Viele Eltern wüssten nicht, dass ihre Töchter in Wien in die Prostitution gezwungen werden, sagt Fevzije Bahar, die Sprecherin der Internationalen Romani Union in Österreich
"Die Erfahrung war so arg für mich, dass ich zu Hause erst einmal fünf Stunden gebraucht habe, bis ich realisiert habe, dass ich wirklich diese zwei Mädchen getroffen habe." So beschreibt Fevzije Bahar, eine Romni aus dem Kosovo, die seit Jahren in der Beratung gegen die Zwangsehe von Mädchen arbeitet, ihren ersten Besuch in der "Drehscheibe". Täglich bringt die Polizei Mädchen, die beim Taschendiebstahl erwischt wurden, in das Krisenzentrum der MA 11 für minderjährige Fremde. Im Januar und Februar waren es schon über 200, im ganzen letzten Jahr um die 800. "Die Mädchen waren total verschreckt, obwohl ich eine Romni bin und Romanes mit ihnen geredet habe. Man hat ihren Augen angesehen, dass sie schon so oft angelogen wurde, dass Null Vertrauen da ist."
Fevzije merkt schnell, dass sie die Zwölfjährigen mit ihren Fragen überfordert und erzählt von sich. "Sie wussten nicht einmal, dass so etwas wie der Kosovo existiert", schmunzelt sie. "In unserer Kultur ist es üblich als Gast Kaffee zu bekommen und ich sagte den beiden, ich komme am Abend wieder zurück und fragte, ob ich dann wohl einen Kaffee kriege..." Bei ihrem erneuten Besuch merkt sie, dass es den Mädchen gut tut, sich mit einer Romni zu unterhalten, aber nicht so weit, dass sie offen mit ihr sprechen. Obwohl eine dann doch den Mund aufmacht: "Ich habe sie sehr emotionell ausgefragt. Das eine Mädchen war nicht mehr belastbar, es musste einfach aus ihr heraus, was sie erlebt hat. Sie sagte, dass Betteln für sie okay geht, aber gezwungen zu werden, mit fremden Männern Sex zu haben, da sei eine Grenze für sie überschritten. Sie wollte nur nach Hause."
Sprachlosigkeit
"Das pädagogische Arbeitsfeld ist in diesem Zusammenhang sehr eingeschränkt", konstatiert Karin Hirschl, eine Sozialpädagogin, die seit 25 Jahren in unterschiedlichen Bereichen Krisenarbeit mit Kindern und Jugendlichen macht und seit fünf Jahren in der Drehscheibe arbeitet. "Von der menschlichen Ebene her sind wir sehr gefragt, aber wir stehen einander mehr oder weniger sprachlos gegenüber. Die Kleinen sind noch sehr arglos und kindlich – von der lustigen Abteilung. Die sind abgerichtet wie die Hundln und haben kein Unrechtsbewusstsein. Verschreckt sind eher die Größeren, die nach einer gewissen Bewusstseinsbildung raus aus dem Ganzen wollen." "Ab vier wird das Mädchen als Taschendiebin ausgebildet. Wenn sie zehn ist, verlange ich 10.000 Euro von meinem Nachbarklan, die sie in zwei bis drei Monaten wieder hereinbringen muss. Mit 14 hat sie dann in Österreich eine Latte an Diebstählen begangen und kommt sofort in Haft. Das erste Mal kriegt sie eine bedingte Strafe, muss innerhalb von 48 Stunden wieder stehlen gehen, wird wieder verhaftet und sitzt die ganze Strafe ab. Wir können sie nicht vor dem Diebstahl schützen", erklärt Norbert Ceipek, der dynamische Leiter. "Wenn das Mädchen nicht gut genug stiehlt, wird sie am Wochenende als Prostituierte gehandelt. Sie wird für 24 Stunden an erwachsene Türken verkauft, um 750 Euro, der darf sie weiter vermieten. Nach 24 Stunden bringt er sie wieder." "Prostituierte werden immer jünger", meint auch Karin Hirschl. „Wir sind am Dokumentieren. Das steckt noch alles in den Kinderschuhen. Hauptsache ist, dass die Kinder merken, es passiert ihnen in unserem Krisenzentrum nichts."
Von Kerstin Kellermann
Diesen Artikel finden Sie auch in der aktuellen April-Ausgabe der "An.schläge" - das feministische Magazin.
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