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Autorin Shere Hite auf einem Archivfoto aus dem Jahr 1996. Im selben Jahr kehrte sie ihrer Heimat USA den Rücken zu.
Es war eine Olivetti-Werbung, die Shere Hites Leben vollkommen verändern sollte. Als die damals 28-jährige Studentin als goldlockiges Model im kurzen Rock für die Marke posierte, dachte sie sich nicht viel. Erst als sie neben ihrem Foto den Slogan sah, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: "Die Schreibmaschine ist so klug, dass die Frau es nicht sein muss". Durch diesen Schock "kam ich überhaupt zum Feminismus", erzählte sie Jahre später in einem Agentur-Interview. Sie schloss sich einer Frauengruppe an, die sich gegen die mediale Ausbeutung des weiblichen Körpers engagierte und begann zu forschen.
"Die Frauen selbst sind nie gefragt worden, wie sie über Sexualität denken, was sie dabei empfinden", schreibt Shere Hite im Vorwort ihres "Reports on Female Sexuality", der 1976 erschien. Wissenschafter hätten immer die "falschen Fragen" gestellt und damit Frauen in statistische Normen gepresst, die unmöglich stimmen konnten. Anstatt zu fragen, was die Frauen beim Sex empfinden, hätten sie weibliche Sexualität primär als "eine Reaktion auf männliche Sexualität und den Geschlechtsverkehr betrachtet". Eine "komplexe, eigene Wesensart" wäre weiblicher Sexualität nur selten zugestanden worden. Das wollte sie ändern und mit einer Umfrage das Verborgene ans Licht der Öffentlichkeit holen.
Gedacht, getan. Es wurden 75.000 Fragebögen in ganz Amerika verschickt und über Frauenzentren und -magazine verteilt, deren Ausrichtung von feministisch bis erzkonservativ reichte, um eine Vielfalt von Frauentypen anzusprechen. Masturbation und Orgasmus standen im Zentrum der Befragung, gefolgt von Fragen über Sexpraktiken, Beziehungen und sexuelle Sozialisation. Das Ergebnis verblüffte: Obwohl die Frauen hinsichtlich soziografischer Merkmale und Ideologien deutlich differierten, ergab sich in grundlegenden Fragen eine hohe Übereinstimmung: Während beim Geschlechtsverkehr nur eine Minderheit der Frauen zum Orgasmus kam, erlangten 95 Prozent der Frauen durch Masturbation den Höhepunkt - und zwar leicht und regelmäßig, wann immer sie wollten. Darüber hinaus zeigte sich, dass auch außereheliche sexuelle Kontakte häufiger vorkamen als bisher angenommen. Womit bewiesen war, so die Schlussfolgerung von Shere Hite: "Nicht die weibliche Sexualität ist ein Problem ('Dysfunktionalität'), sondern die Gesellschaft hat ein Problem mit ihrer Definition der Sexualität und der untergeordneten Rolle, die diese Definition der Frau zuweist".
Der Eklat war gewaltig. Mit der Publikation von "The Hite Report on Female Sexuality" war Shere Hite nicht bloß in ein Fettnäpfchen getreten, sondern hatte so ziemlich alle Tabus gebrochen, die sich unter scheinheiligen Moral-Kodizes und Ehe-Idealen im Amerika der 70er-Jahre verbargen. Die Öffentlichkeit reagierte empört, die Studie sei reine Provokation und könne unmöglich der Realität entsprechen. Wissenschaftler sprachen von "soziologischer Science-Fiction" aufgrund angeblich "unwissenschaftlicher Methoden", und die Männerwelt ortete in den Resultaten einen Angriff auf die Missionarsstellung auch in symbolischer Hinsicht. Doch damit nicht genug: Neben der vernichtenden Kritik war Shere Hite extremen persönlichen Attacken ausgesetzt, die bis zu Morddrohungen reichten.
Mit derartigen Reaktionen hatte sie nicht gerechnet. Sie wollte "keinen erotischen Kampf" der Geschlechter, erklärte Shere Hite Jahre später in einem Spiegel-Interview, "sondern einen erotischen Tanz", in dem auch die Frauen Lust empfinden und zum Orgasmus kommen. Möglicherweise war es nicht das heikle Thema Sex allein, das die Gemüter erhitzte. Denn immerhin verkörperte die vielschichtige Persönlichkeit der Shere Hite all das, was sich mit herkömmlichen vorurteilsbehafteten Vorstellungen spießt: Intelligenz, Doktortitel und Schönheit, Erfolg als Model und Feministin - und das alles noch dazu mit der Betonung auf sexueller Lust.
Allen Anfeindungen zum Trotz ließ sich Shere Hite von ihrer Fährte nicht abbringen und forschte weiter. Denn dass sie auf der richtigen Spur war, davon war nicht nur sie selbst überzeugt, das bestätigte vor allem der Mega-Erfolg des Reports: Ursprünglich in einer Auflage von 2000 Stück geplant, wurde das Buch bis heute mehr als 50 Millionen mal verkauft und in 15 Sprachen übersetzt, und hatte damit eine weitaus größere Reichweite als jene seiner sexualwissenschaftlichen Vorgänger Kinsey und Masters & Johnson.
In ihrer zweiten Studie "Hite-Report on Men and Male Sexuality" von 1981 befragte sie Buben und Männer zwischen 13 und 97 Jahren über ihre sexuellen Ängste, Geheimnisse, Vorlieben und Praktiken. Dabei zeigte sich, wie sehr diese Vorstellungen von jenen der Frauen abweichen, und es Männer - obgleich die Vorteile einer ehelichen Verbindung schätzend - mit Monogamie nicht so genau nahmen. Auch dieser Skandal war vorprogrammiert und fand kurz darauf eine neuerliche Fortsetzung durch die Publikation des dritten Hite-Reports "Women and Love. A Cultural Revolution in Progress" 1987. In dieser Untersuchung gaben 95 Prozent der befragten Frauen an, sie fühlten sich von ihren Männern missbraucht, 98 Prozent wünschten sich mehr Nähe und Verständnis, und 87 Prozent meinten, die tiefste Gefühlsbindung hätten sie zu ihrer besten Freundin. Doch nicht nur diese freimütigen Bekenntnisse schockierten die Öffentlichkeit, das Buch lieferte auch jede Menge Anleitungen für ein befriedigendes Sexleben.
Die medialen Attacken mehrten sich. Es gab sogar anonyme Morddrohungen. Shere Hite war plötzlich "vom blonden Schneewittchen zur obszönen Hassfigur" (Cicero Online Magazin 2006) mutiert. Unterstützung erhielt sie von amerikanischen Autorinnen, die 1989 ein Komitee zur Verteidigung von Shere Hite gründeten, dem sich auch zahlreiche Akademien anschlossen.
Im selben Jahr publizierte sie gemeinsam mit Kate Colleran das Buch "Good Guys, Bad Guys and Other Lovers" (dt: Keinen Mann um jeden Preis), in dem es um ein neues weibliches Selbstverständnis in Paarbeziehungen ging. 1994 folgte der Roman "The Divine Comedy of Ariadne und Jupiter" (dt. Fliegen mit Jupiter), der eine Replik auf die Anfeindungen gegen die Autorin darstellt. Und der vierte Report schließlich "The Hite Report on the Family: Growing Up Under Patriarchy", ebenfalls 1994 publiziert, befasst sich mit der Rolle von Töchtern, die anhand von Briefbefragungen über einen Zeitraum von 15 Jahren in 16 Ländern erstellt wurde.
Obwohl diese Publikationen nicht mehr im selben Ausmaß von der Kritik zerrissen wurden wie die ersten, war Shere Hite über die Feindseligkeit in ihrem Land zutiefst enttäuscht. In einem Artikel für das britische Magazin "New Statesman" schrieb sie, angesichts der vielen Drohungen "fühle ich mich nicht länger frei, meine Forschungsarbeit in meinem Geburtsland durchzuführen". 1996 fiel ihre endgültige Entscheidung, dem prüden Amerika für immer den Rücken zu kehren. Sie gab ihre US-Staatsbürgerschaft zurück, nahm die deutsche an und wanderte nach London aus. Hier begegnete man ihrer Arbeit weitaus positiver. Im "Telegraph" hieß es 1996: "Wann hat jemand dieses Thema so anständig behandelt wie Shere Hite?" Und "The Guardian" meinte, die Attacken gegen Hite reflektierten die gesellschaftliche Sicht von der Bedeutungslosigkeit der Frauen, sowohl allgemein als auch als Wissenschafterinnen.
Geboren wurde die "Vorkämpferin eines lustbetonten Feminismus", wie sie der Spiegel 2006 titulierte, am 2. November 1942 in St. Joseph/Missouri als Shirley Diana Gregory. Den Namen "Hite" erhielt sie viele Jahre später vom zweiten Ehemann ihrer Mutter, der sie adoptierte. Nach der High School studierte sie Geschichte an der University of Florida, wo sie zwei akademische Grade erwarb: "Bachelor of Arts" (1964) und "Master of Arts" (1968). Es folgte ein Studium der Sozialgeschichte an der Columbia University in New York, das Shere Hite jedoch nicht abschloss.
In Kooperation mit der National Organization of Women (NOW) gründete Shere Hite 1972 das "Feminist Sexuality Project" in New York, das 1976 auch ihren ersten Report herausbrachte. 1980 etablierte sie ihre eigene Forschungsstelle "Hite Research International", die sie zur Recherche für ihre weiteren Untersuchungen nützte und der sie bis 1989 als Direktorin vorstand. Nach der Veröffentlichung des ersten Hite-Reports konnte sie sich vor Einladungen zu Lehraufträgen über die "Sexualität der Frau" an namhaften Universitäten wie Harvard, McGill, Cambridge und Sorbonne kaum erwehren und war auch vielgefragte Referentin bei internationalen Frauensymposien. Neben ihren vier Studien veröffentlichte sie noch fünf weitere Bücher. Heute lebt Shere Hite, die am 2. November ihren 70er begeht, zurückgezogen in London und Paris. (Dagmar Buchta, dieStandard.at, 31.10.2012)
Publikationen:
Sexual Honesty, by Women, For Women (1974)
The Hite Report on Female Sexuality (1976, 2004)
The Hite Report on Men and Male Sexuality (1981)
Women and Love: A Cultural Revolution in Progress (The Hite Report on Love, Passion, and Emotional Violence) (1987)
Fliegen mit Jupiter (English: Flying with Jupiter) (1993)
The Hite Report on the Family: Growing Up Under Patriarchy (1994)
The Hite Report on Shere Hite: Voice of a Daughter in Exile (2000) (autobiography)
The Shere Hite Reader: New and Selected Writings on Sex, Globalization and Private Life (2006)
Link:
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super frau und wahnsinnig wichtige arbeit!
ich könnte mir gar nicht vorstellen in dieser zeit zu leben, orgasmen sind mir nämlich wirklich sehr wichtig. dass der weibl. orgasmus bestandteil jeder beziehung sexueller art sein sollte, ist für mich selbstverständlich.
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