Alles unter Kontrolle?

Redaktion, 13. Oktober 2005, 13:41

Rund 85 Prozent der von Harninkontinenz Betroffenen sind Frauen. Über das "heimliche Leiden" Veronika Fialka-Moser vom AKH Wien im dieStandard.at-Interview

dieStandard.at: Blasenschwäche ist gerade bei Frauen ein "heimliches Leiden" - welche Beschwerden sind mit Inkontinenz verbunden?

Dr. Veronika Fialka-Moser: Das kommt auf die Art und den Grad der Blasenschwäche an - generell schränkt sie die Lebensqualität der Betroffenen oft bedeutend ein. Bei der so genannten Stressinkontinenz, die auch Frauen im Wechsel betrifft, kommt es zunächst vor allem beim Husten oder Lachen zu unfreiwilligem Harnabgang, im zweiten Grad schon bei einfacher Bewegung, wie beim Gehen. Bei Inkontinenz dritten Grades geht auch bereits im Liegen Harn ab.

dieStandard.at: Wie wirkt sich das auf den Alltag der Betroffenen aus?

Fialka-Moser: Viele gehen zum Beispiel nicht mehr oder viel weniger aus, weil sie Angst haben, im Falle des Falles nicht aufs WC gehen zu können. Sie schämen sich, weil es unangenehm riecht, wenn sie Harn verlieren. Da viele ältere Frauen betroffen sind, ist Inkontinenz auch sehr eng mit dem Thema Lust und Sex im Alter verbunden. In der Partnerschaft sind viele Frauen gehemmt, weil sie Angst haben, beim Sex Harn zu verlieren und es ihnen peinlich ist, mit dem Partner über ihr Problem zu sprechen. Sie trinken zum Beispiel dann davor weniger, was wieder schlecht für die Gesundheit ist. Viele sprechen aus Scham auch gar nicht darüber und verschweigen ihr Leiden. Es gibt jetzt aber bereits immer mehr Aktionen und Projekte, konkret für Frauen etwa "Alles unter Kontrolle" der Stadt Wien, in denen das Thema Inkontinenz offen angesprochen wird, und wo die Betroffenen ermutigt werden, Rat und Hilfe von Fachleuten einzuholen.

dieStandard.at: In welchem Alter tritt Blasenschwäche bei Frauen am häufigsten auf?

Fialka-Moser:In Österreich leiden etwa 30 Prozent aller 60 bis 65-Jährigen daran, in Pflegeheimen sind es sogar 50 bis 70 Prozent. Bei den Frauen bis 60 Jahren sind es etwa 20 Prozent.

dieStandard.at: Was kann frau konkret bei Inkontinenz tun?

Fialka-Moser: Generell gilt: Je früher etwas unternommen wird, desto besser. Der erste Schritt ist meist der Weg zum/r Gynäkologen/in, der/die zunächst den Beckenboden untersucht und dann entweder zur Physikalischen Medizin oder Physiotherapie, manchmal auch zum/r Urologen/in weiter überweist. Die größten Erfolge bei Stressinkontinenz werden durch regelmäßige Beckenbodengymnastik erzielt, die zunächst unter fachlicher Anleitung erfolgen sollte, bis die Muskulatur selbst trainiert werden kann.

Für Frauen, die ihren Beckenboden nicht mehr fühlen können und nicht wissen, welche Muskeln sie anspannen sollen, empfiehlt sich eine Biofeedbacktherapie: Die Patientinnen können dabei mithilfe eines Bildschirms genau sehen, wo sie wie kontrahieren sollen. Sehr erfolgreich ist das Training mit so genannten Vaginalkonen: das sind kleine kugel- oder kegelförmige Gewichte, die täglich etwa 20 Minuten in der Vagina gehalten werden sollen.

dieStandard.at: Es ist also viel Eigenintiative der Betroffenen gefragt...

Fialka-Moser: Ja, auf jeden Fall: Neben Beckenboden- und Blasentraining sollten die Patientinnen auch ein tägliches Miktionsprotokoll führen: Darin wird festgehalten, was und wie viel sie getrunken haben, wie oft sie am WC waren und wie viel Harn sie abgegeben haben.

dieStandard.at: Manche Frauen sind bereits vor oder im Wechsel von Blasenschwäche betroffen. Was ist der Auslöser dafür?

Fialka-Moser: Die hormonelle Veränderung im Körper: Sie bewirkt eine Schwächung der Beckenbodenmuskulatur.

dieStandard.at: Kann die umstrittene Hormontherapie hier helfen?

Fialka-Moser: Eine Hormontherapie ist bei Inkontinenz sicher nicht erforderlich – gezieltes Beckenbodentraining wirkt einfacher und besser.

dieStandard.at: Welcher Unterschied besteht zwischen Inkontinenz bei Frauen und bei Männern?

Fialka-Moser: Bei Männern ist Inkontinenz oft die Folge einer Prostatavergrößerung oder –operation, wodurch der Harn tröpfelt. Bei Frauen ist Blasenschwäche neben der erwähnten Hormonumstellung im Wechsel häufig auch eine Folge von Schwangerschaften – je mehr Vaginalgeburten, desto eher kann Inkontinenz später ein Problem werden. Deshalb empfiehlt es sich, nach jeder Schwangerschaft unter Anleitung den Beckenboden zu trainieren. Auch Rauchen ist generell ein Risikofaktor, weil es das Gewebe schwächt und der Raucherhusten Druck im Unterbauch erzeugt. Wichtig zur Vorbeugung sind außerdem eine gute Haltung und richtige Atmung.

dieStandard.at: Wie können Freunde und Angehörige helfen und/oder motivieren, etwas dagegen zu unternehmen?

Fialka-Moser: Motivieren, indem sie den Betroffenen vermitteln, dass Blasenschwäche behandel- und verbesserbar ist und sie dann angenehmer damit leben. Die größte Hilfe ist Akzeptanz: Wenn die Patientinnen sich trotz ihres Leidens akzeptiert fühlen, ist schon ein großer Schritt getan. Voraussetzung dafür ist natürlich, das die Patientinnen überhaupt von ihrer Blasenschwäche erzählen. Ein besonderes Problem kann das, wie schon gesagt, in Partnerschaften sein: Die Betroffenen haben oft Angst, mit ihrem Leiden vom Partner abgelehnt zu werden – es hängt also sehr von der Qualität der Beziehung ab, wie mit dem Problem umgegangen wird. Meist ist es so, dass, wenn die Beziehung vorher okay war, der Partner seine Frau auch mit ihrer Blasenschwäche akzeptiert. Bei Paaren, wo die Beziehung hingegen schon länger nicht mehr intakt ist, schweigt die Frau in vielen Fällen auch jetzt über ihr Leiden, weil sie keinen Sinn darin sieht, darüber zu sprechen.(isa)

ZUR PERSON
o. Univ. Prof. Dr. Veronika Fialka-Moser ist Ärztin an der Universitäts-Klinik für Physikalische Medizin und Rehabilitation am Wiener Allgemeinen Krankenhaus und lehrt an der Medizinischen Universität Wien.
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