauben Sie, dass Frauen gesellschaftlich bedingt handlungsunfähiger sind als Männer?

Hanl: Spätestens, wenn Kinder da sind, können es sich Frauen nicht mehr so leicht richten.

dieStandard.at: Und sonst hätten sie die gleichen Möglichkeiten?

Hanl: Nein. Es gibt die gläsernen Decken, die geringeren Budgets usw., also die systembedingten Beschränkungen. Und auf der anderen Seite nehmen sich Frauen nicht das, was ihnen zustehen würde. Sie werden zur Bescheidenheit erzogen, so sozialisiert, das ist ja nicht angeboren.

dieStandard.at: Stört es Sie als Frau wahrgenommen zu werden?

Hanl: Nein, aber wenn ich in manchen Situationen lieb schauen und lächeln würde, dann wäre es manchmal leichter. Dann müsste ich nicht so vieles selbst machen. Oder wenn ich die sexy Schnitte wäre. Aber das liegt mir nicht, so das Hascherl mimen, da mache ich mir die Sachen lieber selber.

dieStandard.at: Und im Kunstbetrieb? Bekommen Sie es da zu spüren, eine Frau zu sein?

Hanl: Ich denke, da gibt es auch sehr viele Mechanismen, die gar nicht so offensichtlich sichtbar sind. Ich erinnere mich an einen Förderantrag beim BMUKK, wo es geheißen hat, das wäre ein typischer 'Frauenantrag', denn ein Mann würde für das gleiche Projekt dreimal so viel veranschlagen... Bekommen haben wir die Projektförderung jedenfalls - aus welchem Grund auch immer - trotzdem nicht.

dieStandard.at: Viele Ihrer Arbeiten, besonders deutlich bei 'sexcollection', erwecken den Eindruck feministischer Kritik. Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?

Hanl: Ich finde, ich muss nicht extra darauf hinweisen.

dieStandard.at: Ist Ihre Kunst ein Ventil für patriarchal-kapitalistische Zumutungen?

Hanl: Nein, sie ist eine Form permanenter Weiterbildung, eine Art Selbststudium. Kein psychohygienischer Aspekt, ich fühle mich dadurch nicht besser. Sondern es geht darum, Dinge, die mich beschäftigen, auf anderer Ebene sichtbar zu machen.

dieStandard.at: Dafür setzen Sie verschiedene Techniken ein. Haben Sie ein Liebkind?

Hanl: Nein, die Darstellungsart hängt von der Fragestellung ab. Ich suche nach Zugängen, wie ich mich dem jeweiligen Thema nähern kann. Die Herausforderung dabei ist, immer wieder neue Techniken zu lernen. Ich komme ja von der Malerei, bewegte mich dann zu Installation und Video ... und bei der letzten Arbeit (Kartenhaus, Anm.) habe ich erstmals Beton gegossen.

dieStandard.at: Eine letzte Frage, die nie ein Mann gestellt bekommt: Wie schaffen Sie es als dreifache Mutter, Ihre Kunst mit den familiären Anforderungen zu vereinen?

Hanl: Es ist halt ein Spagat. Ich gehe in der Früh ins Atelier so wie andere ins Büro. Bis zum Nachmittag sind die Kinder in Kindergarten und Schule. Anstrengend ist es schon und es gibt Phasen des Zweifelns. Andererseits, das ist das normale Leben, und meine Arbeit handelt vom normalen Leben. (Dagmar Buchta, dieStandard.at. 10.10.2012)

Info:

Die Ausstellung "wünschen woran wir nicht glauben" wird noch bis 28. Oktober 2012 im Künstlerhaus / Passage Galerie gezeigt.
Öffnungszeiten: täglich 10:00 bis 18:00, Donnerstag 10:00 bis 22:00.
Besichtigung nur nach telefonischer Vereinbarung: T. ++43 664 4572 650.

Link

www.mariahanl.com

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