Zu hässlich für Wimbledon?

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  • Marion Bartoli gewann am Wochenende das Wimbledon-Turnier. Anschließend ging die Häme in den sozialen Netzwerken los.
    foto: reuters/toby melville

    Marion Bartoli gewann am Wochenende das Wimbledon-Turnier. Anschließend ging die Häme in den sozialen Netzwerken los.

Marion Bartoli entspricht nicht den Schönheitskriterien mancher Kommentatoren - Daraus folgte ein Lehrstück an sexistischer Berichterstattung

Die Französin Marion Bartoli erreichte am Samstag das, wovon viele TennisspielerInnen träumen: Sie gewann ein Grand-Slam-Turnier. Noch viel besser: Sie gewann das Grand-Slam-Turnier, nämlich die All England Championship - Wimbledon. Die von Kopf bis Fuß weiß gekleideten AthletInnen, der gepflegte Rasen und die Cocktail-Partys gehören hier ebenso zum gesitteten britischen Ton wie die Lust an Erdbeeren mit Schlagobers.

Weniger gesittet und auch gar nicht british, um nicht zu sagen derb sexistisch gaben sich nach Bartolis Triumph allerdings die Kommentatoren. Die US-Tennisikone John McEnroe, der das Frauen-Finale als TV-Kommentator begleitete, kommentierte live, dass Bartoli "nicht so aussieht, wie man sich eine Athletin vorstellt". BBC-Moderator John Inverdale sagte kurz nachdem die Französin das Finale gewonnen hatte und auf der Tribüne zu ihrer Familie und ihren BetreuerInnen kletterte: "Glauben Sie, Bartolis Vater hat ihr als Kind gesagt 'Du wirst nie ein Hingucker sein, du wirst nie eine Scharapowa sein, also sei angriffslustig und kämpfe'?" Die BBC entschuldigte sich dafür. Andere trieben das Spiel des Lookism aber munter weiter.

"A man wins the women's Wimbledon Final"

Der Sport-Informations-Dienst sid ließ im Bartoli-Porträt "Die etwas andere Tennis-Heldin" wissen, dass sie "nicht nur äußerlich eher an eine Diplompsychologin als an eine Wimbledon-Siegerin erinnert". Völlig jenseitig jedoch das Schauspiel, das sich im Anschluss an Bartolis Sieg im Social-Media-Kanal Twitter bot.

Die wüstesten Beschimpfungen und Drohungen waren dort zu lesen. Von "This Bartoli chick is a fat slob" bis zu "Fuck Bartoli. Fucking fat ugly fuck. Fuck sakes". Und auch ein Klassiker unter den Sexismen reihte sich dort ein: "For the first time ever a man wins the women's Wimbledon Final! Go team men". Doch der Twitterant irrt.

Altbekannte Muster

Seine Sexismus-Kollegen steckten schon in den 1980er Jahren die tschechische Tennisspielerin Martina Navrátilová in diese Schublade. Die Ikone des Tennissports gewann den Einzeltitel in Wimbledon insgesamt neunmal - mann bezeichnete sie gerne als "Mann-Frau" oder "Mann-Weib". In den 1990er Jahren war es dann die spanische Tennisspielerin Conchita Martínez, die den körperlichen Oberflächen-Träumen der Zuschauer und Kommentatoren nicht gerecht wurde.

Es zeigt sich: Auch weibliche Tennisprofis, die nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprechen, werden mit alarmierender Unprofessionalität auf ihre Äußerlichkeiten reduziert. Die Sport-Journaille und die Leute in den sozialen Medien scheinen rein gar nichts vom Aufschrei gegen Sexismus verstanden zu haben. Treffsicher antwortete Marion Bartoli aber auch jenseits des Centre-Courts: "Habe ich jemals davon geträumt, einen Modelvertrag zu bekommen? Nein. Habe ich jemals davon geträumt, Wimbledon zu gewinnen? Absolut!" (Sandra Ernst-Kaiser, dieStandard.at, 9.7.2013)

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