Wem "Frauensprache" schadet

Redaktion, 7. August 2005, 17:00
  • Artikelbild
    grafik: frauensprache.com

Kommentar zur hohlen Argumentationslogik der Sprachreform-VerweigerInnen

Erst kürzlich hatte ich wieder einen Disput aufgrund der "Frauensprache". Eine Kuratorin, pardon ein Kurator, denn selbige ist ja gänzlich gegen weibliche Sprachformen eingestellt, trat mit dem Thema an mich heran. Vor Aufregung zitternd, über die Bösartigkeit der Feministinnen empört, setzte sie zu einer Schimpftirade an. Also wirklich, diese "extremen Emanzen" würden vor allem durch die Versessenheit auf "diese Sprache" allen anderen Frauen schaden, stieß sie hervor und ihr Weinglas um, dessen Inhalt sich glücklicherweise auf ihren Business-Hosenanzug und nicht auf mich ergoss. Es sei ein "absoluter Blödsinn" zum Beispiel "Frau Ministerin" zu sagen, weil, so erklärte sie mir, dass eine Verdoppelung sei. Und "Minister" außerdem eine Berufsbezeichnung, die für beide Geschlechter gelte. Nachdem die Vorbringung meiner Argumente nicht fruchtete, wendete ich mich ab.

"Frauensprache" bedroht. Von Heruntermacherei und Verniedlichung mittels Vokabeln wie "unwichtig", "Nebensächlichkeit", "habt ihr keine anderen Probleme?" bis zu aggressiven Äußerungen und wüsten Beschimpfungen á la "totalitäres Gehabe", "militante Männerfeindlichkeit", "weibliche Machos" und "feministoide Extremistinnen" reicht die Palette an Kommentaren gegen sie.

Dabei ist die weibliche Sprachform entgegen allen Vorurteilen keine Sprache von/für Frauen, die jene bevorzugt und Männer benachteiligt. Vielmehr wird sie als ein geschlechtsneutrales Element verstanden, welches die Unsichtbarkeit von Frauen in der Sprache beseitigen und somit gleichheitsfördernd wirken soll. Trotzdem scheint, wie die emotional aufgeladenen Diskussionen und abwehrenden Statements belegen, Frauensprache weite Teile der Bevölkerung zu bedrohen. Nicht nur Männer, auch Frauen. Fragt sich, warum eigentlich?

Was ist am Binnen-I auszusetzen? Jeder halbwegs denkenden MenschIn wird wohl einleuchten, dass sie/er beispielsweise im Wort LeserInnen mitgedacht ist, was für gemischtgeschlechtliche "Leser" nie gelten kann, jedoch für Frauen und Männer als "Leserinnen" schon eher. Am korrektesten ist natürlich "LeserInnen", weil hier beide Geschlechter sichtbar gemacht und eine deutliche Unterscheidung zur Mehrzahl von Leserin erzeugt werden. Leider empören sich auch noch siebzehn Jahre nach der Veröffentlichung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, den "Linguistischen Empfehlungen zur sprachlichen Gleichbehandlung von Mann und Frau im öffentlichen Bereich" viele MenschInnen über das Binnen-I.

Die vorgebrachten gegnerischen Argumente erweisen sich als äußerst hohl. Da gibt es zum einen jene, die sich mit Vorliebe hinter der Bewahrung eines "kulturellen Erbes" verstecken. Sprache dürfe nicht "verunstaltet" werden. Außerdem werde sie durch die Einbeziehung des weiblichen Geschlechts "unlesbar" und "verkompliziert". Dem kann entgegen gehalten werden, dass erstens durch die Geschichte hindurch Sprache immer Veränderungen und Anpassungen an die jeweilige Kultur unterworfen war. Beispielsweise waren bis ins 19. Jahrhundert hinein weibliche Sprachformen ganz normal und in aller Munde. Zweitens drückt Sprache kulturelles Niveau und Kultur der Sprechenden aus und ist somit ein Gradmesser ihrer Aufgeschlossenheit für Gleichberechtiung. Und drittens könnte die "Kompliziertheit von Frauensprache" ganz einfach gelöst werden, beispielsweise durch die alleinige Verwendung von weiblichen Formen. So wie im obigen Beispiel ersichtlich können sich Männer im Wort "Leserinnen" ganz einfach mitgedacht fühlen. Das wäre dann sogleich ein gerechter Ausgleich für mindestens hundert Jahre patriarchaler Sprachgebarung.

Für Hintergrundinfos die geeignete Seite: frauensprache.com

20.05.2003

Von Dagmar Buchta
Kommentar posten
24 Postings
Daniil Charms
 
01
28.10.2010, 00:14

2. weite teile der emanzipationsbewegung haben keinen grund, sich über die unsichtbarmachung des anderen geschlechts aufzuregen. frauenmarsch, frauenzirkel, frauenlokale, etc etc. suggerieren, dass der mann per se der feind sei und der feministisch eingestellte mann, wenn nicht durch statut ausgeschlossen, sich bitteschön als mitgemeint betrachten soll. es ist nicht gerade guter stil, eigene fehler den anderen vorzuwerfen. zum glück betrifft das nicht die gesamte emanzipationsbewegung, aber d.b. hat jedenfalls allen grund, sich selber an der nase zu fassen.
3. nur mal am rande erwähnt: gegensatz zwischen genus und sexus.
4. der revanchistische schluss des artikels ist der feuchte traum jedes antifeministen.

Daniil Charms
 
01
28.10.2010, 00:09

die buchta, dir buchta... hat es nötig, die argumentative gegenseite schon mal von vornherein als ungeschickte patschachter (..stößt ihr weinglas um...), die von blindem hass getrieben werden (...zornesröte...), darzustellen, bevor sie das erste argument bringt. das nenn ich mal niveau.
so, jetzt zum thema:
1. eine sprache, die nicht sprechbar ist, verfehlt ihren hauptzweck. es widerstrebt meinem ästhetischen empfinden, von Leser_innen sprechen zu müssen, und da Buchta auch nichts weiter bringt als ihr subjektives Empfinden, erachte ich das als zumindest gleich starkes Argument. Sie will so, ich will aber leider anders, da hat sie pech gehabt.

globe_1
30
16.8.2008, 11:07
danke für diesen einfachen und logischen artikel

ich fühle mich als frau einfach nicht angesprochen, wenn von "mitarbeitern", "lesern", "kollegen" die rede ist.
nicht nur, dass ich mich nicht so fühle, ich bin es auch nicht. wenn, dann sollen sich männer mit der weiblichen form angesprochen fühlen, die in der weiblichen form meist enthalten sind, aber sicher nicht umgekehrt.
als frau wird man doch wohl noch verlangen dürfen, auch so angesprochen zu werden. das ist eine ganz einfache forderung, wenn schon die sprachliche gleichstellung zu so widerständen stößt, wird wohl die gleichstellung in arbeit und alltag noch lange dauern....

Freigeistin1
01
26.11.2009, 15:59

Ich lasse mich lieber mit der männlichen Form ansprechen, obwohl ich eine Frau bin ;-)
So unterschiedlich sind die Menschen. Soll das doch jeder handhaben wie er möchte.

Frederik05
01
16.8.2008, 20:01
Kratzer an der Oberfläche

Dieser Artikel ist mMn weder einfach noch logisch. Die selbst aufgestellten Regeln hält er zumindest nicht ein. Was er viel eher beweist ist, dass es gar nicht so einfach ist "gegendert" zu sprechen. Würden wir von dem Dogma ausgehen, dass Sprachstruktur gerecht sein muss, dann müssten wir im gleichen Augenblick aufhören zu sprechen. Sprachstruktur ist perse diskriminierend, denn sie schließt aus, wo sie einschließt. Ein klassisches Beispiel ist, dass die meisten Sprachen zwar eine Determinante für Menschen mit Vagina und Penis besitzen, aber keines für Menschen ohne Geschlecht oder mit beiden Geschlechtern. Das Handeln entscheidet über Diskriminierung, Sprache ist lediglich, ein Rahmen, den man akzeptieren kann, aber nicht muss.

Gerhard Gilnreiner
 
10
19.8.2006, 22:03
Wer solche sorgen hat....

.....hat meiner Ansicht nach viel Zeit, wenig Verantwortung, einige Komplexe, keine erfüllte Partnerschaft, keine faszinierendes Hobby und ist zu bequem aus sich etwas Echtes zu machen.

So weit mein - zugegeben - Vorurteil.

Sprachwissenschaftler nehme ich natürlich aus.

Mynnia
00
21.3.2009, 19:56

Wer so eine Ansicht hat, sollte ein wenig mehr Zeit vom anderen Kram zwecks Nachdenken abzweigen. Nur ein paar Minuten ;)

Frederik05
03
2.11.2005, 21:57
Weiter

Und ich bitte diesen Satz zu untersuchen:

"Jeder halbwegs denkenden MenschIn wird wohl einleuchten, dass sie/er beispielsweise im Wort LeserInnen mitgedacht ist, was für gemischtgeschlechtliche "Leser" nie gelten kann, jedoch für Frauen und Männer als "Leserinnen" schon eher."

Gendern soll nicht komplex sein? Suchet und findet den Fehler...

Frederik05
02
2.11.2005, 21:55
Kritik

Ich halte gendern für wichtig und richtig, weil für mich Sprache einen zentralen Stellenwert bei der Gleichberechtigung einnimmt. Das Binnen I finde ich als Linguist absolut unschön. Sprache hat sich IMMER verändert, aber die Veränderung geht für gewöhnlich fließend in die Kultur ein. Was von hyperkorrekten GenderInnen missachtet wird, ist, dass Sprache nicht nur Pragmatik, sondern genauso auch Ästhetik ist. Ästhetik von 0 auf 100 mit Struktur zu versehen, ja, das schadet einer Sprache.
Das Binnen - I ist auf der graphischen Ebene logisch und verständlich, auf der phonetischen Ebene entfällt das Binnen - I und die Interferrenz ist vorauszusehen. Hier muss es neue Wege geben.

student58
02
16.8.2005, 13:32
lächerlich

MenschInnen ist doch wirklich nur lächerlich und erbärmlich. Es gibt keine Menschin, und auch keine Menschinnen.
Durch solche Verwendungen (wie zum beispiel auch durch man/frau) zieht man die genderneutrale Sprache ins Lächerliche.

Ne Vim
01
16.8.2005, 10:53
Das Binnen-I

gefällt mir persönlich auch nicht. Ein Argument gegen Gender-neutrale Formulierung ist es aber noch lange nicht, weil man immer ohne es auskommen kann. Statt "LeserInnen" kann man zum Beispiel sagen: "Leser und Leserinnen" oder "Diejenigen, die lesen" oder "Lesende Menschen" oder sogar (hängt natürlich davon ab, wie der Satz als ganzer geht) "Wer liest". Bei anderen Wörtern gibt es oft noch elegantere Auswege. Das Vorurteil, dass geschlechterneutrale Sprache "sperrig" oder "umständlich" ist, ist übrigens falsch.

lumi
10
15.8.2005, 15:54
zu berufsbezeichnungen

interessant find ich jetzt aber: warum mussten dann berufsbezeichnungen neu erfunden werden, um männer in typischen frauenberufen zu benennen: z.b. heißt es 'der krankenpfleger' anstatt 'dieser herr ist krankenschwester'; oder der beruf des mannes ist putzfrau ...es scheint unmöglich zu sein männer mit frauen(berufs)bezeichnungen zu betiteln (kommt den herren wohl zu niedrig vor)...aber landeshauptmann waltraud geht ohne probleme ...tja, weiberleit schließlich dürfen wir ja nicht vergessen, dass uns die ernennung zum 'mann' aus unserer ansonsten von natur aus niedrigen position hervorhebt...wo wir ja hingehören..oder

bibliothekar
03
11.8.2005, 10:40
Argument

Naja, wenn jemand "vor aufregung zittert", sich "empört", ein weinglas umstößt und dann auch noch einen "business-hosenanzug" trägt, kann sie ja niemals im recht sein, oder?

koko
04
11.8.2005, 16:04

Ich muss zustimmen. Der Stil dieses Artikel ist extrem intolerant und diskriminierend!!!
Außerdem sollte man bei aller feministischen Ideologie nicht vergessen, dass die Zuordnung von Geschlechtern zu Subjekten in der dt. Sprache nichts mit biologischen oder soziologischen Geschlechtern zu tun hat. (Was ist weiblich zB an einer dt. Socke?? und warum ist sie/er bei uns DER Socken???)
Also, am Besten MAN kümmert sich um Themen, die wirklich zu einer modernen und gleichberechtigten Gesellschaft führen und sch.... auf BinnenIs wo keine konkreten menschlichen Wesen gemeint sind (zB SponsorpartnerInnen wenn Firmen gemeint sind - wie absurd!!) ist ja auch DIE Firma. Nach fem. Theorie kann das ja nur Zufall sein, oder?

Duns Scotus
00
11.8.2005, 10:24
Irgendwie passen die Googleanzeigen unter dem

Artikel nicht ganz zum Artikel

Vazlav Gattuduwifit
 
04
"der leser"

frauen nicht inkludiert?

der leser= jemand der liest
der männliche, der weibliche leser

"die geisel"
meint keine männer?
die männliche, die weibliche geisel

naja, wenn man die bedeutung nicht erfasst, kann man eben allerlei falsches hineininterpretieren.

Ne Vim
11
16.8.2005, 10:47
Falsch

Die weibliche Form von "Leser" ist nun mal "Leserin". Für "Geisel" gibt es tatsächlich nur eine Form, genauso wie zum Beispiel für "Mensch".

David Seppi
 
03
27.10.2008, 19:41

... und der Plural einer nicht rein weiblichen Gruppe ist Leser.
Eine bestimmte weibliche Person, die liest, sollte natürlich als Leserin bezeichnet werden, aber mehrere Männer und Frauen, die lesen, sind Leser.

8000
03
Entweder gegen Diskriminierung oder nicht

Aber beispielsweise für "die alleinige Verwendung von weiblichen Formen" zu plädieren, zeigt eigentlich, dass die BefürworterInnen (hier scheint mir das Binnen-I für einmal angebracht) durchaus nichts gegen die sprachliche (und wohl auch sonstige) Diskriminierung von Männern haben.

werinais
00
ich bin für Vereinfachungen, sonst verkommt die deutsche Sparache

... ich bin für eine ganz unorthodoxe Form der Schreibweise: Wir verkürzen die Wörter: Dann heißt das Arbeitnehm (für alle), Mensch, Schül, Minist, Kolleg, Mitarbeit, Lehr, Politik - statt verkrampfte Langschreibweise zu fordern. Noch besser und eindeutiger: ein L dazustellen: Lehrl, Arbeitnehml, Schüll, Ministl usw. Endlich was KREATIVES! Unsere Frauen haben einen Emanzipationswahn, doch nur wo es leicht geht, am Bau seh ich ganz wenige oder gar keine.

4simo
01
das binnen i

ist mir keine lösung, es ist einfach ein gräuel...., ich hab kein problem mich als frau unter die Öer, die studenten zu mischen, und mich auch dort angesprochen zu fühlen, wenns aber um was geht, dann finde ich die weibliche form wichtig, dann sollte aber zeit und raum für eine wirkliche bennenung sein, also liebe leser, liebe leserinnen....

Markus H.
 
03
Schoen scheinheilig

So sensibel ueber das Geschlecht der Sprache und dann wird einer Frau ihr Geschlecht direkt aberkannt.

"Eine Kuratorin, pardon ein Kurator, denn selbige ist ja gänzlich gegen weibliche Sprachformen eingestellt..."

Als eine Frau wird damit nicht einmal als Frau anerkannt, wenn sie eine andere Meinung vertritt, ober ansonsten auf eine (angeblich) geschlechtsneutrale Sprache pochen. Aber mit dem letzten Satz gibt sie zumindest offen zu dass ihr eine geschlechtsneurtale Sprache voellig egal ist, indem sie fur 100 jahre "ausgleichende" Ungerechtigkeit eintritt.

eba
10

sie haben offensichtlich nicht genau gelesen. die als kurator bezeichnete kuratorin lehnt die movierung (heißt das anhängen von -in) an männliche bezeichnungen ab, da sie diese für geschlechtsneutral, und daher auch als für sich selbst passend, ansieht.

marco helnwein
00
hallo

und warum sollte man sich auf einen gerechten ausgleich für mindestens hundert jahre patriarchaler sprachgebarung einlassen?es ist ja nicht so daß du eine schußwaffe auf mich richten würdest, und tatsächlich geschieht es nur alle fünf jahre daß man einer frau begegnet die sich über patriarchale sprachgebarung aufregt, warum also, sollte sich mann überhaupt erst die mühe machen?und bitte keine hohlen argumente...

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.