Am Körpermarkt

  • Trotz dem zunehmenden Bewusstsein über die Gemachtheit von "Schönheit" scheint ihre Wirkmächtigkeit vor allem bei Jugendlichen nicht abzunehmen.
    foto: reuters/carlos garcia rawlins

    Trotz dem zunehmenden Bewusstsein über die Gemachtheit von "Schönheit" scheint ihre Wirkmächtigkeit vor allem bei Jugendlichen nicht abzunehmen.

Um als "Ich-Aktie" zu bestehen, versuchen vor allem Frauen dem Schönheitsideal gerecht zu werden. Eindrücke von der Enquete "Frauen.Körper.Politiken"

"To be BODY or Nobody" - diese Botschaft ist den Frauen des 21. Jahrhunderts in Fleisch und Blut, in Mark und Bein übergegangen und trifft sie genau dort, wo sich die gesellschaftlichen Normierungen und Übergriffe zuspitzen: an und in ihren Körpern. Denn sich selbst gehört der weibliche Körper schon lange nicht mehr. Seit Jahrzehnten in seiner natürlichen Gegebenheit in Frage gestellt, wird er mehr denn je als unzulänglich verworfen, enteignet und objektiviert, neu geformt und diszipliniert und dann als normierte Größe der Vermarktung preisgegeben. Ob in Medien oder Wissenschaft, Arbeitswelt oder Industrie. Welche Auswirkungen diese Manipulationen auf die physische und psychische Gesundheit haben, wurde bei der vom Frauenministerium und der Plattform 20.000 Frauen veranstalteten Enquete "Frauen.Körper.Politiken" am 5. November 2012 im Gesundheitsministerium erörtert.

Entfremdetes Selbstbild

"Frei von soziologischen und politischen Konstruktionen war der Frauenkörper nie", meinte die Wiener Gesundheitsbeauftragte Beate Wimmer-Puchinger in ihrem Vortrag "Wahnsinnig schön? Wege zur Trendumkehr". Die Folge sei eine große Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, die mittlerweile als globale Verunsicherung beschrieben werden könne - und immer früher einsetze. "Bereits sechsjährige Mädchen haben Angst, zuzunehmen", sagte Wimmer-Puchinger. Bei den 15-Jährigen glauben 40 Prozent der Mädchen und 22 Prozent der Burschen, zu dick zu sein. Tatsächlich sind lediglich zehn Prozent der 15-Jährigen übergewichtig, wie aus der WHO-Europe-Studie 2012 hervorgeht. Detail am Rande: Nicht die Sorge um Umwelt oder berufliche Zukunft sind für die Jugendlichen zentral, sondern ihr Körperbild. "Besonders Mädchen lernen schon sehr früh, dass sie nicht okay sind", meinte die Gesundheitsbeauftragte, kein Wunder, sind sie doch an allen Ecken mit künstlichen Bildern konfrontiert. "Natürliche, 'normale' Frauenkörper bekommt man kaum zu sehen". Laut internationalen Studien sind bis zu 90 Prozent aller Frauen mit ihrem Äußeren unzufrieden. Sie wollen weniger wiegen und/oder zumindest einen Körperteil an sich verändern.

Ursachen und Folgen

Der stetige Anstieg an Essstörungen und sogenannter Schönheitsoperationen sei nur eine logische Folge postmoderner Körperpolitik, so Wimmer-Puchinger. Alleine in Österreich leiden 200.000 Mädchen und Frauen an gestörtem Essverhalten. Bei den 11- bis 17-jährigen Mädchen sind es bereits 22 Prozent (bei den Burschen 15 Prozent), heißt es in der Studie zur Kinder- und Jugendgesundheit des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2007. Auffällig dabei: Mit steigendem Alter nimmt der Anteil an Mädchen zu, während jener von Burschen sinkt. Alarmierend auch die Zahlen, wie viele Frauen sich hierzulande freiwillig unters Messer legen: 50.000 sind es jährlich, und ein Viertel der Österreicherinnen kann sich eine chirurgischen Eingriff zumindest vorstellen.

Ungelöste Fragen

Beate Wimmer-Puchinger nannte einen Katalog von Faktoren, die eine "gestörte" körperliche Selbstwahrnehmung nach sich ziehen können: Frauenbilder in Werbung und Medien, sexualisierte Darstellungen als Objekte, Abwertung, Diskriminierung und Mobbing von "nicht hübschen, nicht schlanken" Mädchen, Vorschreibungen beim Essen und sexuelle Übergriffe. Doch so bekannt diese Risiken mittlerweile sind, eine Lösung konnte bis dato nicht gefunden werden. Das Gesundheitsministerium bemüht sich zwar seit Jahren den negativen Auswirkungen gegenzusteuern - mit Kampagnen wie "No body is perfect", "We like every Body" u.v.a. - doch richtig greifen diese Maßnahmen nicht. Die Frage lautet nach wie vor: "Wo ansetzen?"

Verdikt der Freiwilligkeit

Darauf hatte auch die feministische Wissenschafterin Lisbeth N. Trallori keine Antwort. In ihrem Vortrag "Die ungelöste Körperfrage", in dem sie einen Bogen von matriarchal organisierten Gesellschaften bis zur Gegenwart spannte, zeigte sie, wie sich (männliche) Dominanzverhältnisse über den (weiblichen) Körper im Laufe der Zeit verändert haben. Obgleich seit den Anfängen der paternalen Herrschaft Wissenschaften, Institutionen und Organisationen einen Anspruch auf die Verfügbarkeit des Körpers stellten, habe sich seine Auffassung als Konsumeinheit im Neoliberalismus enorm verstärkt. "Wir haben es heute mit einem ganz anderen Machttypus zu tun", meinte Trallori. Und der sei weitaus gefährlicher. Denn im allgemeinen Verständnis seien Eingriffe in die Körperlichkeit nicht mehr mit Gewalt konnotiert, sondern würden als Akte der Freiwilligkeit angesehen. Unter dem Motto "Wir machen das zum Besten der Frauen" würde die Macht verschleiert und die körperlichen Interventionen verharmlost.

"Ich-Verkörperung"

Diese Entwicklung öffnete dem Bodyismus Tür und Tor. Wer dazu gehören, angesehen sein und Erfolg haben will, müsse dem körperlichen Ideal "gesund, jung oder zumindest jugendlich, attraktiv und agil" entsprechen. Der Körper sei heute der Schlüssel zu fast allem, "Ich-Verkörperung" die neue Devise. Es gehe darum, so Trallori, "sich selbst in unternehmerischer Manier zu produzieren, zu formen und zu optimieren". Vor allem auf Frauen im Dienstleistungsbereich laste der "Terror, schön auszusehen". Womit das altbekannte Geschlechterverhältnis weiter und weiter und mehr denn je reproduziert werde. Zu denken bleibe also weiterhin, "welchen Dimensionen der Normalisierung und Normierung wir ausgesetzt sind", so Lisbeth N. Trallori abschließend. Oder mit einem Slogan von Brot & Rosen ausgedrückt: "Frauen, wir müssen alles neu überdenken". (Dagmar Buchta, dieStandard.at, 8.11.2012)

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