Beth Ditto: "Ein dickes, lautes, nerviges Mädchen"

Vina Yun
5. November 2012, 09:46
  • Beth Ditto (mit Michelle Tea): Heavy Cross. Die Autobiografie.Aus dem Amerikanischen von Conny LöschWilhelm Heyne Verlag 2012, ISBN: 978-3-453-26675-9
    cover: heyne verlag

    Beth Ditto (mit Michelle Tea): Heavy Cross. Die Autobiografie.
    Aus dem Amerikanischen von Conny Lösch
    Wilhelm Heyne Verlag 2012, ISBN: 978-3-453-26675-9

Die außergewöhnliche Lebensgeschichte der Gossip-Sängerin im Zeitraffer: Mit "Heavy Cross" legt die erst 31-Jährige ihre Autobiografie vor

Judsonia ist ein erzreligiöses Mini-Kaff im Bundesstaat Arkansas im Süden der USA. Eine Gegend, in der die BewohnerInnen ihre Schusswaffen in den Wohnzimmervitrinen ausstellen und Männer zum Mittagessen Eichhörnchen im Hof schießen. Jungs mit langen Haaren müssen damit rechnen verprügelt zu werden, und als christliche Gruppen in den 1980ern gegen MTV mobil machen, wird der Musiksender von der Kreisverwaltung kurzerhand verboten. Es ist ein Ort, an dem es kaum möglich scheint, "keine Angst vor Gott zu haben", wie Mary Beth Patterson, heute besser bekannt als Beth Ditto, schreibt: "Wenn man im apokalyptischen Arkansas aufwächst, denkt man ständig, man würde in der Hölle schmoren müssen."

In ihrer soeben auf Deutsch erschienenen Autobiografie "Heavy Cross" offenbart Beth Ditto, Sängerin und Frontfrau der "Punk-Rock meets Soul meets Disco"-Band Gossip, ihre Lebensgeschichte - und das mit gerade mal Anfang Dreißig. Geschrieben hat sie das Buch mit Michelle Tea, Roman-Autorin ("Valencia") und Mitbegründerin des lesbisch-feministischen Spoken-Word-Kollektivs "Sister Spit" in San Francisco.

Arm, fett, queer

1981 geboren, wuchs Ditto unter ärmlichen Verhältnissen heran. Nicht nur ihre eigene Kindheit, auch die ihrer Geschwister und Cousins und Cousinen waren geprägt von körperlicher und sexueller Gewalt: "Die Kindesmisshandlung, wie sie in Tante Jannies Haus stattfand, war auf unmerkliche Weise einfach da, wie das ständige Brummen eines Kühlschranks, das man gar nicht mehr bewusst wahrnimmt, weil man an das Geräusch gewöhnt ist", erzählt Ditto im Buch. "Ich bin mit Schlägen auf den Hintern aufgewachsen und hielt das nicht für Misshandlung. Ich bin dagegen abgestumpft, weil ich diesen ständigen, gewöhnlichen Misshandlungen so lange ausgesetzt war."

Der sexuelle Missbrauch hat in Dittos Familie eine lange Geschichte, die mehrere Generationen zurückreicht - und auch die Ignoranz gegenüber den Opfern hat gewissermaßen Tradition: In der patriarchalen Gesellschaft von Arkansas sei das Ausmaß der Gewalt gegen Kinder und Frauen dermaßen groß, dass das gesamte System darauf ausgerichtet sei, "einen solchen Umstand zu leugnen, für normal zu erklären, unstrafbar zu machen", wie Ditto resümiert.

Ihre rebellische Attitüde und gewichtige Erscheinung ("Ich war ein dickes, lautes, nerviges Mädchen") machen Beth Ditto zur Außenseiterin. In einer Umgebung, in der Teenager-Schwangerschaften auf der Tagesordnung stehen und früh geheiratet wird, will sie ihre lesbischen Gefühle ("Ich war eine Klemm-Femme") aber vorerst noch nicht wahrhaben.

Von der Kirchenchor-Vorsitzenden zum Riot Grrrl

In den Tiefen der amerikanischen Südstaaten-Provinz entwickelt die junge Beth Ditto zwei Talente: Frisuren stylen und singen. Zu ihren popkulturellen Vorbildern gehören Miss Piggy, die forsche Diva aus der Muppet Show, und Mama Cass, eine der wenigen Pop-Sängerinnen, die dick sind und dennoch Erfolg haben, ebenso wie die flamboyanten Pop-Stars Boy George und Cyndi Lauper. Lange vor ihrer Wandlung zum queer-feministischen Role Model und zur glamourösen Fat-Rights-Aktivistin sang Beth Ditto in einem stinknormalen Kirchenchor: "Meine Stimme funktionierte bestens, wenn ich damit Jesus, unseren Herrn und Erlöser, lobpreiste."

Nach der Highschool ergreift Ditto mit FreundInnen die Flucht und lässt ihren alten Heimatort hinter sich: Es geht nach Olympia, der Geburtsstätte der feministischen Riot-Grrrl-Bewegung, wo es normal war, "schlau und radikal zu sein". Als Beth Ditto - via Grunge - die Riot Grrrls für sich entdeckt und durch diese einen Politisierungsschub erlebt, wird das Phänomen bereits im Mainstream verhandelt. Dennoch ist es ein Schlüsselerlebnis, denn es ist "unsere Version der 60er Revolution, eine lose Verbindung junger Menschen, die den nihilistischen Fashion-Punk der Achtziger ablehnte und eine neue Punkbewegung um Auge hatte, die Frauen, Homosexuelle und Gemeinschaftswerte einbezog."

1999 gründet Beth Ditto zusammen mit Nathan Howdeshell und Kathy Mendonca die Band Gossip. 2001 - Ditto ist erst 19 Jahre alt - erscheint das Debütalbum "That's Not What I Heard" bei Kill Rock Stars, dem Heimatlabel zahlreicher Riot-Grrl-Acts wie Bikini Kill. Vier Alben und rund ein Jahrzehnt später sind Gossip vor allem in Europa erfolgreich unterwegs, in den USA erhält das Trio hingegen bis heute vergleichsweise wenig Beachtung.

Lebensgeschichte im Zeitraffer

Auf rund 200 Buchseiten - und mit einigen rasanten und teils verwirrenden Abkürzungen - zeichnet "Heavy Cross" Beth Dittos Weg von Judsonia auf die internationalen Konzertbühnen und die Cover der größten Hochglanz-Magazine nach. Für eine simple Aschenputtel-Erzählung ist Ditto aber natürlich zu reflektiert. Etwas plakativ heißt es an einer Stelle: "Judsonia sitzt mir so tief unter den Fingernägeln, dass keine Maniküre der Welt daran etwas ändern könnte."

"Heavy Cross" mag vielleicht kein literarisches Highlight sein und auch die Frage, wie gut die deutschsprachige Übersetzung gelungen ist, sei dahin gestellt. An Beth Dittos aufrührerischer Attitüde und ihrem Glauben an gesellschaftliche Veränderung könnten sich aber so einige ein Beispiel nehmen - nicht nur die dicken, lesbischen, feministischen Outsiders und Nerds. (Vina Yun, dieStandard.at, 5.11.2012)

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Frau Yun, das Schrammeln ist des Wieners Lust!

Angeblich gibt´s in Wien bald den Schrammel-Xaver mit Programmen. Wie ich es einschätze, nix für Sie. Natürlich liegt´s nicht an der 38, sondern an den Wurzeln.
Charismatisch und stimmlich ist B. D. Spitze. Was Sie nun damit schreiben wollen, dass D. aus ärml. Verhältnissen kommt, wissen nur Sie selbst!
Eigentlich mögen Leser Enten lieber in der Pfanne: „Judsonia ist ein erzreligiöses Mini-Kaff im Staat Arkansas. Eine Gegend, in der die BewohnerInnen ihre Schusswaffen in den Wohnzimmervitrinen ausstellen und Männer zum Mittagessen Eichhörnchen im Hof schießen.“
Waren Sie schon in Judsonia? Gibt´s dort streng gläubige Katholiken mit Winchester oder Colt? “Antiquitätenmarder …“?
Kopf einziehen beim Recherchieren!

Ich finde sie nett, sympathisch und vorallem unkompliziert. Diese Eigenschaften sin im Showbusiness schon lange Zeit Mangelware.
Die Musik ist wirklich gut.

von der bettkante würde ich sie nicht stossen, aber die musik von gossip wurde leider viel zu verpoppt und mainstreamig.

"und Männer zum Mittagessen Eichhörnchen im Hof schießen."

korrektur:
und ballermann-trotteln zum abendessen grauhörnchen im hof schießen.

Ich kannte sie bis zu Wetten Dass am Samstag nicht, nur ein paar Songs aus dem Radio...aber nachdem ich sie dort erlebt habe:

Was für eine sympathische, dynamische, lustige Erscheinung! Hut ab...

täten sie den hut auch ab wenn sie volkslieder gesungen hätte?

Die Beth erinnert mich an eine Christbaumkugel, so rund und glitzernd!

Zum allgemeinen Bashing: "Dicke leben länger"

http://www.sueddeutsche.de/gesundhei... -1.1513143

"Übergewicht ist ungesund, Ärzte prophezeien Dicken unermüdlich ein frühes Ableben. Mit Diätkampagnen sollen sie von ihrem Joch befreit werden. Doch mit dem Stand der Wissenschaft hat das nichts zu tun: Mollige Menschen leben sogar länger. Und sie vertragen mehr Stress."

wenn ich blad wäre, würde ich das auch sagen.

Aus medizinischer Sicht ist zu sagen, 15kg zu viel sind besser als 15 zu wenig...

Heute ist Mark Twain Tag bei mir.

Man kann die Erkenntnisse der Medizin auf eine knappe Formel bringen: Wasser, mäßig genossen, ist unschädlich.

"Doch auch wenn die Knie unter den Pfunden ächzen, sich die Herzkranzgefäße verengen und die Bauchspeicheldrüse im Kampf gegen Blutzucker aufgibt: Füllige Menschen leben im Schnitt sogar länger als die Schlanken, sofern sie nicht als krankhaft fettleibig einzustufen sind."

Na Hurra. Länger aber kränker.

man kann nicht alles haben ;-)
Es gibt halt immer zwei Seiten.

"... Dünnsein ist demnach eine Veranlagung, aber keine Leistung. ... "

Fettpolster ab trainieren ist hingegen schon eine Leistung. Man muss es halt nur wollen und durchziehen.

klar

masochismus ist auch eine leistung, nicht wahr?

man muß es keineswegs wollen...

Und warum sollte man abnehmen, wenn man dann durch den Stress den man dadurch hat eh früher stirbt?

Aber schon klar, Leistungsdenken ist momentan grad voll in! Aber auch das geht vorbei.

Vielleicht weil man dann wenigstens nicht in seinen letzten Tagen dahin siecht?

Natürlich ist Leistungsdenken In, Leistungsdenken war die letzten 25.000 Jahre nie Out, sonst wäre die Menschheit wohl nicht dort wo sie jetzt ist.

Wieso dahin siechen? Es ist hier die Rede von dicken Menschen, nicht von fettleibigen.

Und nein - die Menschheit ist nicht aufgrund ihres Leistungsdenken da, wo sie jetzt ist. Wichtige Entwicklungen (z.B. Gemeinschaft, Demokratie, Menschenrechte, ...) haben nichts mit Leistung zu tun.

Und wo die Menschheit jetzt aufgrund ihres Leistungsdenken ist, da ist sie auf dem falschen Weg.

Na was glauben sie wo sich dicke Menschen hinentwickeln wenn sie die falschen Vorbilder haben.. krankhaftes Übergewicht. Gleiches, aber in die andere Richtung, kann man ja auch schon bei Magersüchtigen sehen.

Gemeinschaft Demokratie und Menschenrechte werden die Menschheit in den letzten 25.000 Jahren wohl kaum allein geprägt haben. Da waren wohl so Kleinigkeiten wie Handel und Forschung involviert.

Ich finde sie toll. So eine Scheißmichnix Mentalität hätte ich auch gern, kriege ich aber leider nicht hin.

Künstler durften immer schon queer sein.Künstler hatten immer die Möglichkeit sich deutlich abzuheben. Sei es durch Aussehen, Kleidung, Haartracht etc.

Auch das Körperdiktat galt für Künstler nie im gleichen Ausmaß. Acuh eine Aretha Franklin war nie herkömmlich schön und auch nicht die schlankste.

Auch sexuelle Neigung war immer Wurscht. FreddyMercury, Tracy Chapman, Bessie Smith, tanita Tikaram, etc.etc.

Auch für Menschen die schon wirklich auffällig anders sind wie Tiny Tim oder Jimmy Scott war Erfolg immer schon möglich.

Aber all diese Leute sind mit ihrer Stimme und ihrer Musik angetreten und nicht als queer Künstler.

Insoferne findet hier eine Redukution auf den "queer" Aspekt statt, und bleibt daher Beth Ditto und ähnliche Sänger die sich auf eine derartige Nische beschränken letztlich hinter all den genannten teilweise deutlich zurück.

und

wer soll das sein ?

Es verbietet sich bei einer derartigen Künstlerin viele Worte über Aussehen zu verlieren.

Aber ich sag mal - erstaunlich was man damals schon alles mit Fotos machen konnte.

Rein optisch war es eher immer so, dass sie ein sympatisches Gesicht hatte.

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