Am Körpermarkt

Dagmar Buchta
8. November 2012, 07:00
  • Trotz dem zunehmenden Bewusstsein über die Gemachtheit von "Schönheit" scheint ihre Wirkmächtigkeit vor allem bei Jugendlichen nicht abzunehmen.
    foto: reuters/carlos garcia rawlins

    Trotz dem zunehmenden Bewusstsein über die Gemachtheit von "Schönheit" scheint ihre Wirkmächtigkeit vor allem bei Jugendlichen nicht abzunehmen.

Um als "Ich-Aktie" zu bestehen, versuchen vor allem Frauen dem Schönheitsideal gerecht zu werden. Eindrücke von der Enquete "Frauen.Körper.Politiken"

"To be BODY or Nobody" - diese Botschaft ist den Frauen des 21. Jahrhunderts in Fleisch und Blut, in Mark und Bein übergegangen und trifft sie genau dort, wo sich die gesellschaftlichen Normierungen und Übergriffe zuspitzen: an und in ihren Körpern. Denn sich selbst gehört der weibliche Körper schon lange nicht mehr. Seit Jahrzehnten in seiner natürlichen Gegebenheit in Frage gestellt, wird er mehr denn je als unzulänglich verworfen, enteignet und objektiviert, neu geformt und diszipliniert und dann als normierte Größe der Vermarktung preisgegeben. Ob in Medien oder Wissenschaft, Arbeitswelt oder Industrie. Welche Auswirkungen diese Manipulationen auf die physische und psychische Gesundheit haben, wurde bei der vom Frauenministerium und der Plattform 20.000 Frauen veranstalteten Enquete "Frauen.Körper.Politiken" am 5. November 2012 im Gesundheitsministerium erörtert.

Entfremdetes Selbstbild

"Frei von soziologischen und politischen Konstruktionen war der Frauenkörper nie", meinte die Wiener Gesundheitsbeauftragte Beate Wimmer-Puchinger in ihrem Vortrag "Wahnsinnig schön? Wege zur Trendumkehr". Die Folge sei eine große Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, die mittlerweile als globale Verunsicherung beschrieben werden könne - und immer früher einsetze. "Bereits sechsjährige Mädchen haben Angst, zuzunehmen", sagte Wimmer-Puchinger. Bei den 15-Jährigen glauben 40 Prozent der Mädchen und 22 Prozent der Burschen, zu dick zu sein. Tatsächlich sind lediglich zehn Prozent der 15-Jährigen übergewichtig, wie aus der WHO-Europe-Studie 2012 hervorgeht. Detail am Rande: Nicht die Sorge um Umwelt oder berufliche Zukunft sind für die Jugendlichen zentral, sondern ihr Körperbild. "Besonders Mädchen lernen schon sehr früh, dass sie nicht okay sind", meinte die Gesundheitsbeauftragte, kein Wunder, sind sie doch an allen Ecken mit künstlichen Bildern konfrontiert. "Natürliche, 'normale' Frauenkörper bekommt man kaum zu sehen". Laut internationalen Studien sind bis zu 90 Prozent aller Frauen mit ihrem Äußeren unzufrieden. Sie wollen weniger wiegen und/oder zumindest einen Körperteil an sich verändern.

Ursachen und Folgen

Der stetige Anstieg an Essstörungen und sogenannter Schönheitsoperationen sei nur eine logische Folge postmoderner Körperpolitik, so Wimmer-Puchinger. Alleine in Österreich leiden 200.000 Mädchen und Frauen an gestörtem Essverhalten. Bei den 11- bis 17-jährigen Mädchen sind es bereits 22 Prozent (bei den Burschen 15 Prozent), heißt es in der Studie zur Kinder- und Jugendgesundheit des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2007. Auffällig dabei: Mit steigendem Alter nimmt der Anteil an Mädchen zu, während jener von Burschen sinkt. Alarmierend auch die Zahlen, wie viele Frauen sich hierzulande freiwillig unters Messer legen: 50.000 sind es jährlich, und ein Viertel der Österreicherinnen kann sich eine chirurgischen Eingriff zumindest vorstellen.

Ungelöste Fragen

Beate Wimmer-Puchinger nannte einen Katalog von Faktoren, die eine "gestörte" körperliche Selbstwahrnehmung nach sich ziehen können: Frauenbilder in Werbung und Medien, sexualisierte Darstellungen als Objekte, Abwertung, Diskriminierung und Mobbing von "nicht hübschen, nicht schlanken" Mädchen, Vorschreibungen beim Essen und sexuelle Übergriffe. Doch so bekannt diese Risiken mittlerweile sind, eine Lösung konnte bis dato nicht gefunden werden. Das Gesundheitsministerium bemüht sich zwar seit Jahren den negativen Auswirkungen gegenzusteuern - mit Kampagnen wie "No body is perfect", "We like every Body" u.v.a. - doch richtig greifen diese Maßnahmen nicht. Die Frage lautet nach wie vor: "Wo ansetzen?"

Verdikt der Freiwilligkeit

Darauf hatte auch die feministische Wissenschafterin Lisbeth N. Trallori keine Antwort. In ihrem Vortrag "Die ungelöste Körperfrage", in dem sie einen Bogen von matriarchal organisierten Gesellschaften bis zur Gegenwart spannte, zeigte sie, wie sich (männliche) Dominanzverhältnisse über den (weiblichen) Körper im Laufe der Zeit verändert haben. Obgleich seit den Anfängen der paternalen Herrschaft Wissenschaften, Institutionen und Organisationen einen Anspruch auf die Verfügbarkeit des Körpers stellten, habe sich seine Auffassung als Konsumeinheit im Neoliberalismus enorm verstärkt. "Wir haben es heute mit einem ganz anderen Machttypus zu tun", meinte Trallori. Und der sei weitaus gefährlicher. Denn im allgemeinen Verständnis seien Eingriffe in die Körperlichkeit nicht mehr mit Gewalt konnotiert, sondern würden als Akte der Freiwilligkeit angesehen. Unter dem Motto "Wir machen das zum Besten der Frauen" würde die Macht verschleiert und die körperlichen Interventionen verharmlost.

"Ich-Verkörperung"

Diese Entwicklung öffnete dem Bodyismus Tür und Tor. Wer dazu gehören, angesehen sein und Erfolg haben will, müsse dem körperlichen Ideal "gesund, jung oder zumindest jugendlich, attraktiv und agil" entsprechen. Der Körper sei heute der Schlüssel zu fast allem, "Ich-Verkörperung" die neue Devise. Es gehe darum, so Trallori, "sich selbst in unternehmerischer Manier zu produzieren, zu formen und zu optimieren". Vor allem auf Frauen im Dienstleistungsbereich laste der "Terror, schön auszusehen". Womit das altbekannte Geschlechterverhältnis weiter und weiter und mehr denn je reproduziert werde. Zu denken bleibe also weiterhin, "welchen Dimensionen der Normalisierung und Normierung wir ausgesetzt sind", so Lisbeth N. Trallori abschließend. Oder mit einem Slogan von Brot & Rosen ausgedrückt: "Frauen, wir müssen alles neu überdenken". (Dagmar Buchta, dieStandard.at, 8.11.2012)

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Werd da mit macht,

selber schuld. Zwingt niemand niemanden dazu sich zu operieren.

"seien Eingriffe in die Körperlichkeit nicht mehr mit Gewalt konnotiert, sondern würden als Akte der Freiwilligkeit angesehen"

Sinds ja auch, freiwillig.

im Grunde schon richtig, nur haben sich solche "Normen" nicht von heute auf morgen eingeschlichen.

Es wird längst vorausgesetzt wie wir zu sein haben. Äußerlich genau so wie unsere inneren Werte.
Wenn wir überhaupt noch von innere Werte sprechen können.

Ja das gilt aber in Wahrheit lange nicht mehr nur für Frauen.

In Spitzenpositionen ist zB auch bei Männern die fachliche Qualifikation meistens egal... da gibts sicher immer 2-3 Mitbewerber die ähnlich gut oder besser qualifiziert sind.
Aber auch bei Männern entscheidet schon immer öfter wer das weißere Lächeln hat, jeden Morgen seine Runden läuft, mindestens sehr gepflegt bis metrosexuell auftritt und und und...

Das ist kein rein weibliches Problem mehr heutzutage!

Die Anforderungen an die "Weiblichkeit" sind bereits zur Frechheit geworden und absolut untragbar.
Ich glaube der dumme Trend setzt sich nun auch bei den Männern fort.

fit mach mit;-)

Fitness hat nichts mit den überzogenen Schönheitsidealen zu tun

(1) Männliche Besitzverhältnisse am weiblichen Körper werden überschätzt. Die Welt besteht aus mehr als Frau und Mann.
(2) Der weibliche Körper befindet sich "dank" moderner Errungenschaften in einem Vakuum. Orientierung in diesem Vakuum ist schwierig, was wiederum die fremde Besitzergreifung der Körper erleichtert.
(3) Der Feind wird nicht erkannt.

so einfach ist das.

Das lasse ich übrigens auch umgekehrt für den männlichen Körper gelten.

Disziplinierung ist nun mal primär eine Disziplinierung der Körper

Wie geht's?
Gut! ... stöckelt die Dame von hinnen!

Ich finde bei diesem Thema allerdings weniger die erwachsenen Ladys & Gentlemen interessant: Die Ladys z.B. sollen einfach - und ich meine damit wirklich "einfach" - dieses gestöckle sein lassen!

Viel Interessanter ist der Umgang der Gesellschaft mit den Körpern der Kinder
z.B. der Umgang mit Heimkindern http://derstandard.at/135026070... Heimkinder

Die Körper-Zugriffe sind heutzutage sicher nicht von geringerer Anzahl allerdings subtiler & den gesellschaftlichen Anforderungen angepaßt: Es geht um Suchtindizierung & persistierenden low-level-Schmerz der z.B. medizinisch begründet wird: Paradebeispiel = Zahnspange

Mein Gott, was für ein Unsinn.

1) Auch Männer werden mit solchen irrigen "Idealbildern" konfrontiert, ja es wird von vielen Frauen viel expliziter gefordert.

2) Den größten Druck üben Frauen aufeinander aus, warum auch immer.

3) Das mit der Entwicklung von Matriarchat zu Patriarchat ist esoterisches Geschwafel, es gibt keine historischen Beweise für ein echtes Matriarchat.

Matrilinear ist was Anderes.

Wichtig sind auch, militärische Gewalt, geistliche Gewalt, Juristische Gewalt in fester Hand der Frauen (mit der Möglichkeit zu einzelnen Ausnahme).

Im alten Judentum etwa gab es das, teilweise auch im alten Rom.

Die Oriester der maßgeblichen Kulte waren Männlich (zumindest in den höheren Bereichen), die Erbschaft war Männlich, die Rechtssprechung war männlich, die militärische Gewalt war männlich.

Ein Matriarchat gab es nie. Zumindest ist keines historisch überliefert, somit bleibt es im Reich der Spekulation.

und als Randbemerkung: beim Menschen ist, wie bei allen Tieren, immer all das vorhanden, was möglich ist. So gibt es auch auch beim Menschen zB Polyandrie (Bsp Hindus im westlichen Himalayagebiet).

Natürlich kommt vor was möglich ist. Ich stelle nur fest, dass es historisch nicht überliefert ist.

Die historische Überlieferung reicht aber auch nicht sonderlich lange zurück. Eine vollständige Hochkultur ohne historische Überlieferung ist aber nur schwer vorstellbar. Diese wäre aber Voraussetzung für ein voll ausgeprägtes Matriarchat.

die Khasi, Nayar und Garo in Indien,
die Irokesen in den USA und Kanada,
Navajo in New Mexiko und Hopi in Arizona, USA,
die Tuareg in Nordafrika,
die Makonde in Tansania und Mosambik,
die Ashanti in Ghana,
die Mosuo in China,
die Wayúu (auch Guajiro) in Kolumbien und in Venezuela,
die Minangkabau auf West-Sumatra.

Bei den Tuareg sind maßgebliche BEreiche des wirtschaftlichen Lebens in den Händen der Männer (Handel, Handwerk), auch stellten die Tuareg lange Zeit Könige (nicht Innen) um die Gegend zu beherrschen. Die Frauen dürfen ihre MÄnner verstoßen und entscheiden, wer zu Besuch kommt.

Schönes MAtriarchat, sollten wir hier auch einführen. Frauen dürfen sich scheiden lassen und daheim entscheiden, wer zu Besuch kommt, den Rest überlassen wie wieder den Männern.

Die Irokesen waren beispielsweise matrilinear. Die JAgd (und damit die Waffengewalt) war in den Händen der Männer. Damit spricht man nicht mehr von Matriarchat als Gegenstück zum Matriarchat.

Ich bleibe dabei, eine vollständig ausbildete matriarchale Kultur ist historisch nicht überliefert. Auch ein vollständiges Patriarchat ist eher die Ausnahme aber zumindest überliefert.

Es ist nicht genau zu definieren, was Matriachat ist, was Patriachat ist iÜ auch nicht. Wenn Sie die Herrschaft allein an dem Merkmal der "Waffengewalt" festmachen möchten, dann können Sie an Ihrer Behauptung soweit festhalten, bis ein gegenteiliger Fall belegt ist. Sie müssen aber auch im Auge behalten, dass Ihre Sicht durch Fixierung auf ein einziges gesellschaftliches Phänomen eingeschränkt bis getrübt ist.

Und das Beispiel mit den Irokesen ist besonders interessant. Die politische Entscheidungsgewalt war hier die Sache der Frauen, was auf einen matriachalen Einfluss in der gesellschaftlichen Struktur hinweist.
Verstehen Sie mich nicht falsch: ich halte eine künstlich gezogene Linie der Art "zuerst war das Matriachat, dann das Patriachat, wir müssen zurück zum Matriachat" für ebenso unsinnig, wie Sie dies in einem Ihrer vorherigen Postings beschrieben haben. Ich bezweifle nur, dass matriachale und patriachale Strukturen immer so eindeutig festzulegen sind, sodass Aussagen von "das gab es nie" oder "des woa scho imma so" nicht wirklich möglich sind.

Naja, man schon festlegen, dass wichtige gesellschaftliche Strukturen im reinen Patrarchat per GEsetz den MÄnnern zugeordnet werden und nur im Ausnahmefall den Frauen.

Bei den Römern waren die maßgeblichen Kulte männlich, die Politik war es (Senatoren, Konsuln, Kaiser), Das Militär war es, das Handwerk war es, der Handel war es, die Erblinie war es, die Rechtssprechung ebenfalls.

Ein historisches Gegenstück ist nicht überliefert, zumindest wäre es auch geschichtlich gesehen nicht maßgeblich.

Worauf ich hinaus möchte ist, dass der BEgriff MAtriarchat viel zu inflationär verwendet wird, auf Gesellschaften die mit Sicherheit kein Matriarchat waren. Da steckt Ideologie dahinter, als sachliches Argument ist das daher unbrauchbar.

Keine Angst, 95 % scheitern eh wenn ich mich

so umseh.

von spiegeln umgeben mein freund??

erwachst du immer neben walrössern

oder warum immer deine bissigen kommentare?

tun sie hier nicht so aetzen. das ist ein rlevantes thema.

bitte unterlassen sie solche postings, wenn sie sonst nichts sum thema beizutragen haben.

Den Schuldigen werden wir nicht finden, aber ...

Kinder von der Werbung fernhalten.
Da erspart man sich dann Fragen wie=>
Wieso hat die Frau nur Unterwäsche an wenn Sie Wein präsentiert.
Warum sieht man bei der Schmuckwerbung nur die Frau und nicht den Schmuck?
Warum habe ich nicht so blaue Augen?
Wie sollen wir unseren Kindern erklären, dass wir den Menschen zur Ware machen?
Magersucht, das Ausleben grenzenloser sexuelle Fantasien, Schönheits OP's sind weitere Folgen dieser Entwicklung.

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