Die tickernde Geschmacklosigkeit

Kommentar |

kleinezeitung.at packte die Sensationsgier am Frauenmord: "Live-Ticker", nachdem eine Frau in Klagenfurt erstochen wurde

Am Donnerstag wurde in Klagenfurt eine Frau von ihrem Ehemann vor einem Kindergarten erstochen - mehrmals stach der Mann auf die Frau ein, die ihr Kind aus dem Kindergarten abholen wollte. Für die KollegInnen von kleinezeitung.at Grund genug, um das Laptop in die Tasche zu packen und einen "Live-Ticker" vor Ort einzurichten.

"13.36 - Ehemann verhaftet", "13.43 - Passanten hinderten Täter an der Flucht", "13.49 - Eltern holen Kinder über Seiteingang ab", "14.21 - Kriseninterventionsteam vor Ort" - so lauteten die Einträge im Ticker, die das Geschehen am Tatort vermitteln sollen. Informationswert gleich null, dafür aber eine publizistische Geschmacklosigkeit, die mittels protokollierter Sensationsgier dem Gewaltopfer jeden postmortalen Schutz entzieht.

Mediale Grenzen überschreiten

Die Verantwortung von MedieninhaberInnen und JournalistInnen, ob und in welcher Weise ein Live-Ticker eingesetzt und genutzt wird, scheint allerdings dem Credo nach Zugriffen und Klicks immer häufiger zu weichen. Jüngstes Beispiel ist jenes der kleinezeitung.at, aber eben nicht das Einzige: Das Fellnerische oe24.at bewies ähnliche Geschmacklosigkeit, als die KollegInnen vom Begräbnis eines achtjährigen Kindes "live" tickerten.

"Heute": Verhetzung des Täters

Das Tickern ist jedoch nicht das einzige journalistische Vergehen im Klagenfurter Fall: Auch noch von einem anderen Medium wurde die journalistische Ethik auf das Schwerste verletzt. In der Gratis-Tageszeitung "Heute" geht die Nachricht über den brutalen Mord kurzerhand in eine islamophobe Beschimpfung des Täters über, die man in seiner Niveaulosigkeit sonst eigentlich nur aus Presseaussendungen der FPÖ kennt. (daStandard.at kommentierte: "Heute" überschreitet Grenzen)

Verharmlosung durch Wortwahl

Dem aber noch nicht genug: Dass der kleinezeitung.at Ticker-Titel dann das Wort "Familiendrama" enthält, macht einmal mehr offenkundig, dass Frauenmorde medial verharmlost werden. Gerne verwenden KollegInnen etwa auch "Sextäter" anstelle Vergewaltiger. Warum ist es eine "Familientragödie", wenn ein Mann seine Frau erschlägt? Das sogenannte Familiendrama ist kein Drama, und auch keine Tragödie, sondern ein Mord oder eine Tötung einer Frau nach einer verbalen Auseinandersetzung. (Sandra Ernst Kaiser, dieStandard.at, 7.12.2012)

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bin einer meinung mit der autorin, dass der ausdruck tragödie inflationär verwendet wird.

trotzdem glaube ich, dass es situationen gibt, die menschen, frauen oder männer, überfordern.

in solchen fällen sollte man weiterhin "familientragödie" schreiben dürfen.

in der berichterstattung fällt auf, dass frauen mehr raum geboten wird, wenn es darum geht, ihre taten zu rechtfertigen.

bilde ich mir das ein?

ich vermute, wenn frauen töten, wird nicht seltener von familientragödien gesprochen.

das thema ist ein ernstes, aber:

http://www.youtube.com/watch?v=Hqvl3ev6yRo

da kann man zustimmen, das wort tragödie wird gerne missbraucht (wohl aber auch, wenn kinder oder männer ums leben kommen).

was die rolle der medien angeht, wenn frauen solche taten begehen, so fällt auf, dass ihnen häufiger die möglichkeit geboten wird, sich zu rechtfertigen, insbesondere etwas über ihre motive mitzuteilen. welche folgen das hat, zum beispiel für die hinterbliebenen, kann man sich ausmalen.

http://www.express.de/duesseldo... 16062.html

http://www.berliner-kurier.de/archiv/le... 65012.html

http://www.krone.at/Welt/Sado... index.html

Geschmacklos

Die wirkliche Geschmacklosigkeit daran ist das überhaupt als Nachricht zu bringen.

Der Informationsgehalt beschränkt sich auf: Mensch weiblich 43 getötet.

Und die ach so patriarchalische Gesellschaft hat im letzten Jahr zu 46 Morden geführt - 26 an Männern...

völlig richtig von "Heute"

da giften sich die politisch korrekten wieder weil man die Religion des Täters genannt hat, die ja die Ursache für den Mord ist. Trotzdem hat es "Heute" nicht gewagt das politisch korrekte Korsett ganz abzustreifen und den Mord als das zu bezeichnen was er ist: ein Ehrenmord.

ob und in welcher Weise ein Live-Ticker eingesetzt und genutzt wird, scheint allerdings dem Credo nach Zugriffen und Klicks immer häufiger zu weichen.

auch wenn der standard sich nicht in ekelhafte bereche begeben hat mit seinem live-dingensen, hat mich die häufigkeit und daher teilw. banalitäten, über die massenweise vor einigen wo/mo berichtet wurden doch fasziniert.

Sicher soll es Grenzen geben, ...

... aber die Versuche, Wortwahlen vorzuschreiben, ist Zensur. Dann müsste konsequenterweise mindestens die Hälfte der "gängigen" Opern abgeschafft werden, denn um nichts anderes als Eifersucht, Streit und Mord geht es dort. Die Dramen und Tragödien werden zum Unterschied zu "Live-Tickers" sogar von Musik mehr oder weniger berühmter Komponisten begleitet, bzw. getragen. Beispiel eines frühen "Live-Ticker"-Versuches:
http://www.youtube.com/watch?v=HCy20FESvpw

da mag aber wer die KLEINE ZEITUNG nicht

ich lese die klz seit 20 jahren, ich mag dieses blatt. eine derart deftige abrechnung hat sich diese zeitung, die derzeit einen viel applaudierten stellvertreterkrieg gegen die braune fpk-bagage führt, nicht verdient.

Lieber Ben12, das hat nichts mit einer Abrechnung...

...mit der Kleinen Zeitung zu tun. Es geht um die Frage, in welchen Situationen ein Live-Ticker adäquat eingesetzt werden kann - ein Frauenmord erscheint mir dafür nicht geeignet, wie im Kommentar geschrieben.
LG eks

und ein Männermord?

Wie wäre es überhaupt mit Mord?

Auch ein Totschlag, eine Körperverletzung mit Todesfolge, eine Tötung im Zustand der Unzurechnungsfähigkeit, ja nicht mal eine fahrlässige Tötung ist ein guter Anlass zum Live-Tickern.
Man kann Kritik aber auch übertreiben, bzw. den Gegenstand der z.T. berechtigten Kritik, wie im 4. Absatz vorzufinden, auch "mit Gewalt" wo hineininterpretieren, wo er sich nicht vorfindet.
Anlassfall für die Kritik an diesem Live-Ticker ist nun mal ein "Frauenmord" (gut, muß das Gericht feststellen, wenn keine Unzurechnungsfähigkeit vorliegt, kann man aber davon ausgehen).
... Ich nehme an, auch das Live-Tickern eines "Männermordes" oder "Kindermordes" würde nicht gutgeheissen ;-) - auch wenn ein Artikel darüber eher im derStandard.at wäre.

Mag sein! Ich lese die Zeitung auch gerne, wenn ich in der Stmk. oder Kärnten unterwegs bin, und ziehe sie, wenn in einem Gasthaus, Hotel, einer Imbissstube oder Cafe aufliegend, einer anderen, dort meist auch aufliegenden Zeitung allemal vor. Dennoch, ein Live-Ticker in so einem Fall ist geschmacklos, und ein Fehltritt.

Die liveticken ja nicht richtig!

frauenmord

wenn ein mann s/eine frau erschlägt ist das eindeutig mord, frauenmord. eine tragödie muss nicht tödlich enden. ich wundere mich auch jedesmal, wenn ein kind oder die mutter vom vater, freund oder bekannten ermordet wird, dass die zeitungen von familientragödie schreiben. frauenmord sind häufig beziehungstaten...http://www.sueddeutsche.de/panorama/... -1.1365223

es gibt aber weitaus mehr "männermorde" als "frauenmorde". wir wollen uns doch um die opfer kümmern oder? warum also der merkwürdige fokus auf die kleinere zahl der "frauenmorde"?! sind sie alle auf einem auge blind?

Es ist in Hinsicht auf die Kritik am Wort Drama oder Tragödie nicht dasselbe. Männer sind mehr im öffentlichen Raum betroffen,

wo kein (weniger?) "Drama" einer unglückbringenen Verstrickung auf Beziehungsebene vorausgeht, die dann "tragisch" (Tragödie) endet.
Tragödie/Drama wird ja auch verwendet, wenn Frauen ihre Kinder töten (siehe weiter unten, auch bei MynniaIgnea).

Mir ist nicht wirklich ganz nachvollziehbar, weshalb man Mord oder jedenfalls Tötung als Begriff fordert. Es ist stärker verurteilend, das ist ein teilweise nachvollziehbares Argument. Gerade das ist aber auch effekthascherischer, reißerischer, "sensationsgieriger" wogegen man sich, findet es in einem Live-Ticker Ausdruck, imo richtigerweise verwehrt. Gerade bei "Mord" ist ja letzlich zum Zeitpunkt des Berichtens nicht entscheidbar, ob Mord, Totschlag, ob (volle) Zurechnungsfähigkeit, etc..

Halten wir fest: "Männermorde" durch Frauen werden von den Medien ganz genau gleich als "Drama" oder "Tragödie" bezeichnet.

Hier wird behauptet, das sei nur bei "Frauenmorden" so, was unhaltbarer Opfermythos ist. Das wird dann vermischt mit dem Täteranteil (sicherlich mehr Männer als Frauen). Das eine hat mit dem anderen aber nichts zu tun und wird dadurch nicht wahrer.

Weiters ist den Mordopfern (weitaus mehr Männer als Frauen) egal, wer die TäterInnen sind. Das Ergebnis ist, dass das Opfer tot ist.

Die Ambivalenz liegt darin, einerseits die Opferkarte zu spielen und sich andererseits aber nicht um die Opfer (mehrheitlich Männer) zu scheren, sonderen nur um ausgewählte ("Frauenmorde") und auf Tätern herumzureiten. Entweder/oder bitte.

Ja, es ist auch nicht schlüssig. Die ersten 3 Absätze handeln von Kritik an Sensationsgier und medialer Verurteilung/ Verhetzung. Liveticker bei Tötungen und Begräbnissen, Verhetzung des Täters (naja, eigentlich wird der Leser verhetzt und gegen den Täter gehetzt) durch hervorkramen antiislamischer Stereotype (völlig jenseitigerweise bei einem öst. Täter ohne jeden Migrationshintergrund, btw.).
"Dem aber nicht genug" als einleitung des letzten Absatzes impliziert einen Zusammenhang-, oder impliziert, daß es zur gleichen Art von Dingen gehört, wenn Drama oder Trägodie statt Frauenmord, Mord oder zum. Tötung verwendet wird.
Diesen Zusammenhang gibt es nicht, es ist auch kein Thema ähnlicher Art. Es ist u.U. sogar das Gegenteil:

"Tötung" wäre noch korrekt, neutral, und bezeichnet schlicht die Tatsache.
Den Tenor Richtung Frauenmord, Mord usw. finde ich gerade wieder relativ reisserisch. Vielleicht fordern dann in Folge auch andere, von Männermord, Kindsmord usw. zu sprechen.
Und ich weiß nicht, was an Schlagzeilen gut sein soll, die von Morden und Mördern/Mörderinnen, von Frauenmorden, Kindermorden, Männermorden; Frauenmördern, Kindsmördern, Kindsmörderinnen, Männermörderinnen "triefen" (vor aller gerichtlichen Tatbestandsfeststellungen), nur um ja nicht zu verharmlosen, und bei niemanden, der das dann so empfinden könnte, anzuecken. Gegen "Tötung" wäre aber nichts einzuwenden.

Tötungen im Familienumfeld werden überhaupt gerne mit Drama oder Tragödie bezeichnet. Ob ein Mann Frau oder Kinder tötet, oder auch eine Frau Mann (selten) oder Kinder. Ein Beispiel, auch aus der SD, für Frau tötet Kinder.

http://www.sueddeutsche.de/muenchen/... -1.1523513
Möglicherweise wird bei Taten im familiären Umfeld Drama oder Tragödie verwendet, weil diesen Taten meist ein langer leidvoller Weg vorausgeht. Ob das verharmlosend ist? Es schließt jedenfalls schuldhaftes verurteilenswertes Verhalten eines/r Beteiligten nicht aus. Immer "Tötung" zu schreiben, wäre natürlich auch richtig (Mord, also kaltblütig geplant usw. festzustellen, aber Sache des Gerichtes danach).
Es würde dem Bedürfnis einer stärkeren medialen Verurteilung von TäterInnen Ausdruck geben. Nur was bringt das eigentlich, hinsichtlich Prävention? - unabhängig davon, daß diese Taten verurteilenswert sind.

"Warum ist es eine "Familientragödie", wenn ein Mann seine Frau erschlägt?"

Ist diese Frage ernst gemeint?

ja, die meinen das ernst...

Ich bin auch immer wieder verwundert wie dieStandard es nahezu jedes mal schafft an sich gute Artikel durch komplett widersinnige Behauptungen ad absurdum zu führen.

Klar ist es eine Tragödie - was soll es sonst sein? Eine Komödie? - Tragödie ist etwas das in einer Katastrophe gipfelt (PUNKT). Aber das wird hier nicht verstanden.

Es darf nur ein Wort für Mord geben, sonst ist es keiner - das ist die Logik hier. Und ähnlich wird mit der restlichen Grammatik und dem restlichen Vokabular umgegangen.

irgendwie ähnlich der

tragisch geendeten irreführung einer krankenschwester in england durch ein höchst verantwortungsloses journalistenpaar, um zu beweisen, wie schnell man sicherheitsschranken rund ums königshaus knacken kann. die blamage endete mit dem selbstmord der krankenschwester.
journalistische ethik läßt sich nicht erlernen wenn man sie nicht besitzt!

...empfinde ich auch so, man muß sich in die

Situation derr Frau versetzen, sie kam sich nun als
"dumm", leicht zu hinterführend vor, hat sich "zu Tode geschämt", schrecklich.
Es ist heute modern, andere Menschen "vorzuführen", wie taktlos und schwerwiegend das sein kann, hat dieser Fall gezeigt.
Sie ruhe in Frieden.
(Es ist mir schon klar, daß die beiden Journalisten dies nicht beabsichtigt haben...!)

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