"Was ich mir wünsch? Dass ich unnötig werde"

Rezension
  • Ute Bock feierte im Sommer 2012 ihren 70. Geburtstag.
    foto: apa/robert jaeger

    Ute Bock feierte im Sommer 2012 ihren 70. Geburtstag.

  • Helft Euch!
Sophie Wolf im Gespräch mit Ute Bock
Eine StreitschriftBroschiert, 40 SeitenEuro 5 
Metroverlag Wien, 2012
    foto: metro verlag

    Helft Euch!
    Sophie Wolf im Gespräch mit Ute Bock
    Eine Streitschrift
    Broschiert, 40 Seiten
    Euro 5
    Metroverlag Wien, 2012

Ute Bock ist eine Symbolfigur altruistischen Widerstandes geworden. Sophie Wolfs Buch "Helft Euch!" fragt bei ihr nach, was Hilfe ist

"Empört Euch!", "Vernetzt Euch!", "Beruhigt Euch!", "Engagiert Euch!": Im vergangenen Jahr boomten mehr oder weniger streitbare Imperative in Buchform. Auch die junge Sophie Wolf versucht, sich mit "Helft Euch!" in das Genre populärer Neo-Streitschriften einzureihen. Auf knappen 40 Seiten dokumentiert der Band Gespräche zwischen der 17-jährigen Maturantin Wolf und der 70-jährigen Flüchtlingshelferin Ute Bock über deren Werdegang und Werthaltungen. Nach einem Interviewband von Cornelia Krebs ist es das zweite Mal, dass ein Wortwechsel mit der sympathisch-schroffen Grande Dame der österreichischen Flüchtlingsarbeit in Buchform erschienen ist.

Sophie Wolf lehnt den Titel ihres Textes an die 2011 breit rezipierte Streitschrift "Empört Euch!" des ehemaligen KZ-Häftlings und französischen Résistance-Kämpfers Stéphane Hessel an. Auf sein Pamphlet für zivilen Ungehorsam beriefen sich zahlreiche DemonstrantInnen der Occupy-Bewegung. Für Wolf verkörpert Ute Bock - ähnlich wie Hessel - eine Galionsfigur des Widerstandes gegen menschenverachtende Systeme.

"Ich habe jeden Tag ein schlimmstes Erlebnis"

Welche Erfahrungen und Motive hinter diesem Widerstand liegen, versucht die junge Interviewerin mit ihren Fragen freizulegen. Und Bock erzählt - gewohnt nüchtern und sarkastisch: Vom alltäglichen Hürdenlauf in Asylverfahren und der Sorge um Unterbringung und Arbeit für ihre KlientInnen: "Ich hab jeden Tag ein schlimmstes Erlebnis". Vom Zynismus hinter dem Begriff "Wirtschaftsflüchtling" und den absurden österreichischen "Fremden"-Ängsten: "Da steht jeden Tag in der Zeitung, dass schon wieder ein nigerianischer Drogendealer erwischt worden ist, dass schon wieder die Mafia zugeschlagen hat und beim Billa eine Wurschtsemmel gestohlen hat. Unsere heiligen Wurschtsemmeln". Auch die Frage nach möglichen Zukunftsszenarien österreichischer Asyl- und Migrationspolitik kommentiert Bock desillusioniert: "Mikl-Leitner ist die Fekter zum Quadrat. Nach jeder, die geht, denk ich mir, jetzt kann's nur besser werden! Aber es geht noch schlimmer!"

Unfreiwillige Berufswahl

Neben Ute Bocks Einschätzungen zu den Untiefen des Asylregimes kommen auch die biografischen Stationen der Flüchtlingshelferin zur Sprache. Bock erzählt vom Aufwachsen in der familiären Kälte der Wiener Nachkriegskindheit und ihrer Rolle als älteste Tochter, die schon früh Verantwortung in der Familie übernehmen muss. Bocks Einstieg in den Sozialberuf erfolgt unfreiwillig, auf Drängen des Vaters, der sich dadurch einen abgesicherten Posten für die Tochter erhofft: "Ich bin dorthin getreten worden, nicht freiwillig dorthin gegangen."

Helfen aus Egoismus

Trotzdem bleibt Bock in der Sozialbranche - zunächst als Erzieherin in diversen Heimen, dann als Flüchtlingsbetreuerin. Was ist die Motivation für die jahrzehntelange Sisyphos-Arbeit gegen die immer rigider werdende Asylgesetzgebung? Und: wieso soll man überhaupt helfen, fragt Sophie Wolf. Ganz einfach - aus Egoismus: "Na weil's einem selber nur dann gut gehen kann, wenn es rundherum den Leuten auch gut geht."

Hilfsbedürftigkeit abschaffen

"Helft Euch!" hebt die Notwendigkeit altruistischen, solidarischen Handelns hervor. Zugleich ist es ein Plädoyer dafür, Hilfe nicht als unpolitische Almosengabe zu verstehen - und sich vor allem nicht auf der Stilisierung von Menschen wie Ute Bock als Ikone selbstloser Hilfe auszuruhen. Das betont Bock, wenn sie das eigentliche Ziel ihrer Arbeit formuliert: "Dass ich unnötig werde."

Das Buch ist keine Streitschrift geworden, wie der Titel verspricht. Mit der Symbolkraft des generationenübergreifenden Gesprächs zwischen einer wissbegierigen jungen Frau und einer streitbaren älteren Dame transportiert der Band allerdings niederschwellig formuliert die katastrophalen Missstände im österreichischen Asylregime - ganz im Sinne von Ute Bock: "Ich glaube, dass man das ununterbrochen bekannt machen muss, was sich da abspielt." Da Weihnachten dieses Jahr schon wieder unausweichlich ist, lautet der vorweihnachtliche Imperativ also: Schenkt "Helft Euch!"! Der Reinerlös geht an den Verein Ute Bock. (Augusta Dachs, dieStandard.at, 21.11.2012)

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