
Das liest sich wie der Beginn eines Thrillers, aber der erste Roman des Turiners Andrea Canobbio hat anderes im Sinn als billige Spannung. Ihn beschäftigen die seltsamen Verbindungen zwischen den Protagonisten. Beziehungen und Konstellationen, die zunächst ganz eindeutig erscheinen, bleiben verschwommen und geheimnisvoll. Die Rolle des Zeugen und der Mörderin, der Femme fatale und des liebenden Bruders, des Opfers und der Familientragödien sind zweideutig. Und der Icherzähler Claudio, der nach einem abgebrochenen Architekturstudium zum Gartenarchitekten geworden ist, verweilt ohnehin lieber in imaginären Räumen, die er durch ausgeklügelte Artefakte in Verbindung mit Pflanzen entstehen lässt. Ordnung im Chaos, gezähmte Natur, Kontrolle, alles Gegenbilder zur psychischen Destabilität und Anarchie.
Claudio entwirft für seine Auftraggeber den vollkommenen Garten, er entwirft aber auch die Geschichte seiner Brüder und seines Vaters neu, indem er die Rückblenden scharf stellt und sich fragt, was alle dazu bewogen hat, dem Sterben des rauschgiftsüchtigen Bruders einfach zuzusehen. Claudio hat auch einen anderen Auftrag: Seine Mutter hat ihm nach dem Konkurs des Vaters einen Namen zugeflüstert, den er nie vergessen dürfe. Es ist der Namen jenes Mannes, der angeblich Claudios Familie ruiniert hat und der auf dem Parkplatz exekutiert wurde.
Die verborgenen, schicksalhaften Verbindungen dieser an Anzahl überschaubaren Romanfiguren werden immer rätselhafter und komplizierter. Schockierendes wird beiläufig in Nebensätze gepackt, und während sich finstere Räume der Introspektion eröffnen, zischeln im Hintergrund, quasi als permanente Störgeräusche, die Berichte über den Krieg in Jugoslawien und die italienische Innenpolitik.
Canobbios feine Kunst besteht in der Konfrontation ästhetischer, weich gezeichneter Räume mit theatralisch inszenierten Grässlichkeiten. Wobei das eine nicht unbedingt innen und das andere nicht außen sein muss, manchmal ist es auch umgekehrt. (DER STANDARD, Printausgabe 21./22.05.2005)
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