Putin: Pussy Riot sei antisemitisch

Der russische Präsident in Reaktion auf Merkels Kritik, das Urteil gegen die feministische Punk-Band sei zu hart

Moskau/Berlin - Der russische Präsident Wladimir Putin hat die Kritik von Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an dem harten Urteil gegen die Punk-Band Pussy Riot zurückgewiesen. Eine der Frauen habe früher an einer antisemitischen Aktion teilgenommen, sagte Putin am Freitag während einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung mit Merkel im Rahmen der deutsch-russischen Regierungskonsultationen. "Wir und ich können keine Leute unterstützen, die antisemitische Positionen zur Schau stellen", sagte Putin.

Merkel hatte zuvor die Härte des Urteils gegen die jungen Musikerinnen in Frage gestellt. Die Bestrafung mit zwei Jahren Arbeitslager für die Aktivistinnen hätte es in Deutschland so nicht gegeben, sagte die Kanzlerin. Putin bezog sich mit seinen Bemerkungen offenbar auf eine Aktion im Jahr 2008 in einem Moskauer Supermarkt, an der eine der Sängerinnen teilgenommen hatte.

An der Decke baumeln

Die aktivistischen Feministinnen "erhängten" damals symbolisch fünf Menschen in einem Supermarkt: Zwei homosexuelle Personen ließen sich freiwillig aufhängen, drei GastarbeiterInnen bekamen dafür Geld. Mit Stricken um den Hals, allerdings ohne Gefahr für das Leben, baumelten sie an der Decke, bis MitarbeiterInnen der Supermarktkette sie abnahmen.

"Verleumdung"

RegierungskritikerInnen in Russland reagierten empört auf die Vorwürfe. Der prominente Blogger Rustem Adagamow schrieb, der Präsident habe "absichtlich oder wegen eines bedauerlichen Missverständnisses" die Unwahrheit gesagt. Die von Putin kritisierte Kunstaktion der Gruppe Woina (Krieg) von 2008 in einem Supermarkt habe sich vielmehr gegen die in Russland weit verbreitete Ausländerfeindlichkeit sowie Homophobie gerichtet.

Ein Anwalt von Pussy Riot warf Putin vor, er wolle die kremlkritische Band öffentlich verleumden. Der Blogger Oleg Wassiljew wies am Samstag darauf hin, dass die Aktion, an der auch die Pussy-Riot-Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa (23) teilgenommen hatte, drei Jahre vor der Gründung der Punkband stattgefunden habe.

Hintergrund

Die Pussy-Riot-Mitglieder Nadeschda Tolokonnikowa und Marina Alechina waren im August wegen einer Protestaktion gegen die Wiederwahl von Präsident Wladimir Putin in einer Moskauer Kathedrale zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt worden. Ein Berufungsgericht bestätigte die Strafen Anfang Oktober. Ein drittes Band-Mitglied kam in zweiter Instanz frei, ihre Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. (APA, red, dieStandard.at, 16.11.2012)

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