Elfriede Jelinek im dieStandard.at- E-Mail-Interview über Feminismus, Künstlerinnen und Protestformen
dieStandard.at: Was verbinden sie mit dem internationalen Frauentag? Welche Aktionsformen finden sie ansprechend und politisch wirksam?
Elfriede Jelinek: Es gibt sicher Länder, die guten Grund haben, einen internationalen Frauentag zu feiern. Angesichts allerdings der Tatsache, dass die Einkommensschere zwischen Männern und Frauen hier in Österreich nicht nur, wie immer schon, auseinanderklafft, sondern sogar noch größer wird! – was soll da ein Frauentag bei uns? Das ist für mich Augenauswischerei. Man kann den Frauen doch nicht einen Tag hinschmeißen wie einem Hund einen Knochen. Das ist ja lächerlich, der blanke Hohn.
Ich wüsste nicht mehr, was man noch tun könnte, ehrlich gesagt. Aber was immer zu tun ist, es sollen andre tun. Ich werde mich immer anschließen, aber Kämpferin bin ich keine mehr.
dieStandard.at: Welche Bedeutung haben feministische Positionen für sie?
Elfriede Jelinek: Feminismus ist und war für mich immer bedeutsam. Ich bewundere Alice Schwarzer für ihre ungebrochene Energie und Willenskraft. Ich habe nichts davon übrig oder fast nichts. So viele meiner Kolleginnen, soviele Frauen haben sich in diesem Kampf schon aufgerieben, mit diesem mageren Ergebnis. Und es geht ja nicht nur um die ökonomische Ungleichheit. Es geht um das phallokratische Wertesystem, das auch noch die Werke der Frau, im Vergleich zu denen der Männer, auch die der Kunst - ja, auch meine! -, verachtet und geringschätzt.
dieStandard.at: Welche feministischen Zugänge bevorzugen sie? Haben sie ihre dahingehenden theoretischen Vorlieben im Zeitverlauf verändert?
Elfriede Jelinek: Ich habe immer eher ungeordnet und wahllos feministische Theorie gelesen - wie Theorie überhaupt, ich lese bloß gezielt für Arbeiten, die ich vorhabe. Mich hat immer das Denken von Frauen interessiert, auch wenn es nicht unbedingt vordergründig feministische Theorie ist, was sie schreiben, also von Hannah Arendt, der großen politischen Denkerin, bis zu Zeitgenossinnen wie Barbara Hahn, Eva Meyer, Barbara Bronfen und andre. Leider habe ich mich (noch) zu wenig mit Judith Butler beschäftigt, aber das habe ich vor.
Ich würde auch sehr gern mehr ökonomische Analysen von Frauen lesen. Allein über die Obszönität von Frauenarbeit, also dem Verborgenen von Frauenarbeit. Dass Frauen in keinem BIP aufscheinen, allein diese Ungerechtigkeit könnte einen in den Wahnsinn treiben, hätte man noch einen Verstand zu verlieren.
dieStandard.at: In einem Versuch, politische Konjunkturen in feministischen Zugängen zu fassen, könnten Positionen der Abgrenzung und daneben lustbetonte, vielleicht eher subversive Zugänge erkannt werden. Was ist ihre Sicht auf derartige Konjunkturen und welche Motivation ihrer künstlerischen und politischen Aktivitäten möchten sie benennen?
Elfriede Jelinek: Leichtigkeit und Fröhlichkeit gehen mir leider inzwischen völlig ab bei diesem Thema, fürchte ich. Man fixiert sich da sicher in ungesundem Fanatismus, und dann gilt man irgendwann – wie ich - als fanatisierte Emanze. Aber die Verbitterung über die Zustände führt halt nicht immer zu geistreichen Scherzen oder aktionistischen originellen Aktionen, so sehr ich die auch bewundere.
Aktionismus war nur in meiner Jugend angesagt, und da hat sich das eher künstlerisch geäußert. Da habe ich ab und zu spaßguerillaartige Aktionen gemacht. Mir kommt in der Rückschau vor, als wären damals die Frauen, auch in der Kunst - ich spreche von den späten 60ern und den frühen 70ern, nicht von den 50ern, wo die Frauen ja überhaupt nur möglichst hübsche Anhängsel der Künstler waren - in einer Art Aufschwung gewesen. Im Rückblick erscheint es mir wie ein tiefes Atemholen, das langsam erstickt worden ist.
dieStandard.at: Ist ein Rückzug auf ihre Arbeit als Künstlerin möglich, wenn theoretische Entwicklungen stocken?
Elfriede Jelinek: O ja, dieser Rückzug ist selbstverständlich möglich, und ich habe mich ja fast immer auf meine künstlerische Arbeit zurückgezogen, in der ich frei bin, alles zu sagen. In der Kunstwelt ist es natürlich eine Katastrophe, und die größte Katastrophe sind Musik und Philosophie, in der Musik ist die Komponistin auf potente Auftraggeber angewiesen, und in der Philosophie sitzt sie im Glashaus des männlichen Denkens, aber dieses Glas wird nie einen Sprung kriegen, da kann man noch soviele Steine schmeißen.
dieStandard.at: Gibt es KollegInnen, jüngere Entwicklungen des Literatur- und Theaterbetriebs, die sie begeistern? Sibylle Berg wird zum Beispiel mit ihnen verglichen?
Elfriede Jelinek: Ja, da gibt es etliche, die mich interessieren, begeistern lasse ich mich nicht so leicht, leider - viele Künstlerinnen, viel interessanter ist, was aus ihnen wird, ob sie sich ihre Energie erhalten können.
Sibylle Berg liebe ich sehr, ihre böse Ironie, bei der die Sprache nicht schon, wie bei mir, vorher weiß, dass alles vergebens ist, sondern die vielmehr mit der Sprache Schritt für Schritt beweist, dass alles vergebens und lächerlich ist, gefällt mir sehr gut. Sie kennt das Leben, das schätze ich bei Schriftstellerinnen besonders.
Überhaupt kennen Frauen ja das Leben viel besser, man beachte nur die Arbeiten der großen angelsächsischen Krimiautorinnen wie Ruth Rendell oder P.D. James und anderer. Da die Frauen ja die Liebesarbeit leisten, kennen sie auch die Katastrophen, die daraus resultieren und können daher auch besser darüber schreiben, sozusagen in Objektsprache, nicht in verlogener Metasprache. Und genau das ist auch einer der Punkte, wo ihre Arbeit vom männlichen Bewertungssystem verachtet wird.
dieStandard.at: Möchten sie die Regierungsaktivitäten zum Jubiläumsjahr 2005 kommentieren?
Elfriede Jelinek: Nein. Was soll man da kommentieren? Da ich diese Regierung verabscheue, werde ich mich auch nicht mit ihren (Selbst-)Repräsentationsaktivitäten auseinandersetzen. Nur mit ihren Taten, bzw. Nicht-Taten.
dieStandard.at: Zugleich war die schwarz-blaue Regierung auch in den vorangehenden Jahren nicht untätig: politische Selbstbestimmungs- und Verwaltungsgremien wurden umgebaut, es gibt klare Bekenntnisse zu Exzellenzzentren, neue Elitediskussionen und Verschärfungen im Asylgesetz. Wie beurteilen sie diese Entwicklung?
Elfriede Jelinek: Da ohnehin inzwischen alles schwarz eingefärbt ist - mit einigen schlagenden Burschenschaftlern in Universitätsgremien oder Forschungseinrichtungen und anderswo, wo sie sich ganz besonders anmutig ausnehmen -, kann man auch keine Analysen mehr anstellen, denn es gibt nichts mehr zu analysieren. Es gibt nur noch eine Monokultur der Schwärze. Dieses Land ist jetzt endgültig, auch dank der Konzentration im Pressewesen, verdirndlt und verlederhost und verklampft und verjodelt und versportelt.
dieStandard.at: Inwieweit ist es möglich öffentlich zu agieren, wenn soziale und politische Sanktionen immer schärfer werden. Ich denke einerseits an die Plakataktion der FPÖ und andererseits an den regierungsamtlichen Umgang mit ihrem Literaturnobelpreis.
Elfriede Jelinek: Ich möchte mir, wie jede Staatsbürgerin und jeder Staatsbürger, das Recht vorbehalten zu protestieren gegen die gröbsten Missstände. Ich habe in meiner Homepage auch eine Rubrik eingerichtet (Notizen), in der ich, sozusagen privat - denn ich kann das Gegeifere, das so vielen meiner Arbeiten gefolgt ist, einfach nicht mehr aushalten, ich kann Öffentlichkeit überhaupt nicht mehr sehr gut aushalten, fürchte ich - meine politischen Kommentare abgebe, in einer nicht sehr ausformulierten, quasi vorläufigen, flüchtigen Sprache. Dort kann ich mich sozusagen auskotzen, in meinem eigenen Vorzimmer, dort darf niemand andrer als ich Dreck machen. Und es geht niemanden etwas an, ob ich ihn wegputze oder nicht.
Das vollständige Interview von Heide Hammer mit Elfriede Jelinek können Sie unter Vollversion nachlesen.