Wo die Lebenslust wohnt

  • Ingrid Farag lebt bereits in einem [ro*sa]-Wohnprojekt in Meidling: Ein Zurück kann sie sich "nicht mehr vorstellen".
    foto: diestandard.at/buchta

    Ingrid Farag lebt bereits in einem [ro*sa]-Wohnprojekt in Meidling: Ein Zurück kann sie sich "nicht mehr vorstellen".

  • Die Eckdaten des neuen Wohnprojektes in Simmering.

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In den Wiener Frauenwohnprojekten [ro*sa] finden sich Alternativen zum anonymen städtischen Dasein als Kleinfamilie oder Single

"Das Beste hier ist die Gemeinschaft", sagt Ingrid Farag und deutet mit der Gabel auf die Portion Rindsroulade mit Bandnudeln und Salat, von der sie gerade isst. Gekocht wurde sie nämlich von einer der Frauen des Wohnprojekts. Elisabeth ist Pensionistin und sorgt zweimal die Woche für das leibliche Wohl der BewohnerInnen von [ro*sa] Kalypso in der Oswaldgasse in Meidling. Auf diese Weise profitieren nicht nur die berufstätigen Frauen, die hier leben, sondern auch Elisabeth selbst, die leidenschaftlich gern kocht und nebenbei die Bestätigung erhalte, gebraucht zu werden, erklärt Ingrid Farag. Sie ist die stellvertretende Obfrau des Vereins [ro*sa] Kalypso in Wien, der bereits 2009 zwei Wohnprojekte realisiert hat (Meidling und Donaustadt). Das dritte (Simmering) soll im Herbst 2014 bezugsfertig sein.

"Einander helfen ist selbstverständlich"

Die zentrale Idee "Miteinander statt nebeneinander" wird aber auch in vielen anderen Bereichen gelebt. Ob beim gegenseitigen Aufpassen auf die Kinder, dem abwechselnden Begleiten der Kids in Kindergarten und Schule, der Versorgung von Haustieren und Pflanzen im Urlaubs- und Krankheitsfall oder dem Mitbringen von Einkäufen. "Einander helfen ist selbstverständlich", erzählt Farag, "auch wenn eine mal eine Ansprache braucht". "Hier fühl' ich mich nie einsam", sagt "Köchin" Elisabeth, "wenn ich jemandem zum Reden brauche, finde ich immer ein Ohr, das mich wieder coacht". Ganz alleine zu wohnen tue nicht gut, darin sind sich alle BewohnerInnen der Oswaldgasse einig.

"Es geht um die Lebenslust"

Dabei gehe es gar nicht nur um Erleichterungen im Alltag, es seien auch die vielen gemeinsamen Aktivitäten, die das Leben dort angenehmer, ja lebenswerter machen würden. Sei es der Sonntagsbrunch, der wöchentliche Yoga-Abend, die Shiatsu-Stunden, die Nähgruppe, Filmabende, feministische Diskussionen oder Feiern zu Weihnachten und zu Silvester. "Bei uns ist immer was los", lacht Ingrid Farag, und Elisabeth ergänzt: "Es geht um mehr als die Politik (eines von Frauen initiierten und organisierten Wohnmodells, Anm.), nämlich vor allem um die Lebenslust". Durch das gemeinsame Tun habe sich bereits ein richtiges Freundinnen-Netzwerk entwickelt. "Natürlich haben wir auch Krisen", gesteht Farag, "aber dann organisieren wir eben eine Supervision, bis wieder Einigkeit herrscht". Die Kosten für eine solche Intervention übernimmt die Vereinskasse, in die jedes Mitglied  monatlich einen kleinen Betrag einzahlt, damit auch andere Ausgaben wie Reparaturen im Haus oder von außen zugekaufte Dienstleistungen bezahlt werden können.

Alle Agenden liegen in Frauenhand

Das Besondere an den Frauenwohn-Projekten ist nicht – wie irrtümlich aus dem Begriff "Frauenwohnen" geschlossen werden könnte - dass hier nur Frauen wohnen (auch gemischte Paare leben dort), sondern dass alle Agenden in Frauenhand liegen, von der Planung über die Organisation bis zu den Verträgen. Für [ro*sa] im Elften sind 50 Wohnungen in der Größe von 45 m2 bis 100 m2 geplant, wovon etwa die Hälfte im Verein und die zweite Hälfte am freien Markt vergeben werden. Die Finanzierung funktioniert wie bei Genossenschaften mit Eigentumsoption, wobei pro m2 498 Euro und für die Miete pro m2  6,50 Euro zu berappen sind.

Vergleichbar den bereits bestehenden Objekten wurde auch beim Projekt Simmering eine optimale U-Bahn-Anbindung (U3 Enkplatz) und eine ausgeklügelte Infrastruktur bedacht. Auf den Mautner-Markhof-Gründen sollen in den nächsten Jahren Geschäfte, Kindergärten, Restaurants und ärztliche Praxen entstehen – ein kleines dörfliches Ambiente mitten in der Stadt, in dem das soziale Miteinander im Vordergrund steht.

Für Ingrid Farag ist das Frauenwohnen jedenfalls genau das, was sie gesucht hat. Sie war lange in Döbling daheim, alleine in einer Wohnung mit Kontakten im Haus, die "über oberflächliche Grußfloskeln nicht hinausgingen". Nie hätte sie gedacht, einmal in Meidling zu wohnen "und jetzt kann ich mir ein Zurück nicht mehr vorstellen". (Dagmar Buchta, dieStandard.at, 24.2.2013)

Weitere Informationen zum Wohnprojekt in Simmering:

Im Café Prückl werden regelmäßig Treffen für Interessierte abgehalten:

Termine unter Tel 0681 1074 4500 oder: rosa@frauenwohnprojekt.info

Link

www.frauenwohnprojekt.info

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